Kultur

Illner-Talk über Verrohung im Internet

"Verstörend viele Männer"

Wer schadet mehr: der Hater im Netz oder der Kaffeedieb? Solche Fragen klärte Maybrit Illner mit ihren Gästen, darunter nur eine Frau. Kurz tendierte der Talk Richtung Krawallstufe 17 - aber Cem Özdemir war ja auch noch da.

ZDF/Svea Pietschmann

Maybrit Illner mit Gästen: In der Gesellschaft ist "etwas verrutscht"

Von Klaus Raab
Freitag, 15.11.2019   06:55 Uhr

Die Zeiten, in denen in Talkrunden Anzugträger einander die Welt erklärten, während sie sich gegenseitig einräucherten, sind vorbei. Der Frauenanteil unter Maybrit Illners Talkgästen lag im ersten Halbjahr 2019 bei 39 Prozent. An diesem Abend aber, bei diesem Thema ("Worte, Wut, Widerspruch - Hass verbieten, Meinung aushalten?"), fiel der Männerüberschuss auf. "Verstörend viele Männer" seien anwesend, sagte Sascha Lobo; verstörend viele angesichts der Tatsache, dass sich Hass im Netz vor allem gegen Frauen richte.

Nur Dorothee Bär war unter den Gästen, die Digitalstaatsministerin der CSU. Ansonsten, neben SPIEGEL-Kolumnist Lobo, Ralf Schuler von der "Bild", der Pianist Igor Levit, Cem Özdemir von den Grünen und, im Publikum sitzend, der Berliner Strafrechtler Ulf Buermeyer als Fachmann für Fragen, die am Studiotisch auch gut aufgehoben gewesen wären.

Buermeyer stellte auch selbst gleich eine ziemlich gute Frage: nämlich wer das Gemeinwesen stärker schädige - jemand, der als antisemitischer Hassprediger im Netz auftritt, oder "jemand, der mal ein Pfund Kaffee mitnimmt"?" Dass ein Ladendiebstahl aber sehr sicher verfolgt werde, Hass im Internet dagegen nicht, sei ein Anzeichen dafür, dass "etwas verrutscht" sei.

Immer wenn es um mögliche Maßnahmen und um strukturelle Aspekte ging, war die Sendung an einem gewinnbringenden Punkt. Buermeyer etwa argumentierte, statt für eine Klarnamenpflicht im Internet, für durch Gerichte verhängte Accountsperren. Dorothee Bär plädierte für "mehr Zugriffsrechte" auf Internetplattformen. Man könne die inhaltliche Bewertung von Postings, in denen etwa der Holocaust geleugnet werde, nicht großen Internetunternehmen überlassen.

Und Cem Özdemir sprach sich dafür aus, identifizierte Autoren von Hasskommentaren sollten häufiger Polizeibesuch bekommen: "Wenn die ersten Verurteilungen ins Haus flattern, wenn die Polizei eine Gefährderansprache macht, spricht sich das rum." Vor allem aber sei, sagte er, statt der Maßnahmenfrage, die Grundfrage zu klären, um die es gehe: "Meint es Deutschland endlich ernst damit, dass man bei uns rechtsradikalen Faschismus nicht zulässt und ihn zerschlägt, und zwar mit den Mitteln des Rechtsstaats?"

Die Klarheit von Özdemirs Redebeiträgen war bemerkenswert. Selbst die Fragen nach seinem persönlichen Befinden, nun, da sein Name auf einer Todesliste von Rechtsextremisten ganz oben steht, wendete er ins Größere: "Die, die das machen, meinen nicht nur mich, die meinen die liberale Republik", sagte er. Er verwies auf die vielen anderen aus Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft, die ebenfalls bedroht würden, aber nicht wie er unter Polizeischutz stünden. Und schwenkte schließlich einen freundlichen Brief, den er von Schülern bekommen habe: Wo der herkomme, sei die Mehrheit, sagte er.

Und sonst? Sonst ging es um Meinungsfreiheit, die gehörte auch irgendwie zum Komplex. Ralf Schuler von der "Bild" beklagte etwa am Beispiel der Kritik an den Greta-Thunberg-Witzen des Kabarettisten Dieter Nuhr "eine massive Unter-Verdacht-Stellung und Verschlagwortung der öffentlichen Debatte": Nuhr sei zum Sprecher der Neuen Rechten gemacht worden. Hatte Schuler die jüngste "Bild"-Etikettierung von Hartz-IV-Empfängern als Faulpelze vergessen? Noch stärker nach Aufgewärmtem roch es, als wieder die Fälle Lucke, Lindner und de Maizière aufgerollt wurden. Sascha Lobo sagte, er finde bemerkenswert, dass nur diese Beispiele derart für Aufwallung sorgen - warum nicht das Auftrittsverbot für die Band Feine Sahne Fischfilet?

