Kultur

TV-Serie und Realität

Was wir aus "Chernobyl" über die Gegenwart lernen können

Der jüngste Atomunfall in Russland löste einen Flashback ins Jahr 1986 aus. Von der damaligen Reaktorexplosion handelt die meisterliche HBO-Produktion "Chernobyl" - und zugleich von den Erschütterungen unserer Epoche.

HBO/ Sky
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Freitag, 16.08.2019   19:35 Uhr

Als in der vergangenen Woche die Nachrichten von einem Unfall im russischen Kernforschungszentrum von Njonoksa am Weißen Meer bekannt wurden, klang es wie ein Echo aus dem April 1986: Die Geheimniskrämerei, die Beschwichtigungen, die gerade erst Verdacht erwecken, die namenlosen Opfer und der Horror der möglichen Konsequenzen eines nuklearen Unfalls, der Grenzen und Generationen einfach überwindet. Auch wenn der Schaden dort nicht vergleichbar ist mit der Katastrophe von Tschernobyl - schon die Fragmente der Berichte genügen, um einen Flashback auszulösen. Es könnte wieder passieren, und dann würde es auch mit Nachrichtensperren, Halbwahrheiten und glatten Lügen beginnen.

Michail Gorbatschow hat die Reaktorexplosion von Tschernobyl den Anfang vom Ende der Sowjetunion genannt. Er meinte damit vermutlich nicht allein die wirtschaftlichen Kosten der Katastrophe, sondern auch die symbolischen und politischen: Die mächtige Sowjetunion konnte ihre Bürger nicht schützen, die bestimmende, angeblich wissenschaftlich fundierte Ideologie versagte in der Praxis. Und wenn es darauf ankam, klappte zu wenig.

Das Ende der Sowjetunion brachte auch das Ende des Kommunismus, bis in die Romane von Michel Houellebecq und Didier Eribon ist die Leere nach dem Verlust dieser irren, aber seltsam bindungsstiftenden Ideologie zu spüren. Wenn man es so sieht, dann steht der Reaktorunfall von 1986 auch am Beginn unserer postideologischen, postmodernen Gegenwart - in der alles leicht scheint, sich aber nicht so anfühlt. Tschernobyl ist der Urknall unserer Ratlosigkeit. Nach dem Zeitalter der Ideologien begann das Reich der Freiheit, in dem es nicht immer gerecht zugeht und die Angst blüht. Ein Blick auf die Taschenbuchangebote im Kaufhaus genügt: Inmitten all der preiswerten, schönen Waren stapeln sich die Ratgeber gegen Rückenschmerzen, Depressionen, Angst und Panikattacken.

Materiell ging es den Menschen noch nie so gut, dennoch ist die Freude getrübt, wenden sich viele extremen Gedanken und Parteien zu, sind unzufrieden, nervös und bedrückt, als habe all das Zeug, all das Wachstum letztlich enttäuscht.

Eine Serie über unsere Epoche

Um sich auf die Gegenwart einen Reim zu machen, wendet man sich der Kunst zu. Seit einigen Tagen ist die fünfteilige Serie "Chernobyl" von Craig Mazin bei Amazon und Apple kostenpflichtig abrufbar, vorher konnte sie hierzulande nur der Kreis der Sky-Abonnenten sehen. Ihr Ruf, eine der besten Serien der Welt zu sein, ist berechtigt. Jede Epoche hat ihre prägende Serie und dies ist unsere. In fünf Teilen wird das Schicksal der Akteure jener Zeit erzählt, aber im Kern geht es dabei nicht um eine Rekonstruktion des damaligen Geschehens. Es verwundert nicht, dass sich russische Stimmen erhoben haben, die manches fehlerhaft oder tendenziös fanden - vermutlich haben sie damit recht. Doch "Chernobyl" ist eine Serie über unsere Gegenwart, über die Angst der Einzelnen, überforderte Institutionen und Entwicklungen, deren Folgen wir nicht mehr begreifen können.

In einer Szene sehen wir eine Sitzung des Politbüros im Moskauer Kreml, kurz nach der Reaktorexplosion. Der zuständige Minister ergreift das Wort und erklärt, erfreulicherweise sei die Lage stabil. Da steht man kurz vor einer noch größeren Nuklearkatastrophe und der Reaktorkern liegt frei und strahlt, es ist also nichts stabil, aber er meint: Es gibt keine Unruhen, die Telefone dort sind abgeschaltet, niemand erfährt etwas.

Alles für das Binnenklima

Wer beruflich öfter mal an Sitzungen teilgenommen hat, wird das wiedererkennen: Die gute Nachricht zuerst, um den Chef zu erfreuen. Der Narzissmus der Gruppe, die bestätigt bekommen möchte, keine Fehler gemacht zu haben. Und die Vernachlässigung der Außenwelt zugunsten des Binnenklimas im Saal. Die Vorgänge im Kernkraftwerk sind komplex, gefährlich, schlicht deprimierend, aber alles fortzuführen wie bisher - das wärmt das politische Herz.

