Kultur

"Meine geniale Freundin" als Serie

Zwei Glücksgriffe

Endlich startet auch in Deutschland die Serienadaption von Elena Ferrantes Welt-Bestseller. Mitunter wirkt "Meine geniale Freundin" zu steril, doch die beiden Hauptdarstellerinnen machen fast jede Schwäche wieder wett.

Magenta TV
Von
Donnerstag, 02.05.2019   15:22 Uhr

Elena Ferrantes neapolitanische Saga, ihre vier Romane über eine Mädchenfreundschaft, waren ein Sensationserfolg, fünf Millionen Auflage, gelesen und geliebt auf der ganzen Welt. Schafft es da eine Fernsehserie heranzureichen, noch dazu produziert vom US-Pay-Kanal HBO, der bekannt ist für eine ganz anders geartete Romanadaption, nämlich "Game of Thrones"?

Kann eine historisch versierte, literarisch anspruchsvolle Vorlage überhaupt übersetzt werden ins Serielle? Und können die beiden Hauptfiguren Lila und Lenù im TV auch nur ansatzweise so tiefgründig und dicht gelingen, wie es Ferrante über vier Bücher schafft?

Um es vorwegzunehmen: Ja, die Serie kann mithalten! Die erste, achtteilige Staffel von "Meine geniale Freundin" startet am Donnerstag bei der Streamingplattform Magenta TV. Sie basiert auf dem gleichnamigen ersten Roman der unter Pseudonym schreibenden Italienerin, drei weitere Staffeln sind in Arbeit. Ferrante selbst hat am Drehbuch mitgewirkt und tauschte während des Drehs E-Mails mit Regisseur Saverio Costanzo aus.

HBO hat sich zwar die Rechte an Ferrantes Romanen gesichert, ansonsten aber ist die Serie eine rein italienische Angelegenheit, mit italienischem Cast und Crew, koproduziert von der Rai. Executive Producer ist Oscargewinner Paolo Sorrentino ("La Grande Bellezza", "The Young Pope"), die Off-Stimme der älteren Lenù gehört der Ausnahme-Mimin Alba Rohrwacher. Und im Gegensatz zum Roman sprechen alle Figuren dickstes Neapolitanisch. Das tut der Serie gut, macht sie rotziger, macht sie historisch korrekt - auch wenn sich das natürlich in der dialektfreien deutschen Synchronisation verliert.

Dieses Trotzige, Unbezähmbare

Am besten aber tun der Serie ihre beiden jungen Hauptdarstellerinnen, Elisa del Genio als Lenù und Ludovica Nasti als Lila, zwei Augenweiden, zwei Glücksgriffe, beide gecastet aus 9000 Kindern. Vor allem die sagenhafte Nasti hat dieses Trotzige, Unbezähmbare einer sehr jungen Sophia Loren. Wenn sie etwa von einem Mord an Don Achille erzählt, mit funkelnden Augen und Reibeisenstimme, "und - zack - rammt ihm einer ein Messer in den Hals", dann hängt nicht nur Lenù an ihren Lippen, dann ist das großes Kino und lässt viel verstehen von Brutalität, Gewalt und Machismo im armen Süden der Fünfzigerjahre.

Völlig verdient wird im Abspann als allererster der "Acting Coach" Antonio Calone genannt, dem es gelungen ist, aus diesen beiden Laiendarstellerinnen so viel präzise Mimik herauszuholen, zuckende Mundwinkel, sich mit Tränen füllende Augen; ihnen so viel Natürlichkeit, Kraft und Tiefe abzuverlangen, dass man zu gern ein paar seiner Tricks kennen würde.

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"Meine geniale Freundin": An den Lippen von Lila

Es geht im Wesentlichen um diese Mädchen, sie tragen den Roman, sie tragen die Serie. Es geht um ihre Ambitionen, in einer Welt, die mit ambitionierten Mädchen wenig anzufangen weiß. Lenù und Lila sind die Heldinnen dieser emanzipatorischen Heldenreise, keine Opfer, und so ist es nur folgerichtig, dass sich die Kamera in langen Fahrten an ihre Händchen haltenden Körper heftet, in langsamen Einstellungen an ihren Gesichtern klebt. Aber keine Bange, man kann sich nicht sattsehen an ihnen.

Jedoch bewegen sich diese beiden Figuren, und das ist der Serie bei allem Lob anzukreiden, durch eine Stadt, die seltsam kulissenhaft wirkt. Neapel ist so leise in dieser Serie, dass es fast wehtut. Gewiss, Wäsche trocknet an Hausfassaden, Frauen schreien von Balkonen, es fliegt auch mal ein Basilikum-Topf in den Innenhof (und nicht nur der), und trotzdem wirkt alles klinisch und leblos.

Und wie ergeht es Ferrante?

Ein weiteres Manko: Eng hält sich Regisseur Costanzo an die Romane, vielleicht zu eng. Beginnt mit der Rahmenhandlung, in der eine über 60-jährige Lenù von Lilas Verschwinden erfährt, sich an ihren Apple-Computer setzt und ihrer beider Geschichte aufschreibt. Vielleicht fallen gerade wegen dieser Originaltreue Ungenauigkeiten bei Übersetzung und Synchronisation auf: In der deutschen Fassung sprechen die Figuren stets von der Lehrerin als Mestra, korrekt wäre: Maestra. Auf Deutsch ist Don Achille "tot", auf Italienisch "ermordet". Und beim Kopfrechnenwettbewerb, bei dem die Mädchen beweisen, dass sie cleverer sind als die Jungs, rechnen sie im Original 332 geteilt durch 82. Auf Deutsch hingegen 376 durch 94. Was keinen Sinn ergibt, aber beides Mal vier.

