Kultur
Schöner fernsehen

Mockumentary über das Ende der DDR

Der Traum vom gut geölten Sozialismus

ARD/ Niki Stein
Von
Mittwoch, 21.10.2015   10:10 Uhr

Hätte die DDR ein "Kuwait des Ostens" werden können? Dies legt zumindest der ARD-Film "Öl - Die Wahrheit über den Untergang der DDR" nahe, ein kunstvoll komponierter Politkrimi aus belegter Geschichte und reiner Fiktion.

Man kann sich gut vorstellen, wie die Programmkoordinatoren der ARD bei ihrer Konferenz ratlos vor diesem widerspenstigen Film-Bastard gesessen haben und grübelten, wo sie ihn platzieren sollten: In die Mittwoch-Primetime, die für Spielfilme reserviert ist? Oder in die Montagspätschiene, wo man meist Dokumentationen zeigt? Oder lieber doch gleich in den Giftschrank?

Denn der Neunzigminüter von Niki Stein, der nach einigem internen Gerangel nun in der Mittwochspätschiene läuft, besteht zu gleichen Teilen aus Dokumentation und Fiktion und schraubt diese Elemente atemberaubend freihändig zu einem Spektakel über Spionage, Rohstoffkrieg und Weltpolitik zusammen.

Die - wenn man sie so nennen will - Kernaussage der Mockumentary lautet: Vor Rügen und Warnemünde schlummern unendliche Reserven von Öl, im Film wird einmal von 500 Millionen Tonnen gesprochen. Und bis jetzt ist das nur noch nicht bekannt geworden, weil kurz vor der Wende auch der Bundesnachrichtendienst davon Wind bekommen hat und deshalb den Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung vorangetrieben hat.

Tränen erwünscht, Lacher auch

Weitere Mitspieler im großen Poker um das Schwarze Gold und Schwarz-Rot-Gold sind unter anderen: ehemalige Fischer des Fischkombinats Rostocks, Veteranen erster, nur mäßig erfolgreicher Ölbohrungen in Vorpommern in den Sechzigerjahren, ehemalige Stewardessen der DDR-Luftfahrtgesellschaft Interflug sowie ein ehemaliger Forscher, der in den Achtzigerjahren sowohl für die Stasi als auch den BND gearbeitet hat.

Regisseur Stein, der zuletzt mit einem Stuttgarter "Tatort" über die Machenschaften hinter Stuttgart 21 für Furore gesorgt hat, montiert geschickt Interviews mit echten Zeitzeugen der DDR-Industriegeschichte mit reportageartigen Szenen um fiktive Personen; gleichzeitig dekliniert er alle möglichen dokumentarischen Stile durch. Er bedient sich aus dem opulenten Fundus der DEFA mit authentischen Arbeitsweltreportagen, er täuscht in echten und inszenierten Interviewpassagen die subtilen dokumentarischen Annäherungstechniken des großen NDR-Journalisten und -Regisseurs Eberhard Fechner ("Nachrede auf Klara Heydebreck") an, gelegentlich rückt er seinen Figuren sogar im Stil von Doku-Soaps wie "Bitte melde dich" auf die Pelle. Tränen erwünscht, Lacher auch.

So entsteht ganz nebenbei eine kleine, hintersinnige Kulturgeschichte des Dokumentarischen in Deutschland.

Inspiriert wurde die HR-Produktion von dem Was-wäre-wenn-Roman "Schwarzes Gold aus Warnemünde" von Harald Martenstein und Tom Peuckert, die darin einen stolzen Erdöl-Sozialismus der noch bestehenden DDR beschreiben: Der Arbeiter- und Bauernstaat hat im Jahr 2015 den verarmten Westen weit hinter sich gelassen. In Steins Film hingegen haben sich die DDR-Oberen von den kapitalistischen Gegenspielern linken lassen und mussten deshalb ihren Staat abwickeln. Schabowskis legendäres Zettel-Zitat bekommt hier eine ganz neue Lesart und öffnet Raum für wilde Verschwörungsfantasien.

