Kultur

Menschelnde Food-Dokus

Das da auf dem Teller, das bin ich

Von "Streetfood" bis "Chef's Table": Auf Netflix sind Doku-Reihen über Essen ein Renner - dabei geht es auch immer um individuelle Lebensgeschichten. Warum drohen dann trotzdem oft Einheitsbrei und Übersättigung?

Netflix
Von
Dienstag, 07.05.2019   20:28 Uhr

Schon möglich, dass Jay Fai vorzügliche Krabbenomeletts brät und eine sehr gute Tom-Yam-Suppe kocht. Aber tatsächlich ist es Performance Art, wenn die 73-jährige Straßenköchin an ihren glutheißen Woks in Bangkok zu Werke geht.

Schwarze Strickmütze auf dem Kopf, große Chlorbrille über den Augen, von hinten bläst ein riesiger Ventilator: Sie sieht eher aus wie ein Popstar bei der Unterhaltungsmaloche.

Und ein Popstar ist Jay Fai auch. Zuerst machte sie wegen ihres herausragenden Essens von sich reden und sorgte dafür, dass die Schlangen vor ihrem Stand so lange wuchsen, bis Menschen drei Stunden auf ihr Omelett warteten. Dann wurde Netflix auf sie aufmerksam und machte sie zum Star der Foodie-Szene. Die Macher der neuen Reihe "Streetfood" widmen ihr die Auftakt-Episode: Hier zeigt Jay Fai, was sie am Wok kann, und erzählt aus ihrem Leben, Schicksalsschläge inklusive.

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"Streetfood" bei Netflix: Kulinarik und Tragik

Hinter "Streetfood" steht der Produzent David Gelb mit seinem Team, der Mann, der mit "Chef's Table" die wohl bekannteste von Netflix selbst produzierte Food-Serie entwickelte. Mittlerweile läuft die sechste Staffel der Reihe, die weltweit nach den spannendsten, innovativsten Chefköchen fahndet. Die erste Folge startete 2015 mit einem Porträt von Massimo Bottura, dessen Restaurant Osteria Francescana derzeit die Liste "The World's 50 Best Restaurants" anführt. Der indische Star-Koch Gaggan Anand war schon dabei, der Deutsche Tim Raue und der Franzose Alain Passard.

Plastikstühle statt Michelinstern

Nun also richten die Food-Filmer ihre Kameras auf die Köchinnen und Köche, die ihre Kunst nicht in Edelrestaurants servieren, sondern vornehmlich in Asien direkt auf der Straße. Plastikstühle statt Michelinstern, Hausmannskost statt Haute-Cuisine. Zwar geht es auch in "Streetfood" durchaus um Innovation und individuellen Ausdruck, mehr aber noch um die Bewahrung kulinarischer Traditionen angesichts der Nivellierungstendenzen der Globalisierung, die auch und gerade in den touristischen Hotspots Asiens zu beobachten sind.

So wird hier also gebraten und gedünstet, gedämpft und geschnippelt, mariniert und gewürzt, wie es schon Großmutter und die Generationen vor ihr taten: Maniok-Nudeln in Yogyakarta, Fischkopfsuppe in Chiayi (Taiwan), Krabben in Soja-Marinade in Seoul oder Schnecken in Ho-Chi-Minh-Stadt. In jeder der neun 30-minütigen Folgen steht eine Köchin (nur zwei Folgen drehen sich um einen Mann) im Mittelpunkt, die aus ihrem Leben und von ihrer Arbeit erzählt.

Symbolisch aufgeladenes Seelenbild

Bei allen Unterschieden: Damit schließt "Streetfood" dann doch wieder bei "Chef's Table" an, denn im Mittelpunkt stehen hier wie dort nur scheinbar die in perfektes Licht gerückten Ergebnisse stundenlangen In-der-Küche-Stehens. In Wahrheit erzählen beide Serien viel mehr von den Köchinnen und Köchen selbst: Von den Umständen, die ihre Kunst prägten, den Irr- und Umwegen, von scheinbar unüberwindbaren Hindernissen. Wenn am Ende die Kamera ehrfurchtsvoll an die für den jeweiligen Episoden-Star typischen Gerichte heranfährt, dann verwandeln sich diese gewissermaßen von Soul-Food in ein symbolisch aufgeladenes Seelenbild: Seht her, das da auf dem Teller, das bin ich.

Diese sehr US-amerikanische, quasi-religiöse Erzählung von der Kraft des Individuums und seinem Weg zum Glück aus eigener Kraft ist es auch, die vor allem "Streetfood" stellenweise einen faden Beigeschmack verleiht. Es wirkt oft arg berechnend, wie die Macher im Interview geradezu auf Tränen zu lauern scheinen, um darauf den kulinarischen und unternehmerischen Triumph umso jubilierender auszuschmücken.

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Überraschung und Variation? Fehlanzeige

Nicht nur diese dramaturgische, sondern auch eine stilistische Enge läuft der kulturellen Vielfalt zuwider, die "Streetfood" doch eigentlich feiern will. Alles sieht gleich gut aus, ist gleich perfekt ausgeleuchtet. Überraschung und Variation? Fehlanzeige.

Dazu passt, dass die exotische Welt, die sich hier präsentiert, auch eine kleine ist. Netflix hat mittlerweile seine Foodie-Variante eines cinematic universe mit Köchen statt Superhelden geschaffen: Jay Fai trat schon in der sehenswerten Reihe "Somebody Feed Phil" auf, Gaggan Anand aus "Chef's Table" war dort ebenfalls zu Gast, ebenso wie eine lesbische Köchin aus Vietnam, die nun wieder bei "Streetfood" auftritt.

Da schnurrt die große weite Welt wieder auf das zusammen, was man ohnehin schon aus dem Fernsehen kennt. Vielleicht nicht unbedingt der beste Grundstein für kulinarische Abenteuer. Gut möglich, dass Netflix-Zuschauer auf Reisen jetzt stundenlang mit anderen Netflix-Zuschauern auf das gehypte Krabbenomelette warten. Jay Fai wird es recht sein.


Alle Serien sind bei Netflix abrufbar.

insgesamt 1 Beitrag
wago 07.05.2019
1. Das Problem bei Kochblogs im Internet ist,
dass sich alle als Sterneköche*innen verstehen, selbst wenn sie es schaffen das Nudelwasser nicht anbrennen zu lassen. Leider rennen manche Medien denen hinterher!
dass sich alle als Sterneköche*innen verstehen, selbst wenn sie es schaffen das Nudelwasser nicht anbrennen zu lassen. Leider rennen manche Medien denen hinterher!

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