Kultur

Untergetauchte Juden in Berlin

Lebensgier im Reich des Todes

7000 Juden versteckten sich nach 1941 mitten in Berlin, um der Deportation zu entgehen. Jetzt erzählen sie im Dokudrama "Die Unsichtbaren" selbst ihre Geschichte - erschütternd und begeisternd.

NDR
Von
Mittwoch, 16.01.2019   17:37 Uhr

Nur einen Schauplatz und wenige Minuten braucht das Dokudrama "Die Unsichtbaren", um eine Vergangenheit auferstehen zu lassen, die aktuell einige Deutsche am liebsten wieder vergessen würden. Eine Deportationssammelstelle in Berlin im Jahr 1941. Ein Beamter bellt Namen durch die Halle, jeder Ruf ein Todesurteil. Nicht aber für den jungen Cioma Schönhaus: Er wird als kriegswichtig eingestuft, weil er als Zwangsarbeiter in einer Fabrik für Maschinengewehre schuftet.

Seine Eltern dagegen werden weggeführt. Cionas Mutter drückt ihm rasch noch eine Postkarte in die Hand, auf der sie sich von ihren Arbeitskolleginnen verabschiedet. Er wird sie nie wiedersehen. Ihm ist klar, dass seine Arbeit ihn nicht dauerhaft schützen kann. Cioma taucht unter, mitten in Berlin. Wie 7000 andere Juden in der Hauptstadt auch. Von ihnen und ihren Helfern erzählt dieser Film.

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"Die Unsichtbaren": Trotzig und siegesgewiss

"Die Unsichtbaren" macht damit einen Aspekt der Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten greifbar, der bisher viel zu wenig beleuchtet wurde. Entgegen den Behauptungen der Machthaber war Berlin nie "judenfrei". Mit der Unterstützung von Helfern lebten Juden unter denen, die ihnen das Lebensrecht absprachen - versteckt auf Dachböden und in Wohnungen, mit gefärbten Haaren und falschen Papieren. Nur 1500 von ihnen überlebten Verfolgung und Krieg. Sie sind der Beweis dafür, dass es wenigstens einigen wenigen Menschen gelang, sich dem übermächtigen Vernichtungsapparat zu widersetzen.

Jetzt, endlich, erzählen sie hier auf ergreifende Weise ihre Geschichte. 2017 lief der Film im Kino, jetzt feiert er sein TV-Debüt, und das sogar auf dem Premium-Sendeplatz, der ihm gebührt. Regisseur und Drehbuchautor Claus Räfle bedient sich einer Mischung aus Interviews und Spielszenen, die deshalb so gut funktioniert, weil seine Gesprächspartner begnadete Erzähler sind. Plastisch, selbstsicher und genau berichten sie von ihrem Erleben.

Hanny Lévy ist fortan Hannelore Winkler

Wie Hanny Lévy, die 1941 mit 17 Jahren allein in Berlin lebt. Vater und Mutter sind an den Folgen von Zwangsarbeit gestorben. Einer Razzia entgeht sie nur knapp. Hanny flüchtet aus dem Haus, mehr als einen Mantel und eine Handtasche hat sie nicht dabei. Sie kommt bei einer Bekannten der Familie unter, färbt sich die Haare blond und nennt sich fortan Hannelore Winkler.

Ruth Gumpels gesamte Familie ist über das Berliner Stadtgebiet verteilt bei Helfern untergekommen. Manchmal tarnt sie sich mit einem Schleier als Kriegswitwe und geht ins Kino, wo es nicht nur dunkel, sondern auch warm ist. Eugen Friede flirtet sogar mit der Tochter der Familie, die ihn versteckt. Später kommt er bei Hans Winkler unter, einem Regimegegner, und hilft ihm und dem deutsch-jüdischen Widerstandskämpfer Werner Scharff beim Aufbau der Widerstandsgruppe "Gemeinschaft für Frieden und Aufbau".

Und Cioma Schönhaus? Wird Passfälscher für ein Netzwerk, das Juden unterstützt, und hilft mit seinen Papieren Hunderten Verfolgten. Eine Zeitlang kann er davon sogar gut leben, weil er mit Lebensmittelkarten bezahlt wird, die er zu Geld macht. Vor allem aber, so Schönhaus, verspürt er bei seiner lebensgefährlichen Tätigkeit ein Kribbeln: "Die Arbeit hat mir Spaß gemacht."

Die Welt der Täter

Aussagen wie diese sind es, die den Ton dieses Films so einzigartig machen. Weil hier alte Menschen mit lebendigen Augen von einer Jugend unter extremen Bedingungen erzählen, vom Leben in einer Welt, die sie auslöschen wollte. Und die dennoch von einem unbändigen Lebenswillen getrieben waren, von einer Mischung aus Trotz und Siegesgewissheit, innerer Stärke und Unbekümmertheit. "Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte", erzählt Hanny Lévy. "Ich habe darüber aber auch nicht so viel nachgedacht. Das geht nur, wenn man 17 ist."