"Öl" ist ein großer Spaß - den man allerdings in seinem Subtext durchaus ernst nehmen darf: Weil er zeigt, dass Bilder nichts ohne ihre Kontextualisierung sind. Mal sehen, was der unvorbereitete ARD-Zuschauer am Mittwoch bei einem letzten Bierchen vor dem Schlafengehen zu Niki Steins Bildersturm auf die jüngere deutsche Politikonografie sagt. Publikumsbeschwerden sind nicht ausgeschlossen.


"Öl - die wahre Geschichte über den Untergang der DDR", Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD

insgesamt 17 Beiträge
jallajalla 21.10.2015
1.
Fein, da dürfen wir uns auf die Realsatire der diversen Verschwörungstheoretiker-Blogs freuen, die den Käse fur bare Münze nehmen. Wenn es ins Schema passt, muss es ja stimmen.
Fein, da dürfen wir uns auf die Realsatire der diversen Verschwörungstheoretiker-Blogs freuen, die den Käse fur bare Münze nehmen. Wenn es ins Schema passt, muss es ja stimmen.
Sanitaetsknaster 21.10.2015
2.
Ganz kurz musste ich überlegen, was wohl eine Montags-Pätschiene ist...
Ganz kurz musste ich überlegen, was wohl eine Montags-Pätschiene ist...
ackermart 21.10.2015
3.
Vorfreude pur! Nur hoffentlich wird es im doppelten Sinne so entspannend wie wir es derzeit nötig haben, in diesen Zeiten eines sich anschmieröligen MONOmeinugsPOLS.
Vorfreude pur! Nur hoffentlich wird es im doppelten Sinne so entspannend wie wir es derzeit nötig haben, in diesen Zeiten eines sich anschmieröligen MONOmeinugsPOLS.
schumbitrus 21.10.2015
4.
Warum musste man es umdrehen - und dann auch noch so, dass Ostdeutschland sich für dumm verkaufen ließ?! Da bricht doch schon im Vorwort das Stereotyp vom intelligenteren und durchsetzungsfähigeren Westler gegenüber dem [...]
Warum musste man es umdrehen - und dann auch noch so, dass Ostdeutschland sich für dumm verkaufen ließ?! Da bricht doch schon im Vorwort das Stereotyp vom intelligenteren und durchsetzungsfähigeren Westler gegenüber dem dümlichen Ostler durch .. Vor allem aber stattet es die realen Besitz- und damit Wirtschafts-Ungleichgewichte mit einer Scheinbegründung, einer implizite Lüge, aus. Ursprung der Tatsache, dass in Ostdeutchland weniger verdient wird, ist nicht eine geringere Fähigkeit zur Marktwirtschaft, sondern die Tatsache, dass die Produktionsmittel im Osten nach wie vor westlichen Besitzern gehören und dass die "verlängerte Werkbank" des Westens nach wie vor im Osten steht. Entsprechend findet die billige Produktion im Osten statt, während die hochpreisigen Jobs im Westen liegen. Spannend wäre es jetzt natürlich, WARUM man diese Konstellation im Buch pervertieren musste. Meint man vielleicht, dem Gewinner-Regime nicht zumuten zu können, dass die DDR mit einem Öl-Reichtum hätte "gewinnen" können?! Natürlich habe ich den Film noch nicht gesehen, aber wenn der Film sich so weit im Sinne eines stereotypen Menschenbildes von der Buchvorlage entfernt, dann erwarte ich eine ziemlich Propaganda-Aktion ..
Das Grauen 21.10.2015
5.
Was für eine blõde Verschwörungstheorie! Worin besteht der Sinn eines derart an den Haaren herbeigezogenen Themas, was soll man daraus lernen? Offensichtlich soll doch nur Stimmung gegen die Bundesrepublik gemacht werden. Und [...]
Was für eine blõde Verschwörungstheorie! Worin besteht der Sinn eines derart an den Haaren herbeigezogenen Themas, was soll man daraus lernen? Offensichtlich soll doch nur Stimmung gegen die Bundesrepublik gemacht werden. Und dieser Propagandamist, der sich anscheinend an Radikallinke und Ostalgiker richtet, wird von Rundfunkgebühren bezahlt! Eine Frechheit. Hat die ARD denn keine Kontrolle darüber, was auf ihre Kosten produziert wird? Das sollte Konsequenzen haben.
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