Kultur

Neue "Polizeiruf"-Ermittlerin Altenberger

Zur Not kriegt der Chef 'ne Kopfnuss

Robuster Humor, soziales Gespür: Verena Altenberger präsentiert sich im "Polizeiruf" aus München als starke Nachfolgerin von Matthias Brandt - und absolviert ihren Einstand mit Fuck-you-all-Fröhlichkeit.

Marco Nagel/ BR
Von
Freitag, 13.09.2019   14:05 Uhr

Ermittlerinnen in Uniform haben in Fernsehkrimis meist nur dekorative Funktion. Heben anmutig das Absperrband für den mit Kaffeebecher anrauschenden Kommissar an, führen mit leerem Blick und festem Griff den ihnen zugewiesenen Verdächtigen ab. Aber sie halten bitte immer schön die Klappe.

Nun sehen wir da auf einmal im Münchner "Polizeiruf" eine junge Frau im zerknautschten Beamten-Blau, die mitreden will. Ein verwahrloster, offenbar systematisch missbrauchter Junge wurde von Kollegen im Park aufgegriffen, Polizeioberkommissarin Eyckhoff (Verena Altenberger) übernimmt den Fall.

Fragt die Frau vom Jugendamt natürlich gleich schnippisch: "Wie kommt es, dass Sie die Untersuchungen leiten? Sie sind doch Streifenpolizistin?" Erklärt die Polizistin: "Also vor allem bin ich im höheren Dienst, und wenn in den Fachdezernaten Not am Mann ist, dann können sie so Streifenhörnchen wie mich einsetzen." Sagt die Frau vom Jugendamt noch eine Schippe schnippischer: "Okay, finde ich gut, kommt gleich so eine Stimmung auf wie im 'Großstadtrevier'. Da gibt es immer ein Happy End. Deshalb hab ich Hoffnung für uns."

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Neuer Münchner "Polizeiruf": Dein Leid ist mein Leid

Spätestens mit dieser Szene wird der Ton für den neuen "Polizeiruf" gesetzt: Er ist sehr heiter. Und sehr hart. Oft in ein und demselben Augenblick. Auf ein Happy End, im Stile der in den Kneipen und Cafés von Hamburg-St.-Pauli spielenden Vorabend-Bullenschnurre "Großstadtrevier" mag man schon nach den ersten Minuten nicht mehr hoffen. Trotzdem wird der Krimi von einer rigorosen Fuck-you-all-Fröhlichkeit durchzogen.

Robuster Humor, Hang zum Abgrund

Das ist vor allem der österreichischen Schauspielerin Verena Altenberger zu verdanken. Altenberger spielte in der RTL-Sitcom "Magda macht das schon" souverän mit Stereotypen über osteuropäische Pflegekräfte, in dem schroffen Psychodrama "Die beste aller Welten" oder der theatralen Krimiserie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" verkörperte sie zerstörerische Muttertiere. Die Figur der Elisabeth "Bessie" Eyckhoff stattet sie nun einerseits mit einem robusten Humor aus und andererseits mit einem gefährlichen Hang zum Abgründigen.

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Eine gute Kombination, um das große Erbe anzutreten: Vor Altenberger ermittelte Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels in 15 fast immer sensationellen Münchner "Polizeirufen". Mal taumelte Brandts Meuffels von Medikamenten sediert durch ein Krankenhaus, mal tänzelte er melancholisch beschwipst von Gustav Mahler durch die Handlung, doch stets waren diese persönlichen Stimmungslagen in dem jeweiligen Fall verankert und trieben ihn voran. Eine Erzähltechnik, die von der BR-Redaktion nun auch für die neue Ermittlerin Eyckhoff in ihrer Debütfolge "Der Ort, von dem die Wolken kommen" zum Einsatz gebracht wird.

Dein Leid ist mein Leid

Was als Sozialreport über einen missbrauchten Jungen beginnt, wird zum wendungsreichen Psychotrip, in dem die neue Ermittlerin ihre eigenen Wunden aus der Kindheit offenlegen muss: Um der Vergangenheit des Jungen auf die Spur zu kommen, lässt sich Eyckhoff gemeinsam mit diesem hypnotisieren.

In Trance werden Kind und Kommissarin synchronisiert, das heißt, sie versetzen sich in einen Zustand, in dem sie zusammen alte Traumata erleben. Eyckhoffs eigene Erlebnisse überlagern sich dabei mit denen des Jungen. So wird der Krimi zum grausam geweiteten Imaginationsraum.

Ein extrem riskanter Erzählkniff, der auch dank der Inszenierungskunst von Regisseur Florian Schwarz aufgeht. Gegen Ende wird die Plotkonstruktion ein wenig überstrapaziert, bei der Entwicklung des Stoffes soll es Probleme gegeben haben, ein Drehbuchautor stieg aus. Schwarz brachte das Projekt mit Autor Michael Proehl zu Ende, mit dem er zuvor Ulrich Tukurs artifiziellen Gewalt-"Tatort" "Im Schmerz geboren" ausgearbeitet hatte.

