Kultur

ARD-Farce über 68er

Joschi, der Krampf geht weiter!

Kopfkino statt Straßenkampf: "Die Auferstehung" erzählt davon, wie vier Revoluzzer-Geschwister am Totenbett des Vaters um Erbteile und Ideale ringen. Grell, grob, herrlich gemein.

Julia Terjung/ SWR
Von
Mittwoch, 05.06.2019   12:34 Uhr

Was bleibt von '68? Ein Berg an Schulden, ein Meer an Selbstmitleid. Fiel die Bilanz zu den Spätfolgen der Studentenrevolte im Jubiläumsjahr 2018 in den meisten Rückschauen verhalten positiv aus, so ist das Urteil in dem rabiat humoristischen Gesellschaftsstück "Die Auferstehung" ungnädiger. Die Revoluzzer von einst haben hier alles verjuxt: ihre Ideale, ihre Bildung, ihre spärlichen Einkünfte sowieso.

Vier Geschwister plus Anhang versammeln sich um die Wohnzimmercouch des Einfamilienpalastes irgendwo in einem alten süddeutschen Speckgürtel. Auf dem Möbel liegt totenstarr der Vater, eingeschlafen offenbar beim Pornokonsum, man fand ihn mit heruntergelassener Hose, im DVD-Player war ein Sexfilm eingelegt.

Die Kinder sind bestürzt. Auch über sich selbst und ihre eigene Spießigkeit. Eines von ihnen sagt: "Wir haben doch gar nicht genug Tabus brechen können. Und jetzt sind wir auf einmal entsetzt, wenn der Vater sich von den Hemmungen befreit und der Natur freien Lauf lässt." Im Haus verteilt findet man Sexspielzeug und Reizwäsche; es wird darüber spekuliert, ob der Alte eine Affäre mit seiner ungarischen Pflegekraft hatte.

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Generationen-Film: Pure, erbärmliche Gegenwart

Kopfkino statt Straßenkampf: Die ARD-Produktion "Die Auferstehung", die eher Generationenfarce als Familiendrama ist, geht hart mit ihren Protagonisten ins Gericht. Letztendlich hingen alle Sprösslinge noch am Tropf des offenbar in vollem Saft verschiedenen Patriarchen; bei der Zusammenkunft um die Fernsehcouch soll es auch um die Aufteilung des Erbes gehen.

Theoretiker eines besseren Lebens

Alle vier Kinder sind Theoretiker eines besseren Lebens, in der Praxis aber bitter gescheitert. Jedenfalls lautet so das Urteil des einen über den anderen in diesem heillos zerstrittenen Haufen. Die Tochter des Hauses, Linda (Leslie Malton), leitet inzwischen das "Arthouse Memmingen", wo sie sich auch über zwei Besucher pro Tag freut. Ihr Mann Fred (Herbert Knaup), der Kurse in "Philosophie für jedermann" an der Volkshochschule in Memmingen gibt, erklärt einem der Brüder den Bildungsauftrag der Ehefrau so: "Du glaubst gar nicht, wie wichtig es ist, gerade in dieser Gegend ein Bewusstsein für das Verstörende zu entwickeln."

Diese provinzielle Anmaßung findet Jakob (Dominic Raacke), der abgebrannte Dokumentarfilmer mit Wohnsitz in Paris, nun doch ein bisschen viel. Er kontert mit Hegel und Pascal. Auch nicht schlecht: Joschi (Joachim Król), der Westentaschen-Dutschke der Familie, der schon mal im Knast saß, reckt an der Totencouch des Vaters die Faust in die Höhe wie einst der echte Dutschke am Grab von Holger Meins. Sie erinnern sich: "Holger, der Kampf geht weiter!"

"Die Auferstehung" ist eine rabiate Farce, die sich nicht um Zwischentöne schert und ebenso wenig um Sympathien für die Figuren buhlt. Die Vorlage stammt von Karl-Heinz Ott, der in seinem 2015 erschienen Roman auch mit Rückblenden arbeitete. Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer und Regisseur Niki Stein verdichten die glorreiche Vergangenheit der Charaktere in pure erbärmliche Gegenwart.

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Stein hatte erst im April die Unternehmer-Satire "Big Manni" ins Fernsehen gebracht, in der es um den legendären badischen Betrüger Manfred Schmider ging, der ab Ende der Neunzigerjahre mehr als vier Milliarden Mark ergaunerte. "Big Manni" und "Die Auferstehung" sind beides auf ihre Art und Weise Filme über das gute alte Westdeutschland und die beiden großen Komponenten, die es zusammenhielt oder auch nicht zusammenhielt: Geld und Bildung.

Zum Ende schwächelt "Die Auferstehung" ein bisschen, auch deshalb, weil es schwer vorstellbar erscheint, dass die ungarische Pflegekraft eine aufrechte romantische Beziehung zu dem dreimal so alten Vater der 68er-Truppe unterhalten hat. Aber als grelles Porträt einer Generation, die um die Reste des Wohlstands ringt, den sie einst so verachtete, hält der Film einige schön perfide Momente parat.

Und so taktieren und traktieren sich die Geschwister durch die angespannte Situation und erschlagen mit dem Humanismus-Hammer den letzten Rest Liebe, der vielleicht noch unter der Bildungshuberei und Gesinnungsprahlerei schlummert. Joschi, der Krampf geht weiter!


"Die Auferstehung", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 5 Beiträge
Netzer0001 05.06.2019
1. Klingt alles sehr bekannt
Der Plot liest sich sehr, als stark abgekupfert von "Sterben für Anfänger". Wobei die ungarische Pflegerin hier den schwulen Zwerg als Liebhaber des verstorbenen Vaters ersetzt. Na mal sehen ob der Film mit dem [...]
Der Plot liest sich sehr, als stark abgekupfert von "Sterben für Anfänger". Wobei die ungarische Pflegerin hier den schwulen Zwerg als Liebhaber des verstorbenen Vaters ersetzt. Na mal sehen ob der Film mit dem Orginal mithalten kann. Was schwer vorstellbar ist.
rheinufer9365 05.06.2019
2. Also wirklich,
"Sterben für Anfänger" ist ein absolut genialer Film, dem kann GAR NICHTS und besonders kein deutsches Filmprodukt das Wasser reicher. Allein der Gedanke an das britische Meisterwerk lösen bei mir Lachreize aus.
Zitat von Netzer0001Der Plot liest sich sehr, als stark abgekupfert von "Sterben für Anfänger". Wobei die ungarische Pflegerin hier den schwulen Zwerg als Liebhaber des verstorbenen Vaters ersetzt. Na mal sehen ob der Film mit dem Orginal mithalten kann. Was schwer vorstellbar ist.
"Sterben für Anfänger" ist ein absolut genialer Film, dem kann GAR NICHTS und besonders kein deutsches Filmprodukt das Wasser reicher. Allein der Gedanke an das britische Meisterwerk lösen bei mir Lachreize aus.
fpa 05.06.2019
3. Zeitverschiebung um eine Generation?
Seltsam. Wenn ich die hier erzählte Geschichte mit der Realität abgleiche, d.h. mit jener, die ich persönlich erlebt habe, dann treffen sicher viele Details zu … allerdings um genau eine Generation später. Z.B. aus unserer [...]
Seltsam. Wenn ich die hier erzählte Geschichte mit der Realität abgleiche, d.h. mit jener, die ich persönlich erlebt habe, dann treffen sicher viele Details zu … allerdings um genau eine Generation später. Z.B. aus unserer Klasse, mit Abitur im Jahre 1969, hat jeder (ohne auch nur eine einzige Ausnahme) den Beruf ergriffen, den er sich vorgestellt hatte, und war darin auch in jeder Hinsicht erfolgreich. Die Ärzte darunter praktizieren zum teil noch heute. Und analoges gilt für meine Cousins und Cousinen. Gerade die 68er-Generation hat es mit einem geringen finanziellen Startkapital - aber mit fundierter Bildung und Berufschancen durch den Wirtschaftsboom - zu erheblichen Vermögenswerten gebracht. Ganz anders die Situation unserer Kinder. Da gibt es fast niemanden mehr, der überhaupt seinen Wunschberuf ergreifen können; Numerus Clausus, wirtschaftliche Zwänge, mangelnde Motivations- und Durchhaltebereitschaft, oder auch Beeinträchtigungen durch psychische Störungen oder lähmende Beziehungsprobleme; usw. Und genau von denen, deren Jugend in die Nach-Wende-Zeit fiel, sind manche noch heute von der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern abhängig, oder sind gar auf Hartz IV angewiesen. Ob das für eine Komödie taugt, wo man über die betroffenen ob ihrer Borniertheit und Habgier herzhaft lachen kann? Ich weiß es nicht. Es fing an mit dem "Hotel Mama" - für die 68er ein Unding. Da hieß es doch "nichts wie raus aus dem Elternhaus", je früher desto besser … und Bafög musste man damals auch noch nicht zurückzahlen; das kam dann erst in den Mitt-70ern.
ruhepuls 05.06.2019
4. Die bessere Welt - und den Scheck vom Spießer-Vati...
Ist ja nichts Neues, dass Weltverbesserer häufig von anderen ausgehalten werden müssen, weil sie zwar viele Ideen haben, aber wenig Erfolg (oder Lust) in der Umsetzung derselben. Die 68er waren die erste Wohlstandsgeneration, [...]
Ist ja nichts Neues, dass Weltverbesserer häufig von anderen ausgehalten werden müssen, weil sie zwar viele Ideen haben, aber wenig Erfolg (oder Lust) in der Umsetzung derselben. Die 68er waren die erste Wohlstandsgeneration, die es sich leisten konnte, sich zu verweigern. Weil es Möglichkeiten gab, trotzdem zu überleben. Zuvor hätte man sich auch verweigern können, wäre dann aber entweder verhungert oder im Knast gelandet. Nur haben auch die 68er (bzw. die "Revoluzzer" darunter) gemerkt, dass es sich in der Toscana mit Geld besser lebt als ohne. Und schwupps waren die Ideale wieder weg bzw. verkümmerten zur Rotwein-Philosophie.
Knossos 05.06.2019
5.
Also hat es doch Sinn gemacht, sich opportun eingerichtet zu haben; nicht wahr? An Sie und die Autoren / Drehbuchautoren gerichtet, sei darauf verwiesen, daß nur progressiver Verstand Kompetenz dazu aufweist, Schizophrenie [...]
Zitat von ruhepulsIst ja nichts Neues, dass Weltverbesserer häufig von anderen ausgehalten werden müssen, weil sie zwar viele Ideen haben, aber wenig Erfolg (oder Lust) in der Umsetzung derselben. Die 68er waren die erste Wohlstandsgeneration, die es sich leisten konnte, sich zu verweigern. Weil es Möglichkeiten gab, trotzdem zu überleben. Zuvor hätte man sich auch verweigern können, wäre dann aber entweder verhungert oder im Knast gelandet. Nur haben auch die 68er (bzw. die "Revoluzzer" darunter) gemerkt, dass es sich in der Toscana mit Geld besser lebt als ohne. Und schwupps waren die Ideale wieder weg bzw. verkümmerten zur Rotwein-Philosophie.
Also hat es doch Sinn gemacht, sich opportun eingerichtet zu haben; nicht wahr? An Sie und die Autoren / Drehbuchautoren gerichtet, sei darauf verwiesen, daß nur progressiver Verstand Kompetenz dazu aufweist, Schizophrenie des Humanisten zum Unterhalt in Praxis ausbeuterischer Gesellschaft zu beschreiben. Und der hebt sich Derlei wohl eher für Publikum in gesellschaftlich fortgeschrittenere Zeit auf, statt Rückgratlosen vermeintliche Rechtfertigung oder Simplizisten kontraproduktive Vorlage zu bauen. Toskana-"Joschi" war übrigens V-Mann. Der wird Ihre perfide Sicht zu Weltverbesserern eher nachvollziehen.

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