Kultur

ARD-Sonntagskrimi

Der Schweizer "Tatort" im Schnellcheck

Knock-out-Kämpfe, Pumpgun-Morde und schwere Knastbrüder in der beschaulichen Schweiz: Der "Tatort" mit Ritschard und Flückiger hat starke Boxszenen, aber auch erhebliche Probleme mit der Plausibilität.

Daniel Winkler/ ARD Degeto/ SRF
Von
Sonntag, 16.06.2019   15:35 Uhr

Das Szenario:

Fight Club Luzern: Nachdem sie bei einem Kampf ihre Gegnerin zu Boden gehauen hat und diese gestorben ist, will eine Boxerin aussteigen und die Dopingmethoden ihres Managers offenlegen. Doch der sperrt sie in einen Luftschutzbunker, wo die junge Frau jetzt zu verdursten droht. Eine Kamera filmt das Martyrium. Für das Ermittlerduo Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, keine 72 Stunden bleiben den beiden. Um das Versteck zu finden, schmuggeln sie einen Ex-Cop ins Gefängnis, der beim Mafiaboss die entsprechenden Informationen rauskitzeln soll.

Der Clou:

Hier sind die Ermittler permanent im Augenkontakt mit dem Opfer. Aus anderen Krimis kennt man die Situation, dass die Polizei unter Zeitdruck ein Entführungsopfer aufspüren muss, weil Luft oder Wasser im Versteck ausgehen. Aber dadurch, dass der Entführer in diesem "Tatort" eine Kamera installiert hat, sind die Ermittler direkt mit dem Todeskampf der Boxerin konfrontiert, ohne dass sie ihr helfen können. Gespiegelte Ohnmacht sozusagen.

Das Bild:

Am Rand des Bildschirms läuft der Timecode, der die verbleibende Lebenszeit des Opfers zeigt, falls diese nicht gerettet wird. Das ist dramatisch. Aber dass der Entführer bei der improvisierten Tat noch extra einen Sterbe-Countdown zum eigenen Pläsier installiert hat, ist unglaubwürdig - und eines von vielen Beispielen, wie dieser sich eigentlich realistisch gebende Gegen-die-Zeit-Krimi für den Effekt immer wieder die Plausibilität unterwandert.

Fotostrecke

"Tatort" aus Luzern: Doping ist Mord

Der Dialog:

Gefängnisdirektorin: "Ein Polizist passt nicht in die Gruppe."

Ermittlerin Ritschard: "Passt nicht? Häftling, ledig sucht oder was?"

Zum diesem Schlagabtausch kommt es, als die Ritschard innerhalb von wenigen Stunden den Ex-Cop in den Gefängnistrakt einzuschmuggeln versucht, in dem auch der Mafiaboss sitzt.

Das Musikstück:

"Cavalleria Rusticana" vom italienischen Opernkomponisten Pietro Mascagni. Bekannt aus Martin Scorseses "Raging Bull", an dessen Boxszenen die lange Kampfsequenz am Anfang dieses "Tatorts" ein wenig erinnert. Gleichzeitig fallen bei so einem Vergleich natürlich auch die vielen Fehler dieses ambitionierten Fernsehkrimis auf.

Die Bewertung:

