Kultur

Rezo bei Böhmermann

Diskurs, Digger

"Erst mal weniger Scheiße bauen!" Drei Wochen nach seiner CDU-"Zerstörung" gibt YouTuber Rezo der Partei in Böhmermanns TV-Show Tipps - und versucht zugleich, die Hoheit über die eigene Person zurückzugewinnen.

ZDFneo

Von
Freitag, 14.06.2019   12:46 Uhr

Weshalb er das Video gedreht hat, will Jan Böhmermann am Anfang des Gesprächs wissen. Weil er einen "kleinen Diskurs" wollte, sagt Rezo und zieht dabei die Stimme gespielt bescheiden ins Falsett, so wie Leute nachts am Tresen, die scheinheilig flötend einen lütten letzten Drink fordern, um dann doch noch eine Saalschlacht anzuzetteln.

Nachdem der Influencer Rezo mit seinem 55-Minuten-Video "Die Zerstörung der CDU" der christdemokratischen Partei und auch fast allen anderen eingeschenkt hatte, war nichts mehr wie zuvor: die Grünen Volkspartei, die SPD keine mehr und die CDU ein Haufen Kneipenschläger, deren überforderte Führung Mittel gegen angebliche "Meinungsmache" von jungen Leuten im Netz anmahnte.

Rund drei Wochen und 15 Millionen Aufrufe später sitzt Rezo bei Böhmermann, um nachzuschenken. "Funny und spannend" sei das Hin und Her der CDU gewesen, die ihn erst zensieren und dann umarmen wollte. "Paul" zum Beispiel, "der von der CDU", also Ziemiak, der hätte erst "das eine und dann das andere" gesagt. Oder Heribert Hirte, der christdemokratische Bundestagsabgeordnete, der "hat mir öffentlich auf Twitter geschrieben, ob wir mal ein Video machen können". Dabei habe Hirte ihm "zwei Tage vorher geschrieben, dass ich von irgendwelchen Unternehmen bezahlt bin".

Rezo reloaded, das ist eine kleine Einführung in die Paradoxien des politischen Kamikaze-Marketings zu Zeiten der digitalen Ohnmacht am Beispiel der CDU. Besser als jede Kneipenprügelei und vor allem sehr viel wirksamer. "Hey Rezo, alter Zerstörer!" hatte Böhmermann den 26-Jährigen korrekt begrüßt und darauf verwiesen, dass Illner, Will, Plasberg und Lanz angefragt hätten, nun aber bei ihm der allererste Fernsehauftritt von Rezo stattfände.

Leider wurde man über Strecken das Gefühl nicht los, dass Gast und Gastgeber zwei unterschiedliche Dinge im Sinn hatten. Böhmermann wollte herausfinden, wie dieses disruptive, komplett ungeplante Zusammenwirken von ihm und den Medien passieren konnte. Rezo wollte zeigen, dass er nur ein ganz normaler, blauhaariger Influencer-Typ sei und er als solcher eben diesen Prozess ausgelöst habe.

Ein ganz normaler blauhaariger Typ - das war Böhmermann für seine Sendung aber ein bisschen zu wenig. Er wollte Erklärungen und er wollte Ratschläge, wie sich die Parteien denn nun nach der Rezo-Zerstörung erneuern könnten. Kategorische Antwort des Befragten: "Erst mal weniger Scheiße bauen, das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist dann halt diese Sprache ein bisschen menschlicher machen."

"Der Steffen bei der Bundespressekonferenz"

Dann wurde es mit Bezug auf den Regierungssprecher Steffen Seibert ein bisschen unübersichtlich: "Wenn du den Steffen bei der Bundespressekonferenz nimmst, der labert schon manchmal. Zum Beispiel gibt er keine Antwort auf Fragen. So eine Zeitung kann nicht schreiben: 'Yo, Digger, der labert halt Scheiße.' Aber jeder Mensch, der das sieht, denkt, der verarscht mich gerade. Das ist der Unterschied: das institutionelle Denken, wenn jemand was sagt, und das menschliche Denken."

Dann die wieder kategorische Schlussforderung: "Und die Leute aus der Politik müssen ihre Art des Sprechens wieder auf die menschliche Ebene bringen."

Einfache Menschen und verkomplizierende Medien, freies Internet und verlogene Institutionen, direkte Ansprache und verklausulierte Politik - in der Böhmermann-Sendung wurde Rezo vielleicht auch ein bisschen gegen sein Willen in die Rolle desjenigen gedrängt, der die Widersprüche unserer zerrissenen Gesellschaft überwinden kann, einfach weil er ist, wie er auftritt. Unprätentiös, pur, unkorrumpierbar.

Aber ist das so einfach? Einen Tag vor der Böhmermann-Sendung hatten Deichkind das Video zu ihrem neuen Lied "Wer sagt denn das?" herausgebracht. Darin tragen sie Masken mit Gesichtern von Medienprominenten, unter anderem auch eine mit dem von Rezo, und singen in verzückter Selbstzerfleischung: "Die Schilder, die Regeln, die Presse, der Blog/ Die Päpste, die Jedi, der Hater, der Bot/ Wetter.de und die Neue vom Chef/ Sie hat's von Lena und die aus'm Netz."

Eine schöne Beschreibung der ewigen, unregulierbar und oft auch schizophren erscheinenden Diskursschleife zwischen alter und neuer Öffentlichkeit, von der Rezo jetzt ein Teil geworden ist - und über die wir bei Böhmermann gerne noch ein wenig mehr gehört hätten.

Doch der Moderator band das Gespräch, kaum 15 Minuten dauerte es, mit einer salbungsvollen Allegorie ab: "Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob ein neuer Cowboy in der Stadt ist. Der neue Sheriff heißt Zivilgesellschaft. Und du bist einer von denen, die da mitsprechen." Na dann: Mehr Diskurs, Digger!

insgesamt 162 Beiträge
Shelumia 14.06.2019
1. gelungen
Rezo möchte anstelle seiner selbst eben die Inhalte in den Vordergrund rücken und das ist sehr ehrenwert und hoffentlich eben so erfolgreich.
Rezo möchte anstelle seiner selbst eben die Inhalte in den Vordergrund rücken und das ist sehr ehrenwert und hoffentlich eben so erfolgreich.
leuchtehh 14.06.2019
2. Nun ja...
Wer einen Rezo oder einen Böhmermann braucht, um "richtig" zu Wählen, der sollte mal noch bis zu fünf Jahre warten mit der Stimmabgabe.
Wer einen Rezo oder einen Böhmermann braucht, um "richtig" zu Wählen, der sollte mal noch bis zu fünf Jahre warten mit der Stimmabgabe.
upalatus 14.06.2019
3. Die hochfliegende blaue Rakete trägt keinen Gefechtskopf
Wer mosert, sollte auf konkrete Nachfragen schon mehr als ein 08/15-'erst mal weniger Scheisse bauen' parat haben. Das sind diese Art ausflüchtiger 'Ratschläge', wie sie von einem Trump superminilight zu einem großen Thema [...]
Wer mosert, sollte auf konkrete Nachfragen schon mehr als ein 08/15-'erst mal weniger Scheisse bauen' parat haben. Das sind diese Art ausflüchtiger 'Ratschläge', wie sie von einem Trump superminilight zu einem großen Thema stammen könnten, lavierend-nichtssagend, abservierend (hier: aus echter vollkommener Alternativlosigkeit heraus), primär schallwellenerzeugend. Superminilight hat nicht annähernd das geliefert, was er nach seiner harschen yt-Rede als konsequente Weiterdenke hätte liefern, anbieten müssen. So bleibts ein infantiles Fußaufstampfen, das ein Massenfußaufstampfen Mitstampffreudiger ausgelöst hat. Leider folgen dem furiosen Startschweif keine überzeugenden Bouquetexplosionen. Nur ein trockenes Ausbrenn-Pflopp ist im einsamen Nachthimmel auszumachen.
autopoiesis 14.06.2019
4.
Eines ist und bleibt für mich klar: Frickenschmidt ist ein Linkspopulist, der bildungsferne Schichten anspricht. Kein geistig gesunder Mensch würde diesem von Ökopopulisten bezahlten YouTuber hinterherlaufen.
Eines ist und bleibt für mich klar: Frickenschmidt ist ein Linkspopulist, der bildungsferne Schichten anspricht. Kein geistig gesunder Mensch würde diesem von Ökopopulisten bezahlten YouTuber hinterherlaufen.
dasfred 14.06.2019
5. Herrschaftssprache
So prangerte Georg Schramm schon vor Jahren die Ausdrucksweise der Politiker an. Damals noch im Kabarett. Inhaltlich großartig, aber nicht mit der Reichweite und für ein Publikum, dass sich nicht mehr aufregt, weil es in der [...]
So prangerte Georg Schramm schon vor Jahren die Ausdrucksweise der Politiker an. Damals noch im Kabarett. Inhaltlich großartig, aber nicht mit der Reichweite und für ein Publikum, dass sich nicht mehr aufregt, weil es in der Beziehung längst resigniert hat. Für das Rezo Publikum ist diese Erkenntnis neu und regt darum den offenen Protest an. Das Internet ist nicht mehr eindimensionales Mitteilungsmedium, sondern schafft den unmittelbaren Diskurs. Man muss nicht erst einen Leserbrief in die Schreibmaschine tippen und zum Briefkasten gehen, sondern kann seiner Erregung unmittelbar freien Lauf lassen. Schön und Beängstigend. Revolution fing auch immer so an.
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