Kultur

"Greatnightshow" bei Sat.1

Luke Mockridge hat jetzt seinen eigenen Fernsehgarten

Ob infantil oder senil: Luke Mockridge hat für jede Altersklasse einen Witz. In seiner "Greatniteshow" liefert er Wimmelbilder sinnfrei entfesselter guter Laune. Es gab aber auch einen bösen Fehltritt.

Steffen Z. Wolff/ SAT.1
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Samstag, 14.09.2019   11:16 Uhr

Gern würde man wissen, wie viele Flaschen Prosecco die Anzeigen-Akquise bei Sat.1 konsumiert hat, während sie die Werbepots für "Luke! Die Greatnightshow" eingetrieben hat. Von Pflästerchen für pickelige Zwölfjährige bis zur Haftcreme für die dritten Zähne wurden Produkte für wirklich alle Altersklassen beworben; Zielgruppenansprache geht anders.

Andererseits: Vielleicht waren die Werbeblöcke dann doch gar nicht so beschwipst gebaut worden, wie es den Anschein hatte, sondern voll kalkuliert. Schließlich spricht der immer wieder mal als nächster größter deutscher Entertainer gehandelte Luke Mockridge völlig unterschiedliche Altersgruppen an, und vielleicht ganz besonders die ganz Jungen und die ganz Alten.

Der Witz, den er während der Premiere seiner ab jetzt wöchentlich laufenden Sat.1-Show versprühte, verband jedenfalls auf sehr eigentümliche Weise die Generationen: Am Anfang der neuen Show war zu sehen, wie er sich mit zwölfjährigen Helfern die Gags über Bananentelefone und Kartoffelomas ausdachte, mit denen er dann im ZDF-"Fernsehgarten" einen Eklat verursachte, der die deutsche Fernsehbranche, nun ja, tief erschütterte. Am Ende war zu sehen, wie der aus Zeit und Raum gefallen wirkende Pop-Opa David Hasselhoff in eine Pappminiatur der Berliner Mauer stürzte und sie dadurch einriss.

Letztes Lagerfeuerchen mit Oma

Sagen wir mal so: Das Humorspektrum reichte am Freitag von infantil bis senil. Im Grunde genommen hat sich Mockridge mit seiner "Greatnightshow", die viel zu früh für eine Late-Night-Show ist und viel zu versöhnlich für einen Anarcho-Spaß, seinen eigenen kleinen Fernsehgarten zusammengebaut. Ein letztes Lagerfeuerchen in der hochsegmentierten Fernsehunterhaltungswelt der Gegenwart, vor dem tatsächlich noch mal Enkel und Oma zusammenkommen könnten.

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Neue Show mit Luke Mockridge: Witz, ich krieg dich!

Um diesen generationsübergreifenden Effekt voll auszuspielen, präsentierte sich Mockridge dann gleich zu Beginn als Büßer, der sich gemeinsam mit seinen kleinen Helfern haareraufend seinen skandalisierten Auftritt beim "Fernsehgarten" anschaute. Er streckte, nachdem er sich schon zuvor öffentlich entschuldigt hatte, theatralisch die Hand an "Fernsehgarten"-Moderatorin Andrea Kiewel aus, die ihn nach der Show mit Flüchen belegt hatte. Das volle Versöhnprogramm. Das volle Verhöhnprogramm.

Ist Mockridge nun ein Böser? Oder doch ein ganz Lieber? Auf jeden Fall spielt der bereits Grimme-Preis-gekrönte Anwärter auf den Posten des nächsten größten deutschen Entertainers die echte oder angetäuschte Unentschiedenheit oft virtuos aus. Mit seinem Comicfigur-artigen Monsterkinn, das immer erstaunt nach unten geklappt erscheint, sieht er aus wie ein vom "Lucky Luke"-Zeichner Morris erfundener Stallbursche, dem die Gäule durchgehen.

Witz, wohin bist du ausgebüxt?

So ist das eben bei Lucky Luke Mockridge: Der Witz büxt ihm gelegentlich aus, aber beim Versuch, ihn wieder einzufangen, läuft er zu richtiger Größe auf. Tatsächlich ist er einer der ganz wenigen Unterhaltungskünstler im deutschen Fernsehen, die improvisieren können und eine missglückte Pointe in eine unterhaltsame Performance wenden können.

Steffen Z. Wolff/ SAT.1

Mockridge mit David Hasselhoff und Nora Tschirner

So war es nun auch bei der "Greatniteshow", die in ihren besten Momenten an eine aberwitzig aus dem Ruder laufende Revue erinnerte. Gleich beim großen Opening war die Bühne vollgestellt mit Prominenz und Semiprominenz: Ein Gospelchor sang, ein Ballett zeigte die Beine, Roberto Blanco tänzelte als Gott auf die Bühne, von der Decke baumelte Mockridges übergewichtiger Comedy-Kollege Faisal Kawusi wie ein verunglückter Zirkusartist.