In der Serie wird sehr gut gezeigt, wie die politische und bürokratische Hierarchie zunächst mit der Meldung einer alles verändernden, alles gefährdenden Information umgeht: Man brüllt und droht. Das ist die allererste Reaktion, in der Nacht im Kontrollraum des Werks und später auch im politischen Bereich. Als könnte die Autorität des Chefs auch die Strahlung, die Krankheiten, den Tod selbst einschüchtern, wenn die Mitarbeiter nur Druck genug bekämen.

Statt gemeinsam den Fluss der Informationen zu betrachten und auszuwerten, greifen sie zu den Mitteln, die schon immer geholfen haben: Als der nach Tschernobyl entsandte Minister unbedingt mit dem Hubschrauber über den offenen Reaktor fliegen möchte, versucht ihn der mitreisende Nuklearexperte dringend, davon abzubringen. Es bedeutet einen sicheren, baldigen und qualvollen Tod. Doch der Minister schätzt keinen Widerspruch und droht dem Piloten, er werde ihn erschießen lassen, wenn er ihn nicht darüber fliegt. Das kommentiert der Experte wiederum: Wenn Sie über den offenen Reaktor fliegen, bitten Sie morgen früh darum, erschossen zu werden.

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Serie "Chernobyl": Parallelen zur Gegenwart?

Die Figur des Wissenschaftlers Legassow spricht den zentralen Satz: "Wir haben es mit etwas zu tun, das noch nie zuvor auf diesem Planeten passiert ist." Die Zuschauerinnen und Zuschauer erkennen darin das Motto unserer Zeit. Man kann dabei an den Klimawandel denken, an irrlichternde Politiker, an die Machtverschiebung von Europa nach Asien. Aber es passt auch auf riesige Umbrüche in der Wirtschaft, in den Medien oder in Parteien. Mitarbeiter eines Autokonzerns, der bis eben noch unfassbar viel Geld mit dem Verkauf von benzingetriebenen Fahrzeugen verdiente, werden die Serie ebenso einleuchtend finden wie Banker oder Journalisten.

Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Globalisierung - all diese Phänomene sind zum Glück nicht tödlich und insofern nicht so schlimm wie die Katastrophe von Tschernobyl. Aber die symbolische Erschütterung, das Gefühl, sich auf unbekanntem Gelände zu bewegen und die Nutzlosigkeit eines gewohnten Weltbildes, das doch bis gerade eben noch perfekt schien.

Zusammenarbeit als Ausweg

Die Protagonisten von "Chernobyl" verändern sich im Laufe der fünf Episoden, entwickeln sich auf ganz verschiedene, auch überraschende Weise. Die Erfahrung der Nuklearkatastrophe wird nicht als Schicksal dargestellt, sondern als von Menschen verursachtes Unglück, aus dem Menschen auch wieder hinausfinden können. Und die Serie empfiehlt, bei aller meisterlich gezeigten Düsternis und Melancholie, auch einen Weg für den Ausweg: die Zusammenarbeit. Eine bedeutendere, apokalyptische Katastrophe, nämlich eine umfassende Wärmeexplosion drohte in den Tagen, nachdem die Bekämpfung der Unglücksfolgen schon begonnen hatte.

Es waren weitere Experten, Politiker und drei Taucher, später Hunderte von Bergleuten nötig, um sie abzuwenden. Ihre Gesundheit haben sie dafür geopfert, wenn nicht gleich ihr Leben. Sie wären nicht mit Geld oder Posten dazu zu bewegen, darum stellt die Serie unausgesprochen auch die Frage, wie eine offene Gesellschaft mit solch einer Herausforderung unbekannten Ausmaßes fertig werden würde. Man erkennt, was die Einsicht in ein gemeinsames, möglichst konkretes Ziel für Kräfte und Fähigkeiten freizusetzen vermag. Und man erfährt auch, wie Hierarchien und ihr Beharren auf übliche Verfahren in Rettungsaktionen behindern können. Wenn alles anders ist, muss man alles anders machen. Das ist die Botschaft dieses Meisterwerks.

insgesamt 28 Beiträge
froghunter 16.08.2019
1. Ein Meisterwerk???
Die Serie zeigt eindrucksvoll, wie es zur Katastrophe kommen konnte und wie systematisch das überforderte und duckmäuserische Bürokratensystem eine rechtzeitige und bessere Hilfe verhindert hat. Ob es im Westen besser gelaufen [...]
Die Serie zeigt eindrucksvoll, wie es zur Katastrophe kommen konnte und wie systematisch das überforderte und duckmäuserische Bürokratensystem eine rechtzeitige und bessere Hilfe verhindert hat. Ob es im Westen besser gelaufen wäre? Wenn nicht sein darf, was der Chef nicht vorgibt......... Die Serie gehört zum Besten, was es seit Jahren zu sehen gibt: Atmosphärisch, realistisch, traurig, bedrückend, vor allem, wenn man bedenkt, dass man das Ende schon kennt.
mima84_84 17.08.2019
2.
Was vor allem erschüttert ist, dass die Atomkraft Fans die Anzahl der Toten ernsthaft aus den Sovjet Statististiken übernehmen und bis heute behaupten, es hätte in Tschernobyl ca. 30 Tote gegeben.
Zitat von froghunterDie Serie zeigt eindrucksvoll, wie es zur Katastrophe kommen konnte und wie systematisch das überforderte und duckmäuserische Bürokratensystem eine rechtzeitige und bessere Hilfe verhindert hat. Ob es im Westen besser gelaufen wäre? Wenn nicht sein darf, was der Chef nicht vorgibt......... Die Serie gehört zum Besten, was es seit Jahren zu sehen gibt: Atmosphärisch, realistisch, traurig, bedrückend, vor allem, wenn man bedenkt, dass man das Ende schon kennt.
Was vor allem erschüttert ist, dass die Atomkraft Fans die Anzahl der Toten ernsthaft aus den Sovjet Statististiken übernehmen und bis heute behaupten, es hätte in Tschernobyl ca. 30 Tote gegeben.
clkr 17.08.2019
3. @froghunter #1: Schauen Sie einfach nach Fukushima.
Japan gehört zur westlichen "Wertegemeinschaft". Gut, die haben nicht am Reaktor in instabilen Betriebszuständen beim Herunterfahren herumgespielt, sondern einfach nur die Folgen einer armseligen Gefahrenanalyse [...]
Zitat von froghunterDie Serie zeigt eindrucksvoll, wie es zur Katastrophe kommen konnte und wie systematisch das überforderte und duckmäuserische Bürokratensystem eine rechtzeitige und bessere Hilfe verhindert hat. Ob es im Westen besser gelaufen wäre? Wenn nicht sein darf, was der Chef nicht vorgibt......... Die Serie gehört zum Besten, was es seit Jahren zu sehen gibt: Atmosphärisch, realistisch, traurig, bedrückend, vor allem, wenn man bedenkt, dass man das Ende schon kennt.
Japan gehört zur westlichen "Wertegemeinschaft". Gut, die haben nicht am Reaktor in instabilen Betriebszuständen beim Herunterfahren herumgespielt, sondern einfach nur die Folgen einer armseligen Gefahrenanalyse bei Errichtung zu spüren bekommen. Dafür ist die gesamte Weltwirtschaft zur Zeit dabei, ein erdumspannendes Experiment zur Maximierung des CO2-Ausstoßes zu unternehmen und sich mit frommen, aber umso lächerlicheren Lügen über "Flottendurchschnittstreibstoffverbrauchsminimierung", "Abgasbehandlung" und "Flugzeugturbineneffizienzsteigerung" im frommen Selbstbetrug zu üben. Bis die Folgen endgültig spürbar sind, wird es zwar anders als in Tschernobyl Dekaden statt Minuten dauern, aber dafür wird es global zur Wende zu spät sein. Was ist schon eine poplige kommunistische Reaktorhavarie gegen ein kapitalistisches Klimakatastrophenspektakel?
halverhahn 17.08.2019
4. Ja, echt ne sehr gute Serie!
Im hiesigen Artikel über die Fehleranalyse zum GAU in Tschernobyl kommt mir aber ein Aspekt völlig zu kurz... Die damalige Angst der Russen, sich gegenüber dem Westen blamieren zu können. Bei allen im seinerzeitigen russischen [...]
Im hiesigen Artikel über die Fehleranalyse zum GAU in Tschernobyl kommt mir aber ein Aspekt völlig zu kurz... Die damalige Angst der Russen, sich gegenüber dem Westen blamieren zu können. Bei allen im seinerzeitigen russischen Kommunismus herrschenden Hierarchie-Chaos stand immer im Hintergrund, dem Westen keine Schwäche zu zeigen. Schon gar nicht im Prestigeobjekt der Russen in Sachen atomare Technik. Somit lautete dort seinerzeit die Devise, Decke drüber, Augen zu und kein Wort darüber verlieren. Und anscheinend ist das heute dort noch so...
autocrator 17.08.2019
5. 1986 – 2026
Tschernobyl ... das war 1986, vor 33 Jahren. Lange her. Pripjat ist eine gesperrte Geisterstadt, die vor allem eines ist: vergessen. Wie die Opfer, deren Zahl je nach Studie von 31 bis 1.500.000 gehen. Tschernobyl taugt nur noch [...]
Tschernobyl ... das war 1986, vor 33 Jahren. Lange her. Pripjat ist eine gesperrte Geisterstadt, die vor allem eines ist: vergessen. Wie die Opfer, deren Zahl je nach Studie von 31 bis 1.500.000 gehen. Tschernobyl taugt nur noch zu einer gruseligen Vorabend-Unterhaltungsserie, die, weil in so tristem sozialistischen linoleum-grau gehalten (trickreich gemacht von der kamera), nur etwas für Intellektuelle ist, die diese Tristesse auch aushalten. Die Mechanismen des Versagens der Eliten gelten heute noch ; die Parallelen zur täglich im Berufsleben erlebbaren Wirklichkeit ("Ich Chef – Du niggs") sind zu offensichtlich. Es wäre interessant, eine 'futuristische' Serie zu sehen (bitte in bunt!): 2026 – das Versagen der Eliten beim Klimawandel.
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