Kultur

Amazon-Doku über Rapper Meek Mill

11 Jahre ein Sklave

Leben auf Bewährung: Über mehr als ein Jahrzehnt wurde der Rapper Meek Mill von der US-Justiz gegängelt. Die Serie "Free Meek" dokumentiert den prominenten Fall einer systemischen Freiheitsberaubung.

Amazon
Von
Freitag, 09.08.2019   21:56 Uhr

Zehn Jahre Justiz-Martyrium. Diese schreckliche Erfahrung hat bei dem 32 Jahre alten Rapper Robert Rihmeek Williams alias Meek Mill psychische Beschädigungen hinterlassen. Das wird in einer Szene deutlich, die dem Zuschauer die Kehle zuschnürt: Ende April 2018 tritt Williams mit schüchternem Lächeln vor die Kameras, er trägt einen Anzug, sein Onkel hat ihm extra noch die Haare akkurat gestutzt.

Vor wenigen Stunden ist er - nach fünf Monaten in Einzelhaft - auf freien Fuß gesetzt worden, dank einer Berufung am Supreme Court von Philadelphia. Auf Bewährung blieb Meek Mill damals trotzdem - seit seinem 19. Lebensjahr, elf Jahre lang, lebte der Rapper unter Aufsicht eines US-Gerichts.

Nun tritt er ans Mikro und hebt an, eine kurze Rede über die Ungerechtigkeit des Justizsystems zu halten. Als Hip-Hop-Star will er seine Prominenz nutzen, um auf die Misere der vielen "voiceless men" hinzuweisen, deren Geschichten er im Gefängnis kennengelernt hat. Doch seine Stimme versagt, er verliert den Faden und bricht ab. Er sei im Moment zu überwältigt von der Situation, bringt er noch heraus.

Im Hintergrund-Interview, das der Szene gegengeschnitten ist, erklärt er, wie sehr ihn ein Jahrzehnt unter Generalverdacht beeinträchtigt hat: "Mein ganzer Denkprozess ist anders als er früher war, meine Gedanken fangen immer wieder an zu wandern", sagt er, gezeichnet von einem Leben, das lange nur einen einzigen Fokus hatte: nicht gegen die Bewährungsauflagen zu verstoßen. Es ist ein eindrücklicher Moment, der ohne Pathos vermittelt, wie junge, afroamerikanische Männer systematisch zum Verstummen gebracht werden.

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"Free Meek": Eingesperrt im System

Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Auch wenn die Anzahl inhaftierter Schwarzer in den USA generell rückläufig ist, waren noch 2013 rund ein Drittel aller Afroamerikaner unter 18 schon einmal verhaftet worden oder mit dem Justizsystem in Berührung gekommen. Obwohl Schwarze nur rund 14 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, davon rund 19 Millionen Männer, liegt ihr Anteil unter den Gefängnisinsassen dauerhaft zwischen 35 und 40 Prozent.

Und damit sind nur diejenigen gezählt, die tatsächlich einsitzen, nicht all jene, die wie Meek Mill versuchen, unter strengen, zum Teil absurden Bewährungsauflagen ein normales Leben zu führen, einen Job zu haben, eine Familie zu gründen - oder gar eine Karriere als Popstar aufzubauen. Von vielen Bürgerrechtlern und Aktivisten wird die Masseneinkerkerung und behördliche Kontrolle als rassistisch betrachtet, eine Fortsetzung der institutionellen Versklavung von Schwarzen in den USA.

Eine verhängnisvolle Razzia

"Free Meek" macht kein Geheimnis daraus, dass die Serie parteiisch ist: Co-produziert wurde der Fünfteiler von Roc-Nation, der Entertainment-Firma des New Yorker Rap-Moguls Jay-Z, bei der auch Meek Mill einen Künstlervertrag hat. Unter Roc-Nations Ägide entstand auch jene Kampagne, die der Doku ihren Namen gibt: "Free Meek" machte in den vergangenen Jahren immer wieder öffentlichkeitswirksam auf das Schicksal des Rappers aufmerksam, dessen letztes Album "Championships" 2018 auf Platz eins der Billboard-Charts einstieg.

