Kultur

Zweite Staffel "Dark" auf Netflix

Kommst du mit ins Wurmloch?

Die Zukunftssorge der "Fridays for Future"-Generation kombiniert mit einem Atommüllfass voll German Angst: Die zweite Staffel der Netflix-Serie "Dark" arbeitet effizient mit Katastrophenstimmungen.

Netflix
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Donnerstag, 20.06.2019   10:41 Uhr

In Winden herrscht jetzt erhöhtes Reiseaufkommen Richtung Zukunft. Sie erinnern sich: Winden ist die fiktive westdeutsche Kleinstadt im Schatten eines malerisch verwitterten Atommeilers, in dessen Umfeld sich in der ersten Staffel der Mystery-Serie "Dark" sonderbare Dinge ereigneten. Während unter dem Kraftwerk bedrohlich der Atommüll dümpelte, wurde ein Kind von einem Wurmloch geschluckt und in den Achtzigerjahren ausgespuckt.

Gleichzeitig kam es zu Begegnungen mit Charakteren, die aus vergangenen Dekaden in die deutsche Gegenwart platzten. Auf diese Weise präsentierte man dem Publikum ein quirliges Hin und Her zwischen den Jahren 2019, 1986 und 1953. Familien wurden auseinanderrissen und unverhofft wieder zusammengeführt, und Nena sang dazu "Irgendwie, irgendwo, irgendwann".

Eine Zeitmaschine im Handkofferformat macht die Zeitreisen möglich, aber der größere Zusammenhang zu den Rissen und Dellen in Zeitkontinuum und Familienstammbaum wurde von den Serienschöpfern nicht aufgelöst. So wird das Publikum zum Anfang der zweiten Staffel in eine offene Erzählanordnung geworfen, die nun eben sogar Richtung Zukunft erweitert wird. Es geht ins Jahr 2052, in dem Winden aussieht wie die Sperrzone um Tschernobyl und von pittoresk zerrupften, paramilitärischen Truppen beherrscht wird. Kann hier das Rätsel gelöst und der Schlüssel zur Rettung der Gegenwart gefunden werden?

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Netflix-Serie: Die Zukunft ist jetzt

Nach Angaben von Netflix war die erste Staffel von "Dark", die auch die erste deutsche Serie des Streaming-Anbieters darstellte, international ein Riesenerfolg. Prüfen lässt sich das nicht, da das Unternehmen kaum Abrufzahlen preisgibt (außer es läuft richtig gut). Aber dass in Foren weltweit anlässlich der Serie über Wurmloch-Theorie und Bootstrap-Paradox diskutiert wird, legt einen gewissen Effekt aufs junge Zielpublikum nahe.

Außerdem fängt die Serie sehr gut die Grundstimmung der "Fridays for Future"-Generation ein, die mit der Generation ihrer Eltern hadert, weil durch deren Zaudern im Heute die Hoffnung auf das Morgen vernichtet wird. In "Dark" ist die Zukunft nun Gegenwart.

Dünne Effekte, starke Darsteller

Was in dem Szenario mit all seinen zerrissenen Kleinfamilien zu bizarren Konfrontationen führt: Eine Mutter schließt in der Gegenwart zärtlich ihren aus der Zukunft angereisten erwachsen Sohn in die Arme, der ihr Liebhaber sein könnte. Die Chefin des Atomkraftwerks trifft in den Achtzigerjahren auf eine greise Version ihrer selbst: Ich bin Du.

Diese Begegnungen sind zum Teil anrührend gespielt. Darsteller wie Maja Schöne, Karoline Eichhorn, Louis Hoffmann oder Andreas Pietschmann überzeugen zuweilen mehr als die streckenweise dünnen Spezialeffekte, mit denen ihre Figuren durch die Zeiten gejagt werden. Mama, kommst du mit ins Wurmloch?

Dem Vernehmen nach arbeitet Netflix in neuen Produktionsterritorien mit schmalen Etats; immer mehr deutsche Produzenten klagen darüber hinter vorgehaltener Hand. Dahinter steckt die Strategie, dass der US-Streamingdienst zügig ein breites, vielgestaltiges, internationales Portfolio aufbauen muss, um der sich neu formierenden Konkurrenz von Branchenriesen wie Disney oder Apple Paroli zu bieten. Deshalb wirken einige neue Netflix-Produktionen so zusammengezimmert; technisch und ästhetisch fühlt sich ein Teil der aktuellen Serien des Unternehmens wirklich nicht mehr wie die Zukunft des Fernsehens an.

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Aber das will Netflix möglicherweise auch gar nicht mehr sein. Es muss vielmehr die Umbrüche der Gegenwart überstehen. Und das will man mit dem Fokus auf lokalen Produktionen erreichen. Die Aufmerksamkeit wird nicht über brillante Schauwerte, sondern über andere, auf lokaler Ebene wichtige Aspekte generiert. Deshalb wird jetzt in der zweiten Staffel von "Dark" mit relativ einfachen Mitteln ein Szenario entworfen, das einerseits die Zukunftsängste des jungen Publikums aufgreift, andererseits die Sorgen Deutschlands zwischen Atomausstieg und Krise des Mittelstands zeigt.

Energie schafft Gemeinschaft. Oder auch nicht

Wie sagt der AKW-Chef im Gegenwarts-Winden: "Energie schafft Gemeinschaft. Die Kernenergie war, ist und bleibt alternativlos. Nichts ist günstiger, sicherer und zuverlässiger. Aber die Welt da draußen pocht auf Fortschritt, in sechs Tagen wird unser Meiler endgültig vom Netz gehen." Der Sprung in die Zukunft beweist allerdings, dass der Wechsel von der Kernkraft zur grünen Energie dann wohl doch nicht so reibungslos verlaufen ist.