In dieser "Polizeiruf"-Folge entwerfen Schwarz und Proehl nun eine Hypnose-Parallelwelt, in der die Erfahrungen des anderen zum eigenen Erleben werden. Dein Leid ist mein Leid. Dass man da hinabsteigt in ein Labyrinth echter und fantasierter Gewalttaten, liegt eben auch an Verena Altenberger, die uns mit heiterer Hemdsärmeligkeit den Boden unter den Füßen wegzieht und uns mit in ihren Abgrund runter zieht.

Dass sie bei diesem Kraftakt sämtliche Klischees der einsamen Wölfin vermeidet, ist ein weiterer Pluspunkt. Altebenberger gibt die Menschenfreundin, die Kumpels und Chaoten um sich zu scharen und für den Job einzubinden weiß - Vorgesetzten aber eine Kopfnuss gibt, wenn sie es verdient haben. In den nächsten Folgen soll Altenbergers Eyckhoff auch mal ein paar Lieder am Tresen singen. Mit heimeligen Kneipenabenden à la "Großstadtrevier" ist trotzdem nicht zu rechnen.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 31 Beiträge
Referendumm 13.09.2019
1. Verena Altenberger
"Magda macht das schon" war / ist vor allem dank der sehr guten schauspielerischen Leistung von Verena Altenberger ein richtiger Erfolg geworden (und vor allem trotz den eher mäßigen Leistungen der anderen [...]
"Magda macht das schon" war / ist vor allem dank der sehr guten schauspielerischen Leistung von Verena Altenberger ein richtiger Erfolg geworden (und vor allem trotz den eher mäßigen Leistungen der anderen Schauspielerkollegen). Statt in primitiven Plattitüden abzugleiten, rettet Altenberger jede Folge dank ihrer sehr guten schauspielerischen Leistung - mit viel Witz und Augenzwinkern. Daher könnte der "Polizeiruf 110" mit Verena Altenberger wirklich ein High-Light im TV werden, wenn sie sich wirklich nicht bierernst nimmt, sondern eben auch ihre witzige Ader (mal wieder) zeigt. Klaro wird diese Folge am Sonntag angeguckt. Logo!
blurps11 13.09.2019
2.
Ist die Rezension durch eine Zeitmaschine zu uns gelangt ? Von vor ungefähr 50 Jahren ? Die toughe Ermittlerin mit der "fuck-you-all-Fröhlichkeit" ist doch inzwischen selbst ein Klischee und wird auf Kosten komplexerer [...]
Ist die Rezension durch eine Zeitmaschine zu uns gelangt ? Von vor ungefähr 50 Jahren ? Die toughe Ermittlerin mit der "fuck-you-all-Fröhlichkeit" ist doch inzwischen selbst ein Klischee und wird auf Kosten komplexerer Rollen viel zu oft eingesetzt.
exHotelmanager 13.09.2019
3. Wunderbar
Solche Kommentare - und die entsprechenden Rollen - stärken das aufstrebende Proletentum in unserer Gesellschaft. Es gibt kaum noch echte Vorbilder in Anstand und Moral, die in erstrebenswerten Rollen Menschen ein Vorbild sein [...]
Solche Kommentare - und die entsprechenden Rollen - stärken das aufstrebende Proletentum in unserer Gesellschaft. Es gibt kaum noch echte Vorbilder in Anstand und Moral, die in erstrebenswerten Rollen Menschen ein Vorbild sein könnten.
kommunikator62 13.09.2019
4. Wenn Onkel Buß erzählt...
Das letzte Mal Großstadtrevier mit den Eltern geguckt? Gesungen wird da schon lange nicht mehr...
Das letzte Mal Großstadtrevier mit den Eltern geguckt? Gesungen wird da schon lange nicht mehr...
FrankDunkel 13.09.2019
5.
Drehbuchautor für deutsche Krimiserien zu sein scheint mir derzeit nicht direkt ein Traumjob. Im verzweifelten Bemühen um Originalität werden dann halt solche Absurditäten kreiert wie das Austeilen von Kopfnüssen an den Chef. [...]
Drehbuchautor für deutsche Krimiserien zu sein scheint mir derzeit nicht direkt ein Traumjob. Im verzweifelten Bemühen um Originalität werden dann halt solche Absurditäten kreiert wie das Austeilen von Kopfnüssen an den Chef. Hoffentlich macht das im richtigen Leben keine Schule. Andererseits, die Fachanwälte für Arbeits- und Dienstrecht würde es vermutlich freuen, denn das gäbe Arbeit.

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