Kultur

Deutsche Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)"

Steckt Jan Böhmermann dahinter?

Nerd zieht Online-Drogenhandel auf, um seine Ex zu beeindrucken: In ihrer ersten Netflix-Serie bemüht sich die Produktionsfirma bildundtonfabrik, aus einer klischierten Geschichte eine rasante Comedy zu machen. Na ja.

Netflix
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Mittwoch, 29.05.2019   18:13 Uhr

Am Wochenende brachte die "taz" eine Seite mit Fotos von alltäglichen Misslichkeiten. Verschimmelte Brotscheiben waren abgebildet, Lippen mit Herpesbläschen, eine rote Ampel. Darüber stand, in Anspielung auf die ungeklärten Hintergründe des Strache-Videos, die Zeile "Steckt Jan Böhmermann dahinter?"

Über die vermeintliche Allmächtigkeit von TV-Star Böhmermann lassen sich zurzeit viele Witze reißen. Bei der neuen Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ist die Frage nach seinem Einfluss aber ziemlich instruktiv. Denn nicht nur steckt mit der bildundtonfabrik die Produktionsfirma hinter "HtSDO(F)", die auch alle Böhmermann-Sendungen verantwortet. Die Serie ist auch von einer Idee geprägt, die viel mit der öffentlichen Persona des Komikers zu tun hat, nicht zuletzt mit deren Widersprüchlichkeit.

Dabei ist der Sechsteiler (Start: 31. Mai) eigentlich von der Geschichte des Teenagers Maximilian S. inspiriert, der von seinem Leipziger Kinderzimmer aus einen millionenschweren Onlinehandel mit Drogen aufzog. 2015 wurde S. alias "Shiny Flakes" zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Serienadaption, geschrieben von Philipp Käßbohrer, Sebastian Colley und Stefan Titze, verlagert das Geschehen nun in die westdeutsche Provinz und dichtet ihrer männlichen Hauptfigur eine zumindest romantisch einwandfreie Motivation an: Schüler Moritz (Maximilian Mundt) möchte mit dem Dealen seine Ex-Freundin Lisa (Lena Klenke) beeindrucken.

Was heißt hier Außenseiter?

Die war für ein Jahr zum Austausch in den USA und hat dort Party-Drogen für sich entdeckt. Durch einige komplizierte Fügungen kommt Moritz an einen Beutel mit Ecstasy-Pillen und fängt an, im Darknet deren Vertrieb zu organisieren. Mit den ersten Kunden kommen ihm aber auch lokale Dealer und die Polizei auf die Spur.

Die Geschichte von der kleinen Nummer, die es aus Versehen mit den ganz Großen aufnimmt, ist schon vielfach erzählt worden. "Breaking Bad" hat sie auf insgesamt fünf Staffeln ausgebreitet. Bei "HtSDO(F)" fühlt sie sich schon auf sechs Folgen à 30 Minuten reichlich ausgedünnt an, womöglich, weil sie mit einer anderen, ebenso altbekannten Erzählung verschränkt ist: dem Highschooldrama und dessen Archetpyen. Moritz ist der nerd, der technikaffine Außenseiter, Dan (Damian Hardung) seine größte Konkurrenz um Lenas Herz, der jock, der schneidige Sportler.

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"How to Sell Drugs Online (Fast)": Nerds? Och, nö

Buch und Regie (Lars Montag, Arne Feldhusen, "Tatortreiniger") geben sich zwar einige Mühe, nicht allzu schematisch zu erzählen. So hat Moritz mit Lenny (Danilo Kamperidis) einen körperbehinderten Kumpel an seiner Seite und ist Ex Lena weit mehr als eine wankelmütige Prinzessin, die vergessen hat, was sie an der ehrlichen Haut Moritz hat. Ihre Sinnkrise ist glaubhaft und macht sie zur Figur mit dem interessantesten inneren Konflikt.

Im Zentrum der Serie steht mit Moritz und Lenny dennoch eine Buddy-Konstellation, die so abgeschmackt ist, dass sie das Serienfernsehen selbst schon abgehakt hat - nicht zufällig ist gerade die letzte Folge von "Big Bang Theory" gelaufen. Nerds, zumal in ihrer männlichen und technikaffinen Ausformung, sind seit Langem nicht mehr marginalisiert, weder sozial noch popkulturell.

Im Gegenteil, in der digitalen Gesellschaft wächst ihr Einfluss immer weiter und reicht längst in die Mitte hinein - was "HtSDO(F)" auch genauso vorführt. Moritz ist per Smartphone-Hack über alle Chats von Lena informiert, kann dank Facebook ein Bewegungsprofil seines Konkurrenten erstellen und hat von "IDK" bis "cheat day" das gesamte Millennial-Glossar parat. Was soll da noch "Außenseiter" bedeuten?

Checker in der Nische

Gleiches muss man sich auch bei Jan Böhmermann fragen. Wahlweise per Twitter, TV oder Podcast mischt er in so ziemlich allen politischen Debatten des Landes mit. Daher rührt auch die "taz"-Witzelei über seine gefühlte Strippenzieherei. Trotzdem inszeniert sich Böhmermann weiterhin als der blasse junge Mann vorm Bildschirm, der Checker in der Nische, der nur reinruft, nicht mitredet. Wenn sich aber - auch dank des Rezo-Videos - gerade die Maßstäbe verschieben, was Rand und was Zentrum in den Medien ist, dann wäre ein Überdenken des eigenen Status langsam fällig.

Doch alte Rollenbilder - eigene wie fremde - erweisen sich im bildundtonfabrik-Kosmos als ziemlich hartnäckig und im Fall von "HtSDO(F)" inszenatorisch nur schwer zu entstauben. Zwar spricht Moritz immer wieder direkt in die Kamera ("So ziemlich jeder in meinem Alter war schon mal im Darknet") und gibt es pro Folge eine Art Einspieler, mit dem Informationen zum Beispiel zur Wirkung von MDMA in die Serie eingespeist werden.

Im Video: Der Trailer zu "How to Sell Drugs Online (Fast)"

Beide Elemente betonen in ihrer Strebsamkeit aber letztlich nur, wie wenig die Serie ihrer Geschichte und ihren Figuren vertraut. Das tut sie zwar zu Recht, doch einen Schritt weiter zu gehen und sich von vornherein von den Klischees zu lösen, wäre noch viel besser gewesen.

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