Kultur

Zehn Jahre "Goodbye Deutschland"

Das Schlingern der Schrottvögel

"Goodbye Deutschland" kultiviert seit zehn Jahren kunstvolle Straucheleien und abgewürgte Neustarts. Zum Jubiläum zeigte man leider Erfolge. Und wo war bitte der Mallorca-Jenser?

DPA
Von
Mittwoch, 10.08.2016   10:25 Uhr

Kein Businessplan, nirgends. Marktanalyse? Fehlanzeige. Finanzpolster, Plan B oder C, zumindest rudimentäre Kenntnisse der neuen Sprache? Och, äh, nö. Dafür jede Menge grundnaiver Knallchargen, die ausziehen, um irgendwo an fremden Gestaden ihre Zwiebelbuden oder Fingernagelfräsereien mit derselben kalbsäugigen Professionalität zu betreiben, wie extrem Minderjährige ihre Kinderpost oder ihren Kaufmannsladen.

Das ist das solide Misserfolgserfolgsrezept von "Goodbye Deutschland", nunmehr seit zehn Jahren praktiziert, was Vox eine feiste vierstündige Sondersendung wert ist. Seit 2006 hat der Sender 350 Auswanderer bei ihrem Neustart begleitet.

Paradoxerweise muss man sich bei diesen Feierlichkeiten als Zuschauer erst einmal durch eine dicke, zähklebrige Mauer aus zuckersüßen Erfolgsgeschichten nagen, bevor man sich in den geliebten Kapriolen und Schnapsideen landesflüchtiger Simpel suhlen kann. Natürlich, ohne die hausgemachte Retortenprominente Daniela Katzenberger geht nichts in einer solchen Jubiläumssendung.

Mit positiven Geschichten wäre die Sendung nicht zehn geworden

Also schaut man ihr noch einmal dabei zu, wie sie vor sieben Jahren noch an der mittleren Stirn festgetackerte Augenbrauen in der Form trauriger Regenwürmer und dieselbe satsuma-eske Hautfarbe wie Donald Trump trug und radebrechend vor Hugh Hefners Playboy-Anwesen herumstöckelte, mit dem Begehr, sich bitte für das Busenblättchen des Greises entblättern zu dürfen.

Leider widmet man dann für das Format denkbar untypischen Figuren sinnlos viel Sendezeit: Einer westfälischen Familie, die vor zehn Jahren nach Lappland auswanderte, vorher wusste, dass es dort im Winter minus 40 Grad kalt werden kann, schon zu Hause schwedische Sprachkurse belegte und bei der Wahl ihres neuen Ortes sorgfältig darauf geachtet hatte, dass ausgerechnet dort ihre beruflichen Qualifikationen sehr gefragt sein dürften - das ist doch nicht unser "Goodbye Deutschland"!

Je länger man also diesen Erfolgsauswanderern dabei zuhört, wie sie mit schwedenhausroten Backen von ihrem schönen neuen Leben erzählen, von der Chefarztstelle des Mannes, vom wahnsinnig adrettnetten Freund der ältesten Tochter, der dem Vater beim Kennenlernen höflich eine selbst erlegte Elchzunge überreicht hatte, desto mehr ist klar: Mit dem Fokus auf positiven Geschichten wie diesen wäre die Sendung sicher keine zehn Jahre alt geworden.

Die Schrottvögelchen und Pleitegeier

"Goodbye Deutschland" braucht Gimpel. Heinis, die nach Brasilien auswandern, weil man da am Strand so geil mit dem Buggy herumfahren kann. Die Sonnenstudios auf Mallorca eröffnen und Tauchschulen in Tansania, natürlich ohne jede Sprachkenntnis. Die kitschige Kussmünder auf billige Hemdchen drucken lassen und das "Kollektion" nennen, die hintereinander Strandcafé, Fischknabbermanikür-Anstalt und Frisörladen in den Sand setzen.

Natürlich werden beim Zuschauen billigste Reflexe bedient: Wenn man ihnen in der neuen Heimat beim - in den meisten Fällen - völlig absehbaren Schlingern, Straucheln und Scheitern zusieht, fühlen sich das eigene Den-Hintern-nicht-Hochkriegen, die eigenen vertanen Möglichkeiten und nicht gewagten Risiken - das Leben im Konjunktiv also - als richtiges, sicheres, wohliges Leben an.

