Kultur

"Promi Big Brother"-Finale

Sieger aus der Kreisklasse, Liga A

Aus! Aus! Aus! "Promi Big Brother - Das Experiment" ist aus! Ein netter Bäcker aus Berlin gewinnt 100.000 Euro. Und der Zuschauer verdämmert drei Stunden seiner Zeit ohne Unterhaltung, Spannung oder sonstige Reize.

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Samstag, 30.08.2014   00:21 Uhr

Auf Facebook hat diese Sendung 548.484 "Gefällt mir"-Angaben. Der allmächtige Algorithmus ermittelte ferner, dass 96.448 Personen "darüber sprechen". Wobei nicht klar ist, was "das" eigentlich ist und wie man über "Promi Big Brother" mehr als sechs Worte wechseln kann, die eigentlich nicht anders lauten können als: "Haste gesehen?" - "Bin doch nicht blöd!"

Was in besonderem Maße für das große Finale galt, bei dem die fünf letzten Insassen in dramaturgischer Superzeitlupe das Urteil der Zuschauer erwarteten, während sich die luxuriöse Sendezeit in dreistester Plotverschleppung mit redundanten Rückblicken füllte. Die explosivsten Momente. Die lustigsten Momente. Die dümmsten Momente. Die erotischsten Momente. Wie der Schlagerfuzzi Michael Wendler mal mit seiner engen weißen Unterhose aneckte und der Schill sich ein Herz nahm: "Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis. Es geht überhaupt nicht um die Farbe, sondern um die Form" - "Ey, die hat Armani gemacht". Und Schill freut sich so sehr darüber, dass sein "bester Spruch" noch einmal ausgestrahlt wurde, dass er das alles noch einmal live wiederholt: "Bist du vom Sternzeichen Zicke, oder stehst du unter Denkmalschutz".

Eine geschlagene Stunde vor dem Ende saßen die Verbliebenen - Claudia Effenberg, Ronald Schill und Aaron Troschke - händchenhaltend auf der Pritsche, sich gegenseitig stützend. Ein sehr emotionaler Moment. Tatsächlich löste sich diese Staffel zuletzt in durchaus schmieriger Sympathie auf. "Du bist 'ne tolle Mutti, keine Frage!" - "Du siehst super aus!" - "Ich habe dich echt schätzen gelernt!" - "Für dich habe ich ein gutes Wort eingelegt!" - "Es waren auch wirklich alles nette Leute!"

Nicht einmal die kalkulierte Perfidie wollte so richtig zünden

Alle wollten sie "ein gutes Team" sein, als ginge es um den Betrieb einer Raumstation - und nicht um das Handwerk des Herumlungerns und gemeinsamen Gelabers in der Horizontalen. Süffisanz über die Kandidaten, die "uns in den vergangenen Wochen so viel Freude gemacht haben", blieb dem Moderator Jochen Schropp vorbehalten, der sie denn auch eher lustlos zur Anwendung brachte. Wendler hat "Psychoanalystik" gesagt, hihi. Na ja.

Beim "Dschungelcamp" gehört die einvernehmliche Häme zum Konzept, hier wurde sie nur hin und wieder als tückischer Mehrwert eingestrichen. Nicht einmal die kalkulierte Perfidie, so etwas wie soziale Mobilität zu simulieren, mochte so richtig zünden. Es war einfach einerlei, ob die Leute die betäubend geschmacklose Einrichtung oben in der Villa genossen oder am stupiden Vegetieren unten im dreckigen Kerker leiden mussten. Im Team, hey, kann man überall seinen Spaß haben.

Selbst die von den Produzenten erwünschte Erotik erschöpfte sich im Anblick sekundärer Geschlechtsteile beim Duschen. Und in einer Dauerschleife aus verschwiemeltem Geschwätz: "Da sind wir wieder bei der Frage: Hat er den Fleisch-, den Blut- oder den Mikro- … hm, hm, hm, Pünktchen, Pünktchen" (Wendler).

Hin und wieder zeigte sich, wie sehr die Kandidaten das Prinzip der Sendung bereits verinnerlicht hatten. Wenn der Wendler sich in die Rolle der Produzenten hineinfantasiert: "Ich bin ja kein Promigucker. Aber das hätte mich auch interessiert: Wie verhalten sich Prominente wie Claudia Effenberg unter diesen Umständen. Super interessant, super interessant!" Oder wenn Claudia Effenberg, als eine von nur mehr zwei Finalisten, im Hinblick auf die ausgeschiedenen Pornodarstellerinnen triumphiert: "Der Hammer! Dass wir diese geilen Titten ausgeschaltet haben, dass wir gegen die siegen!"

Nur ein Promi der "Kreisklasse, Liga A"

Nun ist ein Experiment die wissenschaftliche Methode zur empirischen Ermittlung von Informationen. In diesem Sinne wäre "Promi Big Brother - Das Experiment" gescheitert, weil es keine nennenswerten Informationen geliefert hat. Hubert Kah schnarcht. Claudia Effenberg ist "nicht selbstverliebt". Und dieser Ronald Barnabas Schill war mal Innensenator von Hamburg. Bewiesen hat das "Experiment" allerdings, dass es auch 2014 noch immer funktioniert, Leute bei dem Versuch abzufilmen, beim exzessiven Nichtstun gegen den aufkeimenden Wahnsinn anzukämpfen - und damit Quote zu machen.

Zuletzt blieb Aaron Troschke übrig, ein bodenständiger 25-jähriger Bäcker aus Berlin, der mal als Kandidat von "Wer wird Millionär" aufgefallen ist und seinen Status als Promi zuvor als "Kreisklasse, Liga A" definierte. Als der Sieger dann nur noch alleine im Haus ist und die Regie auf dem Höhepunkt der Inszenierung zum strahlenden Sieger hineinschaltet, ist der gerade auf dem Klo verschwunden. Man sieht nur eine verschlossene Tür und hört eine rauschende Spülung. Ein weiterer Sieg der Bescheidenheit, ein versöhnliches Schlussbild. Womit das Experiment immerhin die Banalität des Banalen einwandfrei nachgewiesen hätte.

insgesamt 82 Beiträge
rumpelstilzchen1980 30.08.2014
1.
Was es alles für Sendungen noch gibt...
Was es alles für Sendungen noch gibt...
aufd1 30.08.2014
2.
Ich hoffe, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis sich das Fernsehen selbst vernichtet hat...
Ich hoffe, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis sich das Fernsehen selbst vernichtet hat...
Barxxo 30.08.2014
3. zwei Fragen
Zwei Fragen, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigen: 1.) Wieso tut man sich das an? Wieso verschwendet man kostbare Lebenszeit, sich von Privatsendermüll lobotomieren zu lassen? 2.) Wieso muss auf SPON über diesen [...]
Zwei Fragen, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigen: 1.) Wieso tut man sich das an? Wieso verschwendet man kostbare Lebenszeit, sich von Privatsendermüll lobotomieren zu lassen? 2.) Wieso muss auf SPON über diesen medialen Müll berichtet werden?
lurchiderlurch 30.08.2014
4. spon-redakteure sollten
vielleicht öfter mal bild lesen, denn dann wüssten sie, dass der facebook-account von "promi-big-brother" aus dem alten big-brother account, welcher bereits über 300T likes hatte, hervorgegangen ist und somit die hier [...]
vielleicht öfter mal bild lesen, denn dann wüssten sie, dass der facebook-account von "promi-big-brother" aus dem alten big-brother account, welcher bereits über 300T likes hatte, hervorgegangen ist und somit die hier angeführten 548.484 likes zu relatvieren sind. wenn ihr schon über trash berichtet, dann bitte sorgfältig!
cededa 30.08.2014
5. Gut,
dass wir drüber gesprochen haben. Sonst hätte ich doch glatt verpasst, dass es so eine Show überhaupt gibt. Welch eine Bildungslücke!
dass wir drüber gesprochen haben. Sonst hätte ich doch glatt verpasst, dass es so eine Show überhaupt gibt. Welch eine Bildungslücke!

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