Kultur

"Joko & Klaas gegen ProSieben"

Anarchie auf Sparflamme

Gefangen im ProSieben-Crossover-Marketing: In ihrer neuen Show wirkten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf seltsam gebremst - hoffentlich nutzen sie die gewonnene Sendezeit für etwas Spektakuläres.

ProSieben

Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf: Ein paar wunderbare Momente liebevoll virtuoser Sendezeitverschwendung

Von
Mittwoch, 29.05.2019   02:40 Uhr

Hoppla, ein neues, frisches Gesicht gab es dann doch. Es war der hoch gehandelte und hochbegabte YouTube-Comedian Teddy Teclebrhan, dem die Aufgabe zukam, eine Prüfung anzukündigen. Sein Auftritt per Studioschalte war zugleich Werbung für seine eigene neue Sendung, die im direkten Anschluss von "Joko & Klaas gegen ProSieben" lief. Mit forcierter Fröhlichkeit sagte er: "Hallo Joko und Klaas, ich gehöre jetzt auch zu ProSieben." Dann verstellte er die Stimme so, dass man glauben konnte, ihm sei das Gehirn entkernt worden, und fügte hinzu: "Ich bin jetzt auch gebrainwasht."

Das brachte am Dienstag recht amüsant die zuweilen zombieske Stimmung des 160-Minuten-Riemens auf den Punkt, bei dem sich allerhand Halbtote aus dem ProSieben-Parallelkosmos die Klinke in die Hand gaben.

Bei einer Raterunde zu "Germany's Next Topmodel" trat unter anderem Thomas Hayo als Gegner des Duos an, bekannt aus der gleichnamigen ProSieben-Show. Bei einem Spiel, für das man aus der Horizontalen auf eine von der Decke herabhängende Dartscheibe treffen musste, war Martin Schindler dabei, den man aus der "ProSieben Darts WM" kannte. Und bei einer Übung mit dem Titel "Weitwurf-Bluff", wo irgendwelche Dinge in irgendwelche Behälter geschmissen werden mussten, machte Joey Kelly mit, mehrmaliger Sieger des ProSieben-Wettbewerbs "Schlag den Star". Auch kurz im Bild: Lena Meyer-Landrut und Yvonne Catterfeld, bekannt aus verschiedenen Jahrgängen der, nun ja, ProSieben-Show "The Voice".

Schon früher ließ Gätjen bei ProSieben einseifen

Bei so viel Senderprominenz und -halbprominenz war man froh, dass mit Steven Gätjen ein Moderator beschäftigt worden war, der eigentlich beim ZDF arbeitet - bis man sich erinnerte, dass der Mann seine Karriere ja ebenfalls bei ProSieben begonnen hatte. In "Sommermädchen 2009" hatte er leicht bekleidete junge Frauen dazu animiert, sich vor der Kamera einzuölen, um auf diese Weise ein Shooting für ein Männermagazin zu gewinnen.

Willi Weber/ ProSieben

V.l.: Winterscheidt, Gätjen und Heufer-Umlauf vor der Sendung

Bei seiner Heimkehr zu ProSieben am Dienstag fungierte Gätjen als Schiedsrichter. Am Anfang erklärte er noch mal das Konzept der Sendung: Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf treten in verschiedenen, eigens entwickelten Disziplinen gegen den Sender an. Gewinnen die Unterhaltungskünstler am Dienstag, dürfen sie am Mittwoch zur besten Sendezeit eine Viertelstunde tun und lassen, was sie wollen. ProSieben wird dafür angeblich ohne jedes Wenn und Aber den Programmplatz freiräumen. Gewinnt der Sender, müssen sich die beiden ProSieben-Tattoos stechen lassen. Eine unschöne Praxis aus der Zeit der Sklaverei, in der Plantagenbesitzer so ihre Leibeigenen kennzeichneten.

Das waren auf den ersten Blick hohe Einsätze für beide Seiten; auf den zweiten dann aber doch nicht. Wie sich Winterscheidt und Heufer-Umlauf dem "Topmodel"-"Voice"-"Darts-WM"-Crossover-Marketing der ProSieben-Plantage unterwarfen, das hatte ja auch so schon etwas Sklavisches. Selbstironisch telefonierten sie zwischendurch immer wieder unterwürfig mit einer ominösen Instanz, die sie "Herr ProSieben" nannten.

Grenzjustiziable Situationen in Reihe

Gleichzeitig fragte man sich, was Winterscheidt und Heufer-Umlauf überhaupt noch Gewagtes anstellen können, was sie nicht schon bei ProSieben getan hätten. Der politisch engagierte Heufer-Umlauf durfte sogar mal in einem Politmagazin Werbung für den damaligen, definitiv alle jungen Stammseher vertreibenden SPD-Chef Martin Schulz machen; der pekuniär engagierte Winterscheidt prüfte in einer sehr langatmigen Investorenshow Geschäftsideen. Und gemeinsam haben die beiden mal den Fernsehkoch Tim Mälzer bei einer "Duell um die Welt"-Folge abgefackelt. Grenzjustiziable Situationen durchliefen sie in ihrer ProSieben-Karriere in Reihe.

In der Show am Dienstag gab es nun ein paar wunderbare Momente liebevoll virtuoser Sendezeitverschwendung, etwa als Heufer-Umlauf den unter schwerer Höhenangst leidenden Winterscheidt die Gittertreppen vom Funkturm hochtreiben oder ihn als lebenden Schwamm mit dem Bagger über einen verdreckten Parkplatz hin und her wischen musste.