Und im großen Finale am Ende führte Mockridge anlässlich des anstehenden 30. Jahrestags des Mauerfalls seine zusammengeklaute Musical-Romanze "The East Side Story" auf, bei der sein Studiogast Nora Tschirner das Liebesobjekt aus dem Osten geben musste und der völlig enthemmte Hasselhoff in die Miniaturmauer knallte. Hasselhoff wirkte auch jenseits der Aufführung, als habe er Probleme mit der Realität und hatte Tschirner vor dem Singspiel sehr sonderbare Dinge über ihr Aufwachsen in der DDR gefragt. Tschirner konterte souverän alle Zumutungen. Allein ihr sich wunderbar in die Verzweiflung steigerndes Was-tu-ich-hier-bloß-Gesicht war das Durchhalten während der Endlos-Werbeblocks wert.

Gastgeber Mockridge aber war nicht mehr zu halten. In solchen Wimmelbildern sinnfrei entfesselter guter Laune läuft er nun mal zu Hochtouren auf, eben weil er Fehler in der Choreografie oft in humoristische Volltreffer verwandeln kann.

Das neue "Komasutra"

Einen Fehler des Abends aber sieht man ihm nicht nach: In der Mitte der Show holte Mockridge den brillanten Comedian Carl Josef auf die Bühne, der an Muskeldystrophie leidet und im Rollstuhl sitzt. Der 14-Jährige ist inzwischen ein YouTube-Star, viele seiner Witze basieren auf seiner Krankheit. So erzählte er, dass er eine eigene Version des Kamasutra für Muskelkranke ausführe. Er nennt es "Komasutra", dazu gehört zum Beispiel die "Reiterstellung nach Christopher Reeve".

Das war souveräne Comedy, und Mockridge ließ dem jüngeren Profi auch erst den angemessenen kollegialen Respekt zukommen. Doch am Ende schenkte er dem Gast generös das barrierefreie Auto, für das dieser eine Crowdfundingkampagne gestartet hatte. Es war ein Modell der Automarke, von der an diesem Abend schon einige Wagen für Gewinnspiele werbeträchtig über die Bühne gerollt waren. Die Version für Carl Josef war mit allen barrierefreien Extras ausgestattet, die Mockridge im abgezockten Idiom eines Gebrauchtwagenhändlers zelebrierte: "Transformer ist ein Scheiß dagegen."

Einen professionellen, im Rollstuhl sitzenden Comedian ungefragt in eine Werbekampagne einzubinden, mit der man als Sender viel Geld verdient, das ist wirklich ein jeden "Fernsehgarten"-Eklat überbietender, böser Fauxpas. Den kann nicht mal der vielleicht nächste größte deutsche Entertainer Mockridge nachträglich in einen Treffer verwandeln.

insgesamt 31 Beiträge
frank.huebner 14.09.2019
1. Wer es braucht
Ich habe kurz reingezappt. Mockridge wie immer eher unlustig bis peinlich. Pkay, wer das braucht soll es sich ansehen. Zum Glück gehen für die infantile Kasperunterhaltung keine Rundfunkgebühren drauf.
Ich habe kurz reingezappt. Mockridge wie immer eher unlustig bis peinlich. Pkay, wer das braucht soll es sich ansehen. Zum Glück gehen für die infantile Kasperunterhaltung keine Rundfunkgebühren drauf.
sekundo 14.09.2019
2. Es fehlt nur
noch, dass dieser Trostpreis seine Mutter als professionelle, obernervige Quasselstrippe in die Sendung holt. Dann explodiert der Fernseher.
noch, dass dieser Trostpreis seine Mutter als professionelle, obernervige Quasselstrippe in die Sendung holt. Dann explodiert der Fernseher.
Sendungsverfolger 14.09.2019
3. Ansichts-Sache
"Tatsächlich ist er einer der ganz wenigen Unterhaltungskünstler im deutschen Fernsehen, die improvisieren können und eine missglückte Pointe in eine unterhaltsame Performance wenden können." Bis auf das [...]
"Tatsächlich ist er einer der ganz wenigen Unterhaltungskünstler im deutschen Fernsehen, die improvisieren können und eine missglückte Pointe in eine unterhaltsame Performance wenden können." Bis auf das "improvisieren können" ist meiner Meinung nach an diesem Satz so zielmlich alles falsch. Der Typ ist einfach nur schlecht. Aber wenn Millionen anderer das nicht so sehen, soll´s mir recht sein. Mein TV hat mehrere Sender.
Susanne133 14.09.2019
4. Wo...
... ist denn eigentlich Frau Rützel..? Sie hätte aus der Rezension zumindest etwas Lesenswertes gemacht.
... ist denn eigentlich Frau Rützel..? Sie hätte aus der Rezension zumindest etwas Lesenswertes gemacht.
raoul2 14.09.2019
5. "Ist Mockridge nun ein Böser? Oder doch ein ganz Lieber?"
Keines von beidem. Er ist vor allem sehr dumm, überheblich und peinlich.
Keines von beidem. Er ist vor allem sehr dumm, überheblich und peinlich.

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