Kultur

Grausamer Mafia-Serienhit "Gomorrha"

Kopfschuss für die Demokratie

Politiker werden hingerichtet, Kokseinnahmen nach London geschafft: "Gomorrha" erzählt von Demokratiedämmerung und Drogenkrieg in Europa. Ein düsterer Gruß aus Italien kurz vor den EU-Wahlen.

Gianni Fiorito/ Sky
Von
Donnerstag, 23.05.2019   10:27 Uhr

Die Demokratie, die Presse, die Opposition: Der Bürgermeister eines kleinen süditalienischen Örtchens versucht, dem Mafioso in Stichworten zu erklären, weshalb er nicht einfach durchregieren kann, obwohl die Camorra ihm zur Wahl 2000 Stimmen für je 50 Euro gekauft hat. Der Pate hört schweigend zu, der Bürgermeister darf wieder gehen. Vor der Tür schießt ihm ein Gangster in den Hinterkopf, die Blutfontäne färbt das Kamerabild rot.

Der Auftakt zur "Gomorrha" ist mal wieder ein Akt entfesselter Gewalt: eine Hinrichtung der Demokratie. Mit aktuellen politischen Verweisen hielt man sich bei dem Serienprojekt nach der Vorlage des Mafia-Aufklärers Roberto Saviano immer zurück - vielleicht auch deshalb, weil diese Verweise vor dem Hintergrund des stets heißlaufenden italienischen Politbetriebs bei Ausstrahlung sowie schon veraltet wären. Trotzdem werden präzise gesellschaftliche Dynamiken und Stimmungen verhandelt.

Der Kopfschuss für die Demokratie, das ist ja auch eine erschütternde Allegorie auf ein Italien, das sich unter seinem aktuellen Innenminister mehr und mehr von rechtsstaatlichen Prinzipien verabschiedet.

Geldwäsche mit Segen des Herrn

Zudem wird in "Gomorrha" nun der Mafia-Betrieb transkontinental ausgeweitet. In Folge vier sehen wir, wie Gold aus Camorra-Besitz in Marienstatuen-Form gegossen aus Italien nach Großbritannien geschmuggelt wird, um dann in London in undurchsichtige Finanzkonglomerate investiert zu werden. Geldwäsche mit dem Segen des Herrn.

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Serienhit auf Sky: Die Mafia, eine europäische Erfolgsgeschichte?

Hinter der Transaktion steht Genny (Salvatore Esposito), der letzte Spross des neapolitanischen Savastone-Clans. Am Ende der zweiten Staffel ließ er seinen Vater umbringen, am Ende der dritten tötete er seinen besten Freund. Die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit war trotzdem immer groß bei dem jungen Mann. Doch erst versemmelte er das Kapital seines Clans in Immobiliengeschäften in Rom und Mailand, später dann legte er sich mit seinem Bauunternehmer-Schwiegervater an und kehrte zwangsweise in die Unterwelt Neapels heim. Zurück zum Drogenhandel, dem Kerngeschäft der Camorra.

Am Anfang der vierten Staffel von "Gomorrha", die ab Donnerstag bei Sky zu sehen ist, macht Genny nun Pläne, nach Großbritannien umzusiedeln, weil Neapel für seine Frau und sein Kind zu gefährlich geworden ist. Von den "Vele di Scampia", dem heruntergekommenen Sozialbauprojekt im Norden Neapels, in ein Luxusapartment am Hyde Park mit gigantischem Queen-Porträt an der Wand: Der Mobster mag es plakativ.

Die Mafia, eine europäische Erfolgsgeschichte?

In London will Genny das eingeschmuggelte Kapital in ein Konsortium stecken, das das Geld wiederum in ein großes Flughafenprojekt investieren soll, dem ein Strohmann von ihm vorsteht. Der Italexit ins Großbritannien vor dem Brexit, das ist ein schöner düsterer Gruß ans vereinigte Europa kurz vor der Wahl des EU-Parlaments.

Vor dem Abflug überträgt Genny der alten Savastano-Weggefährtin Patricia (überwältigend: Cristiana Dell'Anna) alle Befugnisse, um die Drogengeschäfte daheim am Laufen zu halten. Die starken, komplexen weiblichen Figuren waren ja schon immer das Tolle an "Gomorrha". Wenn man sagt, die Frauen in der Serie sind für die Familie zuständig, dann soll das heißen, dass sie eben vor allem auch für die Geschäfte der Familie zuständig sind. Unvergessen, wie Gennys Mutter einst einem in Ungnade gefallenen Zuarbeiter beim Muschelessen freundlich, aber bestimmt auftrug, sich selbst das Leben zu nehmen, damit man seine Frau und sein Kind verschone.

Obwohl von der Familie der Savastanos in der vierten Staffel nicht mehr viel übrig ist, verbreitet sich die destruktive Kraft unheilvoll bis in die kleinsten sozialen Zellen. Kinder, Mütter, Greise, alle sind Teil eines Kreislaufes der Gewalt. Eine Bombe im Auto wird von einer Mutter mit Tochter im Kindersitz auf einem gut besuchten Platz geparkt. Die Neu-Patin Patricia erschießt eigenhändig zwei halbwüchsige Handlanger, die sie vorher wie zwei Söhne behandelt hat.

Und Genny, der weiterhin von der Bürgerlichkeit träumt, sucht ausgerechnet in der Vorschule seines Kindes Kontakt zu dem Staatsanwalt, der seine Machenschaften untersucht. Gangster und Staatsanwalt schauen gerührt ihren Sprösslingen beim Spielen zu, reden über das Versagen der eigenen Väter und ihre Hoffnungen, es besser zu machen. Was für eine Szene: Optimistische Helikopter-Dads inmitten des Drogenkriegs und der Demokratiedämmerung Italiens.

In einer früheren Version des Textes war zu lesen, Genny habe in der zweiten Staffel selbst seinen Vater getötet. Er ließ die Tat aber von einem anderen Mafioso ausführen. Wir haben den Fehler korrigiert.


"Gomorrha", ab Donnerstag bei Sky

insgesamt 11 Beiträge
remixbeb 23.05.2019
1. Danke!
Danke (Nicht!) für die Spoilerei vor der Ausstrahlung. Hätte gerne am Anfang des Artikels stehen dürfen. Ich habe aufgehört zu lesen, als ich gemerkt habe, dass hier schon Inhalte verraten werden..
Danke (Nicht!) für die Spoilerei vor der Ausstrahlung. Hätte gerne am Anfang des Artikels stehen dürfen. Ich habe aufgehört zu lesen, als ich gemerkt habe, dass hier schon Inhalte verraten werden..
HAL3000 23.05.2019
2. Nun...
... der Autor hätte etwas genauer hingucken sollen - Genny hat nicht seinen eigenen Vater Don Pietro Savastano erschossen. Das war Ciro Di Marzio, auch der "Unsterbliche" genannt.
... der Autor hätte etwas genauer hingucken sollen - Genny hat nicht seinen eigenen Vater Don Pietro Savastano erschossen. Das war Ciro Di Marzio, auch der "Unsterbliche" genannt.
ancoats 23.05.2019
3.
Eine unglaublich gut gemachte Serie, dramaturgisch, optisch, besetzungstechnisch. Ein realistisches und düsteres, dabei intelligentes Meisterwerk - gehört definitiv in eine Spitzenposition der internationalen Serien-Topliga, [...]
Eine unglaublich gut gemachte Serie, dramaturgisch, optisch, besetzungstechnisch. Ein realistisches und düsteres, dabei intelligentes Meisterwerk - gehört definitiv in eine Spitzenposition der internationalen Serien-Topliga, wenn nicht ganz nach oben.
sysop 23.05.2019
4. @2, HAL3000
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das korrigiert.
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das korrigiert.
gruenerfg 23.05.2019
5. Sehr wichtig
Irgendwie schon sehr wichtig, Filme zu besprechen, die auf Sky laufen. SPON zeigt eben, für wen er sich interssiert.
Irgendwie schon sehr wichtig, Filme zu besprechen, die auf Sky laufen. SPON zeigt eben, für wen er sich interssiert.

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