Kultur

Zugequatschter Köln-"Tatort" über Streifenpolizisten

Du, wir müssen reden

Achtung, Floskelalarm! Der neue Köln-"Tatort" sollte ein Krimi über Korpsgeist und Härtediktat unter Streifenpolizisten sein. Herausgekommen ist geballtes Therapeuten-Gewäsch.

Thomas Kost/ WDR
Von
Freitag, 07.06.2019   11:56 Uhr

Hammerhart ist der Polizeialltag, watteweich sind die Dialoge. Dieser Köln-"Tatort" handelt vom brutalen Gruppenzwang in den Umkleideräumen und von entfesselter Gewalt auf den Straßen, aber wenn die Beamten hier ihren Frust rauslassen, klingt das wie im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten, der auf Autopilot Nachdenklichkeitsfloskeln abspult. So ruft der Stiernacken von Revierchef seinen Streifendienstlern einmal zu: "Darüber reden ist momentan das Einzige, was hilft."

Worüber also reden? Über den Vorfall in einem leer stehenden Einfamilienhaus, zu dem ein Streifenwagen wegen Ruhestörung gerufen worden ist und in dem eine Gruppe Angreifer die Beamten dann attackierte. Ein Polizist wurde totgeprügelt, seine Kollegin traumatisiert. Auf dem Revier raunt man etwas abfällig über die beiden, weil der Tote schwul war und die Kollegin, nun ja, eine Frau. Die aufgepumpten Hetero-Bullen im Revier halten schwul und weiblich grundsätzlich für eine ungünstige Kombination in ihrem Job.

Ein "Tatort" also über Korpsgeist und Härtediktat, in dem sich die Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) in die unheilvoll eingeschworene Welt der Streifendienstler vorarbeiten müssen. Klar, da hilft nur reden. Aber muss all das Reden dann wirklich so klingen?

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"Tatort" aus Köln: Cops auf der Couch

"Meine Leute sitzen nicht in irgendwelchen bequemen Büros, die sind jeden Tag auf der Straße, die wissen, was es heißt, für Recht und Ordnung zu sorgen", entgegnet der aufgebrachte Revierchef (Götz Schubert) aufs Nachhaken der Kommissare. "Ich will keinen Stempel aufgedrückt bekommen", barmt die überlebende Polizistin (Anna Brüggemann), die nicht die Rolle des Opfers spielen will.

"Pärchenbildung ist nicht förderlich"

Auch nicht schlecht: Der Dialog, in dem Schenk auf die Liebesbeziehung anspielt, die das Opfer mit einem Kollegen hatte. Kommissar: "Sagen Sie mal, so ein schwules Pärchen in Ihrer Abteilung, das passt ja so gar nicht ins Bild." Revierchef: "Pärchenbildung in den eigenen Reihen ist nie förderlich, schwul oder nicht schwul ist mir dabei völlig egal."

Dieses Gemisch aus Paragrafendeutsch, Pusteblumigkeit und Therapeutengewäsch ärgert umso mehr, da es in der Vergangenheit so viele glaubhafte TV-Krimis über fatale Verschwiegenheit in der Streifendienstparallelwelt gab. Etwa den Münchner "Tatort" über Machtrituale in der Mannschaftsdusche oder erst vor Kurzem die Kölner Folge, in der Roeland Wiesnekker einen schizophrenen Rächer im Streifeneinsatz spielte.

Die Folge "Kaputt" wirkt nun im Vergleich zu diesen frei schwingenden Cop-Psychodramen in ihrer statischen Sprache seltsam gerahmt. Dabei hatte Drehbuchautor Rainer Butt schon einmal einen dynamischen Köln-"Tatort" geschrieben, in dem er glaubhaft die Grausamkeiten aus Zentralafrika an den Rhein brachte, und Regisseurin Christine Hartmann hatte zuletzt ein zumindest in der Anlage doppelbödiges Familiendrama für das Kölner TV-Revier inszeniert.

In der neuen Folge wirkt nun dagegen alles konstruiert, forciert und zugleich sonderbar unmotiviert. So wird parallel zur internen Ermittlung ein Handlungsstrang über die drogensüchtigen Jugendlichen, die offenbar in die Attacke auf die Polizisten involviert waren, ausgerollt. Woher aber das Gewaltpotenzial der zitternd ketterauchenden, ziellos quasselnden Kids kommt, bleibt völlig unklar, obwohl der Krimi vorgibt, irgendwie Interesse an ihrem Schicksal zu haben.

Was am Ende bleibt, sind ein paar pastorale Phrasen, die Lieblingsassistent und Laberausnahmetalent Jütte (Roland Riebeling) in Trauerredenprosa darbietet: "Der Tod unseres Kollegen Frank Schneider ist ein Augenblick, um innezuhalten und sich der Gefahren unseres Berufes bewusst zu werden."

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: Kaputt", Pfingstmontag (!), 20.15 Uhr, ARD. Am Sonntag wird die "Tatort"-Folge "Fangschuss" wiederholt. Eine Besprechung dazu finden Sie hier.

insgesamt 25 Beiträge
Bala Clava 07.06.2019
1. Du, Christian, wir müssen übers Schreiben reden!
"halten schwul und weiblich grundsätzlich für eine ungünstige Kombination" Schwul und weiblich? Seltsame Kombi - oder irgendwie anders gemeint?
"halten schwul und weiblich grundsätzlich für eine ungünstige Kombination" Schwul und weiblich? Seltsame Kombi - oder irgendwie anders gemeint?
hajoschneider 07.06.2019
2. Pastoral ...
... da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Genau das ist es, was mich an Ballauf immer nervt.
... da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Genau das ist es, was mich an Ballauf immer nervt.
forky 07.06.2019
3. Gucken!
Muss und werde ich gucken. Da die vom Feuilleton hochgelobten Folgen jedesmal kolossal enttäuschen, wird wohl dieser Tatort mal wieder sehenswert.
Muss und werde ich gucken. Da die vom Feuilleton hochgelobten Folgen jedesmal kolossal enttäuschen, wird wohl dieser Tatort mal wieder sehenswert.
Luca D 07.06.2019
4.
Damit ist gemeint: Ein schwuler Mann, und eine Frau, die zusammen Streife fahren. Halt beides keine "harten Kerle" aus der Sicht der Kollegen.
Zitat von Bala Clava"halten schwul und weiblich grundsätzlich für eine ungünstige Kombination" Schwul und weiblich? Seltsame Kombi - oder irgendwie anders gemeint?
Damit ist gemeint: Ein schwuler Mann, und eine Frau, die zusammen Streife fahren. Halt beides keine "harten Kerle" aus der Sicht der Kollegen.
Rechtschreibprüfer_der 07.06.2019
5. Tatort???
Das gibts noch?
Das gibts noch?

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