Kultur

"Sommerhaus der Stars" bei RTL

Fifty Shades of Spei

Die Paare müssen intime Fragen beantworten, Quentin begrapscht Fremdhintern, der Wendler bringt einen zum Würgen: "Das Sommerhaus" gerät zum Rumpelkammerspiel männlicher Ekelübergriffe.

Max Kohr/ TVNOW
Von
Mittwoch, 31.07.2019   11:50 Uhr

Manchmal ist Trash-TV wirklich nur Müll. Wenn man beim Zuschauen das Gefühl bekommt, jemand habe einem das gesamte Wohnzimmer mit ekligster menschlicher Schmutzwäsche ausgelegt, die einen mal wieder daran erinnert, was so schlimm sein kann an Menschen. Schiller, der alte Schaubühnen-Fex, der den Menschen in seinen Stücken alle Abgründe des menschlichen Charakters vorführen wollte, hätte an der zweiten Folge des "Sommerhaus der Stars" seine helle Freude gehabt. Da wäre er dann aber tatsächlich auch der Einzige.

Denn man wünscht sich beim Zuschauen tatsächlich, das ganze Geschehen sei doch einfach nur möglichst schmerzhaft gescriptet, nur von einem extrem fiesen Einzelhirn konstruiert. Von jemandem, der in einem Rumpelkammerspiel einfach mal alle möglichen Varianten davon durchdeklinieren möchte, wie Männer ganz selbstverständlich über Frauen verfügen. Wenn man allen guten Willen mit dem emotionalen Teigschaber zusammenkratzt, kann man diese zweite Folge immer noch als Lehrfilm begreifen, den man ohne große Erklärungen künftig allen vorspielen kann, die leugnen, dass es tatsächlich so etwas wie toxische Männlichkeit gebe.

Los geht alles mit dem Wendler und seinen ludenhumorigen Ekelhaftigkeiten. Er und Laura liegen wieder einmal im Bett, er tätschelt auf ihr Geheiß ihren Hintern, der nur halb von einem Höschen verdeckt ist. "Oh Schatz, du machst das so schön, streichel meinen Popo. Oh, so schön, Schatz", gurrt Laura. "Die Kamera guckt dich schon an, das geht nicht. Ich kann deinen Popo nicht so zeigen", sagt der Wendler mit gespielter Dezenz - um Lauras Hose noch ein bisschen höher zu schieben und ihr rhythmisch auf die freigelegte Backenauslage zu patschen. Und dem vorbeikommenden Willi anzubieten: "Willst du auch mal?"

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"Sommerhaus der Stars": Leider belastend statt belustigend

Das ist auf vielen Ebenen widerwärtig. Der Wendler aber ertränkt die leise Kritik seiner Mitbewohner in einem Fass feisten Ego-Gelees: "Manche sind vielleicht einfach traurig oder eifersüchtig, weil sie sich auch so etwas wünschen". Willi, der Wendehals, der bislang nur über ihn möpperte, wenn der Wendler nicht anwesend war, ringt sich ein "Mit Laura, das ist grenzwertig für viele" ab. Darauf der Wendler: "Wenn man sich an Kindern vergreift, das ist für mich grenzwertig."

Nun bedeutet "grenzwertig" ja eigentlich, dass etwas kaum mehr erträglich, aber eben ganz knapp noch aushaltbar sei, weswegen dieser Begriff hier eindeutig fehl am Platz ist. Doch während man noch würgt, legt der Wendler direkt nach: Jeder Vater müsse doch glücklich sein, wenn seine Tochter mit einem 28 Jahre älteren Mann zusammen sein wolle: "Wenn der Typ anständig ist und die Möglichkeit hat, deine Tochter finanziell zu versorgen, wo ist dat Problem?" Wer für die Tochter bezahlen kann, darf auch ran, sagt er also mit kaum verbrämter Pimp-Attitüde, und, es geht immer noch schlimmer: "Die sind doch mit 15 schon fertig."

#Metoo für Spätkapierer

Dann übersetzt das "Sommerhaus" noch einmal für Spätkapierer, was #Metoo eigentlich genau bedeutet. "Hat er dich auch angetatscht?" - "Ja, dich auch? - "Mich auch", tauschen die Bewohnerinnen in der Küche ihre Grabscherfahrungen mit Quentin aus, der sich in der Schmierenrolle des Dirty Old Man suhlt und über sich sagt, er sei "wahrhaftig der Teufel", und seine Hände seien "ein Arschmagnet": Ungebeten betastet er alle Fremdhintern, die so in Greifweite sind, denn: warum auch nicht? "Ich mache das, weil ich das mag. Jede Frau hat so einen schönen Körper, ich möchte es anfassen." Die übrigen Männer lehnen sein Verhalten empört ab, allerdings manche vor allem aus verletzter Besitzerehre. "Meiner Frau darf kein anderer auf den Arsch packen, weil das ist MEINE Frau", sagt Menowin, und das ist dann einfach nur auf einer anderen Ebene schlimm.

Fast freut man sich bei diesem vielschichtigen Widerlichkeitskonstrukt dann über ein zwischenzeitliches Ekelspiel: Die Paare müssen intime Fragen über sich beantworten. Gibt der Mann eine andere Antwort als die zuvor befragte Frau, muss er ihr jedes Mal einen Krug Ekelkram über den Kopf gießen. Beim wievielten Date er und Elena zum ersten Mal Sex hatten? Mike weiß es nicht mehr so genau, und Elena beschimpft ihn aufs Übelste: "Du bist so behindert, krass, wie dumm man sein kann! Boah, Trennung, Trennung!"

Als dann Laura und der Wendler dran sind, wird es aus Fummel-detektivischer Sicht kurz interessant: Wann hatten die beiden zum ersten Mal Sex? "Ich würd mal sagen, beim zweiten Date", sagt der Wendler, worauf Laura sofort zu weinen beginnt, was einem als natürliche Reaktion auf diese Antwort und die damit verbundene Erinnerung recht plausibel erscheint, man möchte direkt mitweinen. Aber dann stellt sich heraus, dass Laura gar nicht den Umstand ihrer wendlerseits vollzogenen Defloration an sich begreint, sondern seine erneute Falschantwort: "Beim ersten Date, Schatz, beim ersten Date." Was sich aber, und hier kommt der schmuddelgetriggerte Spürsinn ins Spiel, gar nicht recht mit seiner in der letzten Folge getätigten Aussage deckt, sie habe ihn - für ihn unbegreiflich - beim ersten Treffen noch gar nicht rangelassen.

Der einzige Trost sind Roland und Steffi

Es macht keinen Spaß, dabei zuzuschauen: Es ist alles zu viel, zu grob, zu widerlich. Und das kann leider auch nicht mal der Maskottchen-Parcours, das Highlight jeder "Sommerhaus"-Staffel, retten - auch wenn das Spiel dieses Mal zu einer Art Familienaufstellung gekreuzt mit "The Masked Singer" gerät, was die Kostümierung der Männer angeht: Wendler ist der böse Wolf im Großmutter-Nachthemd, Willi der Affe im Bastrock, Mike ein treuherzig hechelnder Bernhardiner, Quentin ein Elefant im Tutu. Es sind Kostüme mit psychologischer Tiefe.

Der einzige Trost aber sind in dieser grässlichen Folge Roland und Steffi, die einen gerade rechtzeitig daran erinnern, dass Menschen nicht immer ekelhaft sind: Wie sie nachts draußen auf der Veranda liegen und Händchen halten und er zu ihr sagt: "Ich bin so froh, dass ich dich habe. Ich hoffe, wir werden ganz, ganz alt zusammen."

insgesamt 41 Beiträge
rockboy 31.07.2019
1. Beim lesen des Artikels...
Frau Rützel ist mir wieder klar geworden, warum ich mir sowas nicht anschaue. Ist reine Zeitverschwendung! Irgendwelchen Menschen bei irgendwelchen Intimitäten zuzusehen oder zuzuhören...das hat dann für mich auch nichts mehr [...]
Frau Rützel ist mir wieder klar geworden, warum ich mir sowas nicht anschaue. Ist reine Zeitverschwendung! Irgendwelchen Menschen bei irgendwelchen Intimitäten zuzusehen oder zuzuhören...das hat dann für mich auch nichts mehr mit entspannter TV-Kost zu tun..das ist einfach nur dämlich, dämlich, dämlich! Aber wers braucht....
krokodilklemme 31.07.2019
2. Liebe Frau Rützel
es musste eines Tages so kommen, auch ihr dicker Humor- u. Distanzpanzer ist irgendwann zu schwach. "Es macht keinen Spaß, dabei zuzuschauen: Es ist alles zu viel, zu grob, zu widerlich." Ich habe ihre Artikel über [...]
es musste eines Tages so kommen, auch ihr dicker Humor- u. Distanzpanzer ist irgendwann zu schwach. "Es macht keinen Spaß, dabei zuzuschauen: Es ist alles zu viel, zu grob, zu widerlich." Ich habe ihre Artikel über das Elends-TV immer genossen, jetzt wünsche ich Ihnen, Sie könnten aufhören. Auch andere Ressorts bieten Schönes und Abwegiges; ich persönlich würde mich freuen, wenn Sie mal mit Ihrem Blickwinkel beim Sport reinschauen würden. Ansonsten bleibt es bei Nietzsche und seiner Prophezeiung bzgl. des Abgrunds. Passen Sie bitte auf sich auf.
fietze88 31.07.2019
3. Was hat das mit Kultur.....
.....zu tun ;) Ach was! Ich finde das Bild sagt über die Sendung gestern alles aus. Die Sendung hat IBESHMHR schon überholt und weit abgehängt. Potential für mindestens 8 Rützel Artikel.
.....zu tun ;) Ach was! Ich finde das Bild sagt über die Sendung gestern alles aus. Die Sendung hat IBESHMHR schon überholt und weit abgehängt. Potential für mindestens 8 Rützel Artikel.
t_mcmillan 31.07.2019
4. Rützel hat Recht
Es ist zu widerlich. Ich habe diese Artikel geliebt. Aber jetzt ist gut. Man muss nicht jede neue Steigerung auf der Ekelskala mit einem Rützelartikel würdigen. Manches sollte man schlicht ignorieren. Sich nicht antun. Weder Sie [...]
Es ist zu widerlich. Ich habe diese Artikel geliebt. Aber jetzt ist gut. Man muss nicht jede neue Steigerung auf der Ekelskala mit einem Rützelartikel würdigen. Manches sollte man schlicht ignorieren. Sich nicht antun. Weder Sie sich noch wir uns.
Kunibaer 31.07.2019
5. Oh weh
Wenn selbst Anja Rützel ein Format als zu grob und widerlich darstellt - und sie ist nun wirklich viel Trashkummer gewöhnt -, dann muss es wirklich schlimm sein, was da zu sehen ist. Und die Beispiele, die sie aufschreibt, [...]
Wenn selbst Anja Rützel ein Format als zu grob und widerlich darstellt - und sie ist nun wirklich viel Trashkummer gewöhnt -, dann muss es wirklich schlimm sein, was da zu sehen ist. Und die Beispiele, die sie aufschreibt, sorgen für eine sehr unangenehme Mischung aus Empörung, Fremdscham und purer Fassungslosigkeit. Ich bin bekennender IBES-Fan, kann mir zwar diese ganzen Bachelor(ette)-und-Co-Sendungen nicht angucken, (aber bitte, wer sie mag) finde es aber gut, wenn die Sendungen am nächsten Tag kritisch besprochen werden (was wäre das Dschungelcamp ohne Anja Rützel...). ABER - und ich hätte nicht gedacht, das wirklich mal selber zu schreiben -, in diesem Fall sollte man die Sendung vielleicht wirklich schamvoll verschweigen und im Quotennirvana verschwinden lassen. Allein: ihre Zuschauer hat sie wahrscheinlich trotzdem, und wie sollte man sonst erfahren, was für chauvinistische Typen ihr Unwesen vor Publikum zeigen.

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