Kultur

Ausnahme-"Tatort" über Altenpflegerin

Der Mensch in seiner brutalen, nackten Bedürftigkeit

Worüber soll man sich zwischen wunden Körpern und Windeln freuen? Katharina Marie Schubert spielt eine Pflegerin, die den Schmerz weglächelt. Ein großer "Tatort" über das Sterben, dem Leben abgerungen.

Maor Waisburd/ SWR
Von
Freitag, 17.05.2019   15:51 Uhr

"Wenn hier jemand klopft, dann ist es Anne, die Leber oder der Tod." Der ältere Herr, der da mit kaputtgesoffenem und kaputtgerauchtem Körper auf dem Ledersofa hängt und abwechselnd Zigarette und Beatmungsgerät zum Mund führt, kann nur das Beste über seine Pflegekraft sagen. Die Welt hat ihn abgeschrieben, Anne aber ist stets zur Stelle, immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

Den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ist das nicht geheuer: Was gibt es bitteschön zwischen kollabierten Lungen, wundgelegenen Rücken und benutzten Windeln zu lächeln? Für sie ist Anne Werner (Katharina Marie Schubert) eine einzige Provokation. Zwei ältere Herren, die sie ambulant pflegte, sind zu Tode gekommen. Herzstillstand, Treppensturz - hat sie nachgeholfen? Ein dritter Tod soll verhindert werden.

Die Ermittler tauchen bei ihren Untersuchungen ein in die Welt der ambulanten Pflege. Schon in der Bremer "Tatort"-Folge "Im toten Winkel" ging es um die Unmöglichkeit, angesichts eines bürokratischen Verwaltungsapparats auf den letzten Metern des Lebens die Würde zu bewahren. Fürsorgliche Pflege oder verwaltetes Elend? Es handelt sich wohl eher um Letzteres, wenn die Chefin des ambulanten Pflegedienstes, wie nun im Stuttgarter "Tatort", ihre Mitarbeiterinnen per GPS ortet, um sie minutengenau und günstig zwischen den Alten hin und her zu schieben.

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"Tatort" aus Stuttgart: Warten auf den Tod

Einmal befragen Lannert und Bootz die Chefin bei der Arbeit, während diese ins Telefon schnarrt: "Ulla, du irrst dich, du bist nicht krank, sonst würde ja mein schöner Plan für morgen zusammenbrechen. Tu mir den Gefallen, schmeiß zwei Ibu ein und schwing deinen Wertesten ins Auto!" Ein anderes Mal schlüsselt die verdächtige Anne das Zeit-Geld-Verhältnis für die Ermittler auf: "Wenn man nur vier Minuten Zeit hat zum Kämmen und Rasieren, weil die Kasse nur 3,04 Euro zahlt, dann sieht das eben nicht aus wie bei Udo Walz."

Größtes Trübsal, schönste Pointe

Die Dialoge in diesem "Tatort" sind zum Teil sehr witzig. So wie Pflegerin Anne. Die Schauspielerin Katharina Marie Schubert ("Wellness für Paare"), die mit dieser Rolle endgültig aus der zweiten Darstellerinnenreihe tritt, spielt sie als eine Frau, die sich offenbar entschlossen hat, noch dem größten Trübsal eine schöne Pointe abzugewinnen. Ein poröser Stolz umhüllt sie.

Wo ihr die Kommissare unterstellen, angesichts des Leidens und des Todes selber Hand angelegt zu haben bei ihren Patienten, damit es schneller geht, kontert sie mit forcierter Fröhlichkeit. Selbst die Mutmaßung, sie könne sich prostituiert haben, da bei den alten Herrschaften regelmäßig 150 Euro von den Konten gebucht wurden, lächelt Anne mit ihrem Anne-Lächeln weg. Am Ende sehen wir sie ohne jeden Schutz, es ist eines der anrührendsten "Tatort"-Finale überhaupt.

"Anne und der Tod" ist ein Pflegekrimi, der gekonnt an allen Sozialreport-Stanzen vorbei erzählt ist. All dem Vegetieren wird ein vitaler Stil entgegengesetzt. Drehbuchautor Wolfgang Stauch hat sich mit Episoden des Rostocker "Polizeirufs" und des Dortmunder "Tatorts" als Fachmann für trockene, pointierte Dialoge bewiesen. Hier funkeln sie inmitten einer Inszenierung (Regie: Jens Wischnewski), die mit virtuos ineinander fließenden Perspektivwechseln und Rückblenden ihr Thema einkreist.

Einmal laufen Lannert und Bootz auf einer Hochzeit auf. Es wird ausgelassen gefeiert, die Ermittler sind verwundert, am gleichen Tag ist der Opa gestorben. "Weiß die Familie Bescheid?", fragt einer der Ermittler verdutzt, während die Gesellschaft auf der Tanzfläche die Arme zu "Tausend mal berührt" hochreißt. Ja, sie weiß Bescheid, aber das Fest war nun mal organisiert. Und mal ehrlich: Ist doch typisch für den alten Querulanten, dass er ausgerechnet am Tag der Hochzeit stirbt, um es ein letztes Mal allen zu verderben. Im Leben Egoist, im Sterben Egoist.

Auf diese Weise rast der Krimi in seiner Erzählung voran, springt zwischen den Zeiten und widersprüchlichen Aussagen und spielt dabei gehörig mit den Emotionen der Zuschauer. Und doch führt die Handlung am Ende ins existenzielle Zentrum: zum Menschen in seiner brutalen, nackten Bedürftigkeit. Ein "Tatort" über das Sterben, dem Leben abgerungen.

Bewertung: 10 von 10 Punkten


"Tatort: Anne und der Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 14 Beiträge
quidquidagis1 17.05.2019
1. 2.Reihe?
Frau Schubert hat schon in der ersten Folge des "Tatortreinigers"geglänzt.Für mich gehört sie schon lange in die 1.Reihe
Frau Schubert hat schon in der ersten Folge des "Tatortreinigers"geglänzt.Für mich gehört sie schon lange in die 1.Reihe
vera gehlkiel 17.05.2019
2.
Naja, hoffentlich gucken die gesundheitspolitischen "Happy-together" -Aktivisten Lauterbach und Spahn direkt zusammen. Und noch jemand vom Innenministerium wg. V.a. organisierte Kriminalität, nur mal so zur Sicherheit. [...]
Naja, hoffentlich gucken die gesundheitspolitischen "Happy-together" -Aktivisten Lauterbach und Spahn direkt zusammen. Und noch jemand vom Innenministerium wg. V.a. organisierte Kriminalität, nur mal so zur Sicherheit. Sind doch manipulierte Zeitabrechnumgen sowie verschleierter Dauerakkord ohne Akkordzulage das Wesen des Systems. Und natürlich das gute alte frauliche Helfersyndrom, welches uns so ausgezeichnet steht, solange wir jedenfalls noch jung genug sind und der Hintern sich beim Feststecken des Stecklakens apart rundet. Wenn wir leider am Schluss dieser Karriere aussehen wie Brigitte Mira in "Angst essen Seele auf", kriegen wir dann noch eine feine Diskussion über leider ordnungspolitisch überflüssige Respektrenten, und gehen aber lieber Tauben füttern im Park. Als für immer verstummte Schatztruhen zu dem Weltthema "Glanz und Elend der menschlichen Existenz"...Aber leider kann nicht jede alte Schwester philosophische Bücher schreiben wie Soeren Kierkegaard
joernthein 18.05.2019
3. Na na,
@Vera Gehlkiel - es gibt auch Männer, die diese "Jobs" machen. Da spannt dann der Bizeps unter dem T-Shirt, beim hieven auf den Toilettenstuhl.
@Vera Gehlkiel - es gibt auch Männer, die diese "Jobs" machen. Da spannt dann der Bizeps unter dem T-Shirt, beim hieven auf den Toilettenstuhl.
odenkirchener 18.05.2019
4. Na dann,
die zwei Kommissare zählen nicht gerade zu meinen Favoriten, aber der Rest hört sich interessant an. Da muß ich heute Abend nur mal schauen, in welchem WLan ich reinkomme. . .
die zwei Kommissare zählen nicht gerade zu meinen Favoriten, aber der Rest hört sich interessant an. Da muß ich heute Abend nur mal schauen, in welchem WLan ich reinkomme. . .
joernthein 19.05.2019
5. Stimmt, 10 von 10
Ein hervorragendes Kriminalspiel! Nahe an der möglichen Gegenwart. Wichtigster Satz: .. ich habe meine "professionelle Distanz" verloren..
Ein hervorragendes Kriminalspiel! Nahe an der möglichen Gegenwart. Wichtigster Satz: .. ich habe meine "professionelle Distanz" verloren..

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