Natürlich treten sie dann doch noch auf, die Schrottvögelchen und Pleitegeier, nachdem die Erfolgsschweden überstanden sind. Das gescheiterte Wunsch-Brasilianerpaar Mermi-Schmelz etwa, denen auch der Bankrott ihres Cafés nicht die gegenseitige Dauer-"Schatzi"-Bepuschelung austreiben konnte.

"Geld weg, Frau weg, Blagen weg! Schalalala alles weg!"

Die Frisöre Jörg und Fabio, bei denen nun auch noch "auf der sexuellen Linie" nichts mehr geht. Die Bebensees, die als klassische Deutsch-Kneipiers überrascht feststellen mussten, dass es gar nicht mal so unanstrengend ist, auf Gran Canaria ein gut laufendes Etablissement zu eröffnen, weil es da - konnte keiner ahnen! - schon ein, zwei, tausend andere Restaurants und Bars gibt.

In "Goodbye Deutschland!" ist Scheitern noch schäbig, ruinös und rundheraus beschissen. Nicht irgendwie start-uppig hip, wie es einem seit einiger Zeit "Fail Nights" und "Fuckup Nights" und andere fidele Bekennerveranstaltungen in London, Berlin, München weismachen wollen. Dort berichten nunmehr erfolgreiche Unternehmer schmunzelnd davon, wie sie sich auf dem Weg das ein oder andere Mal sauber auf die Schnauze gelegt haben.

Die Geschichten, die aus zehn Jahren "Goodbye Deutschland" im Kopf bleiben, sind nicht die geglückten Neuanfänge, nicht die Heldenstorys, es sind die Scherbenreisen. Umso bedauerlicher, dass in der Jubiläumsausgabe ausgerechnet eine der Ikonen dieses Prinzips fehlte, der stimmlose Stimmungssänger Jens Büchner, der mit seinem Lied "Pleite aber sexy" schließlich so etwas wie den inoffiziellen "Goodbye Deutschland"-Song geschrieben hat: "Geld weg, Frau weg, Blagen weg! Schalalala alles weg!" Und jetzt alle!

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL u.a. im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.

insgesamt 61 Beiträge
olafpape 10.08.2016
1. Super Sendung
Warum muss immer alles schlecht geredet werden. Kein Wunder das Leute auswandern.
Warum muss immer alles schlecht geredet werden. Kein Wunder das Leute auswandern.
Winniethepuuh 10.08.2016
2. Schaue ich in den Himmel
Und auf das politische Berlin, so wächst stets der Wunsch auszuwandern. Leider weiß ich auch, dass ich beruflich im Ausland nicht halb so erfolgreich sein könnte. Das naive Scheitern erschreckt mich aber jedes Mal zutiefst, [...]
Und auf das politische Berlin, so wächst stets der Wunsch auszuwandern. Leider weiß ich auch, dass ich beruflich im Ausland nicht halb so erfolgreich sein könnte. Das naive Scheitern erschreckt mich aber jedes Mal zutiefst, wenn ich in diese Sendung schaue. Zurück bleibt eine gewisse Fassungslosigkeit. Der Stil der Autorin hingegen gefällt mir gut. Er ist erfrischend.
profbingo 10.08.2016
3. Top
Goodbye Deutschland 1- ein Highlight im deutschen Fernsehen...nicht wissenschaftlich aber sexy...
Goodbye Deutschland 1- ein Highlight im deutschen Fernsehen...nicht wissenschaftlich aber sexy...
solna 10.08.2016
4. Danke, Frau Rützel
Brillanter Artikel. Danke. Ich habe noch zwei weitere Mottos für Sie, die in etwa auf Ihrer Wellenlänge liegen dürften. 1. Nothing is intrinsically boring. 2. No good deed goes unpunished. Und ja, Buffy, großartig.
Brillanter Artikel. Danke. Ich habe noch zwei weitere Mottos für Sie, die in etwa auf Ihrer Wellenlänge liegen dürften. 1. Nothing is intrinsically boring. 2. No good deed goes unpunished. Und ja, Buffy, großartig.
moni.riedel 10.08.2016
5. Yippiiieeeee
Die Rützelin ist wieder da. Der Morgen ist gerettet. So, und jetzt kommt alle raus, Ihr Kulturretter...
Die Rützelin ist wieder da. Der Morgen ist gerettet. So, und jetzt kommt alle raus, Ihr Kulturretter...

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