Kultur

Doku über Skisport-Pioniere

Abfahrt Afghanistan

Zwei Afghanen entdecken das Skifahren für sich, machen den Sport im Land populär und wollen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Ein Dokumentarfilm zeigt ihren Weg - ein ungewöhnliches Porträt Afghanistans.

Daniel Etter
Von
Mittwoch, 04.09.2019   12:53 Uhr

Es war ein Zufall, der Sajjad Hussaini und Alishah Farhang aus der afghanischen Provinz Bamiyan zu den vermutlich besten Skifahrern von Afghanistan machte. Heute sind die beiden jungen Männer Helden, die Großes im Sport geleistet haben und dafür in ihrem Dorf gefeiert werden.

Bamiyan liegt im Herzen von Afghanistan. In diese bergige Region verschlug es, selten, abenteuerlustige Touristen, die auf einsamen Hängen mit Skiern herunterfuhren. Die Einheimischen staunten über diese Leute. "Die meisten Menschen in Afghanistan hatten noch nie von Ski gehört", sagt Hussaini. Vor etwa zehn Jahren trauten die beiden Jungen sich, einen Italiener zu fragen, ob er ihnen das Skifahren beibringen könne. So standen sie, damals noch Teenager, zum ersten Mal in ihrem Leben auf den Brettern und sausten die Berge hinunter.

Aus dieser Erfahrung erwuchs eine Leidenschaft fürs Skifahren. "Die Leute dachten, sie wären verrückt geworden: so auf dem Schnee rutschend", erinnert sich Hussainis Mutter. Aber die Jungen hörten nicht darauf, was die anderen sagten. Sie wollten besser werden. Wieder half ihnen ein Zufall: Der Schweizer Journalist Christoph Zürcher hatte sich 2011 nach Bamiyan aufgemacht, um Skier unter den Einheimischen zu verteilen und ein Skirennen zu veranstalten. Dabei lernte er Hussaini und Farhang kennen.

Gemeinsam stellten sie fest, dass noch nie ein Afghane an den Olympischen Winterspielen teilgenommen hatte. Das, beschlossen sie, müsse geändert werden! Zürcher nahm sein Geld und bat auch Freunde um Unterstützung, damit Hussaini und Farhang vier Jahre lang trainieren konnten in St. Moritz in der Schweiz. "Am Anfang war das nicht mehr als eine lustige Idee", sagt er. "Andere Leute in meinem Alter kaufen sich vielleicht teure Autos. Ich investiere es halt in diese beiden afghanischen Skifahrer."

Mehrmals reisten sie in die Schweiz, um sich auf die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang im Frühjahr 2018 vorzubereiten. Es sei die Chance seines Lebens gewesen, erzählt Hussaini. Aber ein langer Weg lag vor ihnen. Ein Trainer in der Schweiz sagte über die beiden Afghanen: "Ich war überrascht. Das Niveau war viel niedriger als ich erwartet habe." Das Ziel Olympische Spiele sei sehr hoch gesteckt. "Ob wir's schaffen, kann ich leider nicht sagen."

Fotostrecke

Fotostrecke: Olympischer Traum

Und noch ein Zufall: Der deutsche Fotoreporter Daniel Etter lernte 2014 ebenfalls die beiden afghanischen Sportler kennen, als er in Bamiyan für einen Artikel über das Skifahren fotografierte. Als er erfuhr, dass die beiden für die Olympischen Spiele trainierten, kam ihm die Idee, sie filmisch zu begleiten.

Etter holte mehrere Leute an Bord, um dieses Vorhaben zu realisieren, darunter den Filmemacher und Fotografen Marcel Mettelsiefen als Produzenten. Vier Jahre lang filmte Etter die zwei Männer in Afghanistan und in der Schweiz, fing ihre Hoffnungen und Träume ein, aber auch ihre Konflikte, in die sie gerieten, weil sie versuchten, etwas Neues zu schaffen in einer konservativen, von Traditionen geprägten Gesellschaft.

Preisabfragezeitpunkt:
06.09.2019, 09:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Where the Light Shines (Deutsche Untertitel) [OV]
Preis:
EUR 11,99

Entstanden ist der Dokumentarfilm "Where the Light Shines", der vom 3. September an bei den Video-on-Demand-Anbietern Vimeo und Amazon im Angebot ist. Der Filmtitel ist eine Übersetzung des Provinznamens Bamiyan. "Where the Light Shines" ist ein liebevolles Porträt der beiden Sportler und ein außergewöhnliches Bild ihrer Heimat Afghanistan, das seltene Einblicke in eine als verschlossen geltende Gesellschaft bietet.

Der Film schneidet, was bei dieser Geschichte naheliegt, Gegensätze aneinander: hier die einfach ausgerüsteten afghanischen Sportler, die sich vier Stunden den Berg hochquälen müssen, weil es in Bamiyan keinen Lift gibt, um anschließend in vier Minuten nach unten zu sausen; dort Spitzensportler, die seit ihrer Kindheit auf Skiern stehen; außerdem die Schickeria, die im Nobelskiort St. Moritz im Pelzmantel, Küsschen hier, Küsschen da, anzutreffen ist.

Als die beiden Afghanen das erste Mal zum Training nach St. Moritz kommen, wundern sie sich: Die anderen Sportler haben so wenig Ausrüstung dabei, außerdem keine Getränke und Lebensmittel. Sie selbst bringen alles mit, wie beim Training in Bamiyan. "Wir wussten nicht, dass es Läden und Restaurants in den Bergen gibt", erzählt Hussaini später und lacht. Eine "komplett andere Welt" sei das gewesen.

Die Sportler erzählen von der Schönheit Bamiyans, wie gerne sie dort leben. Der Film zeigt die atemberaubend schöne Landschaft und das Dorfleben. Es habe sie enttäuscht, dass Vertreter Afghanistans sie anfangs in ihrem sportlichen Bemühen nicht unterstützten, sondern glaubten, sie täten das doch eh nur, um in Europa zu leben, erzählen Hussaini und Farhang. Doch das wollen beide nicht. Sie leben nach wie vor in Bamiyan, dort sehen sie ihre Zukunft.

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Etter zeigt, wie Menschen in Afghanistan versuchen, ihr Glück zu finden, jenseits von Taliban und Terror. Er zeigt das Hoffen auf eine bessere, friedliche Zukunft in einem Land, in dem seit vier Jahrzehnten Kriegszustände herrschen. Der Film verheimlicht die schwierigen, gefährlichen Seiten Afghanistans nicht, er schönt nichts. Da sitzt zum Beispiel die Familie Hussaini vor dem Fernseher und erfährt von einem Selbstmordanschlag in Kabul mit Dutzenden Toten. Oder die Mutter erzählt von der schwierigen Flucht zu Fuß nach Iran, als die Taliban die Macht in Bamiyan übernahmen. Auch Bilder von der Zerstörung der berühmten Buddha-Statuen durch die Taliban, im Frühjahr 2001, werden gezeigt. Und jetzt, da die USA sich aus Afghanistan zurückziehen, droht auch in Bamiyan die Rückkehr der Extremisten.

Im Video: Der Trailer zu "Where the Light Shines"

Der Film erzählt aber auch von den Konflikten in der afghanischen Gesellschaft: zwischen den Alten, die an Traditionen festhalten, und den Jungen, die davon nichts wissen wollen. Er erzählt von althergebrachten Familienvorstellungen und Geschlechterrollen und wie Menschen wie Farhang und Hussaini damit umgehen.

"Aus Afghanistan hört man nie gute Nachrichten", sagt Farhang. "Wenn es uns gelingt, eine Geschichte der Hoffnung und der positiven Einstellung zu kreieren, könnte das eine große Wirkung auf unsere Mitmenschen haben."

Ob die zwei es schaffen, sich für die Olympischen Winterspiele zu qualifizieren? Der Film verrät es erst am Ende, und daher soll auch hier nicht weiter die Rede davon sein. Bei einem Rennen im Jahr vor dem Ereignis jedenfalls erreichen sie die Plätze 86 und 87 - bei insgesamt 88 Teilnehmern.

Gelungen ist den zwei Sportlern auf jeden Fall, dass inzwischen Hunderte Einheimische in Bamiyan Ski fahren - Männer und Frauen. Für sie ist es eine Gelegenheit, das Leid, den Krieg, die Bomben für einen Moment zu vergessen. Und selbst einen Skilift gibt es mittlerweile.

insgesamt 3 Beiträge
stolte-privat 04.09.2019
1. Dieser Bericht bringt...
...endlich mal was positives aus Afghanistan. Daumen hoch!!! Überall auf der Welt gibt es Menschen, die Träume haben und diese auch leben. Allen Widrigkeiten und Gefahren zum Trotz. Respekt vor solchen Menschen und ihren [...]
...endlich mal was positives aus Afghanistan. Daumen hoch!!! Überall auf der Welt gibt es Menschen, die Träume haben und diese auch leben. Allen Widrigkeiten und Gefahren zum Trotz. Respekt vor solchen Menschen und ihren Botschaften!
k.os11 04.09.2019
2. Berührend,
sehenswert und wunderschön. Ich bin dankbar, dass es Filme wie diesen gibt. Bitte für jeden zugänglich machen und ins Fee-TV bringen.
sehenswert und wunderschön. Ich bin dankbar, dass es Filme wie diesen gibt. Bitte für jeden zugänglich machen und ins Fee-TV bringen.
k.os11 05.09.2019
3. Bezeichnend,
die Menge an Kommentaren. Free-TV scheint gar nicht nötig zu sein bei dem Anklang.
die Menge an Kommentaren. Free-TV scheint gar nicht nötig zu sein bei dem Anklang.

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