Kultur

Krankenhausserie "The Knick"

Als der Chirurg noch Metzger war

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Freitag, 08.08.2014   06:28 Uhr

Koksende Doktoren, literweise Blut und haufenweise Leichen: Regiemeister Steven Soderbergh legt mit "The Knick" eine Ärzteserie vor, die mit düster-schönen Bildern und einem grandiosen Hauptdarsteller beweist, dass auch im Fernsehen großes Kino gelingt.

Clive Owen spielt in der TV-Produktion den brillanten Chirurgen John Thackery, wir sind im Jahr 1900, wir sind in New York. Und Thackerys Tag fängt so richtig scheiße an. Von einer Prostituierten lässt er sich um halb acht in einer Opiumhöhle wecken, er ist noch im Delirium, als er mit der Pferdekutsche zur Arbeit fährt. Schnell die Spritze gezückt, ein Schuss Koks zwischen die Zehen, und der Blick wird wieder klar. Muss er auch, im Krankenhaus wartet eine OP. Und die ersten beiden Tode kommen mit Ankündigung.

Aufgebahrt wie auf einem Altar liegt die Schwangere im Operations-Hörsaal, von den Sitzreihen starren Herren in schwarzen Anzügen auf sie herab, die Ärzte sollen ihr Baby retten, sagt sie und versinkt in Narkose. Die Kamera hält voll drauf, wenn das Skalpell ihre Haut aufschlitzt, das Blut herausquillt, dickflüssig, immer mehr. Der Zuschauer ist per Nahaufnahme dabei, wenn Thackery seinen Arm in ihre Bauchhöhle stopft und das Baby herauszieht. Zu spät, Mutter und Kind sterben. Da sind gerade neun Minuten der Serie vorbei. Drei weitere sind es bis zum nächsten Todesfall.

"The Knick", das wird schnell klar, ist alles andere als "Grey's Anatomy".

Was soll man da als Zuschauerin tun? Sich abwenden - und Soderbergh damit einen Gefallen tun? Er habe gehofft, dass die Hälfte der Zuschauer wegsehe, sagte der Regisseur kürzlich der "New York Times" über die Eröffnungsszene. Doch das wäre eine Schande. Wer den ersten Ekel überwunden hat, wird belohnt.

Gestatten: Oberarsch Dr. Thackery

Soderbergh zeigt uns ein New York, in dem die Dame noch höchstgeschlossene Kragen trägt und der Herr eine Taschenuhr in seiner Weste. Die Medizin ist im Umbruch, es wird experimentiert und gestümpert, die Ärzte wirken teils wie Metzger. Doch das alles ist keine Fiktion, die Macher haben im renommierten Burns-Archiv mit seinen abertausenden historischen Fotografien recherchiert, wie Operationen und Behandlungen damals vonstattengingen. Wir sehen also keine Effekthascherei, sondern bekommen vor Augen geführt, wie gut wir es haben; heute, wo wir nach einer OP im Normalfall noch atmen.

Schauplatz der Serie ist das titelgebende Knickerbocker-Krankenhaus, für Probleme sorgen die Finanzen, die Proteste gegen die Einstellung des ersten schwarzen Kollegen. Und immer wieder der Oberarsch Dr. Thackery: Er pampt die Krankenschwester an, lässt den Rassisten raushängen und mutiert nach einer Nacht ohne Koks zum schwitzenden, winselnden Häufchen Mensch.

Zehn Folgen hat die erste Staffel, sie ist in den USA ab Freitag bei der HBO-Tochter Cinemax zu sehen und einen Tag später im deutschen Pay-TV auf Sky. Insgesamt verzichtet die Serie auf großes Tempo, die Handlung zieht sich teils wie Sirup dahin, eine Kutschfahrt oder ein nichtssagender Plausch zum Tee sind teils arg langgezogen (für das Drehbuch sind Steven Katz, Jack Amiel und Michael Begler verantwortlich). Doch dass der Plot zweitrangig ist, sei verziehen. Denn so entsteht in vorderster Reihe Platz für die außergewöhnlichen Produktionswerte: Bei "The Knick" geht es mehr um das Wie und weniger um das Was. Soderbergh gibt Zeit, Bilder, Farben und Musik wirken zu lassen. Ein Großteil der Szenen spielt im gelblichen Flackerlicht von Öllampen, zum Drogenschuss gibt's Elektrobeats, zur Sexszenen in Zeitlupe melancholische Melodien.

Soderberghs Abschied vom Kino

Dass man als Zuschauerin hängenbleibt, ist neben der Bildsprache, die Soderbergh wie so oft als Kameramann direkt gestaltet hat, auch dem Briten Clive Owen ("Hautnah", "The International") zu verdanken. Schon 2012 spielte er in einer TV-Produktion, er übernahm in "Hemingway & Gellhorn" den Part des weltberühmten Schriftstellers. Den fiesen Schnauzer und Seitenscheitel trägt er jetzt auch in "The Knick", genauso wie eine herrlich arrogante Attitüde. An Dr. Thackery reibt man sich, man will ihm abwechselnd eine scheuern oder ihm anerkennend auf die Schulter klopfen. Owen ist der Beweis, dass die richtig große Schauspielkunst nicht mehr bloß im Kino stattfinden. Und ist damit für Soderbergh der Jackpot.

Im Mai 2013 hatte der Regisseur seinen Abschied vom Kino verkündet. Er, der 2001 für "Traffic" den Regie-Oscar bekam und mit den "Ocean's"-Filmen bewies, dass er nicht nur Kritiker begeistern, sondern auch Kohle reinholen kann. Es lief gut. Doch Soderbergh wollte nicht mehr. In einer Brandrede prangerte er an, dass es so gut wie unmöglich geworden sei, Filme mit geringen Budgets zu drehen, weil selbst auf diesen der Druck laste, Werbe- und Vertriebskosten von 60 Millionen Dollar und mehr einspielen zu müssen. Dem SPIEGEL klagte er 2013 sein Leid: "Es gibt kaum noch die Bereitschaft, Neues auszuprobieren."

Doch Soderbergh probierte es. Er ließ das Kino hinter sich, wollte Bilder malen oder Bücher schreiben - und widmete sich schließlich dem Fernsehen. "Dort finden die gesellschaftlichen Diskurse statt, die früher im Kino ausgetragen wurden", sagte Soderbergh. "Viele Serienformate haben ein extrem hohes Niveau. Deshalb sind die Zuschauer ins Fernsehen ausgewandert. Auswanderer kehren selten zurück."

Den ersten Schritt in der neuen Heimat Fernsehen hat Soderbergh bereits 2013 gemacht. Schon sein Biopic mit Michael Douglas, "Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll", lief im vergangenen Jahr in den USA auf HBO und wurde elfmal mit dem Emmy ausgezeichnet. "The Knick" ist nun Soderberghs zweiter Schritt ins Fernsehen, und der dritte steht auch schon fest: Von "The Knick" ist bereits die nächste Staffel bestellt. Es dürfte sehr lange dauern, bis Soderbergh wieder Heimweh nach dem Kino empfindet.

Die Autorin bei Twitter:

insgesamt 6 Beiträge
monocultur 08.08.2014
1.
Das gerade HBO Serien auf höchstem Niveau produziert, die nicht nur schönfärben, sondern auch die Schattenseiten des Lebens sehr genau zeigen (The wire, Sopranos), dürfte bekannt sein.
Das gerade HBO Serien auf höchstem Niveau produziert, die nicht nur schönfärben, sondern auch die Schattenseiten des Lebens sehr genau zeigen (The wire, Sopranos), dürfte bekannt sein.
swnf 08.08.2014
2.
Bleibt da auch als Zuschauer, oder nur als Zuschauerin hängen? (musste jetzt mal sein - mann will ja schließlich auch Gleichberechtigung) ;) Clive Owen ist großartig! Wäre Daniel Craig als Bond nicht auch ziemlich gut, dann [...]
Bleibt da auch als Zuschauer, oder nur als Zuschauerin hängen? (musste jetzt mal sein - mann will ja schließlich auch Gleichberechtigung) ;) Clive Owen ist großartig! Wäre Daniel Craig als Bond nicht auch ziemlich gut, dann wäre es an der Zeit, dass Owen das machen sollte...und wahrscheinlich wäre er sogar besser als Connery, aber das habe ich jetzt nicht gesagt! :)
steppenrocker 08.08.2014
3.
Also wirklich, Frau Roth, es hat jetzt nicht diese – sicherlich gute – Serie gebraucht, um zu zeigen, dass großes Kino auch im TV möglich ist oder "dass (…) richtig große Schauspielkunst nicht mehr bloß im Kino [...]
Also wirklich, Frau Roth, es hat jetzt nicht diese – sicherlich gute – Serie gebraucht, um zu zeigen, dass großes Kino auch im TV möglich ist oder "dass (…) richtig große Schauspielkunst nicht mehr bloß im Kino stattfindet". Das weiß man spätestens seit zehn Jahren durch die Sopranos und viele andere hochklassige Serien (eigentlich schon länger, es gab ja auch mal "Twin Peaks"). Auch der permanente Gebrauch von Umgangssprache macht Ihren Artikel nicht besser. Stattdessen hätte man doch gerne etwas mehr über die Handlung erfahren (es gibt garantiert noch weitere Charaktere außer Doktor Thackery). Stattdessen liefert der Artikel eine Menge Plattitüden. Wer hätte gedacht, dass "Operationen und Behandlungen damals" wirklich so ausgeführt wurden? Dass der Zuschauer "vor Augen geführt (bekommt), wie gut wir es haben; heute, wo wir nach einer OP im Normalfall noch atmen" – da musste ich schon herzlich lachen. Das ist nun wirklich nicht die Intention der Serie (abgesehen davon, dass das wirklich jeder weiß). Zudem ist der Artikel auch sprachlich schwach, er strotzt vor Floskeln ("Bei "The Knick" geht mehr um das Wie und weniger um das Was", "Soderbergh gibt Zeit, Bilder, Farben und Musik wirken zu lassen") und wirkt stilistisch unangemessen reißerisch ("Es lief gut. Doch Soderbergh wollte nicht mehr."; "Doch Soderbergh probierte."). Dass die Serie besprochen wird, ist das einzig Positive. Wie man so etwas bespricht, das sollte auf SPON doch besser möglich sein.
Icestorm 08.08.2014
4.
Sosoooo, er darf im Kino also keine "kleinen" Filme mehr drehen? Wie wärs denn mit Independent Labels? Dort muss er sich aber auch auf ein geringeres Salär als Regisseur einstellen.
Sosoooo, er darf im Kino also keine "kleinen" Filme mehr drehen? Wie wärs denn mit Independent Labels? Dort muss er sich aber auch auf ein geringeres Salär als Regisseur einstellen.
urbansonnet 08.08.2014
5.
Sind gerade Schulferien, oder Steppenrocker?! Aber dank SPON kriegt der Rotstift ja trotzdem was zu tun. ;)
Sind gerade Schulferien, oder Steppenrocker?! Aber dank SPON kriegt der Rotstift ja trotzdem was zu tun. ;)

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