4 von 10 Punkten. Trotz auf den Punkt inszenierter Boxszene am Anfang können wir uns bei diesem letzten neuen "Tatort" vor der Sommerpause nicht helfen: Box-Mafia und Pumpgun-Morde wirken einfach zu überdimensioniert fürs beschauliche Luzern.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Ausgezählt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 7 Beiträge
peter-11 16.06.2019
1. Stimmt, aber ...
Das der Münsteraner Tatort über zwei oder drei Folgen deutlich überzogen war stimmt. Allerdings sollte man diese Wertung inzwischen auch mal wieder bearbeiten und korrigieren. Auf Dauer hätten sie diese Einschaltquoten [...]
Das der Münsteraner Tatort über zwei oder drei Folgen deutlich überzogen war stimmt. Allerdings sollte man diese Wertung inzwischen auch mal wieder bearbeiten und korrigieren. Auf Dauer hätten sie diese Einschaltquoten sicherlich nicht gehalten.
kaltmamsell 16.06.2019
2. Ganz leicht exotischer Fightclub, sehr reale Luftbunker-Party-Location
Für Zuschauer in D und A mag es weit hergeholt wirken, aber der Luftschutzkeller ist eine sehr alltägliche Loacation in der Schweiz. Pubertierende kleiden die ohnehin schon karg und kalt wirkenden Wände mit Haushaltsalufolie [...]
Für Zuschauer in D und A mag es weit hergeholt wirken, aber der Luftschutzkeller ist eine sehr alltägliche Loacation in der Schweiz. Pubertierende kleiden die ohnehin schon karg und kalt wirkenden Wände mit Haushaltsalufolie aus, Podeste und Sitzgelegenheiten bedeckt man mit Filz oder Dekosamt - schon steht die Disko. Für viele Jugendliche in der Zürcher Agglomeration ist die erste Diskothek ihres Lebens ziemlich genau so eingerichtet. Nur mal zum sagen: Das ist keine gekünstelte Erfindung, sondern vielmehr ein Ort, der Erinnerungen evoziert und abruft.
troy_mcclure 16.06.2019
3. doppelte Bewertungsmoral
aus dem Text: "Am Rand des Bildschirms läuft der Timecode, der die verbleibende Lebenszeit des Opfers zeigt, falls diese nicht gerettet wird. Das ist dramatisch. Aber dass der Entführer bei der improvisierten Tat noch extra [...]
aus dem Text: "Am Rand des Bildschirms läuft der Timecode, der die verbleibende Lebenszeit des Opfers zeigt, falls diese nicht gerettet wird. Das ist dramatisch. Aber dass der Entführer bei der improvisierten Tat noch extra einen Sterbe-Countdown zum eigenen Pläsier installiert hat, ist unglaubwürdig" Diesen Countdown hat doch die Polizei aufgespielt, um zu sehen, wie viel Zeit sie noch hat. Außerdem bewertet Herr Buß wieder mal nach Gutdünken. Bei einem Tatot mit Tukur bspw., der immer absolut unglaubwürdig und unlogisch ist, wird nie auf das Unglaubwürdige eingegangen
Ekkehard Grube 16.06.2019
4. Rundum gelungen
Die Handlung war zwar gewagt konstruiert, aber nachvollziehbar und spannend erzählt. Dass das sicher kein ganz realistisches Abbild der Polizeiarbeit war, fällt dabei nicht ins Gewicht – das sind Krimis sowieso nie. [...]
Die Handlung war zwar gewagt konstruiert, aber nachvollziehbar und spannend erzählt. Dass das sicher kein ganz realistisches Abbild der Polizeiarbeit war, fällt dabei nicht ins Gewicht – das sind Krimis sowieso nie. Erschreckend gut war auch der Anfang, in dem dargestellt wurde, dass für das menschenverachtende Showbusiness auch der tragische Tod einer Sportlerin nur ein geiles Marketing-Event ist. Bei einer Sache bin ich mir allerdings unsicher, weil sie in zu lakonischen Anspielungen gezeigt wurde: War es tatsächlich so, dass der als verdeckter Ermittler ins Gefängnis eingeschleuste Polizist den Häftling, der als Sklave von Pius Küng die Zettel essen musste, mit dem Kugelschreiber, den Liz ihm ins Gefängnis gebracht hatte, abgestochen hat und deshalb jetzt trotz erfolgreichen Undercover-Einsatzes im Gefängnis bleiben muss? Trotz dieser (zumindest mir) nicht ganz klaren Stelle war das meiner Meinung nach der bisher beste Fall des Schweizer Teams. Da hat ein Team, das für mich bisher nicht zu den überzeugendsten gehörte, mal einen richtigen Treffer gelandet. Schade, dass es mit dem nächsten Fall zu Ende geht. Hoffentlich wird dieser letzte Fall mindestens so gut wie der heutige.
jjkoeln 16.06.2019
5. Eine Lücke hat's schon
Es wird mehrfach auf das Mobiltelefon des Erschossenen hingewiesen, dass dieses auch zu den sichergestellten Teilen gehört. Insofern wäre es das Naheliegendste gewesen, die Standortprofile der Provider oder des Telefons [...]
Es wird mehrfach auf das Mobiltelefon des Erschossenen hingewiesen, dass dieses auch zu den sichergestellten Teilen gehört. Insofern wäre es das Naheliegendste gewesen, die Standortprofile der Provider oder des Telefons auszulesen.

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