Kultur

Serien-Panorama über Flüchtende

Wem gehört Eden? Und wer verdient daran?

Vom griechischen Mittelmeer in die deutsche Mittelschicht: Die deutsch-französische Serie "Eden" beleuchtet Flucht und Zuflucht mit Panoramablick. Fernsehen auf der Höhe der Zeit.

Pierre Marsaut/ SWR
Von
Donnerstag, 02.05.2019   09:43 Uhr

Auf den Badetüchern im Sand die Touristen, die Eis lecken. Im Schlauchboot auf dem Wasser die Flüchtenden, die an Land sprinten. Es ist ein ganz normaler Tag an einem Strand in Griechenland, den die Urlauber, die dort herumliegen, genauso für das Paradies halten mögen, wie die Flüchtenden, die nach der entbehrungsreichen Passage über das Mittelmeer dort anlanden. Aber wem gehört Eden?

Fast beiläufig kommen in der gleichnamigen Serie die ersten Bilder daher, die Luft flirrt, ein ruhiger Kameraschwenk ahmt den trägen Blick der Urlauber nach. Dabei bildet die Szene einen Kristallisationspunkt, der alle widerstreitenden Gefühle der Flüchtlingsthematik einfängt: das Hoffen und die Panik der Ankommenden, den Gleichmut und die Schockstarre der Herumliegenden. Ein paar wenige Augenblicke nur, dann trennen sich die Wege wieder.

Europa von oben und von unten

Die deutsch-französische Koproduktion "Eden", gedreht in einem halben Dutzend Ländern und Sprachen, ist auch der Versuch, diese Wege wieder zusammenzubringen. Zu zeigen, wie die Ströme von Angst und Sehnsucht, aber auch von Geld und Moral, die scheinbar aneinander vorbeifließen, einander beeinflussen oder bedingen. Eden im 360-Grad-Schwenk, Europa von oben und unten.

Das von Arte und der SWR hergestellte Serien-Panorama erzählt zum Beispiel von einem nigerianischen Jungen (Joshua Edoze), der mit seinem älteren Bruder am griechischen Strand landet, aber auch von einem griechischen Familienvater, der nach der Arbeitslosigkeit einen Job als Sicherheitsmann in einem Flüchtlingscamp findet. Als die Nigerianer unerlaubt das Camp verlassen und es bei der Verfolgung zum Gerangel kommt, tötet der Grieche den älteren Bruder. Der Kleine schlägt sich allein Richtung Großbritannien durch, ein altes Bauernpaar päppelt ihn auf, ein Lastwagenfahrer versucht, ihn zu vergewaltigen, vor Calais steigt er ins nächste Schlauchboot.

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Arte-Serie "Eden": Europa im 360-Grad-Schwenk

Ein anderer Junge auf der Flucht (Adnan Jafar) hat mehr Glück. Er hat im syrischen Bürgerkrieg Vater und Mutter verloren, wird aber von der Mannheimer Lehrerfamilie aufgenommen. Im Souterrain richten sie ihm eine Unterkunft her. Die deutschen Gasteltern (Juliane Köhler und Wolfram Koch) sind genervt von der Wohlstandsverwahrlosung ihres eigenen Jungen (Bruno Alexander), der Syrer beeindruckt sie durch Selbstständigkeit, Leistungswillen und scheinbar unendliche Leidensfähigkeit. Dass er sein angestautes Grauen nachts auf die Bahngleise hinterm Haus hinausschreit, bleibt ihnen verborgen.

Headautor Constantin Lieb und Regisseur Dominik Moll balancieren die sechs 45-minütigen Episoden ihrer Serie - die ersten drei sind bereits in der Arte-Mediathek abrufbar - geschickt aus. Sie zeichnen pointiert die Verwüstungen ihrer Protagonisten bei der Flucht nach Europa nach, sie zeigen aber auch den griechischen, deutschen oder französischen Blick auf das Geschehen.

Sarkastisch blau leuchtet der Himmel über Europa

In der linearen Ausstrahlung ist die Serie synchronisiert, in den Mediatheken ist sie zusätzlich als sechssprachiges Original mit Untertiteln abzurufen. Im Original funktioniert das Ineinander der Perspektiven, Interessen und Gefühlslagen, für das die Serienschöpfer einen ruhigen Rhythmus wählen, naturgemäß noch besser.

