Kultur

Klima-Talk bei Maybrit Illner

Wurst, die Zigarette der Zukunft

Zerstört unser Konsum den Planeten? Das fragte Maybrit Illner. Der Kleinbus voller Gäste debattierte danach über Fleischverschwendung, Tierfutter aus Tieren - und Denkmalschutz für den Regenwald.

ZDF/Svea Pietschmann

Maybrit Illner (Mitte) mit Gästen: "Rechnung dafür bezahlen, was wir der Welt antun"

Von Klaus Raab
Freitag, 30.08.2019   05:01 Uhr

Zwei oder eher drei Gäste weniger: Das hätte interessant werden können. Wer weiß, in welchen Sphären man gelandet wäre, wenn man sich etwa entschieden hätte, so konkret wie möglich über CO2-Bepreisung zu reden.

Aber es war nicht genug Zeit, um die Oberflächenschichten abzutragen. Ein wiederkehrendes Talk-Dilemma. Die Leitfrage bei "Maybrit Illner" war, ob "unser Konsum den Planeten" zerstöre. Eine rhetorische Frage, die prompt niemand verneinte, die aber Ausflüge in diverse Gefilde des großen Klimakomplexes ermöglichte.

Der übliche Kleinbus voller Gäste war dafür angereist: Claudia Kemfert, Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit, tätig am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung; FDP-Chef Christian Lindner; die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock; dazu Sternekoch Nelson Müller; Arndt Günter Kirchhoff, Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen; und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.

Die Preisfrage des Abends: Dass CO2 einen Preis haben solle, darin kam man rasch überein. Die Streitfrage war, welche CO2-Bepreisung die richtige sei.

Claudia Kemfert legte vor: "Wir müssen die Rechnung dafür bezahlen, was wir der Welt antun", sagte sie und forderte die "radikale Kostenwahrheit": Die Klimaschäden, die durch die Produktion von Gütern entstehen, müssten in sie eingepreist werden - was dann hieße, dass Produkte teurer würden; was aber auch eine Lenkungswirkung hätte.

Was FDP-Chef Lindner sagte, klang zunächst ähnlich - es gab aber doch entscheidende Unterschiede: "Wie erreichen wir möglichst günstig unsere Klimaziele?", das sei für ihn die Frage. Er setze auf die Selbstregulierung des Marktes: "Würden wir tatsächlich CO2 ausweisen auch im Fleisch", würde also einkalkuliert, dass etwa in Brasilien angebautes Soja ein CO2-intensives Futter sei, dann "würden plötzlich andere Futtermittel gesucht" - zum Beispiel Futter aus Insekten. Eine CO2-Steuer halte er deshalb für falsch. "Das kann der Markt besser als die Politik."

Widerspruch von Kemfert wie von Annalena Baerbock: "Wir brauchen alle Instrumente, die es gibt", sagte sie. Dass der Markt die "ökonomischen Leitplanken" nicht angemessen setze, sehe man doch daran, dass die "fossilen Formen" nach wie vor dominierten: Die Energie- und Verkehrswende sei ohne die Politik und ein klares Ordnungsrecht nicht zu machen.

Die Systemfrage des Abends: Man hätte an dieser Stelle tief einsteigen können in die freilich herausfordernden Details von CO2-Besteuerung und Emissionsrechtehandel, den Lindner bevorzugt. Aber viel weiter kam die Runde an der Stelle nicht - für "Wie genau?"- oder "Sagen Sie mal ein Beispiel?"-Fragen fehlte die Luftigkeit. "Wir doktern hier an Kleinigkeiten rum", sagte Baerbock irgendwann, als Nelson Müller gerade über die Verschwendung von Fleisch gesprochen und Illner die Frage aufgeworfen hatte, ob Wurst "die Zigarette der Zukunft" sei. Es gehe darum, das Agrarsystem auf "nachhaltige Landwirtschaft" umzustellen: Kein Bauer wolle seine Tiere quälen und das Grundwasser verseuchen. Das sei nur das Ergebnis des bestehenden Förderungssystems.

Der weite Blick des Abends: kam von Lindner - Klima als globale, nicht deutsche Frage: "In die Verbotswelt von Frau Baerbock wird uns kein Chinese folgen, in die Technologiewelt vielleicht schon", sagte er. Er warnte auch vor dem "erhobenem Zeigefinger", den er stets bemerkt, wenn jemand nicht allein auf Marktmechanismen setzt. Allerdings: Diesmal vermied er Baerbock gegenüber jegliche DDR-Vergleiche, anders als im Dezember, als die beiden schon einmal über Klimapolitik mittalkten.

Und der Amazonas? Dass es ein emotionales Ereignis ist, wenn der Regenwald brennt, kommunizierte die Illner-Redaktion in einem Einspielfilm mit erlesenen Geigenklängen. Fernsehphysiker Ranga Yogeshwar warb dafür, die Einzigartigkeit des Planeten ebenso zu schätzen wie der Kunstmarkt einen van Gogh für seine Einzigartigkeit schätze. Claudia Kemfert forderte, den Regenwald "unter Denkmalschutz" zu stellen. Ein Druckmittel habe man gegenüber Brasiliens Präsident Bolsonaro, sagte Baerbock: wenn man Soja und Rindfleisch von im Regenwald gerodeten Flächen nicht importiere. Lindner wiederum: "Die Chinesen, die Brasilianer werden sich ihr Wachstum nicht nehmen lassen" - wenn "wir" nicht mit Brasilien Handel treiben würden, "werden es andere tun".

Und Sternekoch Nelson Müller sprach darüber, dass fleischlose Gerichte "die Leute genauso entertainen können".

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