Kultur

Gottschalk-Show auf Sat.1

Mehlwurm-Gratin und Bilder-Hack

Thomas Gottschalk kam grausam unters Messer: "Little Big Stars", seine neue Showparade talentierter Kinder auf Sat.1, wurde bei der Nachbearbeitung arg lädiert. Bitte die "Wilde Maus" anhalten, hier ist jemandem übel!

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Montag, 24.04.2017   12:30 Uhr

Singende Kinder, tanzende Kinder, alles schön und gut - aber wo sind die Ziegen? Beständig hält man in den ersten Minuten von "Little Big Stars" Ausschau nach einer mittelgroßen Meckerherde, die ganz offensichtlich durchs Publikum getrieben wird, um von den vorher entsprechend präparierten Zuschauerfußsohlen größere Mengen Salz abzuschlecken. Hui, das kitzelt! Nur so sind die unnatürlichen, teilweise völlig asynchron zur gleichzeitig gezeigten Darbietung ertönenden Lachsalven zu erklären, die man da hört. Oder, zweite Möglichkeit: Puschelt da eine Produktionsassistenz mit einem sehr weichen Federbüschel, gezupft vom flaumigen Pfauenbauch und befestigt an einer Teleskopstange, an den kitzligsten Stellen des Studiopublikums herum, damit sie krähen vor Vergnügen, egal was da gerade auf der Bühne passiert?

Denn, ganz ernsthaft: Es ist ein Graus, wie hier eine nette, von einem erfolgreichen US-Original adaptierte Showidee mit dem groben Post-Produktion-Hackebeil gemetzgert wurde. Der abermals wiedergekehrte Thomas Gottschalk unterhält sich mit Kindern, die dann etwas Tolles vorführen, ausnahmsweise mal ganz ohne wertende Jury und abschließende Siegerwahl - das klingt, wenn man nicht generell etwas gegen Gottschalk und/oder Kinder hat, nach behaglicher Sonntagabendunterhaltung. Man sieht einen niedlichen siebenjährigen Ringer, eine wortgewandte junge Kunstrad-Artistin, natürlich ein multilinguales Klavierwunder-Geschwisterpaar, einen Sechsjährigen, der mit Gottschalk ein Mehlwurm-Gratin kocht ("Halt, eine gute Sache haben wir vergessen: Fleur de Sel!") und einen leicht grusligen Pi-Nachdemkommastellen-Aufsager. Und noch viele, viele Kinder mehr.

Auf Pointe gedrillt

Mitunter wirken ihre Plaudereien mit Gottschalk arg verkünstelt und auf Pointe gedrillt, wie von Dialogschreibern erdacht, die sich leider nicht auf das doch ganz offensichtliche Talent des Showroutiniers verlassen wollten, halbwegs spontan mit den Kindern zu sprechen. Das nimmt den Sofa-Parts jegliche Natürlichkeit und lässt die kleinen Kunststück-Vormacher arg stepfordhaft-perfekt wirken. Warum sollte beispielsweise der fünfjährige Ali, der weder Gottschalks Nasch-Schüssel von dessen "Wetten, dass"-Sofa kannte noch seine Haribo-Werbeära, die 2014 endete, aktiv miterlebt hatte, ganz "spontan" fragen: "Hast du Gummibärchen?"

Zudem stellt sich nach etwa zehn (von insgesamt 14) Kindern beim Zuschauer ein deutlicher Weihnachtsschulkonzert-Istesdennbaldvorbei?-Durchhänger ein, denn es gibt nur ein sehr langes Nacheinander, keine Dramaturgie. Fürs internationale Flair treten eine kindliche Jazzsängerin aus Norwegen und eine siebenjährige Brasilianerin auf, die gerne heavymetalmäßig auf ihr Schlagzeug eindrischt. Sie werden bei der Plapperei mit Gottschalk nicht synchronisiert, sondern - auch das eine hübsche Idee - von etwa gleichaltrigen Kindern gedolmetscht, die dazu mit auf dem Sofa Platz nehmen.

Schludrig wirkende Zumutung

All dieses Material wurde nun aber eben durch extrem wilde Schnitte, eingespieltes Klatschen und eingespielte Lacher zu einer hastig und schludrig wirkenden Zumutung verklappt. Die Ton-Bild-Schere macht knacksend Spagat, die Kamera kreiselt über dem Jazzmädchen, dass einem zu Hause schwindelig wird wie bei der Bonusrunde in der "Wilden Maus". Mitunter wirkt es, als hätte man im Schnitt die Aufzeichnung in ihre Einzelteile zerlegt und nach Belieben wieder zusammengesetzt: Eingeblendete Publikumsreaktionen wirken unnatürlich, weil sie offensichtlich ursprünglich etwas ganz anderem galten, und auch Gottschalk scheint manchmal an der falschen Stelle dazwischengetackert zu sein. Das alles zusammen ist schmerzhafter als die zeitgleich bei der Konkurrenz laufende Schmunzel-Schmuddelei "50 Shades of Grey".

"Liebe Kinder, schaut gut zu, vielleicht wollt ihr so was ja auch mal machen", onkelt Gottschalk um kurz nach 22 Uhr, als ein Biege-Mädchen einen akrobatischen Tanz vorführt und dabei mit echten Schlangen hantiert, und das ist ein weiteres grundlegendes Problem der "Little Big Stars": Die Show ist dafür gemacht, dass Kinder sie mit ihren Eltern zusammen anschauen, läuft dafür aber natürlich am falschen Sendeplatz. "Wenn die Kinder, die neben Ihnen auf dem Sofa sitzen, auch so etwas können - überlegen Sie sich, ob sie nicht auch hier teilnehmen wollen", sagt Gottschalk am Ende der Show. Um 22.30 Uhr aber liegen die begabten Kleinen hoffentlich schon in ihren Bettchen, damit sie morgen nach dem Fechttraining bei der anschließenden Klavierstunde nicht zu müde sind.

insgesamt 44 Beiträge
rudy09.rd 24.04.2017
1.
Alternder Showstar sucht neue Wege um sein Einkommen aufzubessern.Hat er das wirklich noetig?
Alternder Showstar sucht neue Wege um sein Einkommen aufzubessern.Hat er das wirklich noetig?
sekundo 24.04.2017
2. Man darf
gespannt sein, wann die Unterhaltungs- Mumie Gottschalk endlich das Handtuch schmeisst!!
gespannt sein, wann die Unterhaltungs- Mumie Gottschalk endlich das Handtuch schmeisst!!
urbanism 24.04.2017
3.
Die Frage die ich mir bei Herrn Gottschalk immer wieder stelle: "Warum tut er sich das an?". Der letzte große Entertainer in Deutschland, verschwendet sein Talent in drittklassigen Shows.
Die Frage die ich mir bei Herrn Gottschalk immer wieder stelle: "Warum tut er sich das an?". Der letzte große Entertainer in Deutschland, verschwendet sein Talent in drittklassigen Shows.
2cv 24.04.2017
4. Schaurig...
...und sicherlich nicht als Sonntagsabend Unterhaltung geeignet. Eher was für KiKa. Bitte bitte bitte nicht noch einmal.
...und sicherlich nicht als Sonntagsabend Unterhaltung geeignet. Eher was für KiKa. Bitte bitte bitte nicht noch einmal.
frankenbaer 24.04.2017
5. Erschütternd
ist es, zuzusehen, wie sich alternde Größen zum Affen machen, nur, weil sie nicht in der Lage sind, zu akzeptieren, dass ihre Zeit vorbei ist. Nicht mehr im Vordergrund zu stehen ist für sie unerträglich. Dabei gäbe es so [...]
ist es, zuzusehen, wie sich alternde Größen zum Affen machen, nur, weil sie nicht in der Lage sind, zu akzeptieren, dass ihre Zeit vorbei ist. Nicht mehr im Vordergrund zu stehen ist für sie unerträglich. Dabei gäbe es so viele Aufgabenfelder im sozialen Bereich. Auch hier könnte man sich noch in die Berichterstattung "arbeiten".

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