Kultur

"Tatort" über Transhumanisten

Wir löten uns einen Cyborg

Wird in einem Ludwigshafener Klinikum am neuen Menschen geschraubt? Die Kommissarinnen werden mit Fluch und Segen der Hirnforschung konfrontiert. Ein "Tatort" mit "Terminator"-Feeling.

Sabine Hackenberg/ SWR
Von
Freitag, 06.09.2019   18:42 Uhr

Es wird viel geflext, gelötet und implantiert in diesem "Tatort". Zum einen schauen wir dabei zu, wie die Mitglieder des Motorklubs Ludwigshafen in einer Werkstatt an ihren Muskel-Autos rumschrauben, zum anderen, wie Forscher in den raumschiffähnlichen Räumlichkeiten eines Klinikums mit OP-Robotern Platinen in die Köpfe von Patienten setzen, um deren Gehirnströme zu manipulieren.

Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts), der die aufgepumpten PS-Proleten genauso eine Graus sind wie die schnöseligen Hightech-Mediziner, sagt zu ihrer Kollegin Stern (Lisa Bitter): "Eigentlich könnte man diesem Professor doch mal den gesamten Ludwigshafener Motorklub zum Braintuning ins Institut schicken."

"Der Professor", das ist der für den Nobelpreis gehandelte Hirnforscher Bordauer (Sebastian Bezzel), der mit seinen Platineneingriffen die Leiden von Depressiven und Demenzkranken lindern will, der zugleich aber auch Größeres in Sachen Mensch-Maschinen-Vernetzung plant. Bordauer ist Transhumanist, auf einem Kongress doziert er: "Der Mensch hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder er wird von der von ihm geschaffenen Künstlichen Intelligenz abgeschafft, oder er schafft es mit ihr zu fusionieren, indem er sich über sein Gehirn mit ihr verbindet."

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Odenthal-"Tatort": Menschen, Maschinen, Monster

Kann es sein, dass diese Fusion schon längst in seinem Klinikum stattfindet? Einer der Motorklub-Jungs wird vermisst, nach einem Unfall in seinem getunten Auto landete er im Rollstuhl, und in der Hoffnung, die Querschnittslähmung zu überwinden, soll er sich dem Professor als Versuchsobjekt zur Verfügung gestellt haben. Der Forscher experimentiert mit Exoskeletten, äußerlich angebrachten Stützvorrichtungen, die durch Hirnströme bewegt werden können. Es muss allerdings irgendwas schiefgelaufen sein: Eine Ärztin aus dem Institut wird ermordet, der versehrte Motorklub-Junge, der von einem zweiten Leben als Cyborg träumte, bleibt unauffindbar.

Es tagt der Fernsehethikrat

Bei den Ermittlungen haben die Kommissarinnen viel Zeit, sich so ihre Gedanken zum Thema Transhumanismus zu machen. Das hört sich zum Teil so an, als würde der Fernsehethikrat tagen.

Stern gibt die zaghafte Fürsprecherin für die Mensch-Maschinen-Koalition: "Ich würde das jetzt erstmal nicht so verteufeln, als die Elektrizität erfunden wurde, da waren alle auch erstmal panisch." Odenthal spielt die Rolle der Wissenschaftsskeptikerin und prophezeit eine Diktatur der Automaten: "Alles, was sie nicht erklären können, das werden sie kaputt denken, kaputt reden und kaputt machen. Bis nur noch das in ihrer kranken Welt sichtbar ist, was sie kontrollieren können."

"Terminator"-Feeling im "Tatort", das ist doch mal was. Das Problem: Man weiß manchmal nicht, wo dieser Krimi eigentlich hin will. Erst werden in ihm fasziniert die Möglichkeiten der Neurotechnik begutachtet, dann malmt sich der Film zu einer Art Menschheitsdämmerung. Dazu spricht der Pastor in der Kapelle unter dem Klinikum (Heinz Hoenig!) zu einer donnernden Orgel und im bebenden Zorn der Inquisition: "Das Weiße da oben ist ein Ei des Teufels. Das hat er uns ins Netz gelegt, er wird es ausbrüten, sich ausbreiten und alles vernichten."

Der "Tatort" als verrücktes Zukunftslabor

Autor und Regisseur Tom Bohn hat in den vergangenen drei Jahrzehnten immer wieder Fernsehkrimis umgesetzt, die auf burschikose Weise versuchten, in die Zukunft zu schauen. Er drehte 1997 einen Alien-"Tatort" in Ludwigshafen, für den Hamburg-"Tatort" behandelte er schon 2001, kurz vor 9/11, das Thema Luftfahrt und Terrorismus. Zuletzt beschäftigte er sich, wieder für das SWR-Revier, in einem Krimi über Drohnen-Opfer und Drohnen-Lenker mit moderner Kriegsführung.

Bei "Maleficius" wirkt Bohn sonderbar unschlüssig: Zum einen wägt er pedantisch Pro und Contra der Zukunftstechnologie ab, zum anderen strebt er zum Dystopischen des Stoffes. Auch die Parallelkonstruktion zwischen Autoschraubern und Neuroforschern wirkt unausgegoren. Das ist bei allem Surren der Medizin-Roboter und allem Röhren der Motorclub-Muscle-Cars ziemlich ermüdend.

Aber bitte nicht zu früh ausschalten: Auf den letzten Metern nimmt dieser bis dahin auf der Stelle rasende "Tatort" dann doch noch Fahrt auf. Es kommt, so viel dürfen wir verraten, zu einem rabiaten B-Movie-Finale das ein ganz kleines bisschen an die Cyborg-Fantasien des Highend-Trash-Regisseurs Paul Verhoeven erinnert.

Verhoeven hatte einst den tollen Film "RoboCop" gedreht, in der ein technisch aufgerüsteter Mensch die Polizeiarbeit übernimmt. Ein Szenario, das für die in diesem "Tatort" dauermürrische, dauerzweifelnde Odenthal dann natürlich doch keine Option ist. Am Ende mahnt sie matt: "Noch ermitteln hier Menschen und keine Cyborgs!"

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Maleficius", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 35 Beiträge
FrankDunkel 06.09.2019
1.
Es tut mir leid, aber ich finde, diese Sendereihe hat sich totgelaufen. Die Drehbücher werden immer abgefahrener. Nur noch eine Spielwiese für experimentell angehauchte Drehbuchautoren und Regisseure. Trimmel und Haferkamp [...]
Es tut mir leid, aber ich finde, diese Sendereihe hat sich totgelaufen. Die Drehbücher werden immer abgefahrener. Nur noch eine Spielwiese für experimentell angehauchte Drehbuchautoren und Regisseure. Trimmel und Haferkamp würden sich im Grabe herumdrehen.
Dramaturgen-Frau 06.09.2019
2. Sehr geehrte ARD...
… in den letzten Jahren mussten wir Zuschauer einem Aderlass beiwohnen, der uns bis heute grämt: Viele Topschauspieler haben aus angeblich eigenen Stücken den Tatort und den Polizeiruf 110 verlassen. Andere wiederum wurden von [...]
… in den letzten Jahren mussten wir Zuschauer einem Aderlass beiwohnen, der uns bis heute grämt: Viele Topschauspieler haben aus angeblich eigenen Stücken den Tatort und den Polizeiruf 110 verlassen. Andere wiederum wurden von Ihnen kurzerhand z.B. als "auserzählt" deklariert und entlassen. Zu ersteren zählen Matthias Brandt (am Schmerzlichsten!), Nina Kunzendorf, und in der Folge dann auch Joachim Król, zuvor Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, Sibel Kekilli, Mehmet Kurtuluş, Devid Striesow et al. Zu zweiteren zählen z.B. Maximilian Brückner und Gregor Weber – eine Teamkombi, die alles andere als "auserzählt" war. Darüber hinaus gab es "Rücktritte", die lange ersehnt und richtig waren: Sabine Postel, Jochen Senf, Simone Thomalla, Eva Matthes, Alwara Höfels. Warum Sie, liebe ARD, seit nun 30 Jahren an einer Darstellerin festhalten, die man salopp als Edelkomparsin bezeichnen muss, da sie zu recht an ca. einem halben Dutzend Schauspielschulen durchgefallen ist (was man ihrem "Spiel" ansieht, heißt, sie kann sichtbar nichts), die als Figur schon lange "auserzählt" ist, wie Sie das nennen, bleibt weiterhin Ihr Geheimnis. Finden Sie nicht, liebe ARD, dass es für den SWR-Tatort nun wirklich an der Zeit ist, einen Neuanfang zu wagen? - Ich denke, schon. Bitte, ARD, beenden Sie den Tatort mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal! Vielen Dank und viele Grüße aus dem Wiener Caféhaus.
Susi Sorglos 06.09.2019
3. Sehr gute Vorab-Kritik !
Schaltet bloss nicht dieses wirre Zeug ein, diese wirre Fehldeutung, was bei KI und Co möglich ist - es wird hier fabuliert, dass sich die Balken biegen. 0 von 10 Punkten sind erwartbar.
Schaltet bloss nicht dieses wirre Zeug ein, diese wirre Fehldeutung, was bei KI und Co möglich ist - es wird hier fabuliert, dass sich die Balken biegen. 0 von 10 Punkten sind erwartbar.
snickerman 06.09.2019
4. Bezeichnend
"Odenthal spielt die Rolle der Wissenschaftsskeptikerin und prophezeit eine Diktatur der Automaten: "Alles, was sie nicht erklären können, das werden sie kaputt denken, kaputt reden und kaputt machen. Bis nur noch das [...]
"Odenthal spielt die Rolle der Wissenschaftsskeptikerin und prophezeit eine Diktatur der Automaten: "Alles, was sie nicht erklären können, das werden sie kaputt denken, kaputt reden und kaputt machen. Bis nur noch das in ihrer kranken Welt sichtbar ist, was sie kontrollieren können."" In Wahrheit reden da die Autoren über ihre eigene Weltsicht. Oder: Warum die besten Forscher eben lieber woanders forschen und entwickeln.
hahtse 07.09.2019
5.
Als Transhumanist finde ich es extrem witzig, dass das Thema jetzt sogar im Tatort angekommen ist.
Als Transhumanist finde ich es extrem witzig, dass das Thema jetzt sogar im Tatort angekommen ist.

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