Krawallstufe 17 des Abends: Schuler übte sich zudem in der Kunst, aus dem Nichts einen Eklat zu konstruieren. Man müsse eigentlich aufstehen und gehen, sagte er - weil Igor Levit nicht von dem Wortlaut eines wütenden, gegen die AfD gerichteten Tweets abrückte, den er vor mehreren Jahren geschrieben hatte. Schuler blieb dann doch sitzen. Dorothee Bär, CSU, kam später noch einmal darauf zurück. Dass "alte Tweets rausgezogen" würden, sei auch ein Aspekt in der Diskussion über Meinungsfreiheit: Man müsse vorsichtig sein mit dem, was man äußert.

Einigkeit des Abends: Auf die Bedeutung von Anstand konnte sich die Runde weitgehend einigen: "Was ist denn Anstand anderes", fragte Lobo, "als dass man ein bisschen darauf achtet, was man sagt?"

Freiheit des Abends: Nach dem Ende des ZDF-Talks war Dieter Nuhr, der in der Diskussion seinen Gastauftritt hatte, in der ARD so frei, über eine Gesellschaft zu kabarettieren, in der es als gerecht betrachtet werde, wenn jemand, der "blind und bekloppt" ist, Pilot werden dürfe. Was soll man sagen? Kann er machen. Wenn er wirklich meint.

insgesamt 133 Beiträge
RalfHenrichs 15.11.2019
1. Blödsinniger Vergleich
Es geht nicht um Hasspredigen im Netz oder Kaffeediebstahl, was stärker verfolgt wird sondern um Hasspredigen im Netz und Hasspredigen im realen Leben. Und da wäre ich mir nicht sicher. Im ersten Fall können es auch andere [...]
Es geht nicht um Hasspredigen im Netz oder Kaffeediebstahl, was stärker verfolgt wird sondern um Hasspredigen im Netz und Hasspredigen im realen Leben. Und da wäre ich mir nicht sicher. Im ersten Fall können es auch andere mitlesen und zum Anzeigen bringen und über die genaue Wortwahl gibt es keinen Zweifel (man kann sie ja nachlesen). Im zweiten Fall sind vielleicht nur die "Fans" des Hasspredigers anwesend und was der Hassprediger genau gesagt ist, ist unklar (außer es wurde aufgezeichnet). Ausserdem können Hasspredigen im Netz einem auch noch in 10 oder 20 Jahren schaden, Hasspredigen im realen Leben nicht. Auch ist schwer zu beurteilen, wann etwas unter Hass fällt und wann es scharfe, meinetwegen auch pointierte Kritik ist. Vor wenigen Tagen hat sich bei bento eine linke Journalisten gemeldet, die bei twitter wegen angeblicher Hasskommentare gesperrt war, dies aber nicht nachvollziehen konnte und auch keine Begründung erhielt. Es ist also viel schwieriger eine Unterscheidung zu treffen als dies bei einer solchen Runde erscheint. Schlage daher vor man macht es wie im realen Leben: alles ist erlaubt, außer das Gericht verbietet es nach einer Beleidigungsklage. Und ohne Gerichtsurteil wird auf twitter und Facebook nichts mehr gelöscht (maximal gesperrt).
wolleb 15.11.2019
2.
Wenn man ernsthaft über Hetzte diskutiert, darf man niemand von Deutschlands größtem Hetzblatt einladen.
Wenn man ernsthaft über Hetzte diskutiert, darf man niemand von Deutschlands größtem Hetzblatt einladen.
seppfett 15.11.2019
3.
Dass Nuhr der Sprecher der neuen Rechten ist hat er auch gestern wieder bewiesen mit seiner Meinung über Bildung und Behinderung. Ich glaube er will das auch sein. Er gehört zu den rechten Moralaposteln so wie die "Anstalt" zu [...]
Dass Nuhr der Sprecher der neuen Rechten ist hat er auch gestern wieder bewiesen mit seiner Meinung über Bildung und Behinderung. Ich glaube er will das auch sein. Er gehört zu den rechten Moralaposteln so wie die "Anstalt" zu den linken Moralaposteln gehört. Ein Zeichen, dass ein breites Meinungsfeld in unseren öffentlichen Sendeanstalten abgedeckt wird.
cat69 15.11.2019
4. Wer braucht so etwas ?
Ich kann mir nicht vorstellen mir so eine Sendung anzusehen, warum. uss der Kram jetzt noch ins sterbende Print übertragen werden ?
Ich kann mir nicht vorstellen mir so eine Sendung anzusehen, warum. uss der Kram jetzt noch ins sterbende Print übertragen werden ?
stevens-82 15.11.2019
5.
Ich fand den Lobo auch total daneben.
Zitat von wollebWenn man ernsthaft über Hetzte diskutiert, darf man niemand von Deutschlands größtem Hetzblatt einladen.
Ich fand den Lobo auch total daneben.
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