Kultur

Psychoanalytiker über Intellektuelle in der Krise

Die Depression der Liberalen

Der Psychoanalytiker Carlo Strenger zeigt, wie liberale Eliten funktionieren - und weshalb sie Trump und Co. so wenig zu entgegnen haben. Ein alarmierender Befund.

Getty Images

Kosmopoliten auf der Couch: Rückschrittlichen Tendenzen hilflos ausgesetzt

Von
Montag, 20.05.2019   21:29 Uhr

Zum Beispiel Jeff. 52 Jahre alt, berühmter Politikwissenschaftler, hochbezahlter Dozent an Eliteunis, gefeiert auf Kongressen in aller Welt. Sitzt beim Psychoanalytiker, schnäuzt ins Papier und liefert den Befund für sein Leiden gleich selbst, er ist ja belesen genug dafür. Er diagnostiziert bei sich selbst einen schweren Fall von Hochstaplersyndrom, bei dem Betroffene unter dem Gefühl leiden, ihr Erfolg sei ermogelt.

Jeff gibt es so nicht wirklich. Er ist eine Figur, die der israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger für sein Buch "Diese verdammten liberalen Eliten" aus verschiedenen Menschen komponiert hat, die bei ihm auf der Couch lagen. Oder mit ihm über Skype kommunizierten.

Strenger, 59, lebt in Tel Aviv und führt seine Therapien oft übers Internet-Telefon durch. Seine Patienten gehören zur liberalen Elite, sie sind kosmopolitisch geprägt und leben dort, wo sie ihr Wissen und ihre Forschung am effizientesten anwenden können.

Ofer Chen/ Suhrkamp

Carlo Strenger: Ohnmachtsgefühle der globalen Elite

Diese Intellektuellen verkörpern jene relativ junge, globale Schicht, die 2002 erstmals der US-Ökonom Richard Florida in seinem Buch "The Rise of the Creative Class" umfassend erforschte und die er den "superkreativen Kern" der Wissensökonomie nannte. Es sind Bio-Technologen, Neurowissenschaftler oder Softwareentwickler, aber auch Ökonomen, Linguisten oder eben Politologen wie Jeff. Angehörige der akademischen Elite, die die massiven gesellschaftlichen Umbrüche der letzten zwei Jahrzehnte zugleich vorantrieben, moderierten und kommentierten.

Vom Weltlauf entkoppelt?

Nun liegen sie plötzlich bei Strenger auf der Couch. Um bei Jeff zu bleiben: Der hat sich zwar einen einträglichen akademischen Ruf durch sozialpsychologische Theorien erworben - und doch treiben ihn fundamentale Zweifel um. Strenger lässt Jeff sagen: "Irgendwie gelingt es uns, die Steuerzahler davon zu überzeugen, dass wir auf ihre Kosten rund um die Welt fliegen müssen, um Konferenzen zu besuchen, die im Grunde nichts anderes sind als ritualisiertes Einander-auf-die-Schulter-klopfen."

Dass sich gerade jetzt so viele liberale Kosmopoliten von Strenger behandeln lassen, passt zur Weltlage. So wie sie über die ersten Jahre des Jahrtausends mit ihrer Forschung, ihrem Wissen und ihren Theorien gestalteten, so scheinen sie jetzt den rückschrittlichen Tendenzen überall auf dem Globus hilflos gegenüberzustehen.

Rechtspopulismus und Kapitalismus

Der Intellektuelle in Zeiten von Nationalismus und Populismus, fast scheint er den Anschluss an den Lauf der Welt verloren zu haben. Wie es Paul Mason in seinem Buch "Klare, lichte Zukunft" - in dem er freilich radikal-humanistische Lösungsvorschläge vorlegt - auf den Punkt bringt: "Trump hat eine Krise des progressiven Denkens ausgelöst."

Die Folge sind Selbstzweifel oder Depressionen, wie sie Strenger nun in einer Reihe komponierter Fallbeispiele zusammenfasst. Aus den individuellen Leiden seiner Patienten arbeitet er generelle Symptome einer globalen Elite heraus, die von Ohnmachtsgefühlen überwältigt scheint.

Der Run der Kosmopoliten auf die Couch des Psychoanalytikers ist natürlich ein wahnsinnig plakatives Szenario - und doch dringt Strenger zu den strukturellen Bedingungen vor, die zu einer Entkopplung geführt haben. Den Kosmopoliten, von denen Strenger schreibt, geht es nicht um die Zusammenhänge, in die sie hineingeboren wurden, sondern um die Zusammenhänge, die sie sich selber schaffen.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Carlo Strenger
Diese verdammten liberalen Eliten: Wer sie sind und warum wir sie brauchen (edition suhrkamp)

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
171
Preis:
EUR 16,00

Ihr Lebensentwurf ist rigoros weltbürgerlich und meritokratisch. Strenger: "Sie wollen Stämmen angehören, die Einsatz und Erfolg fordern und diese belohnen, und lehnen Gemeinschaften ab, die durch ein bestimmtes Territorium, eine Ethnie oder Konfession definiert werden."

Rasenmäher gegen Rollkoffer

Damit stehen sie immer mehr Menschen überall auf der Welt gegenüber, die sich eben genau darüber definieren, über Nation, Herkunft, Glaube. Der britische Publizist David Goodhart hat diesen Gegensatz mit den Begriffen "Anywheres" und "Somewheres" herausgearbeitet: zwischen denjenigen, die überall auf der Welt leben können und denjenigen, die nur an einem bestimmten Ort zu Hause sein können.

Goodhardt nahm seine Aufteilung 2017 vor, um die Verhärtungen in der Brexit-Debatte auf den Punkt zu bringen. Sein Modell lässt sich auf alle westlichen Gesellschaften übertragen. Auch auf die wackelige deutsche Mittelklasse, wie sie etwa die ARD-Dokumentation "Heimatland" vor Kurzem anhand einer Neubausiedlung in Köln zeigte.

Auch hier treffen flexible, beruflich hoch ambitionierte "Anywheres" auf mobilitätsunwillige "Somewheres". Zwei sich fremde Welten, die auf einigen wenigen Eigenheimparzellen die große gesellschaftliche Schlacht der Gegenwart kämpfen: die offene Gesellschaft gegen die geschlossene. Rasenmäher gegen Rollkoffer.

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Aber für eben diese große Schlacht sieht Strenger seine Protagonisten nicht gerüstet. Ihre Stärke ist zugleich ihre Schwäche: Extrem beweglich in der Lebensgestaltung, seien sie in der Vermittlung ihrer Ideen an Menschen außerhalb ihrer Bezugssysteme extrem unbeweglich. So entsteht mit "Diese verdammten liberalen Eliten" das intime und doch universale Psychogramm einer Schicht, die nicht mehr weiß, wohin mit dem unablässig von ihr generierten Fortschritt.

Der optimistische Untertitel "Wer sie sind und warum wir sie brauchen" erfüllt sich indes nicht. Strenger hat keine Strategien zu bieten, wie sich die kosmopolitischen Eliten und die alte Mittelklasse jenseits der Metropolen in ein positives Verhältnis zueinander setzen könnten. Wie ihre Entkopplung voneinander rückgängig gemacht werden könnte. Er plädiert für Bildung (na klar) und für die Bespielung populärer sozialer Netzwerke wie Twitter (nun ja).

Für die Rückeroberung der Mitte wird das nicht reichen. Rollkoffer und Rasenmäher bewegen sich in rasendem Tempo voneinander weg.

insgesamt 85 Beiträge
hansa_vor 20.05.2019
1. Das Problem
der Linken ist, dass ihnen die früher vorzeigbare Intelligenz abhanden gekommen ist. Es ist nur noch unbelehrbarer, unsozialer Bodensatz übrig welchen kaum einer mehr ernst nimmt. Wo sind die Vordenker, die Mutigen [...]
der Linken ist, dass ihnen die früher vorzeigbare Intelligenz abhanden gekommen ist. Es ist nur noch unbelehrbarer, unsozialer Bodensatz übrig welchen kaum einer mehr ernst nimmt. Wo sind die Vordenker, die Mutigen geblieben? Heute besteht Links nur noch aus zerstören, enteignen, kollektivieren aber Ideen wie es danach weiter gehen soll sind mangels kognitiven Fähigkeiten nicht mehr am "Radar". So ähnlich wären die Saurier auch ausgestorben wenn nicht ein Asteroid die Geschichte "verfälscht" hätte. Und ja, ich kann mit dem Verschwinden der Linken, welche eben nicht LIBERAL sind gut leben.
pecos 20.05.2019
2. Ich verstehe die Basis, auf der dieser ...
... Artikel aufbaut, überhaupt nicht, weil gar keine Befunde geliefert werden. Ja, das Argument hört sich erst einmal plausibel an - allein: eine solide Grundlage, um das zu beurteilen, finden wir nicht in diesem Artikel. [...]
... Artikel aufbaut, überhaupt nicht, weil gar keine Befunde geliefert werden. Ja, das Argument hört sich erst einmal plausibel an - allein: eine solide Grundlage, um das zu beurteilen, finden wir nicht in diesem Artikel. "Jeff" ist jemand, den Strenger zusammengepuzzled hat. Warum? Hat er doch niemanden unter seinen Patienten, bei dem die Sachlage so ist, wie der erfundene Jeff sie hat? Wenn das so ist: werden hier Indizien zusammenkomponiert, um eine Sachlage herzustellen, die es gar nicht gibt? Ein weiterer Punkt lässt dies vermuten: der Autor des Artikels weist auf den von Strenger behaupteten "Run" der Kosmopoliten zur Couch der Therapeuten. Welche Basis hat dieses Argument? Warum werden keine Zahlen gegeben? Ist das ein Befund, der vielleicht in einer Stadt (Tel Aviv) eine Grundlage hat, aber hat er die auch in Barcelona? In Düsseldorf? In Rio? In Houston? Also Fragen über Fragen, die der Artikel nicht beantwortet und - ich vermute - das Buch eben auch nicht. Seltsam seltsam...
großwolke 20.05.2019
3. Wollen? Können!
Ich will mal gar nicht darauf eingehen, dass in dem Artikel vieles durcheinanderging, viele Begrifflichkeiten unscharf verwendet und durcheinandergeworfen wurden. Aber ein Punkt ist da, den sollten die "verdammten liberalen [...]
Ich will mal gar nicht darauf eingehen, dass in dem Artikel vieles durcheinanderging, viele Begrifflichkeiten unscharf verwendet und durcheinandergeworfen wurden. Aber ein Punkt ist da, den sollten die "verdammten liberalen Eliten" vielleicht ein bisschen wohlwollender beurteilen: Es ist nicht unbedingt so, dass die "Somewheres" nicht weg wollen, sie können es schlicht nicht. Ich bin als Studienabbrecher mit Ausbildungsberuf ein ziemlich gutes Beispiel dafür: ich habe einige meine Altersgenossen während des Studiums im Ausland besucht, ich spreche und schreibe ein ziemlich gutes Englisch, ich habe hier in Deutschland bereits in international besetzten Teams gearbeitet. Nur eben als Facharbeiter. Meine Art von Qualifikation gibt es außerhalb des deutschen Sprachraums nicht, dort ist der Arbeitsmarkt anders strukturiert. Und so geht es vielen Leuten, die kein Handwerk erlernt haben, wobei Handwerker Deutschland in der Regel nicht verlassen MÜSSEN, die haben ja hierzulande ein relativ gutes Auskommen und ein erstklassiges soziales Netz. Viele Handwerker aus Osteuropa hingegen haben den Schritt gemacht. Dazu kommt noch, dass bei weitem nicht jeder Mensch dazu gemacht ist, seine Heimat aufzugeben und anderswo glücklich zu werden. Ich habe mit einigen meiner ausländischen Kollegen diesbezüglich aufschlussreiche Gespräche geführt. Auf Dauer keinen zu haben, mit dem man in seiner Muttersprache reden kann, kann massiv aufs Gemüt schlagen. Und es ist ja auch nicht so, dass diese neuen welt- oder zumindest europareisenden Geistarbeiter eine große Mehrheit ausmachen. Sie täten also gut daran, anzuerkennen, dass die Mehrheit der Menschen nicht ohne Not zu Weltenbummlern wird.
Waldwärts 20.05.2019
4. Der Anywhere ist auch immer Somewhere
Genau betrachtet ist der Typus des anywhere am kürzeren Hebel, existiert fast parasitisch. Denn wo immer der Anywhere sein wird, ist Somewhere. Und dieses Somewhere will geschaffen und gepflegt sein. Der Rasen gemäht, die [...]
Genau betrachtet ist der Typus des anywhere am kürzeren Hebel, existiert fast parasitisch. Denn wo immer der Anywhere sein wird, ist Somewhere. Und dieses Somewhere will geschaffen und gepflegt sein. Der Rasen gemäht, die Straße gefegt, das Zusammenleben organisiert. Und all dies sind Arbeiten die Menschen verrichten die generell nicht die Möglichkeiten haben sich in einem fort neue Existenzen an neuen Orten aufzubauen und demnach zwangsläufig Somewheres sein müssen, oder eben jenen die das entsprechende Somewhere genau genug kennen müssen um adequate organisationsarbeit leisten zu können. Orte werden schlicht von Menschen geschaffen die an und in ihnen leben.
wahnbert 20.05.2019
5. Leben in einer Scheinwelt
Das ist doch nachvollziehbar. Menschen die meinen, überall ohne Probleme leben zu können, ohne Bindungen, leben doch oftmals in einer Scheinwelt. Viele Freunde, überall auf der Welt, das Markenzeichen dieser Menschen. Weltoffen [...]
Das ist doch nachvollziehbar. Menschen die meinen, überall ohne Probleme leben zu können, ohne Bindungen, leben doch oftmals in einer Scheinwelt. Viele Freunde, überall auf der Welt, das Markenzeichen dieser Menschen. Weltoffen und Multikulturell, nur dann führt man ein erfülltes Leben. Nur, die Wirklichkeit ist gnadenlos anders. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte so ein Leben dauerhaft nicht. Egal, in welchem Erdteil lebend, am liebsten wären die Menschen in einem lebenswerten Zuhause die Rasenmähermenschen. Die sogenannten Aufgeklärten können darum die Tendenz zu konservativem Wahlverhalten überhaupt nicht nachvollziehen. Sie leben in einer Scheinwelt und verzweifeln, wenn sie das bemerken. Dann hilft auch hohe Bildung nicht weiter.
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