Bei alledem, Entschuldigung, wurde man allerdings das Gefühl nicht los, dass der Sender den Verlauf der Show schon in Richtung Sieg für die beiden Moderatoren abgezirkelt hatte. Kaum anzunehmen etwa, dass man bei ProSieben nicht wusste, dass Heufer-Umlauf ein echter "Topmodel"-Junkie ist - und deshalb bei dem gegen Ende angesetzten Wissensduell zur Klum-Show den Rückstand gegen den Sender auf dramaturgisch hocheffiziente Weise aufholte.

Das dürfte ganz im Sinne der ProSieben-Verantwortlichen gewesen sein: Um nicht in der ewigen "Topmodel"-und-"Voice"-Wiederkehr den Relevanztod zu sterben, brauchen die Programmmacher den Sieg von Winterscheidt und Heufer-Umlauf dringender als diese selbst. Eine schnelle, entfesselte, unberechenbare Nummer wäre genau das, was den massiven Stillstand bei ProSieben auflösen könnte.

Dass die erste Ausgabe von "Joko & Klaas gegen ProSieben" nur Unterhaltungsanarchie auf Sparflamme bot, muss nichts heißen. Die beiden können Mittwochabend ja noch ein paar Liter Brandbeschleuniger nachgießen.

insgesamt 10 Beiträge
cosmose 29.05.2019
1.
Ich fand die Sendung erstaunlich unterhaltsam. Highlight war allerdings in meinen Augen Mario Basler, Joe Kelly war bei dem Spiel ohnehin eher Statist. Mario braucht eine eigene Sendung! Ich freue mich schon auf heute Abend, [...]
Ich fand die Sendung erstaunlich unterhaltsam. Highlight war allerdings in meinen Augen Mario Basler, Joe Kelly war bei dem Spiel ohnehin eher Statist. Mario braucht eine eigene Sendung! Ich freue mich schon auf heute Abend, 20.15 Uhr. Mal sehen was die beiden Kaputten in den 15 Minuten so anstellen. Unerträglich waren allerdings die Werbepausen im letzten Drittel. Da hats Pro7 echt übertrieben...
loncaros 29.05.2019
2.
Was genau erwartet der Autor von den beiden? Wenn die Marktforschung heute herausfindet, dass Luftballons platzen lassen die beste Quote bringt, sind die beiden doch die ersten, die morgen mit der Nadel in der Hand zum Dienst [...]
Was genau erwartet der Autor von den beiden? Wenn die Marktforschung heute herausfindet, dass Luftballons platzen lassen die beste Quote bringt, sind die beiden doch die ersten, die morgen mit der Nadel in der Hand zum Dienst erscheinen.
hegoat 29.05.2019
3.
Ich kenne keine der im Artikel genannten Figuren außer Joey Kelly - falls das der Kelly von der Kelly-Family ist. Topmodel, The Voice, Sommermädchen 2009, Darts WM - wer GUCKT sowas??? Und die Frage ist ernst gemeint.
Ich kenne keine der im Artikel genannten Figuren außer Joey Kelly - falls das der Kelly von der Kelly-Family ist. Topmodel, The Voice, Sommermädchen 2009, Darts WM - wer GUCKT sowas??? Und die Frage ist ernst gemeint.
Kurt-C. Hose 29.05.2019
4. Egal
Mit dem der "Wenn ich Du wäre" - Aktion mit Joko bei n-tv als Nachrichtensprecher und Klaas' "Umberto"-Witz-Anruf haben die beiden sich das anarchistischste Fernsehdenkmal seit Harald Schmidts Reifenwechsel im [...]
Mit dem der "Wenn ich Du wäre" - Aktion mit Joko bei n-tv als Nachrichtensprecher und Klaas' "Umberto"-Witz-Anruf haben die beiden sich das anarchistischste Fernsehdenkmal seit Harald Schmidts Reifenwechsel im Fernsehstudio gesetzt.
Draw2001 29.05.2019
5. Ich habe die Sendung nicht gesehen...
den Artikel hier habe ich gelesen. Wenn man keinen Fernseher hat, dann ist der Abstand zu dem gelesenen Text enorm. Man hat eher das Gefühl, dass der Sender nach neuen Konzepten für die Werbeschaltung sucht. Für einen [...]
den Artikel hier habe ich gelesen. Wenn man keinen Fernseher hat, dann ist der Abstand zu dem gelesenen Text enorm. Man hat eher das Gefühl, dass der Sender nach neuen Konzepten für die Werbeschaltung sucht. Für einen Wirtschaftsbetrieb durchaus verständlich. Vor 5 Jahren habe ich das letzte mal ferngesehen. Ich hatte vormals SKY abonniert und dann später gekündigt weil mir selbst dort die Werbung, wenn auch nur vor oder nach den Filmen zuviel wurde. Wenn ich heute etwas sehen will suche ich mir den Film aus und bezahle für das Ausleihen im Internet. Das kostet dann zwischen 2,90€ bis 8,00€. Es ist wahrlich ein enormer Aufwand, 24 Std. - 7 Tage die Woche, Programm zu machen. Dass dann auch immer mal etwas Überflüssiges gesendet wird, bleibt nicht aus. Ich betrachte das Fernsehen in der Hauptsache als Zeitverschwendung. Für andere mag es einfach dazugehören. Erst wenn man selbst aktiv wird und diese Zeit nutzt um die Realität zu erleben, merkt man, dass das Ansehen von vorgefertigten Darbietungen letztendlich nur ein Second-Life ist. Es ist so wie wenn fünf Menschen am Tisch sitzen und in ihr Handy starren - es entsteht nichts.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP