Kultur

"Tatort"-Debakel aus Münster

Dumm und Dümmer

In Münster geht ein Mörder um, der es auf Doppelgänger von Boerne und Thiel abgesehen hat. Eigentlich bester Stoff für eine Krimikomödie - der bei diesem "Tatort" aber ins kreative Siechtum führt.

WDR/Thomas Kost
Von
Freitag, 15.03.2019   10:53 Uhr

Es gibt in diesem "Tatort" einen guten Satz. Professor Boerne ist mal wieder ganz hin und weg von der eigenen Herrlichkeit und versucht, mit dieser Selbstliebe kritisch umzugehen - um doch nur wieder beim maßlosen Eigenlob zu landen: "Nur weil ich narzisstisch bin, heißt das nicht, dass sich nicht trotzdem alles immer um mich dreht."

Leider ist das nicht einer, sondern der einzige gute Satz in dieser Folge. Er bringt sehr schön das generelle Problem des Münster-Krimis auf den Punkt. Das TV-Revier im ewigen Quotenhoch hat sich längst entkoppelt von jeder Art von Kriminalgeschichte: Was in den Episoden an rudimentärer Handlung zu finden ist, dient lediglich dazu, die selbstverliebten Ermittler irgendwie in die Spur zurückzubringen. In Münster-"Tatorten" dreht sich immer alles nur um Boerne und Thiel; für eine Pointe wird dann auch der letzte Plot-Rest aus dem Film getilgt.

In der neuen Folge wird diese ewige Ego-Show in ihrer Wirkung noch einmal multipliziert. Denn Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) jagen einen Mörder, der Doppelgänger von ihnen und ihren Kolleginnen umbringt. Nicht schön, sich selbst auf dem Obduktionstisch zu sehen.

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"Tatort" mit Boerne und Thiel: Wer ist der Lustigste im ganzen Land?

Es fängt an mit einer Frau, die tot auf der Domplatte gefunden wird und aussieht wie Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann). Neben die Leiche wurden die Lieblingszigaretten der ketterauchenden Juristin ausgestreut. Es geht weiter über eine ermordete Eisverkäuferin, die kleinwüchsig ist wie Rechtsmedizinerin Haller (Christine Urspruch). Um weitere Taten zu verhindern, begeben sich Boerne und Thiel auf die Suche nach eigenen Doppelgängern.

Münster, auf ewig mit sich selbst beschäftigt

Das hätte ein guter Anlass sein können, um die ewige Selbstbeschäftigung der Ermittler im Münster-"Tatort" auf die Schippe zu nehmen. Der Doppelgänger ist ja ein ergiebiges Komödien-Motiv, weil mit ihm Eigenheiten und Abgründe aberwitzig gespiegelt und vergrößert werden können. Man sah das zum Beispiel sehr gekonnt in der Cliquen-Comedy "How I Met Your Mother", wo jede Figur - Freud hätte seine Freude gehabt - im Laufe der neun Staffeln irgendwann über ihr Gegenstück stolpert, das verborgene Seiten an ihnen selbst zum Vorschein bringt. Ich, Es, Über-Ich.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Doch aus dieser Konstruktion wird im Münster-"Tatort" kein Gewinn gezogen. Wenn Klassik-Fan Boerne auf sein Gegenstück trifft, einen vor sich hin schubiduenden Jazz-Dozenten, schlägt der Clash keine Funken. Statt im Gegenüber sich selbst zu erkennen oder von sich selbst befremdet zu sein, gibt es einen bräsigen Brillen-Gag. Ausgerechnet an dieser Stelle scheren sich die Beteiligten nicht um das selbst gesetzte Narzissmus-Thema - der selbstverliebte Boerne ist nicht mal an seinem Spiegelbild interessiert. Ich, Es, Überdruss.

Diese Dumm-und-Dümmer-Variante einer Doppelgänger-Komödie ist auch deshalb so traurig, weil man sich nicht recht erklären kann, wie der Münster-"Tatort" in diesen Zustand sedierender Selbstgefälligkeit geraten konnte. Drehbuchautor Benjamin Hessler hat zuvor einen interessanten Falke-"Tatort" über den neuen rechten Rand der Vorstadt mitgeschrieben, Regisseur Matthias Tiefenbacher hat schon Komödien mit souveränem Tempo und Timing gedreht. Und auch wenn man es manchmal vergisst: Liefers und Prahl sind (waren?) richtig gute Komödianten. Selbst in der letzten "Tatort"-Folge, deren Pointen-Struktur wirkte, als sei sie während eines Trinkspiels entwickelt worden, liefen sie noch dialog- und slapsticktechnisch zu Höhenflügen auf.

Im Doppelgänger-"Tatort" zeigt sich nun allerdings in potenzierter Form das schwindende Interesse am eigenen TV-Revier: Die Hauptakteure sind hier offenbar gleich zweifach gelangweilt - sowohl von sich selbst als auch von ihren Doppelgängern.

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: Spieglein, Spieglein", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 63 Beiträge
oneworldnow 15.03.2019
1. Aha,
scheint ja ein guter Tatort zu werden,oder zu sein.Ich freue mich drauf.
scheint ja ein guter Tatort zu werden,oder zu sein.Ich freue mich drauf.
uckley 15.03.2019
2. 2 von 20 Punkten...
...in einer SPON-Rezension bieten manchmal Gewähr für besonders gute Unterhaltung. Ich werde mir den Münster-Tatort jedenfalls ansehen!
...in einer SPON-Rezension bieten manchmal Gewähr für besonders gute Unterhaltung. Ich werde mir den Münster-Tatort jedenfalls ansehen!
nesmo 15.03.2019
3. Statt Albernheiten
sind dem Autor offenbar ernste Geschichten, zum Beispiel "über den rechten Rand in den Vorstädten lieber". Es wird aber genau deswegen hier hohe Quoten geben, weil solche Albernheiten den Zuschauern zehnmal lieber als [...]
sind dem Autor offenbar ernste Geschichten, zum Beispiel "über den rechten Rand in den Vorstädten lieber". Es wird aber genau deswegen hier hohe Quoten geben, weil solche Albernheiten den Zuschauern zehnmal lieber als "Sozial-Krimis" mit großer soziologischer Tiefe sind. Sie wollen keine Belehrungen sondern Unterhaltung, gerade auch in den Münster-Tatorten. Die Stringenz des Plots ist dabei völlig egal, schon immer gewesen.
mythoughts 15.03.2019
4. Boring!
Gibt es etwas Langweiligeres und Alberneres als die Münster-Tatorte mit diesen beiden Komikern? Das fragt jemand, der sich als Fan des Tatorts an sich und Axel Prahls bezeichnen würde. Die neue Ausgabe scheint da nochmal eine [...]
Gibt es etwas Langweiligeres und Alberneres als die Münster-Tatorte mit diesen beiden Komikern? Das fragt jemand, der sich als Fan des Tatorts an sich und Axel Prahls bezeichnen würde. Die neue Ausgabe scheint da nochmal eine traurige Spitzenposition einzunehmen, wenn wir Herrn Buß glauben dürfen. Die Faszination der deutschen Fernsehzuschauer von diesen unsäglichen Machwerken wäre wert, Gegenstand von Dissertationen in den Fächern Medienwissenschaften, Psychologie und Anthropologie zu werden.
antoinecarraby 15.03.2019
5. So, so
Kreatives Siechtum.......also keine Sozialkritik, keine politische Relevanz, keine gesellschaftliche Aufklärung, kein "den Spiegel vorhalten"? Gut so!
Kreatives Siechtum.......also keine Sozialkritik, keine politische Relevanz, keine gesellschaftliche Aufklärung, kein "den Spiegel vorhalten"? Gut so!

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