Kultur

Böhmermann und die SPD

Märtyrer der Demokratie. Oder auch nicht

Gefangen in der Endlos-Ironisierungsschleife: Nach seinem mäßigen Polit-Prank in Sachen SPD-Vorsitz versucht Jan Böhmermann den Witz juristisch weiter zu spinnen. Zum Demokratieerneuerer wird er so nicht.

Ben Knabe/ ZDF

Jan Böhmermann

Von
Freitag, 06.09.2019   00:35 Uhr

Warum so wortkarg, Jan Böhmermann? Dafür, dass uns der Moderator am Donnerstag alle Details zu seinem vermeintlichen Coup verraten wollte, geizte er ganz schön mit Informationen. Keine zehn Minuten dauerte der Teil seines "Neo Magazin Royale", in dem er über seinen gescheiterten Plan Auskunft gab, sich um einen Kandidatenplatz für die Wahl zum SPD-Vorsitz zu bewerben.

Böhmermann zitierte in diesen knapp zehn Minuten verdrießlich aus negativen Zeitungskommentaren zu der Aktion. Er beschwerte sich, dass die Presse die von der SPD auf Twitter verbreitete Opfergeschichte nachgeplappert hätte. Er kritisierte den Bezirksbürgermeister von Köln-Ehrenfeld, der formal für die Anerkennung seines SPD-Mitgliedantrags zuständig wäre, sich aber öffentlich gegen einen Eintritt aussprach. Er machte einen Witz über Karl Lauterbach, der vorher in einer Videoaufzeichnung einen Witz über Jan Böhmermann gemacht hatte.

Die Hintergründe zu seinem verunglückten Bewerbungsstunt für den höchsten Posten in der SPD-Hierarchie ließ er entgegen seinen Versprechungen vom Montag völlig offen. Wohl auch deshalb, weil es überhaupt gar keine Hintergründe gab.

Kritik zum Nulltarif

Das ganze Unterfangen - extra gebaute Website hin, Bewerbungsrede her - wirkte von Anfang an wie ein wackeliger Polit-Prank, den das Böhmermann-Team eilig in den letzten Tagen der Sommerpause erdacht haben musste. Wäre Böhmermann schon länger an dem Plan dran gewesen, hätte er ja früher einen Antrag auf SPD-Mitgliedschaft gestellt, wäre damit dem angeblichen Ziel der Kandidatur schon einen Schritt näher gewesen und hätte sich seine Kritik an der Parteibürokratie der Sozialdemokraten sparen können. Diese Kritik zum Nulltarif streute der nun frisch Gescheiterte auch jetzt wieder ein, als er in Bezug auf die Partei klagte: "Wenn sie sich oben öffnet, macht sie offensichtlich unten zu."

Dieses im Grinsemodus inszenierte Demokratiemärtyrertum nervt. Nicht nur weil es möglicherweise die Demokratiemüdigkeit in großen Teil der Bevölkerung verstärkt, wie es in vielen Kommentaren nach der ersten Sendung korrekt auf den Punkt gebracht worden war, sondern auch deshalb, weil es so plump aufgeführt wird. Spätestens bei dem "Glück auf!"-Marsch, mit dem Böhmermann in der aktuellen Sendung sich und uns betont lustlos für die angeblich aufrechterhaltenen SPD-Eroberungspläne ein weiteres Mal in Fahrt zu bringen versuchte, wollte man aus der Endlos-Ironisierungsschleife aussteigen. Böhmermann kann es besser.

Einen wahren Satz sagte er allerdings in der aktuellen Sendung: "Ich freu mich aber als Mensch, als Journalist, als Fernsehmoderator, als vielleicht zukünftiger Genosse und vor allen Dingen als Fan der Sozialdemokratie, dass die Ernsthaftigkeit meiner Kandidatur als SPD-Parteivorsitzender in den Medien ausführlicher besprochen und hinterfragt wurde als die von Olaf Scholz." Tatsächlich war es erstaunlich, wie deutsche Medien - darunter auch der SPIEGEL - noch in der Nacht zu letztem Freitag ohne Konjunktiv oder Anführungszeichen darüber berichteten, dass Böhmermann SPD-Chef werden will, und wie die nicht sehr glaubhaft zur Aufführung gebrachten Bestrebungen für den Posten am nächsten Morgen über der gesamten Diskussion über die realen Vorsitzkandidaten lagen.

Ukrainische Verhältnisse in Deutschland?

Seine Ankündigung hatte Böhmermann letzte Woche mit den Worten "kein Witz!" untermauert. Der Komiker sagt: Ich mein es ernst - und jeder glaubt dem Komiker, dass er es ernst meint. Das ist bedenklich. Es fühlte sich ein bisschen so an, als stünden Deutschland politische Verhältnisse bevor wie in Italien oder der Ukraine, wo es Witzbolde in höchste Partei- und Regierungspositionen bringen können.

In seiner aktuellen Sendung wiederholte Böhmermann nun seinen Nicht-Witz, SPD-Vorsitzender werden zu wollen. Seit letzten Sonntag habe sein Team mit seinen Juristen einen Plan erarbeitet - von dem man allerdings nicht zu viel verraten wolle.

