Kultur

Maischberger-Talk zu tief Gestürzten

Ich hab da mal mein Buch mitgebracht

Talk als Therapiestunde: Sandra Maischberger empfing Menschen wie Ronald Schill und Nino de Angelo, die "hoch geflogen" und "tief gestürzt" sind. Erkenntnis des Abends: Das Leben geht auch ohne Millionensumme auf dem Konto weiter, nur ohne Ferraris.

WDR

Ex-Senator Ronald Schill: "Der größte Fehler meines Lebens"

Von
Mittwoch, 03.12.2014   02:18 Uhr

"Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst."

Über dieses feinsinnige Zitat des englischen Fußballers George Best können vielleicht sogar Eike Immel oder Nino de Angelo in gewissen Augenblicken lachen. Weil es sich bei ihnen ähnlich verhielt. Der ehemalige Torhüter und der Schlagersänger waren beide sehr reich, konnten beide mit dem Geld nicht umgehen, endeten beide in der Privatinsolvenz - und auf dem Sofa von Frau Dr. Maischberger.

Der angebliche Anlass für diese Sendung war an den schütteren Haaren des Thomas Middelhoff herbeigezogen. Vor bald drei Wochen musste der Manager wegen Untreue und Steuerhinterziehung seine Villa in St. Tropez gegen eine Gefängniszelle in Essen eintauschen.

Gar so hoch geflogen oder tief gefallen war keiner der Gäste bei "Maischberger". Yvonne Holthaus beispielsweise wurde von ihrem Verlobten auf einem Berg von Schulden sitzen gelassen und hat darüber ein Buch geschrieben. Dabei wirkte sie so sonnig, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen.

"Es gibt ja unterschiedliche Ferraris, billige und teure!"

Ganz anders Wolfgang Ködel: Der ehemalige Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens öffnete zuerst nicht mehr die Post und floh dann vor den Konsequenzen der Pleite in den Wald. Drei Jahre lang galt er als vermisst, dabei lebte er nur einen Kilometer von seinem längst gepfändeten Wohnhaus entfernt in einem kleinen Zelt von Supermarktabfällen und dem Sammeln von Pfandflaschen. Wobei Ködel diesen Zustand nicht "Leben" nennen würde.

"Glücklich da gewesen?", fragt Maischberger. "Wie in Trance halt, nicht froh, nicht unglücklich", sagt Ködel. In seiner selbstgewählten Isolation hat er das flüssige Sprechen verlernt, immer wieder hilft ihm Maischberger: "Schluck Wasser vielleicht?" Eike Immel kann's nicht glauben: "Haben Sie keinen Freund gehabt?" Nein, seinen Freunden mochte er auch nicht mehr unter die Augen treten.

"Ich hatte auch meinen Wald", sagt Nino de Angelo. Als hoch verschuldeter Krebspatient fehlte ihm einfach die Kraft, auf der Bühne den Sonnenschein zu geben. Weshalb er sogar ein Angebot von Dieter Bohlen ablehnte, ein Album aufzunehmen. Ob der Bohlen das verstanden habe? "Nee, hat er nicht."

De Angelo hatte sein Geld in teure Drogen, vier Ehen und schnelle Autos angelegt. Als Maischberger wissen will, warum es denn gleich sieben Ferraris sein musste, fachsimpelt Immel fröhlich dazwischen: "Als Geldanlage! Es gibt ja unterschiedliche Ferraris, billige und teure!"

Rainer Calmund rät zum Dschungeltrip

Mehrfach vermeidet Nino de Angelo bei der Schilderung seines Untergangs nur knapp einen passenden Kraftausdruck, bis er ihn dann endlich doch verwendet: "Du kannst diesen Tsunami an Scheiße nicht mehr aufhalten." Seine Insolvenz habe auch er als Erlösung empfunden, sich berappelt und "aktuell ein neues Album herausgebracht", wie Maischberger verkündet. "Ich bin wieder gut aufgestellt", freut sich der Sänger und beteuert: "Ich lebe meine Lieder!" Als dann auch noch das Cover eingeblendet wird, fragt man sich für eine Schrecksekunde, ob er gleich einen Auftritt hinlegen wird.

Wie Nino de Angelo kam auch Eike Immel aus einfachen Verhältnissen zu Erfolg, Geld und enormer Popularität. Seine Karriere beendete er in Manchester und merkte plötzlich: "Zu Hause wartete kein Mensch auf mich!" Und wie bei Nino de Angelo kam noch eine Krankheit dazu, die Hüfte, weshalb er nicht weiter als Torwarttrainer arbeiten kann. Zuvor habe er "immer Geld verdient" und nie für möglich gehalten, dass eines Tages alles vorbei sein könnte.

Selbst als es dann so weit war, habe er die Fassade aufrechterhalten: "Dann zahlt man halt für die ganze Runde im Restaurant, obwohl man es sich nicht leisten kann." Die lästigen Briefe hat auch er nicht mehr geöffnet, und auch ihn erlöste erst die Insolvenz: "Man richtet sich dann ein." Das Geld für seine Teilnahme an der RTL-Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" habe er gut brauchen können. Der Tipp, sich dort zum Affen zu machen, sei von Reiner Calmund gekommen: "Calli meinte: Du musst in den Dschungel gehen."

"Das halte ich jetzt in die Kamera"

Anders als Eike Immel und Nino de Angelo gibt sich der ehemalige Hamburger Innensenator und Rechtsparteigründer Ronald Schill aufreizend ungeläutert. "Ich bin wegen des Geldes dort gewesen", sagt er über seine Zeit bei "Big Brother", denn: "Nirgendwo lässt sich Geld so genussvoll verprassen wie in Rio de Janeiro, wo ich lebe." Was wollte ein Ronald Schill als junger Mensch? "Ich wollte ein interessantes Leben führen!" Maischberger ungläubig: "Und dafür haben Sie Jura studiert?"

Schill steigert eigenhändig seine Fallhöhe, indem er darauf pocht, "praktisch stellvertretender Ministerpräsident" gewesen zu sein. Nicht durchgehen lässt ihm Maischberger seine Behauptung, seinerzeit sei die Kriminalität in Hamburg zurückgegangen. Die versuchte Erpressung des damaligen Bürgermeisters Ole von Beust bezeichnet er als den "größten Fehler meines Lebens". Einfach, weil er das anders hätte regeln können: "Ole hat ein Komplott gegen mich geschmiedet und dafür die Quittung bekommen."

Und die Sache mit dem Kokain? "Was hätte Richter Gnadenlos dazu gesagt?", will Sandra Maischberger wissen. Mehrfach fragt sie, mehrfach weicht Schill aus. Dafür zieht er plötzlich ein Buch aus dem Jackett, das er über sein interessantes Leben geschrieben hat. Maischberger ungläubig: "Sie halten das jetzt nicht in die Kamera?" - "Das halte ich jetzt in die Kamera!"

Vielleicht ist genau das der Trick. Man muss die Post gar nicht öffnen. Man muss einfach nur hoch genug fliegen, um danach etwas in die Kamera halten zu können, egal was - dann stürzt man auch nicht so tief.

insgesamt 58 Beiträge
Seraphan 03.12.2014
1.
Nicht ungewöhnlich. Wer einmal oben ist und merkt, er kann sich nicht halten, sollte mit Gepolter runterfallen, damit er darüber ein Buch schreiben und in Fernsehshows auftreten kann.
Nicht ungewöhnlich. Wer einmal oben ist und merkt, er kann sich nicht halten, sollte mit Gepolter runterfallen, damit er darüber ein Buch schreiben und in Fernsehshows auftreten kann.
killing joke 03.12.2014
2. Und wo war
Guttenberg? Oder wird der bald noch einmal recycelt?
Guttenberg? Oder wird der bald noch einmal recycelt?
yongsai 03.12.2014
3. Wie im Kino....
Habe nur noch das Ende mit Ronald Schill gesehen. Und der hat sich ja tatsächlich als der absolute Klischee-Rechtspopulist hingestellt. Genauso könnte ich mir auch einen Haider oder Berlusconi vorstellen. Da weiß ich nicht wer [...]
Habe nur noch das Ende mit Ronald Schill gesehen. Und der hat sich ja tatsächlich als der absolute Klischee-Rechtspopulist hingestellt. Genauso könnte ich mir auch einen Haider oder Berlusconi vorstellen. Da weiß ich nicht wer mir mehr "Leid" tut. Der rechtspopulistische Politiker oder jener, welcher ihn wählt.....
pumpernickl1811 03.12.2014
4. wenn Nino sein Plattencover zeigen darf,
warum darf Schill dann sein Buch nicht zeigen?
warum darf Schill dann sein Buch nicht zeigen?
eigen 03.12.2014
5.
---Zitat--- Vielleicht ist genau das der Trick. Man muss die Post gar nicht öffnen. Man muss einfach nur hoch genug fliegen, um danach etwas in die Kamera halten zu können, egal was - dann stürzt man auch nicht so tief. [...]
---Zitat--- Vielleicht ist genau das der Trick. Man muss die Post gar nicht öffnen. Man muss einfach nur hoch genug fliegen, um danach etwas in die Kamera halten zu können, egal was - dann stürzt man auch nicht so tief. ---Zitatende--- Im Unterschied zu den anderen Gästen hat Schill ne enorme Welle geschoben, wirkte deutlich arroganter als im BB-Container. Er stürzte nicht so tief, weil er keine Schulden und laufende Pensionsbezüge* (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rente-ohne-ende-kokain-video-hat-keine-konsequenzen-fuer-schill-a-540475.html) hatte. Deshalb dick aufzutragen er habe einen "Plan B" gehabt geht schön an der Realität vorbei. Aber das scheint ja jetzt zu seinem Lebensmodell zu gehören wie die Forderung nach Legalisierung von Kokain.

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