Die Serienschöpfer Jantje Friese und Baran bo Odar kombinieren mithin beherzt und effizient die aktuelle Zukunftssorge der "Fridays for Future"-Generation mit einem Atommüllfass voll guter alter German Angst - und verlangen dem Publikum dabei einiges ab: Mit rund drei Dutzend Figuren, die hier zum Teil in verschiedenen Altersversionen ihrer selbst durch die Zeit jagen, muss es arbeiten, um der Handlung zu folgen. Als Serien-Puzzle fasziniert "Dark".

Da wäre "Galileo Mystery"-Geraune wie "die Welt ist ein Teppich mit einem unendlichen Geflecht von Fäden" gar nicht nötig gewesen. Erstmal also keine Antwort nirgends auf die dringenden Fragen der jungen Leute. Eine dritte und letzte "Dark"-Staffel ist angekündigt und verspricht Rettung.


"Dark", zweite Staffel, ab Freitag auf Netflix

insgesamt 13 Beiträge
durchsichtig 20.06.2019
1. So
unterschiedlich sind doch Wahrnehmungen. Ich habe schon die erste Staffel nach 2 Folgen wegen Unerträglichkeit abgebrochen. Auch dieser Bericht hat meine Neugier nicht geweckt.
unterschiedlich sind doch Wahrnehmungen. Ich habe schon die erste Staffel nach 2 Folgen wegen Unerträglichkeit abgebrochen. Auch dieser Bericht hat meine Neugier nicht geweckt.
palerider78 20.06.2019
2. Vorfreude
Brenne seit Abschluss der ersten Staffel auf die Fortsetzung - und unsere amerikanischen Freunde schauen die Serie auf deutsch mit Untertiteln "to catch the original feeling" FYI: wer auf düster-apokalyptisch steht, [...]
Brenne seit Abschluss der ersten Staffel auf die Fortsetzung - und unsere amerikanischen Freunde schauen die Serie auf deutsch mit Untertiteln "to catch the original feeling" FYI: wer auf düster-apokalyptisch steht, sollte auch die dänische Serie "The Rain" anchecken.
herox 20.06.2019
3. das beste seit langem.
die serie ist grossartig. ich stimme zu, dass der bericht nicht wirklich neugierig macht, aber 'dark' hat mehr aufmerksamkeit verdient, weil es weit, weit ueber anderen serien steht. eindlich mal was anderes als das dauernde [...]
die serie ist grossartig. ich stimme zu, dass der bericht nicht wirklich neugierig macht, aber 'dark' hat mehr aufmerksamkeit verdient, weil es weit, weit ueber anderen serien steht. eindlich mal was anderes als das dauernde einerlei im fernsehen.
angst+money 20.06.2019
4. Überschrift
Gute Schauspieler quälen sich durch hölzerne Dialoge, dauernd müssen Erklärungen eingeschoben werden damit auch noch der letzte mitkommt, unmotiviertes Handeln der Protagonisten täuscht Tiefgang vor. Nicht so katastrophal wie [...]
Gute Schauspieler quälen sich durch hölzerne Dialoge, dauernd müssen Erklärungen eingeschoben werden damit auch noch der letzte mitkommt, unmotiviertes Handeln der Protagonisten täuscht Tiefgang vor. Nicht so katastrophal wie Sense8, aber naja.
s.l.bln 20.06.2019
5. Jap
Wir hatten uns die ersten anderthalb Folgen angesehen und nachdem wir irgendwann während der zweiten Folge mehrmals laut lachen mußten, als der gefühlt zwanzigste Bildwechsel wieder einen im stromenden Regen stehenden, [...]
Zitat von durchsichtigunterschiedlich sind doch Wahrnehmungen. Ich habe schon die erste Staffel nach 2 Folgen wegen Unerträglichkeit abgebrochen. Auch dieser Bericht hat meine Neugier nicht geweckt.
Wir hatten uns die ersten anderthalb Folgen angesehen und nachdem wir irgendwann während der zweiten Folge mehrmals laut lachen mußten, als der gefühlt zwanzigste Bildwechsel wieder einen im stromenden Regen stehenden, oder alternativ im Auto sitzenden heulenden Menschen zeigte, begleitet vom immer gleichen dramatischen Soundeffekt, dem dann aber keine dramatische Steigerung der Handlung folgte, haben wir genervt abgebrochen. Dann sah ich mehrere euphorische Youtube Reviews, die teilweise von der besten Serie aller Zeiten schwallten, wobei es ab Folge drei "richtig abgehen" sollte. Also haben wir uns auch noch durch Folge drei gequält. Was soll ich sagen, heulende Menschen im strömenden Regen, dramatischste Soundeffekte, ohne jeden Zusammenhang mit "der Handlung". Das ganze ist so peinlich bemüht, voller Klischees und irgendwie Deutsch. Nachdem "Alarm für Kobra irgendwas" schon zeigt, wie man sich deutsches Action TV nach US Vorbild vorstellt, nun der gleiche Fehlversuch im Fantasysegment. Nicht daß das falsch verstanden wird, ich bin großer Freund der dialogarmen Science Fiction Kunst der frühen 70er und brauche kein ständiges Geplapper samt unzähliger Actionszenen, um atmosphärische Dichte erkennen zu können, aber dieser Mist versucht komplett von den drei bis vier geklauten, immergleichen Soundeffekten zu leben, während die Handlung selbst aus wenigen Standardmodellen klassischer Temporalfantasy zusammengehäkelt ist, ohne die Spur einer besonderen Idee. Von schauspielerischen Leistungen ganz zu schweigen. Da hat es bessere Akte X folgen gegeben...

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