Die ersten Episoden zeigen in nachgestellten Szenen, wie Williams 2007 von Polizisten vor seiner Wohnung in einem Problemviertel von Philadelphia überwältigt und zusammengeschlagen wird. Angeblich habe er Crack gedealt und die Beamten mit einer Waffe bedroht - beides entspricht, so schildert es die Serie und auch Meek Mill selbst, nicht der Wahrheit.

Zwar hatte der damals 19-Jährige eine Pistole dabei. Als er die von zwei Seiten auf ihn zueilenden Polizisten bemerkte, legte er sie jedoch auf dem Boden ab. Vor Gericht glaubt die Vorsitzende Richterin Genece Brinkley jedoch den Aussagen des bei der Razzia federführenden Drogenfahnders Reggie Graham, der sich später, nach den Ermittlungen eines Investigativteams, als "dirty cop" erweist.

Grahams Unglaubwürdigkeit wird zum Schlüssel für die Berufung am Supreme Court, die im vergangenen Jahr zunächst zur Freilassung - und nun auch zur Aufhebung der Bewährung führte: Seit Ende Juli ist Meek Mill wieder ein freier Mann. Sein Fall wird wohl neu verhandelt, die Entscheidung darüber steht noch aus.

Eine obsessive Richterin

Beklemmend leitet die Serie her, wie ein dauergrinsender, fieberhaft rappender Jugendlicher mit wippenden Afro-Braids von seiner vordergründig wohlmeinenden Richterin bis in Depressionen und Tablettensucht hinein ausgebremst wird: Die Afroamerikanerin verurteilte den Rapper zunächst zu einem Jahr Gefängnis mit fünf Jahren Bewährung, also ein scheinbar guter Deal.

Doch der Lebensstil eines aufstrebenden Musik-Stars vertrug sich nicht gut mit den strengen Auflagen, die Brinkley immer obsessiver und restriktiver auslegte. Zwischenzeitlich verbot sie Williams, Philadelphia zu verlassen, während er eigentlich auf Tournee gehen wollte, auch neue Musik durfte er während der Reisesperre nicht aufnehmen. Die Bewährungsstrafe wurde mit jedem neuen Urteil verlängert.

"Free Meek" - offiziellen Trailer ansehen:

2017 schließlich verurteilte sie Williams zu weiteren zwei bis vier Jahren Gefängnis und schickte ihn in Isolationshaft. Der Grund: Er habe bei einer nächtlichen Motorradfahrt in New York einen sorgenannten "Wheelie" gemacht, also das Vorderrad abheben lassen, und damit Passanten gefährdet. Polizei und Staatsanwaltschaft wollten keine große Sache daraus machen, die Richterin schon.

Wie exemplarisch dieser so tragische wie spezielle Fall für systeminhärenten Rassismus und Justizwillkür letztlich ist, bleibt fraglich. Dennoch hoffe er, sagte Meek Mill dem Magazin "Variety", dass Projekte wie "Free Meek" oder Ava DuVernays fiktionalisierte Miniserie "When They See Us" über die sogenannten Central Park Five "Augen öffnen und Bewusstsein schaffen". Angesichts eines erschreckenden Fotos aus dem texanischen Galveston, auf dem berittene Polizisten einen schwarzen Verdächtigen an einer Leine abführen, als ginge es geradewegs zum Lynchen wie vor 150 Jahren, scheint dies notwendiger denn je.


