Kultur

ARD-Sonntagskrimi

Der München-"Polizeiruf" im Schnellcheck

Hinter hemdsärmeliger Fröhlichkeit lauert der Abgrund: Als neue Münchner "Polizeiruf"-Ermittlerin Bessie Eyckhoff läuft Verena Altenberger unter Hypnose zu großer Form auf.

Marco Nagel/ BR
Von
Sonntag, 15.09.2019   14:32 Uhr

Das Szenario:

Eine Reise durchs Labyrinth der Seele: An der Isar wird ein verwahrloster Junge mit Folternarben und verminderten Sprachmöglichkeiten aufgegriffen, Polizeioberkommissarin Elisabeth "Bessie" Eyckhoff (Verena Altenberger) übernimmt den Fall. Um den Ursachen für die Leiden des stillen Jungen auf die Spur zu kommen, lässt Eyckhoff sich gemeinsam mit diesem hypnotisieren. Beide werden im Trancezustand synchronisiert, ihre Erinnerungen vermischen sich.

Der Clou:

Dein Leid ist mein Leid: Dieser "Polizeiruf" schafft einen Imaginationsraum, in dem sich Bilder aus der Biografie des misshandelten Jungen und aus der von der ebenfalls seelisch lädierten Ermittlerin überlagern und zu einer Sequenz verdichten. Ein risikofreudig entfesseltes Experiment, bei dem kleine Fehler der Gesamtwirkung keinen Abbruch tun.

Das Bild:

Ein Toilettenstuhl mit Fesseln. Eine verrußte Wand. Ein abgeklebtes Fenster. Unter Hypnose sieht sich die Polizistin auf einmal in dem Gefängnis, in dem der Junge den Torturen unterzogen wurde - und erlebt Szenen aus der eigenen Kindheit.

Der Dialog:

Die Polizeioberkommissarin im Gespräch mit der Psychologin, die zum Hypnose-Experiment rät: "Ich wüsste gar nicht, was ich in einer Therapie erzählen sollte, außer dass ich als Kind mal einen Polizisten gesehen habe, also so einen Streifenpolizisten, der ist in so einer Schaufensterpassage dazwischengestanden, der dachte, den sieht keiner. Aber ich bin früh aus dem Haus, weil ich in die Schule musste, und da hat er onaniert und ist in seine Mütze gekommen." Fragt die Psychologin: "Und was haben Sie dann gedacht?" Antwortet die Kommissarin: "Dass alle Polizisten das machen."

Der Song:

"Hypnotized" von Spacemen 3. Der Song wird im "Polizeiruf" nicht gespielt, aber als musikalische Medikation zum schmerzvollen Abstieg in die verschlossenen Angsträume der Kindheit würden die hustensaftsüßen Noise-Schleifen der legendären britischen Lavalampen-Rocker sehr gut taugen.

Die Bewertung:

8 von 10 Punkten. Nach dem Abgang von Matthias Brandt beim Münchner "Polizeiruf 110" hat der Bayerische Rundfunk in Verena Altenberger eine überzeugende Nachfolgerin gefunden. Mit ihrer hinter hemdsärmeliger Fröhlichkeit versteckten Empathie besitzt ihre Bessie Eyckhoff die Fähigkeit, uns durch die Folterkammern des Erinnerns zu schleusen. Darf gern bleiben.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 35 Beiträge
marianne1020 15.09.2019
1. Empathie
Wenn ich mit der Polizei zu tun hätte, würde ich mir von einem Polizeibeamten nicht gerade Empathie erwarten. Absolute Korrektheit und Gesetzestreue allerdings schon. Kriminalistischer Spürsinn und Neugier darf [...]
Wenn ich mit der Polizei zu tun hätte, würde ich mir von einem Polizeibeamten nicht gerade Empathie erwarten. Absolute Korrektheit und Gesetzestreue allerdings schon. Kriminalistischer Spürsinn und Neugier darf selbstverständlich auch dabei sein. Also eigentlich alles, was man weder im "Tatort" noch in "Polizeiruf 112" vorfindet. Stattdessen Kriminaler in einer psychischen Verfassung, daß einem angst und bang wird.
kaltmamsell 15.09.2019
2. Empathie, Ergonomie, Esotherik - es ist ein Münchner Ding
Die "teilnehmende Hypnose-Analyse" ist auf jeden Fall ganz korrekt in einem Münchner Krimi eingesetzt. Aus meiner Sicht etwas schade, dass man da noch so viel Zusatz-Kram draufsetzt. Wer nur schon mal eine Münchner [...]
Die "teilnehmende Hypnose-Analyse" ist auf jeden Fall ganz korrekt in einem Münchner Krimi eingesetzt. Aus meiner Sicht etwas schade, dass man da noch so viel Zusatz-Kram draufsetzt. Wer nur schon mal eine Münchner Gesundheitsmesse-Ausstellung besucht hatte und den Betroffenen im Speakers' Corner zu ausgewählten Veranstaltungszeiten bei ihren Heilungsgeschichten zuhören konnte, ahnt, dass man sich da auf dem Top-Level alternativer Behandlungs-Alternativen bewegt. Seltsam, teilweise etwas unappetitlich, aber immer ganz schön ergreifend.
Dramaturgen-Frau 15.09.2019
3. Empathie-Hokuspokus
Es ist nur folgerichtig, dass in Zeiten, in denen Deutschland von einer "Empathie-Kanzlerin" regiert wird, und nicht Maximen wie Rationalität, Augenmaß, Weitsicht, Klarheit etc. die Maximen der Kanzlerschaft sind, wie [...]
Es ist nur folgerichtig, dass in Zeiten, in denen Deutschland von einer "Empathie-Kanzlerin" regiert wird, und nicht Maximen wie Rationalität, Augenmaß, Weitsicht, Klarheit etc. die Maximen der Kanzlerschaft sind, wie sie es noch bei Helmut Schmidt und sogar bei Helmut Kohl waren, dass also in solchen Zeiten auch die Polizei "mit (Mit-) Gefühl" agieren soll, gendersensibel und "kultursensibel". Film ist auch immer Anzeige dessen, was grad so in der Gesellschaft los ist. Besonders bei Tatort und Polizeiruf 110. Und eine in weiten Teilen wirkungslose Polizei und Justiz (beliebigie Beispiele sind etwa der Berliner Görlitzer Park oder der Ebertplatz in Köln oder, oder, oder...) ist es dann nur konsequent, die Frau Kommissarin empathisch-hypnotisch die Fälle lösen zu lassen. Absurd, aber Spiegel dessen, was in diesem Land grad so abgeht. Sowas kann natürlich nur eine Frau machen. Denn man stelle sich einmal Hanns von Meuffels vor, wie er hypnotisiert wird, um zu Lösungen zu kommen. Völlig unvorstellbar. Und bereits hier zeigt sich, was für ein unwiederbringlicher Verlust der Weggang von Matthias Brandt für den Polizeiruf 110 bedeutet. So scheint es heute Abend auf einer "höheren Ebene" also in Toto-und-Harry-Sphären zu gehen. Man darf schmerzlich "gespannt" sein.
dernameistprogramm 15.09.2019
4. Endlich wieder Ihr sonntagiges Bashing...
… und nun endlich mal die Kanzlerin, nachdem Sie doch sonst immer gerne auch gegen die Medien pöbeln. Da darf dann der Verweis auf angeblichen No-go-areas auch nicht fehlen. Woche für Woche Ihre Hutbürger-Aussagen... Freue [...]
Zitat von Dramaturgen-FrauEs ist nur folgerichtig, dass in Zeiten, in denen Deutschland von einer "Empathie-Kanzlerin" regiert wird, und nicht Maximen wie Rationalität, Augenmaß, Weitsicht, Klarheit etc. die Maximen der Kanzlerschaft sind, wie sie es noch bei Helmut Schmidt und sogar bei Helmut Kohl waren, dass also in solchen Zeiten auch die Polizei "mit (Mit-) Gefühl" agieren soll, gendersensibel und "kultursensibel". Film ist auch immer Anzeige dessen, was grad so in der Gesellschaft los ist. Besonders bei Tatort und Polizeiruf 110. Und eine in weiten Teilen wirkungslose Polizei und Justiz (beliebigie Beispiele sind etwa der Berliner Görlitzer Park oder der Ebertplatz in Köln oder, oder, oder...) ist es dann nur konsequent, die Frau Kommissarin empathisch-hypnotisch die Fälle lösen zu lassen. Absurd, aber Spiegel dessen, was in diesem Land grad so abgeht. Sowas kann natürlich nur eine Frau machen. Denn man stelle sich einmal Hanns von Meuffels vor, wie er hypnotisiert wird, um zu Lösungen zu kommen. Völlig unvorstellbar. Und bereits hier zeigt sich, was für ein unwiederbringlicher Verlust der Weggang von Matthias Brandt für den Polizeiruf 110 bedeutet. So scheint es heute Abend auf einer "höheren Ebene" also in Toto-und-Harry-Sphären zu gehen. Man darf schmerzlich "gespannt" sein.
… und nun endlich mal die Kanzlerin, nachdem Sie doch sonst immer gerne auch gegen die Medien pöbeln. Da darf dann der Verweis auf angeblichen No-go-areas auch nicht fehlen. Woche für Woche Ihre Hutbürger-Aussagen... Freue mich auf den Polizeiruf und wir schaffen das!
lordofaiur 15.09.2019
5. Wertung abstrus
Wie bitte 8/10? Es ist 21:00 Uhr. Bislang völlig unrealistisch. Die Polizistin mit zwei silbernen Sternen sagt sie ist im höheren Dienst... aha... ihr dicker Bruder hätte nie dem Amtsarzt überstanden, der hat einen üblen BMI. [...]
Wie bitte 8/10? Es ist 21:00 Uhr. Bislang völlig unrealistisch. Die Polizistin mit zwei silbernen Sternen sagt sie ist im höheren Dienst... aha... ihr dicker Bruder hätte nie dem Amtsarzt überstanden, der hat einen üblen BMI. Die Frau im Pelz ist Supergirl... aha.

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