Kultur

Ausnahmeserie "Legion"

Mutanten, Monster, Manson Girls

Keine Superhelden-Serie hat so viel ästhetischen und erzählerischen Überschuss produziert wie "Legion". Eine Würdigung zur dritten und letzten Staffel der fantastischen Marvel-Produktion.

FX Networks
Von
Sonntag, 07.07.2019   19:41 Uhr

"Warum haben wir eigentlich keine Zeitreisende?", fragt eine Figur kurz nach Beginn der dritten Staffel "Legion" empört. Eine sehr gute Frage, denn wo könnte eine Zeitreisende besser aufgehoben sein als bei "Legion"? Schließlich bietet die Serie unter anderem schon die Figur Cary/Kerry, deren Körper von einem älteren Ingenieur sowie einer jüngeren Martial-Arts-Kämpferin geteilt wird, den mächtigsten Mutanten aus dem X-Men-Programm und einen Stoßtrupp an weiblichen Kampf-Droiden mit Prinz-Eisenherz-Frisur und Schnurrbart.

Das irre Figurenensemble - zu dem in Staffel 3 tatsächlich eine Zeitreisende stößt - ist dabei nicht einmal die eine Qualität, die "Legion" in der Serienlandschaft herausstechen lässt. Genauso bemerkenswert sind ihr retrofuturistisches Design, die cinephile Bildgestaltung, der effektvolle Schnitt, der Umgang mit Themen wie psychischen Erkrankungen oder Gewalt gegen Frauen.

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Serienfinale "Legion": Einladung in die Astralebene

Wollte man die größte Besonderheit von "Legion" benennen, wäre es aber wohl der Umstand, dass es die Serie überhaupt gibt - oder besser: gegeben hat, denn mit dieser Staffel endet sie. Dass es etwas vergleichbares, fantasievolles, versponnenes, ambitioniertes hinter der Paywall von Disney+ geben wird, wohin alle Serienprojekte von Marvel verschwinden werden, ist eigentlich unvorstellbar.

Ein Dämon im Kopf

Mitunter war sogar Erfinder und Showrunner Noah Hawley ("Fargo") vom Anspruch seines eigenen Projekts überfordert. Während des Drehs der zweiten Staffel musste er feststellen, dass zehn Folgen nicht ausreichten, um seine Ideen auszuführen und verständlich zu machen. Ausnahmsweise genehmigte ihm Heimatsender FX eine zusätzliche Folge.

Dabei machte die den Verlauf der Staffel auch nicht nennenswert nachvollziehbarer, geschweige denn nacherzählbarer. Der Spaß, den "Legion" bereitet, besteht aber nicht im gekonnten dramaturgischen Aufbau, sondern in der Aneinanderreihung von Momenten: der Tanzszene in der Psychiatrie in der allerersten Folge etwa, oder den populärwissenschaftlichen Erklärvideos zu Phänomenen wie Moralpaniken, die plötzlich Staffel zwei durchzogen.

Die eigentliche Geschichte blieb dabei immer ziemlich klar. Die längste Zeit seines Lebens glaubte David Haller (Dan Stevens), dass er an Schizophrenie leiden würde. Als er erkannte, dass die Stimmen in seinem Kopf von einem Dämon stammten, der ihn als Wirtskörper und -kopf benutzt hatte, konnte er den Dämon bekämpfen und besiegen. Im Vollbesitz seiner immensen übernatürlichen Kräfte war David hin und hergerissen, zu welchem Zweck er sie einsetzen sollte. Er entschied sich für Eigennutz, Gewalt und Zerstörung und wurde so zum wichtigsten Zielobjekt der Sondereinsatztruppen von Regierungsstelle Division 3.

Die Tea Party ist eröffnet

An Davids Bösartigkeit hat sich zu Beginn von Staffel 3 nichts geändert. Sie ist nur, wie so vieles in "Legion", ästhetisch reizvoll verkompliziert. David lebt nun in einer Kommune von glückselig Drogenabhängigen, denen er als Anführer vorsteht.

Da seine Anhängerschaft vor allem aus jungen, langhaarigen Frauen mit Messern besteht, ist die Assoziation mit der "Family" von Charles Manson naheliegend - wie überhaupt sich die Serie vom sauberen Mid-Sixties-Chic der ersten Staffel zum psychedelischen End-Sechziger-Style verlagert hat. Kleidete sich Davids große Liebe Syd (Rachel Keller) zu Beginn noch so kokett wie Françoise Hardy, macht sie nun als Janis Joplin-Verschnitt samt rotglasiger Sonnenbrille Jagd auf den Mann, der sie vergewaltigt hat: David.

Die optische Nacherzählung der Sechziger folgt einerseits Davids Charakterentwicklung von freundlicher Unschuld zu moralischem Verfall, steht andererseits aber auch für nichts als sich selbst, denn "Legion" spielt nicht in den Sechzigern, sondern in einer Misch-Zeit, in der eine Sixties-Referenz nahtlos übergehen kann in eine Tea Party aus "Alice im Wunderland" und die zeitgenössische britische Artpop-Band Superorganism einen Auftritt hat mit ihrem Song "Something For Your M.I.N.D" (wofür auch sonst?).

Am Ende: womöglich der Weltuntergang

In diesem fantastischen Zeichen-Gestrüpp ist die Zeitreisende Switch (Lauren Tsai), die sowohl in die Zukunft als auch die Vergangenheit schlüpfen kann, gewissermaßen eine natürliche Ergänzung. Switch sorgt folgerichtig auch nicht so sehr für eine Verkomplizierung der Erzählebenen, sondern der emotionalen Lage. David will sie dafür verwenden, seine Vergewaltigung von Syd rückgängig zu machen. Doch entbindet ihn das von der Verantwortung für die Tat? Und was heißt es für Syd, wenn sie um Davids Pläne weiß? Maßt er sich damit nicht schon wieder an, über ihren Körper und Geist zu verfügen?

Eine weitere, sogar ultimative Fallhöhe hat "Legion" auch noch: den Weltuntergang, schließlich ist David so mächtig, dass er die Erde zerstören kann. Doch am Ende ist das Ende von "Legion" nicht so wichtig, denn es ging nie um die Perspektivierung auf eine Figur oder deren Entscheidung, sondern - der Titel hat es schon immer verkündet - um die Vervielfältigung der Perspektiven, Ästhetiken, Erzählungen. Ihr Nebeneinander hat die Serie im schönsten Überfluss produziert, er wird durch keine Schlusspointe eingehegt werden können. "Legion" war ein mentaler Rückzugsort, eine Fernseh-Astralebene, die sich für drei Staffeln der Allgemeinheit geöffnet hat - und sich nun wieder schließt.


"Legion" ist in Deutschland über Sky Go, Sky On Demand, Sky Ticket, MagentaTV sowie Vodafone Select und GigaTV verfügbar.

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