Tatsächlich hatten Böhmermanns Anwälte in der gerichtlichen Auseinandersetzung wegen seines Schmähgedichts mit Recep Tayyip Erdogan Beharrungsvermögen bewiesen. Doch hinter diesen Bemühungen steckte der größere politische Auftrag, einem autokratischen Regierungschef zu beweisen, dass es in einem demokratischen Rechtssystem kein Platz für dessen Machtdemonstrationen gibt.

Mal angenommen, Böhmermanns Rechtsberater könnten nun wirklich der SPD-Organisation ein Schnippchen schlagen und den Antrag ihres Klienten auf Parteimitgliedschaft durchsetzen: Was wäre damit erreicht? Dass die am Boden liegende SPD einen Witzbold aufnehmen müsste, der sich ohne ernst zu nehmendes Programm für den obersten Posten in der Partei beworben hat, um sie so, hahaha, völlig zu erledigen?

Es ist nicht anzunehmen, dass Jan Böhmermann aus diesem fadenscheinig gesponnenen Politplot als Demokratieerneuerer herausgeht.

insgesamt 44 Beiträge
FrankDunkel 06.09.2019
1.
Böhmermann nutzt jeden Käse für seine flachen Kalauer. Leider bietet ihm die gute alte SPD dafür zur Zeit sehr viele Angriffsflächen.
Böhmermann nutzt jeden Käse für seine flachen Kalauer. Leider bietet ihm die gute alte SPD dafür zur Zeit sehr viele Angriffsflächen.
FrankDunkel 06.09.2019
2.
Jupp Wirges, der Bezirksbürgermeister von Köln-Ehrenfeld, ist im SPD-Ortsverein Ehrenfeld lediglich Beisitzer im Vorstand. In seiner Funktion als Bezirksbürgermeister ist er gar nicht zuständig, ob er es als Beisitzer im [...]
Jupp Wirges, der Bezirksbürgermeister von Köln-Ehrenfeld, ist im SPD-Ortsverein Ehrenfeld lediglich Beisitzer im Vorstand. In seiner Funktion als Bezirksbürgermeister ist er gar nicht zuständig, ob er es als Beisitzer im Vorstand ist, die Diskussion darüber ist im Falle Böhmermann müßig. Die Tatsache, dass Wirges dem SPD-Beitrittswunsch von Böhmermann zumindest kritisch gegenübersteht, zeigt lediglich eines: Jupp Wirges ist sehr klar bei Verstand.
gruener00 06.09.2019
3. Da kandidieren doch eh genug Witzfiguren
Witziger ist Böhmermann auch nicht.
Witziger ist Böhmermann auch nicht.
shotaro_kaneda 06.09.2019
4.
Ein Parteivorsitzender Böhmermann wäre nun wahrlich das Ende der SPD. Vielleicht reichts dann für einen Sitz im EU-Parlament. Da kann er sich mit Herrn Sonneborn zusammentun (wobei ich Herrn Sonneborn äußerst schätze. Seine [...]
Ein Parteivorsitzender Böhmermann wäre nun wahrlich das Ende der SPD. Vielleicht reichts dann für einen Sitz im EU-Parlament. Da kann er sich mit Herrn Sonneborn zusammentun (wobei ich Herrn Sonneborn äußerst schätze. Seine Rede im EU-Parlament bei der Vorstellung VdL hat jetzt schon Kultstatus.)
dasfred 06.09.2019
5. Was kann Böhmermann denn bei der SPD falsch machen?
Mittlerweile kennt die Durchschnittsbevölkerung mehr prominente AfD Politiker, als bekannte SPD Politiker. Viele Hamburger wissen nicht mal, wer ihr aktueller Bürgermeister ist. Der Niedergang der SPD begann doch schon vor [...]
Mittlerweile kennt die Durchschnittsbevölkerung mehr prominente AfD Politiker, als bekannte SPD Politiker. Viele Hamburger wissen nicht mal, wer ihr aktueller Bürgermeister ist. Der Niedergang der SPD begann doch schon vor Jahrzehnten, als sich die Basis lieber für Scharping als für Lafontaine ausgesprochen hat. Mit Schröder hat die Partei dann das soziale Gewissen an die Industrie verkauft. Senkung der Löhne ohne jede Untergrenze, Hartz iv und Steuersenkungen für Großverdiener, dazu die Tore für Heuschrecken weit aufgerissen. Was die SPD in der späteren GroKo als Erfolge für sich verbuchen will, ist von der CDU CSU dermaßen verwässert, dass es kaum Wirkung zeigt. Wer weiß denn genau, was die SPD will und wer das Thema durchsetzungsstark verkörpern kann? Was Böhmermann gerade macht ist, dass er die Partei endlich mal wieder ins Licht zerrt. Es glaubt doch wohl nicht tatsächlich jemand daran, dass Böhmermann jetzt dreißig Jahre Versäumnisse aufarbeitet? Jan Böhmermann kann der Partei eine Plattform bieten. Wie sie diese für sich nutzt, muss sie jetzt endlich selbst festlegen. Themen wie Wohnen, Rente, Vermögensbildung und Umweltschutz liegen auf der Straße. Die Partei muss sie nur aufheben und breitenwirksam Aufbereiten.

Mehr im Internet

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP