Kultur

Legendäres Plattenlabel Stax Records

Die Wiege des Soul

Musik von militanter Schönheit: Eine Arte-Doku zeigt den Weg des Stax-Labels von der Soul-Schmiede zum Black-Power-Taktgeber - flamboyante Auftritte von Isaac Hayes und Otis Redding inklusive.

Anthony Barboza/ Getty Images
Von
Freitag, 26.07.2019   17:51 Uhr

Die Träume einer neuen Gesellschaft, das Ende aller Hoffnungen, manchmal materialisiert sich das alles an einem Ort. In dieser Geschichte ist es das Lorraine-Motel in Memphis, zur Zeit der Rassentrennung eine der wenigen Unterkünfte im Süden der USA für Afroamerikaner. Anfang der Sechziger saßen hier schwarze und weiße Musiker der Plattenfirma Stax am Pool und schrieben gemeinsam Songs; 1968 wurde hier der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. ermordet.

Die Stax-Dokumentation "Wo der Soul zu Hause ist", die am Freitag auf Arte läuft, leuchtet in nur 52 Minuten, aber mit frappierender, aufwühlender Materialdichte dieses ambivalente Kapitel der Musikgeschichte aus. Stax Records, das ist die Wiege des Soul, aber auch das Label, anhand dessen sich der lange schmerzhafte Kampf gegen die Rassentrennung am deutlichsten nachzeichnen lässt.

Fotostrecke

Musikdoku: Eine Stimme wie tropfender Honig

Die Geschichte beginnt Ende der Fünfziger in einem abgewrackten Kino in einem schwarzen Viertel von Memphis, das der weiße Country-Fan und frustrierte Bankangestellte Jim Stewart mit seiner Schwester Estelle Axton zu einem Studio umbaut. Wo vorher Popcorn verkauft worden war, richteten sie einen kleinen Plattenladen ein, der durch die vor die Tür gestellten Lautsprecher zum Hangout für junge Schwarze wird.

Der Blues-Historiker Robert Gordon erklärt: "Viele der Kids waren Musiker, Estelle wurde Vermittlerin zwischen den Kids und dem Studio im hinteren Gebäudeteil." Wo zuerst Country und Rockabilly gespielt wurde, erklang nun Rhythm'n'Blues, Hautfarbe war bei den Musikern kein Kriterium. Die erste Hit-Band von Stax waren die Mar-Keys, ein Ensemble aus schwarzen und weißen Musikern, das mit dem um ein sensationelles Boogie-Riff herumgebauten "Last Night" die Verkaufskategorien des bis dahin als "Race Music" vermarkteten Rhythm'n'Blues durcheinanderwirbelten.

Bedingungslose Musikliebe, heiterer Pragmatismus, das waren zwei der Haupteigenschaften von Stax-Besitzer Stewart. Auch weil er sich Verkaufsvorteile versprach, engagierte er 1960 den prominenten Radio-DJ Rufus Thomas, der mit seiner Tochter Carla die Single "'Cause I Love You" einspielte - durch die das kleine lokale Label Stax einen nationalen Vertriebsvertrag mit Atlantic Records einfädeln konnte.

Für die Verhandlungen mit dem Atlantic-Manager Jerry Wexler in einem Hotel mussten Rufus und Carla Thomas wegen der Segregation durch den Lastenaufzug ins Zimmer geschmuggelt werden. In der Doku ist der inzwischen verstorbene Stax-Chef Stewart zu sehen, wie ihm die Tränen kommen: "Ich schämte mich so, Carla war eine 16-jährige Lady mit einer der meistverkauften Platten des Landes."

Der Atlantic-Deal setzte Stax endgültig auf die Landkarte des Pop. Schwarze Musiker aus anderen Teilen der USA, die sonst den Süden mit ihren strengen Jim-Crow-Gesetzen scheuten, kamen zum Label-eigenen Studio gereist. Sam Moore von dem Duo Sam & Dave erinnert sich: "Als man mir sagte, wir würden in Memphis ins Studio gehen, habe ich geheult." Nicht vor Glück wohlgemerkt.

In der gefürchteten Session entstand "Hold on, I'm Coming", der Abräumer auf jedem Soul-Allnighter. Isaac Hayes, damals noch Studiomusiker bei Stax, spielte einen Groove, als einer der Sänger kurz auf Toilette war. Er rief: "David, beeil dich, ich hab da was!" Und der Sänger schrie zurück: "Bleib dran, ich komme!"

Im Durcheinander des Stax-Studios stand dann auf einmal auch dieser Hüne namens Otis Redding, ein 1000-Watt-Lächeln, eine Stimme wie tropfender Honig. Redding wurde zum größten Star von Stax.

Das kreative Chaos bei Stax, aus dem solche Karrieren resultierten, war der Hauptunterschied zu Motown, der Soul-Schmiede in der Autobauerstadt Detroit, wo mit harter Disziplin Hits am Fließband produziert wurden. Der Stax-Sänger William Bell sagt: "Motown war glatt, richtete sich an die amerikanische Mittelklasse. Sie wollten die Crossover-Musik, die dem weißen Markt gefällt und auf den weißen Sendern läuft. Wir waren authentisch."

Die Doku stellt diesen Autobauer-versus-Baumwollpflücker-Geschäftssinn-versus-Seele-Antagonismus dann doch sehr verkürzt dar und schmälert so die Bedeutung, die Motown als ein von Afroamerikanern geführtes Unternehmen für das schwarze Selbstbewusstsein hatte. Zumal Stax bald ins Schlingern geriet, weil man geschäftlich eben nicht gut aufgestellt war.

1967 starb Otis Redding bei einem Flugzeugabsturz. Kurz darauf verlor Stax seinen gesamten Backkatalog an Atlantic. Im Jahr drauf folgte das Attentat auf King. Es kam zu schweren Ausschreitungen. Memphis in Schutt und Asche. Stax am Boden. Eine Utopie zerbrochen, vorläufig. Im Film erzählt Al Bell, der damalige schwarze Marketingchef, wie er weiße Stax-Kollegen zu den Autos eskortieren musste, damit sie nicht von aufgebrachten Schwarzen angegriffen wurden.

Bell wurde wenig später Teilhaber und startete eine gigantische Wiederaufbaumaßnahme. In einem Monat veröffentlicht er 27 Alben, darunter auch das Solodebüt von Isaac Hayes, der zuvor nur im Studiohintergrund gewirkt hatte und mit "Hot Buttered Soul" nun ein Album von militanter Schönheit vorlegte.

Hayes wurde als "Black Moses" gefeiert, viele der Stax-Alben waren nun explizit politisch. Eine Entwicklung, die ihre Zuspitzung 1972 bei dem Festival Wattstax fand, eine Art schwarzes Woodstock, bei dem 110.000 Menschen im Coliseum in Los Angeles zusammenkamen.

Höhepunkt war der flamboyante Auftritt von Hayes, der wie ein Boxer auf die Bühne kam. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson nahm ihm den Umhang ab, darunter trug Hayes ein goldenes Kettenhemd - und das verheißungsvoll in der Schwebe gehaltene goldene Gitarrenriff von "Shaft" schien von einer neuen Utopie zu künden. Sie sollte wieder nicht lange halten. 1975 ging Stax pleite, nun endgültig.


"Wo der Soul zu Hause ist", Arte, Freitag, 22.45 Uhr

insgesamt 85 Beiträge
Papazaca 26.07.2019
1. Fast vergessen! Stax, das war und ist meine Musik
Die Beatles, die Stones und Dylan sind sicher die Größten. Für mich am emotionalsten und die tanzbarste Musik war Otis Redding, Wilson Pickett, The Mar-Keys, Isaac Hayes mit Shaft und Sam and Dave. Einmalige Stücke, tolle [...]
Die Beatles, die Stones und Dylan sind sicher die Größten. Für mich am emotionalsten und die tanzbarste Musik war Otis Redding, Wilson Pickett, The Mar-Keys, Isaac Hayes mit Shaft und Sam and Dave. Einmalige Stücke, tolle Brassband, außergewöhnliche Stimmen. Motown war sicher sehr gut und hat viel mehr herausgebracht. Aber Stax war nicht poliert und voller Power. Heute Abend werde ich mir auf ARTE die Doku natürlich ansehen. Und in den nächsten Tagen werde ich alles spielen, was ich von STAX habe. Genau das ist der Unterschied zum Beispiel zwischen einem weißen Jungen mit Namen Elvis, der einen guten Hüftschwung hatte und auch eine gute Stimme und jemand wie Otis Redding, der seine Stücke selbst schrieb und sie so aufführte, wie wenn es um sein Leben ging. Leider hat ein Absturz ihn dann erwischt. Unvergessen sein letztes Stück, das posthum heraus gebrachte "Sitting in the dock of the bay." Und bald danach gab es auch kein STAX mehr .
freddykruger 26.07.2019
2. @Papazaca
Hallo Voodooman, hätte ich dir vorhin nicht eine E-Mail mit dieser Information geschickt, du würdest heute wieder die Lindenstraße gucken (schmunzel). Spaß beiseite. Werde mir das heute natürlich auch angucken. Scheint sehr [...]
Hallo Voodooman, hätte ich dir vorhin nicht eine E-Mail mit dieser Information geschickt, du würdest heute wieder die Lindenstraße gucken (schmunzel). Spaß beiseite. Werde mir das heute natürlich auch angucken. Scheint sehr interessant zu werden. Leider nur 55 Minuten lang. Asche über mein Haupt, ich habe nichts mehr von Ottis Redding. Mal sehen wann der Doc hier aufschlägt.
karl-wanninger 26.07.2019
3.
Sehr schön, dass man das wichtige Label Stax wieder entdeckt. Nur sollten dabei, für die Musik und deren Entwicklung, so wesentliche Beteiligte wie Steve Cropper, Booker T. Jones, Donald Dunn, Al Jackson, nicht vergessen werden.
Sehr schön, dass man das wichtige Label Stax wieder entdeckt. Nur sollten dabei, für die Musik und deren Entwicklung, so wesentliche Beteiligte wie Steve Cropper, Booker T. Jones, Donald Dunn, Al Jackson, nicht vergessen werden.
.patou 26.07.2019
4.
Immer wenn ich mich mal wieder über den ganzen ZDF-Herzkino-Schrott aufrege, sage ich mir, dass es Dokus wie diese oder die jährlich Hunderte Konzert-Mitschnitte von arte sind, die den Rundfunkbeitrag für mich mehr als [...]
Immer wenn ich mich mal wieder über den ganzen ZDF-Herzkino-Schrott aufrege, sage ich mir, dass es Dokus wie diese oder die jährlich Hunderte Konzert-Mitschnitte von arte sind, die den Rundfunkbeitrag für mich mehr als rechtfertigen. Die Doku ist übrigens schon seit einer Woche in der Mediathek zu sehen und lohnt sich wirklich: https://www.arte.tv/de/videos/081576-000-A/stax-records-wo-der-soul-zu-hause-ist/
freddykruger 26.07.2019
5. @.patou
Ich glaub da sind wir mal einer Meinung. Arte hat schon seit einiger Zeit ein verdammt gutes Musikprogramm. Ob Dokus, Biopics, Konzertmitschnitte oder auch das Magazin Tracks. Auch wenn vieles mich musikalisch nicht interessiert, [...]
Ich glaub da sind wir mal einer Meinung. Arte hat schon seit einiger Zeit ein verdammt gutes Musikprogramm. Ob Dokus, Biopics, Konzertmitschnitte oder auch das Magazin Tracks. Auch wenn vieles mich musikalisch nicht interessiert, daß Format ist spannend und informativ gestaltet. Ich erwisch mich immer öfter dabei, daß ich mir Klassik anschau. Ich hab ein faible für Russische und Sandinvische Komponisten. Aber leider keine oder kaum Ahnung von der Marterie. Es muß halt nur gefallen wie z.b. Peer Gynt.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP