Kultur

"Tatort" über gedopte Boxerinnen

Hormone spritzen bis die Pumpe platzt

Knockout vor der Sommerpause: Der Schweizer "Tatort" übers Fighten und Dopen kommt derart konstruiert daher, dass die Glaubwürdigkeit schnell auf die Matte geht.

Daniel Winkler/ ARD Degeto/ SRF
Von
Freitag, 14.06.2019   14:41 Uhr

Was Menschen sich so spritzen, wenn der Muskelaufbau nicht mit dem Wettkampfziel mithalten kann: Somatropin, ein Wachstumshormon, das die Muskeln anschwellen lässt, aber leider auch das Herz. Oder Trenbolon, ein Steroid, das bei jungen Sportlerinnen Symptome hervorruft, wie sie in den Wechseljahren vorkommen. Oder Hormonkapseln, die normalerweise Kühen verabreicht werden, damit diese schneller Fleisch zulegen - eine Variante für den ungeduldigen Kraftsportler mit kleinem Geldbeutel.

Der neue Schweizer "Tatort", der vorletzte vor dem Abgang des Ermittlerteams Flückiger und Ritschard, ist ein Horrortrip für jeden redlichen Sportmediziner; ein kleines dreckiges ABC des Pumpens und Pimpens.

Am Anfang gehen zwei junge Boxerinnen für einen wichtigen Kampf in den Clinch. Die eine erleidet nach dem Knockout einen Herzstillstand, sie hatte offenbar Somatropin genommen. Der anderen müssen wir später zusehen, wie sie in einer Art Verlies zu verdursten droht - ein Prozess, der durch das von ihr gespritzte Trenbolon und seinen Dehydrierungseffekt verstärkt wird.

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"Tatort" aus Luzern: Doping ist Mord

Nach dem Tod der einen will die andere nämlich aus dem Sport aussteigen - was ihrem kriminellen Management nicht gefällt, schließlich hat man auf ihren EM-Sieg in einigen Wochen gesetzt. Wie frohlockt doch gleich ihr fieser Vertragspartner mit übertrieben onomatopoetischer Verve: "Tina, the killler! Bäm! Ja, das ist Boxen! Surviving! Das wollen die Leute sehen!"

Der Onkel holt die Pumpgun raus

Als die Boxerin die gute Laune mit der Ankündigung drückt, die Doping-Machenschaften der Gangster auffliegen zu lassen, sperrt man sie in einen Luftschutzkeller. Ihr Geiselnehmer aber wird von dem Onkel der Sportlerin mit einer Pumpgun erschossen, ohne dass er zuvor das Versteck preisgegeben hat. Über eine Videokamera, die an der Decke des nicht lokalisierbaren Luftschutzkellers hängt, müssen die Ermittler hilflos dem Steroid-beschleunigten Luftschutzkeller-Martyrium der jungen Frau zuschauen.

Zum Auftakt dieses "Tatorts", der gleichermaßen aufklärend wie aufwühlend sein will, gibt es ein paar harte Treffer. Danach gerät die Handlung unter dem großen Anspruch ins Trudeln: Dass die Boxer-Mafia ihr größtes Talent kurz vor dem angepeilten wichtigen EM-Kampf mit kaputten Knochen und ohne Wasser in einen Keller schließt, mutet genauso aberwitzig an wie die gewagte Lösungsstrategie, auf die sich die Ermittler Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) einlassen.

Denn der Onkel unter Mordverdacht ist ein Ex-Cop und schlägt vor, dass man ihn möglichst schnell für seine mutmaßliche Tat in das Gefängnis bringt, in dem auch der Gangsterkönig und Rädelsführer einsitzt, der die Geiselnahme angeordnet hat. Keine drei Tage würden ihm bleiben, um durch geschicktes Fragen das Versteck herauszukitzeln, wo seine dehydrierende und delirierende Nichte verzweifelt in die Videokamera gestikuliert.

Die Ermittler gehen auf den Vorschlag ein - und die Erzählkonstruktion bricht endgültig zusammen. Dass der Onkel (Peter Jecklin) trotz Pumpgun-Auftritts mit angenehmem Understatement gespielt ist, dass die Boxerin (Tabea Buser) im hormonell beschleunigten Todeskampf glaubwürdig Überlebenstaktiken entwickelt, dass es überhaupt starke Nebenfiguren gibt - egal: Die Glaubwürdigkeit der Folge "Ausgezählt" (Drehbuch: Urs Bühler und Michael Herzig, Regie: Katalin Gödrös) ist schnell dahin.

Die "Tatort"-Saison 2018/2019 begann im vorigen August mit einer sensationellen Schweizer Episode, die in einem Take aufgenommen worden war und den Plot kunstvoll in einer einzigen langen Tanzbewegung am Laufen hielt. Nun endet die Saison mit einer Schweizer Folge, die unmittelbar nach dem Boxerinnen-Clinch zu Beginn auf die Matte geht. Knockout vor der Sommerpause, bäm!

Bewertung: 4 von 10 Punkten

"Tatort: Ausgezählt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 7 Beiträge
twister13 14.06.2019
1. Schweizer Tatort
Ich weiss auch nicht woran das liegt. Aber die Schweiz kann einfach keine Krimis. Entweder sind die Drehbuchautoren zu gehemmt, oder die Regie unfähig. Die zwei Schauspieler haben nun auch nicht die Klasse eines Bruno [...]
Ich weiss auch nicht woran das liegt. Aber die Schweiz kann einfach keine Krimis. Entweder sind die Drehbuchautoren zu gehemmt, oder die Regie unfähig. Die zwei Schauspieler haben nun auch nicht die Klasse eines Bruno Gans. Gut dass sie die Konsequenzen gezogen haben und aus dem Tatort aussteigen. Es ist für alle nur Qual.
curiosus_ 14.06.2019
2. Verstehe ich nicht
---Zitat von Christian Buß--- Über eine Videokamera, die an der Decke des nicht lokalisierbaren Luftschutzkellers hängt, müssen die Ermittler hilflos dem Steroid-beschleunigten Luftschutzkeller-Martyrium der jungen Frau [...]
---Zitat von Christian Buß--- Über eine Videokamera, die an der Decke des nicht lokalisierbaren Luftschutzkellers hängt, müssen die Ermittler hilflos dem Steroid-beschleunigten Luftschutzkeller-Martyrium der jungen Frau zuschauen. ---Zitatende--- Wenn das Signal (Videobild) auf meinem Bildschirm erscheint, dann bedeutet das, dass die Bilddaten von der Kamera den Weg zu mir auf den Bildschirm gefunden haben. Und dann ist es, zumindest prinzipiell, immer möglich den Weg der Daten physikalisch zurück zur Quelle zu verfolgen. Womit man dann im Verlies stehen würde. Das innerhalb von 3 Tagen zu bewerkstelligen dürfte jetzt nicht gerade die große technische Herausforderung sein. Also, wo liegt das Problem?
catcandy 16.06.2019
3. Ein Tatort wie jeder andere
Der Schweizer Tatort hat(-te) es nicht leicht, vor allem in der Kritik. Dabei ist er wie jeder andere: Es gab gute bis sehr gute in all den Jahren (SPON vergab auch schon 9 Punkte, und mehrere Male 7, die Quoten erreichten meist [...]
Der Schweizer Tatort hat(-te) es nicht leicht, vor allem in der Kritik. Dabei ist er wie jeder andere: Es gab gute bis sehr gute in all den Jahren (SPON vergab auch schon 9 Punkte, und mehrere Male 7, die Quoten erreichten meist Mittelmaß und waren lediglich beim hochgelobten One-Take von Dani Levi unterirdisch). Auf der einen Seite schreiben die Kritiken mindestens seit Episode 4, dass die Schweizer nun endlich in der Tatort-Familie angekommen seien. Andererseits liest man - vor allem in der Schweiz - auch immer wieder diese Grundsatzdebatten über die Besetzung und das Schweizerische als solches. Dabei sind doch andere Teams wie Köln, Ludwigshafen, München oder auch Saarbrücken und die kühle Blonde aus Hannover wirklich kein bisschen charismatischer als Flückiger und Ritschard. Der leidenschaftliche Verriss gehört eben wirklich auch zum Ritual, und er wird sich sicher auch mit dem neuen Schweizer Team im Tatort Zürich fortsetzen. Tatort eben.
Mentor 54 16.06.2019
4.
Wenn der Videostream über irgendwelche Server im Ausland geroutet wird, deren Betreiber den deutschen Ermittlungsbehörden die IP-Adresse des Clients nicht mitteilen, kann das durchaus schwierig und langwierig werden [...]
Zitat von curiosus_Wenn das Signal (Videobild) auf meinem Bildschirm erscheint, dann bedeutet das, dass die Bilddaten von der Kamera den Weg zu mir auf den Bildschirm gefunden haben. Und dann ist es, zumindest prinzipiell, immer möglich den Weg der Daten physikalisch zurück zur Quelle zu verfolgen. Womit man dann im Verlies stehen würde. Das innerhalb von 3 Tagen zu bewerkstelligen dürfte jetzt nicht gerade die große technische Herausforderung sein. Also, wo liegt das Problem?
Wenn der Videostream über irgendwelche Server im Ausland geroutet wird, deren Betreiber den deutschen Ermittlungsbehörden die IP-Adresse des Clients nicht mitteilen, kann das durchaus schwierig und langwierig werden (Amtshilfeersuchen bei den zuständigen Behördern des betreffenden Landes etc.).
santosilver 17.06.2019
5. Unwürdig
Warum nur sind diese Filme so unterirdisch synchronisiert? Dilletantisch, nicht mal lippensynchron, Netflix dürfte sich sowas nie erlauben, aber die öffentlich-rechtlichen...
Warum nur sind diese Filme so unterirdisch synchronisiert? Dilletantisch, nicht mal lippensynchron, Netflix dürfte sich sowas nie erlauben, aber die öffentlich-rechtlichen...

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