Kultur

Zuwanderung

Stresstest in der Vorstadt

Heimat im Umbruch: Eine ARD-Reportage zeigt Rückzug und Verunsicherung in Vorstadt und Provinz. Dort kollidieren Alteingesessene mit neuen kosmopolitischen Eliten.

WDR/ BTF/ Nicolai Mehring
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Montag, 25.02.2019   14:06 Uhr

Ist Deutschland ein Einwanderungsland? In den Großstädten ist die Frage längst geklärt: Es ist eines. Man kann die Einwanderung gelungen finden oder problematisch oder beides zusammen, aber in den urbanen Ballungsräumen ist sie nun mal seit langer Zeit eine Tatsache. Einwanderung kann diskutiert werden, aber sie kann nicht geleugnet werden, und schon gar nicht kann sie zurückgedreht werden.

In der ARD-Reportage "Heimatland", die heute vor einer Ausgabe "Hart aber fair" zum Thema läuft, kommen als prominente Einsprengsel auch Politiker vor. Einwanderungsland? Außenminister Heiko Maas (SPD) sagt Ja, Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagt Nein. Die Entscheidung darüber, ob man irgendwann einen belastbaren Konsens darüber findet, dass Migration ein bestimmender Faktor für unsere Gesellschaft ist, wird außerhalb der Großstädte entschieden - in den Garage-Kiesweg-Trampolin-Arealen der Vorstadt, in den Mittelstandszonen an den Autobahnabfahrten.

Denn die sind alles andere als peripher: Dort könnten in näherer Zukunft die zentralen Dispute über uns Zusammenleben ausgetragen werden. Brennt die Vorstadt, brennt das Land. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Folgen einer geglückten oder missglückten Flüchtlingspolitik, sondern um die Kollision mobiler und immobiler Gesellschaftsschichten, wie man sie in den Großstädten in dieser Gegensätzlichkeit kaum findet.

Neuer Westen, alter Osten

Es ist deshalb nur schlüssig, dass sich Julia Friedrichs, Fabienne Hurst und Andreas Spinrath für ihren 45-Minüter über das Heimatgefühl in Deutschland anno 2019 in zwei vermeintlich geschlossene Kosmen außerhalb der Metropolen begeben: in die schicke neue Eigenheimsiedlung Widdersdorf am Rand von Köln, direkt hinter der Autobahn 1, mit ihren geometrisch geordneten Wohnquadern und in die kleine, pittoresk verwitterte Stadt Anklam im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Neuer Westen, alter Osten sozusagen.

In Widdersdorf haben die alteingesessenen Dorfbewohner, die sich seit Jahrzehnten von Karnevalssitzungen kennen, auf einmal 7000 neue Nachbarn, viele von ihnen nicht deutscher Herkunft. Die Zugezogenen sind Teil einer modernen Elite, kosmopolitisch geprägt, ethnisch heterogen und im Prinzip bereit, weiterzuziehen.

Für die Neu-Widdersdorfer ist Heimat da, wo sie das Trampolin für ihre Kinder aufbauen (auf dem nach ein paar Jahren sowieso keiner mehr hüpft). Für die Alt-Widdersdorfer ist Heimat da, wo sie seit 50 Jahren ihren Grill im Garten hinstellen für Feste, bei denen seit 50 Jahren dieselben katholischen Freunde aus dem Karnevalsverein kommen (weil ein Leben außerhalb des Karnevalsvereins unvorstellbar erscheint).

WDR/ BTF/ Fritz Gnad

Grafik zum ARD-Film "Heimatland"

Für die Neu-Widdersdorfer ist das Konzept von Heimat stets im Umbruch: Im Keller von einem der neuen Wohnquader hat sich die Bewohnerin ihr privates Büro eingerichtet, das weiße Inventar sieht aus wie aus einem OP-Saal, abwaschbar und schnell einzupacken. Die Frau arbeitet im Bereich systemisches Coaching; Burn-out, Change-Management und so. Viele ihrer Patienten sagen: "Kann ja vielleicht noch was Besseres geben. Wir haben viel zu viele Optionen, und das stresst uns total."

Die Neu-Widdersdorfer und die Alt-Widdersdorfer verkörpern die gesellschaftlichen Gruppen, die der britische Publizist David Goodhart im Nachgang der Brexit-Abstimmung "Anywheres" und "Somewheres" genannt hat, also jene, die prinzipiell überall eine Heimat finden können, und jene, die dazu einen spezifischen Ort brauchen. Der Brexit wurde von den "Somewheres" beschlossen. Man kann über sie schimpfen, aber: Ohne sie, so gestrig sie anmuten mögen, wird man die Zukunft der Gesellschaft nicht gestalten können.

Zukunftsversprechen Provinz

Denn die "Somewhere"-Fraktion besteht keineswegs nur aus älteren, abgehängten Jahrgängen. Das belegt die ARD-Reportage pointiert am Beispiel Anklam. Eine Befragung am örtlichen Gymnasium zeigt, dass ein Großteil der Schüler vorhat, in der Kleinstadt zu bleiben. Sie fühlen sich hier wohl, sehen hier ihre berufliche Zukunft, die Metropolen und das Ausland schrecken sie eher ab. Provinz ist hier durchaus ein Versprechen für die Zukunft.

Schöner Nebeneffekt für Anklam: Im Gegensatz zu vielen anderen Städten in Ostdeutschland wächst die Bevölkerung wieder; wer mit dem Bürgermeister vom Balkon auf den Rathausplatz guckt, sieht florierende Geschäfte, fast alles kleine Unternehmer aus der Gegend. Unschöner Nebeneffekt für Anklam: Man bleibt weitgehend unter sich, nationalistische Netzwerke haben offenbar leichtes Spiel.

Im Landkreis, so heißt es im ARD-Film, seien 22 Unternehmen mit rechtsextremen Verbindungen gezählt worden. Der Zusammenschluss "Handwerker Anklam" soll vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Die Ballung rechter Verbindungen widerlegt die Annahme, dass der Rechtsextremismus vor allem in wirtschaftlich darniederliegenden Ostregionen wächst. In Anklam gedeiht er in dem Maße, wie die Gemeinde gedeiht.

Es sind die starken Momente in der Reportage, wenn sie den Blick auf gesellschaftliche Dynamiken lenkt, die nicht den üblichen Gewinner-Verlierer-Logiken entsprechen. Gegen Ende wollen die Filmemacher ein bisschen viel für 45 Minuten Sendezeit, ein Topsoziologe nach dem anderen wird als Stichwortgeber aufgefahren. Das wirkt streckenweise so, als würde man der eigenen Feldforschung nicht glauben.

Trotzdem wird unmissverständlich klar: Es sind der Mittelstand, die Vorstadt und das abgelegene Eigenheimidyll, die darüber entscheiden, wie offen oder geschlossen die deutsche Gesellschaft in Zukunft sein wird.


"Heimatland. Oder die Frage, wer dazugehört", Montag, 20.15 Uhr, ARD. Danach folgt eine Ausgabe "Hart aber fair" zum Thema.

insgesamt 12 Beiträge
muunoy 25.02.2019
1. Stereotype Sichtweisen der Journalisten ist ein Problem
Zunächst: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Ein typisches Einwanderungsland zeichnet sich durch geringe Steuern und Abgaben auf Einkommen aus, wohingehend Sozialleistungen, die keine Versicherungsleistungen sind, von einem [...]
Zunächst: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Ein typisches Einwanderungsland zeichnet sich durch geringe Steuern und Abgaben auf Einkommen aus, wohingehend Sozialleistungen, die keine Versicherungsleistungen sind, von einem Einwanderungsland so ziemlich gar nicht gewährt werden. Deutschland ist als sozialer oder gar sozialistischer Umverteilungsstaat für die "kosmospolitische Elite" äußerst unattraktiv, weshalb selbst aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten keine qualifizierten Leute zu uns kommen. Die gibt es im Nahen Osten durchaus. Ich habe dort schon einige Projekte gemacht. Ach ja, als freiberuflich tätiger Unternehmensberater habe ich schon auf allen Kontinenten außer Australien Projekte gemacht. Gehöre ich deshalb zur kosmopolitischen Elite? Der Begriff ist völlig schwachsinnig. Klar, man hat viele Kulturen kennen gelernt und gerade deshalb die Heimat schätzen gelernt. Meine Frau ist Chinesin. Wir sind vor einem Jahr aufs Land gezogen. Dort sind die Leute viel weltoffener als in vielen Ballungsgebieten. Meine Frau, die vorher im Ruhrgebiet viel mit dem Fahrrad unterwegs war, ist hin und weg. Wenn sie auf dem Fahrrad in Bochum unterwegs war, wurde sie ständig angeschnautzt. Auf dem Dorf wird sie von allen höflich gegrüßt. Auch ich habe schon in der Stadt gewohnt. Die Zuwanderung von Menschen ohne Bildung aus muslimischen Ländern sehe ich gerade in der Stadt äußerst kritisch, da ich davon ausgehe, dass aufgrund der starken Inkompatibilität der arabischen Kulturen mit unserer die Integration scheitern muss. Jetzt auf dem Land sehe ich es etwas positiver. Dort kann es gelingen. Wir haben in meinem Dorf auch eine Flüchtlingsunterkunft ohne die Probleme, die ich aus der Stadt kenne. Ach ja, die Kommune ist reich. Weil dort die Leute wohnen, die unseren Wohlstand erwirtschaften. Vielleicht sollten Journalisten, die sich als Intellektuelle empfinden, mal von ihrem hohe Ross runter kommen und Menschen mit anderen Erfahrungen nicht immer als hintlerwäldlerisch, rückschrittlich, rechts, rechtspopulistisch und ähnlich dämlich bezeichnen. Die "weltoffene, kosmopolitische Elite" ist ja zumeist auch nicht weltoffen, kosmopolistisch oder gar Elite. Der Handwerksmeister, der mit seinem Betrieb 50 TEUR Steuern im Jahr erwirtschaftet, ist weitaus mehr Elite als irgendein Literat, der viele Bücher gelesen hat.
Nordstadtbewohner 25.02.2019
2. Eine Frage des Intellekts
Ich denke, das ganze ist auch eine Frage des Intellekts. Kosmopolitisch bedeutet nicht automatisch gebildet oder weltoffen. Ich habe durchaus schon den einen oder anderen Kosmopoliten angetroffen, der eher ein Spießer als ein [...]
Ich denke, das ganze ist auch eine Frage des Intellekts. Kosmopolitisch bedeutet nicht automatisch gebildet oder weltoffen. Ich habe durchaus schon den einen oder anderen Kosmopoliten angetroffen, der eher ein Spießer als ein weltoffener Mensch war. Man kann letztlich nichts erzwingen. In meinem Viertel leben de facto "nur" Hochschulabsolventen und man schottet sich (gerne) gegen Bildungsferne ab. Das passiert ungeachtet dessen, ob man einen Migrationshintergrund hat oder nicht.
brandmauerwest77 25.02.2019
3. Den
Begriff Heimat immer gleich mit rechts und rechtsextrem zu assoziieren kann ja wohl auch nur auf irgendwelchen Vorurteilen basieren. Genauso könnte man dann die Anywheres im Umkehrschluss als wurzellose Linke oder Linksextreme [...]
Begriff Heimat immer gleich mit rechts und rechtsextrem zu assoziieren kann ja wohl auch nur auf irgendwelchen Vorurteilen basieren. Genauso könnte man dann die Anywheres im Umkehrschluss als wurzellose Linke oder Linksextreme diffamieren. Anywheres gibt es auch erst, seit man den Arbeits- Plätzen hinterherreisen muss, hat also eher wirtschaftspolitische Ursachen statt ideologische . Außerdem spielt bei diesem Thema Alter oder Alterung eine nicht unerhebliche Rolle, weil es was mit nachlassender Flexibilität zu tun hat. Sesshaftigkeit ist in dem Fall einfach die bessere Alternative.
Dr. Kilad 25.02.2019
4. Deutschland ist doch Produkt von Einwanderung
Allerdings ist die völkische Ideologie wieder groß am kommen. Ohne Ausländer ging und geht doch in Deutschlang gar nichts.
Allerdings ist die völkische Ideologie wieder groß am kommen. Ohne Ausländer ging und geht doch in Deutschlang gar nichts.
dasfred 25.02.2019
5. Ich finde das Thema interessant
Ich bin in einem Einfamilienhaus zusammen mit etwa zehn Nachbarhäusern aufgewachsen bis ich zwölf war. Dann entstanden nochmal etwa vierzig Häuser auf einem ehemaligen Obsthof. Jetzt, wo nach und nach die älteren Nachbarn [...]
Ich bin in einem Einfamilienhaus zusammen mit etwa zehn Nachbarhäusern aufgewachsen bis ich zwölf war. Dann entstanden nochmal etwa vierzig Häuser auf einem ehemaligen Obsthof. Jetzt, wo nach und nach die älteren Nachbarn sterben, kommen die Häuser zum Verkauf und gehen eben auch an Migranten aus Russland und der Türkei, die mittlerweile zu Geld gekommen sind. Die Frage, die sich die alten Anwohner stellen, ist, sehen wir unser Viertel jetzt wie eine weiße Siedlung in den USA, in die plötzlich die ersten Schwarzen ziehen und die Preise verderben oder integrieren wir die neuen Nachbarn genauso wie jeden Deutschen. Um es vorweg zu nehmen, meine Schwester lebt heute noch dort und der Kontakt ist so reibungslos wie früher mit den alten Nachbarn. Natürlich gab es Vorbehalte auf beiden Seiten, aber die schwinden unter Nachbarn ebenso schnell, wie unter Kollegen, wenn der soziale Status vergleichbar ist.

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