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Die meiste Zeit leuchtet ein hellblauer Himmel über dem sommerlichen Europa - in Anbetracht, was unter ihm geschieht, ein geradezu sarkastisch hellblauer Himmel. Hände an Zäunen und mit Menschen überfüllte Lieferwagen sind unvermeidlich, werden hier aber nicht zum handelsüblichen Leid-und-Mitleid-Fluchtdrama zusammengesetzt. Die Serie sucht nach einem tieferen Verständnis.

Dazu gehört auch der Teil, der die Arbeit einer französischen Unternehmerin (Sylvie Testud) zeigt, die auf privatwirtschaftlicher Basis ein griechisches Flüchtlingscamp betreibt. Da tut sich ein boomender Markt auf, politisch gibt es Rückenwind aus Brüssel, finanziell Unterstützung aus Frankfurt. Die Unternehmerin rechnet vor: Ein kommerzielles Camp sei 25 Prozent effektiver als eines, das von einer NGO organisiert wird. Humanität mit dem Rechenschieber.

Die Serie zeigt, wie das zurzeit enorm unter Druck stehende europäische Fernsehen in Zukunft große Themen grenzüberschreitend aufbereiten könnte, schwierige Ambivalenzen inklusive: Die Unternehmerin kalkuliert knallhart, versucht dabei aber auch, die Krise als Chance und Flüchtende als Bereicherung darzustellen. So ruft sie mächtige Mitbewerber auf den Plan, die ihre Camps übernehmen wollen. Wem Eden gehört? Demjenigen, der die meisten Anteile daran hält.


"Eden", ab Donnerstag, 2. Mai, 20.15 Uhr, Arte. Ab Mittwoch, 8. Mai, 20.15 Uhr, Das Erste. In der Mediathek: Folge 1 bis 3 ab jetzt in der Arte-Mediathek und ab 3. Mai in der ARD-Mediathek. Folge 4 bis 6 ab 2. Mai in der Arte-Mediathek, ab 10. Mai in der ARD Mediathek.

insgesamt 11 Beiträge
syracusa 02.05.2019
1. EU-weite Öffentlichkeit schaffen
ARTE ist großartig, aber die EU braucht dringend nach diesem Vorbild eine EU-weite mediale Öffentlichkeit. In manchen Oststaaten sind die Medien schon weitgehend autokratisch gleichgeschaltet. Dort haben die Bürger nur noch ein [...]
ARTE ist großartig, aber die EU braucht dringend nach diesem Vorbild eine EU-weite mediale Öffentlichkeit. In manchen Oststaaten sind die Medien schon weitgehend autokratisch gleichgeschaltet. Dort haben die Bürger nur noch ein eingeschränkte Grundrecht auf Informationsfreiheit, was durch einen EU-weiten öffentlich-rechtlichen TV-Sender ein wenig verbessert werden kann. Aber fast noch wichtiger ist es, durch die Schaffung einer EU-weiten medialen Öffentlichkeit Gemeinsinn über die Grenzen der Nationalstaat hinaus zu entwickeln.
jo126 02.05.2019
2. Schon richtig
Aber haben wir das nicht schon per Internet? Wer schaut denn noch das alte Fernsehprogramm? Wohl nur noch Ältere, die Jungen sind längst umgestiegen. Und haben wir nicht schon EU-weite Sender, wie BBC, Deutsche Welle etc? [...]
Zitat von syracusaARTE ist großartig, aber die EU braucht dringend nach diesem Vorbild eine EU-weite mediale Öffentlichkeit. In manchen Oststaaten sind die Medien schon weitgehend autokratisch gleichgeschaltet. Dort haben die Bürger nur noch ein eingeschränkte Grundrecht auf Informationsfreiheit, was durch einen EU-weiten öffentlich-rechtlichen TV-Sender ein wenig verbessert werden kann. Aber fast noch wichtiger ist es, durch die Schaffung einer EU-weiten medialen Öffentlichkeit Gemeinsinn über die Grenzen der Nationalstaat hinaus zu entwickeln.
Aber haben wir das nicht schon per Internet? Wer schaut denn noch das alte Fernsehprogramm? Wohl nur noch Ältere, die Jungen sind längst umgestiegen. Und haben wir nicht schon EU-weite Sender, wie BBC, Deutsche Welle etc? Das schauen sich halt nur wenige an, wie eben auch Arte.
ruhepuls 02.05.2019
3. ARTE - ein Nischensender...
ARTE bringt gute, tiefer gehende Beiträge zu vielen Themen. Aber anschauen tun sich die nur wenige. Wer will schon "Probleme" sehen oder sich mit komplexen Hintergründen beschäftigen? Heutige Information muss [...]
ARTE bringt gute, tiefer gehende Beiträge zu vielen Themen. Aber anschauen tun sich die nur wenige. Wer will schon "Probleme" sehen oder sich mit komplexen Hintergründen beschäftigen? Heutige Information muss schwarz-weiß malen - und das vor allem schnell, sonst zappt der gelangweilte Medien-Junkie einfach weiter.
syracusa 02.05.2019
4.
Nein, das Internet kann das nicht leisten, und das alte Fernsehprogramm gucken mehr Leute denn je. In Deutschland beträgt alleine der durchschnittliche TV-Konsum je Bürger mehr als 4 Stunden, dazu kommt dann noch das lineare [...]
Zitat von jo126Aber haben wir das nicht schon per Internet? Wer schaut denn noch das alte Fernsehprogramm? Wohl nur noch Ältere, die Jungen sind längst umgestiegen. Und haben wir nicht schon EU-weite Sender, wie BBC, Deutsche Welle etc? Das schauen sich halt nur wenige an, wie eben auch Arte.
Nein, das Internet kann das nicht leisten, und das alte Fernsehprogramm gucken mehr Leute denn je. In Deutschland beträgt alleine der durchschnittliche TV-Konsum je Bürger mehr als 4 Stunden, dazu kommt dann noch das lineare Radio. Der ÖRR bietet ein Programm, das von den Bürgern selbst darauf hin kontrolliert wird, dass alle relevanten Meinungen und Interessenlagen angemessen abgebildet werden. Dazu steht der Verfassungsauftrag, die Bildung von Meinungsmonopolen zu verhindern, und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern. Im ÖRR sind gelernte Journalisten am Werk, die alleine ihrem Berufsethos verpflichtet sind. All das kann das Internet nicht ansatzweise leisten. Im Gegenteil: das Internet leistet der Bildung von Meinungsblasen Vorschub und ist maßgeblich mitverantwortlich am Erstarken der Rechtspopulisten.
syracusa 02.05.2019
5.
Das ist schon richtig, der Marktanteil von ARTE beträgt bei uns gerade mal gute 2%. Aber es gucken die richtigen Leute zu, die das weiter tragen, nicht zuletzt auch viele Medienschaffende. Man kann die Bedeutung eines [...]
Zitat von ruhepulsARTE bringt gute, tiefer gehende Beiträge zu vielen Themen. Aber anschauen tun sich die nur wenige. Wer will schon "Probleme" sehen oder sich mit komplexen Hintergründen beschäftigen? Heutige Information muss schwarz-weiß malen - und das vor allem schnell, sonst zappt der gelangweilte Medien-Junkie einfach weiter.
Das ist schon richtig, der Marktanteil von ARTE beträgt bei uns gerade mal gute 2%. Aber es gucken die richtigen Leute zu, die das weiter tragen, nicht zuletzt auch viele Medienschaffende. Man kann die Bedeutung eines gemeinsamen öffentlichen Diskurses, der über ein gemeinsames Medium in Gang kommen kann, gar nicht hoch genug einschätzen. Der Einfluss von ARTE geht sehr weit über diese 2% hinaus. Die EU braucht dringendst eine gemeinsame mediale Öffentlichkeit. Selbst wenn nur 1% das regelmäßig sehen würden, wäre das ein großartiger Anfang, und eine wesentliche, IMO sogar unverzichtbare Grundvoraussetzung für eine weitere Vertiefung der EU.

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