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insgesamt 5 Beiträge
pegasus2012 09.08.2019
1. Das ist kein Rassimusproblem, es kann jeden Treffen.
Das macht ja diese verkappte Form der Sklaverei so heimtückisch wie sie "private prison industries" praktiziert! Ob Schwarz oder Weiß , Kind oder Erwachsener, niemand ist da mehr sicher und selbst kindliches [...]
Das macht ja diese verkappte Form der Sklaverei so heimtückisch wie sie "private prison industries" praktiziert! Ob Schwarz oder Weiß , Kind oder Erwachsener, niemand ist da mehr sicher und selbst kindliches Fehlverhalten was in der Familie gemaßregelt werden sollte führt mancherorts bereits zu drakonischen Haftstrafen (Kids for Cash Skandal) geführt und auch Menschenleben gekostet. Das kommt davon wenn man Privatisierung bis aufs äußerste zulässt und Gewinninteressen die Oberhand gewinnen.
celtics 10.08.2019
2. Sehenswert
Die Serie ist zwar nicht ganz objektiv, aber alle Beweise die vorgetragen wurden sind es. Unsere Justiz ist zwar nicht perfekt, aber zum Glück nicht so krankhaft wie das amerikanische
Die Serie ist zwar nicht ganz objektiv, aber alle Beweise die vorgetragen wurden sind es. Unsere Justiz ist zwar nicht perfekt, aber zum Glück nicht so krankhaft wie das amerikanische
Newspeak 10.08.2019
3. ....
Was machen eigentlich die anderen Amerikaner, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten? Die Strafen mögen unverhältnismässig sein, ok, aber völlig grundlos gerät man auch in Amerika meistens nicht vor Gericht. Wenn man [...]
Was machen eigentlich die anderen Amerikaner, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten? Die Strafen mögen unverhältnismässig sein, ok, aber völlig grundlos gerät man auch in Amerika meistens nicht vor Gericht. Wenn man etwas kritisieren will, dann die Umstände und die fehlende Chancengleichheit, die Afroamerikaner trifft. Trotzdem gibt es eine Mehrheit, die sich an das Gesetz hält und auch keine Sonderregelungen verlangt, weil man Rapper ist.
K:F 10.08.2019
4. Rassistischer Rechtsstaat USA
Nur wer in den USA Glück hatte in die richtige Familie reingeboren zu sein, kann davon ausgehen von der Justiz unbehelligt zu bleiben. Die Normalos sind der perfiden Sklavenhalter-Industrie von Polizei, Richter, und Staatsanwalt [...]
Nur wer in den USA Glück hatte in die richtige Familie reingeboren zu sein, kann davon ausgehen von der Justiz unbehelligt zu bleiben. Die Normalos sind der perfiden Sklavenhalter-Industrie von Polizei, Richter, und Staatsanwalt ausgeliefert. In Kombination mit der privaten Gefängnisindustrie.
mhwse 10.08.2019
5. ich habe mal (in Deutschland) - vor 19 jahren
eine juristischen Fehler gemacht - noch nicht mal was strafrechtliches - nur einen Bauvertrag unterschrieben - die Bank interpretierte die Möglichkeiten des Darlehens auf ihre Weise. (weil die selber schon klamm waren .. ) [...]
eine juristischen Fehler gemacht - noch nicht mal was strafrechtliches - nur einen Bauvertrag unterschrieben - die Bank interpretierte die Möglichkeiten des Darlehens auf ihre Weise. (weil die selber schon klamm waren .. ) Durch die Folgen werde ich heute (19 Jahre später) immer noch vom deutschen Staat - nicht etwa den privaten Gläubigern finanziell gegängelt .. man muss gar nicht mit Gefängnis bedroht werden - die angedrohte Pfändung des Bankkontos kommt einem dauernden Hausarrest gleich - ein ruhiges und entspanntes Leben ist so nicht mehr möglich .. (oder etwa ein stabiles Einkommen zu erzielen) Wenn man bedenkt, dass auch bei schweren Straftaten ein Erlass der Strafe nach 8 bzw. 15 Jahren möglich ist - eine geringe Steuerschuld (die sogar nur auf einer Schätzung beruht - das Geld wurde nie erwirtschaftet) aber nie erlassen wird - man aber nicht mehr ordentlich Arbeiten kann, wenn das Konto gepfändet ist - muss man sich fragen, ob das noch irgend eine Art von Gerechtigkeit beinhaltet. (zumal die staatlichen Leistungen dann zum Lebenserhalt, die virtuelle Schuld bei Weitem übersteigen ..) Klar ich kenne das US System - war ja auch dort - nur das Gängel Prinzip gibt es auch hierzulande. (Es gäbe durchaus Regelungen die da zur Anwendung kommen könnten - nur das kann man eben selber nicht entscheiden)

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