Eingebettet sind die Zeitzeugenberichte in die Alltagsgeschichte aus dem Berlin der Jahre 1941 bis 1945. Wie nebenbei zeigen locker eingestreute Archivaufnahmen das Leben in der Hauptstadt unter der Diktatur, kurz bevor sie in Schutt und Asche fiel. Flanierende Passanten und volle Straßenbahnen, Menschen im Café und beim Friseur, Leuchtreklame und hupende Autos. Eine dem äußeren Anschein nach zivile Stadt, weit weg von den Todesfabriken und Schlachtfeldern. Dennoch: die Welt der Täter und Mitläufer.

Und dem Untergang geweiht. Ein Untergang, den die Untergetauchten herbeisehnen, auch wenn die Bombenangriffe ihr eigenes Leben bedrohen. "Die Unsichtbaren" ist zwar den wenigen Deutschen gewidmet, die der systemischen Unmenschlichkeit konkrete Taten entgegensetzten. Trotzdem bleibt bei denen, die überlebten, die Ungläubigkeit angesichts des Zivilisationsbruchs: "Kannst du dir vorstellen, dass Deutsche Millionen völlig Unschuldiger einfach umbringen?", ringt Eugen Friede am Ende sichtlich um Fassung. "Die Idee ist doch völliger Wahnsinn."

Die Unsichtbaren - Wir wollen leben - Mittwoch 16. Januar, 20:15 Uhr, ARD

insgesamt 21 Beiträge
blumenstrauss 16.01.2019
1. Unvergesslich
Habe den Film bereits im Kino gesehen Ein Hammer. Hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Muss man gesehen haben.
Habe den Film bereits im Kino gesehen Ein Hammer. Hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Muss man gesehen haben.
pejoachim 16.01.2019
2. Gratulation!
Den Menschen, die anderen Menschen während der Nazi-Diktatur geholfen haben zu überleben, gehört unsere größte Anerkennung. Sie haben das KZ und damit den Tod für das Leben anderer riskiert. Von ihnen lässt sich auch heute [...]
Den Menschen, die anderen Menschen während der Nazi-Diktatur geholfen haben zu überleben, gehört unsere größte Anerkennung. Sie haben das KZ und damit den Tod für das Leben anderer riskiert. Von ihnen lässt sich auch heute noch viel lernen. Wie viel wertvoller war ihr Handeln als das von Menschen, die Flugblätter gegen das Naziregime verteilten, um dann am Strang zu enden. Mut haben beide Gruppen gezeigt, das steht außer Frage. Doch Wirkung hatte nur die tätige Hilfe.
isar56 16.01.2019
3.
Zustimmung, ja. Dennoch würde ich das Wort *wertvoller* hier nicht anwenden. Wirkungsvoller trifft es aus meiner Sicht eher. Die Mitglieder der *weissen Rose* waren sehr jung und wollten gegen das Regime ankämpfen. Und die [...]
Zitat von pejoachimDen Menschen, die anderen Menschen während der Nazi-Diktatur geholfen haben zu überleben, gehört unsere größte Anerkennung. Sie haben das KZ und damit den Tod für das Leben anderer riskiert. Von ihnen lässt sich auch heute noch viel lernen. Wie viel wertvoller war ihr Handeln als das von Menschen, die Flugblätter gegen das Naziregime verteilten, um dann am Strang zu enden. Mut haben beide Gruppen gezeigt, das steht außer Frage. Doch Wirkung hatte nur die tätige Hilfe.
Zustimmung, ja. Dennoch würde ich das Wort *wertvoller* hier nicht anwenden. Wirkungsvoller trifft es aus meiner Sicht eher. Die Mitglieder der *weissen Rose* waren sehr jung und wollten gegen das Regime ankämpfen. Und die Geschwister Scholl, Christoph Probst u.a. starben letztendlich durch den Fehler, mit Flugblättern in der Münchner Uni von einem Hausmeister verraten worden zu sein. Dass Menschen ihr Leben riskierten, um andere zu retten bleibt davon unberührt. Es bleibt bis heute ..... nicht zu fassen.
Der Sheldon 16.01.2019
4. Ich bin stolz
auf diese Menschen: Die, die geholfen haben und die, die überleben konnten und berichtet haben: Diesen Film muss man allen Höckes, Poggenburgs, Gedeons und dem Fliegenschiss Gauland in Endlosschleife vorführen, bis sie um [...]
auf diese Menschen: Die, die geholfen haben und die, die überleben konnten und berichtet haben: Diesen Film muss man allen Höckes, Poggenburgs, Gedeons und dem Fliegenschiss Gauland in Endlosschleife vorführen, bis sie um Gnade winseln.
eulendämmerung 16.01.2019
5. Sehr berührt
Ich habe voller Spannung vor dem Fernseher gesessen; sehr berührt von den Zeitzeugen, begeistert von den Menschen, die ihnen damals geholfen haben. Und wieder trieb es mir die Tränen in die Augen; in einer Mischung aus [...]
Ich habe voller Spannung vor dem Fernseher gesessen; sehr berührt von den Zeitzeugen, begeistert von den Menschen, die ihnen damals geholfen haben. Und wieder trieb es mir die Tränen in die Augen; in einer Mischung aus Entsetzen, Trauer und Scham, dass dies in diesem meinem Land geschehen konnte. Und dass es heute noch Menschen gibt, die das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das die Welt gesehen hat, als "Fliegenschiss" abtun.

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