Doch sei's drum, Kleinigkeiten angesichts dieses verdammt mutigen Auftakts von "Meine geniale Freundin", der Temperaturen vorgibt, Figuren und Erzählstränge einführt und süchtig macht nach mehr. 24 weitere Folgen jedenfalls sind geplant. Die Serie wird, ähnlich wie der Roman, die Geister scheiden. Den einen wird sie zu banal sein, zu langsam erzählt. Die anderen werden sie authentisch finden und wichtig.

Wie wird es Elena Ferrante ergehen? Wird diese strenge, kompromisslose Autorin begeistert sein oder enttäuscht? Poco importa, für sie nicht wichtig. "Bücher ertragen alles", sagte sie jüngst in einem Interview. "Die Schrift macht sie in gewisser Weise unverwundbar."


"Meine geniale Freundin": Die komplette erste Staffel ist ab 2. Mai auf Magenta TV abrufbar.

insgesamt 6 Beiträge
unky 02.05.2019
1. Multiplikation fehlerhaft
82 x 4 ergibt 328. Und nicht, wie der Autor schreibt, 332.
82 x 4 ergibt 328. Und nicht, wie der Autor schreibt, 332.
Lölölöwenbändiger 02.05.2019
2. Rechenkünste scheinen bei der Übersetzung verloren zu gehen
denn bei mir zumindest kommt bei 332 geteilt durch 82 die 4 nur nach Rundung raus ;-) Anzumerken wäre auch, dass die beiden erwähnten Darstellereinnen aber NUR in den ersten beiden Folgen zu sehen sind und dann durch ältere, [...]
denn bei mir zumindest kommt bei 332 geteilt durch 82 die 4 nur nach Rundung raus ;-) Anzumerken wäre auch, dass die beiden erwähnten Darstellereinnen aber NUR in den ersten beiden Folgen zu sehen sind und dann durch ältere, aber nicht minder gute, Schauspielerinnen ersetzt werden. Ich habe es im Original mit englischen Untertiteln gesehen, und war froh, dass es nicht synchronisert war, auch wenn ich vom Neapolitanischen kaum ein Wort verstanden habe.
RobertW 02.05.2019
3.
Es ist putzig Angst um die Umsetzung der Vorlage zu haben, *weil* HBO involviert sei und das auch noch mit "Game of Thrones" zu begründen. Nicht nur ist das ja ebenfalls eine Serie einer Romanvorlage, und nicht ganz [...]
Es ist putzig Angst um die Umsetzung der Vorlage zu haben, *weil* HBO involviert sei und das auch noch mit "Game of Thrones" zu begründen. Nicht nur ist das ja ebenfalls eine Serie einer Romanvorlage, und nicht ganz ungepriesen, HBO ist generell der "Sender" auf der Welt mit einer einzigartigen Erfolgsbilanz was die Umsetzung tiefgründiger Charaktere in Serien betrifft. Vielleicht hier mal den Horizont erweitern, denn wer nur GoT aus dem HBO-Repertoire kennt, verpasst einiges. So gesehen hätte eine stärkere, deutlich stärkere Einmischung der HBO-macher dieser Serie hier auch sehr gut getan. Es ist nämlich genau so wie beschrieben: die Hauptdarsteller (und Nebendarsteller) sind gut, sehr gut, und wirken authentisch, aber die Sets wirken wie -ja eben Sets-. Man hat permanent das Gefühl einem zwischen Holzkulissen abgefilmten Theaterstück zuzusehen. Alles wirkt etwas steril und künstlich, niemals hat man das Gefühl wirklich in Neapel der 50er zu sein, was wirklich eine Schande ist. Insbesondere da Authentizität und hohe "production values" eine Spezialität und Kennzeichen von HBO sind. Es ist wirklich nur den Darstellern zu verdanken, das die Serie trotzdem sehr sehenswert ist, aber... was hätte man daraus machen können.
a.vollmer 02.05.2019
4. Wenn es der Romanvorlage folgt ...
... dann wird es genauso eine Geschichte für ältere Frauen, die ihre eigene Lebensgeschichte im Spiegel der beiden Frauengeschichten wieder erleben, das Schicksal der Nachkriegszeitgeborenen, die in eine Zeit zerbrechender [...]
... dann wird es genauso eine Geschichte für ältere Frauen, die ihre eigene Lebensgeschichte im Spiegel der beiden Frauengeschichten wieder erleben, das Schicksal der Nachkriegszeitgeborenen, die in eine Zeit zerbrechender Strukturen hinein wuchsen, das alte düstere aber berechenbare Grauen gehen sahen, aber sich ohne Vorbild in eine neue Zeit einfügen mussten, die noch zuviel der alten Zeit aufgebürdet hatte. Diese sentimentale Nostalgie einer Nostalgie ist für jeden im Hier und Jetzt lebenden Menschen schwer konsumierbar und da die Romane nicht den Hintergrund oder die Ursachen jenseits patriarchaler Regime ausleuchten, dürfte auch die Serie an der Stelle versagen, gerade wegen der engen Zusammenarbeit mit der Autorin des Originals. Also nur für bürgerliche Frauen 65+. Wie man am Erfolg der Romanvorlage sieht, ist das ein Markt mit Potential, der bedient werden will. Und Magenta ist der richtige Platz, wer hat denn außer dieser Altersgruppe der älteren Herrschafteb so etwas abonniert?
Spon_Client 02.05.2019
5. MagentaTV
... gehört in die Überschrift oder ersten Absatz. Alles andere ist für mich nur Werbung.
... gehört in die Überschrift oder ersten Absatz. Alles andere ist für mich nur Werbung.

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