Kultur

Tiananmen-Aufstand im ZDF

Als Peking ganz kurz leuchtete

Am 4. Juni jährt sich das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In einer Doku zeichnet das ZDF die Proteste von 1989 nach - und wie sehr man sie in China heute vergessen will.

ZDF/ Bettmann

Demonstration in Peking (1989)

Von , Peking
Sonntag, 02.06.2019   14:21 Uhr

Das Erste, was diese Bilder zeigen, ist: Wie es leuchtet. Wie die Gesichter strahlen - die der Studentinnen, die Hand in Hand neben dem Protestzug herlaufen, der jungen Männer, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens Wasser verteilen, der Ärztinnen in ihren weißen Kitteln, die gekommen sind, um den Studenten zu helfen. Selbst die Gesichter der Soldaten, die anfangs noch mitgerissen werden und den Demonstranten aus ihren Mannschaftswagen heraus die Hände schütteln.

Im China des Frühjahrs 1989 beginnt dieses Leuchten, das nach und nach so viele andere Länder und schließlich auch die DDR erfasst, wo - 7000 Kilometer von Peking entfernt - im Sommer '89 die Handlung des großen deutschen Wende-Romans einsetzt - Thomas Brussigs "Wie es leuchtet".

Wer diese Bilder heute sieht, wird selbst noch einmal mitgerissen von der Zuversicht, die damals herrschte. Die Pekinger ZDF-Korrespondentin Stefanie Schöneborn hat gut zwölf Stunden Videomaterial gesichtet, das ihre Vorgängerin Gisela Mahlmann und ihr Kameramann Jochen Wichmann 1989 drehten. Schöneborn hat aus diesen Bildern eine Dokumentation erstellt und dazu weitere Interviews mit Zeitzeugen in China selbst, auf Taiwan und in den USA geführt. Am 2. Juni strahlt das ZDF die Dokumentation aus, zwei Tage vor dem 30. Jahrestag der Niederschlagung des Tiananmen-Aufstandes.

Der Film zeichnet die Ereignisse des kurzen Pekinger Frühlings nach, von den ersten zaghaften Protesten nach dem Tod des von den Studenten verehrten früheren Parteichefs Hu Yaobang im April über die immer breiter werdenden Proteste bis zur blutigen Erstürmung des Tiananmen-Platzes durch die Volksbefreiungsarmee.

Wo heute Hunderte Überwachungskameras jeden Winkel ausleuchten und Beamte zusammenlaufen, sobald drei, vier Verdächtige beisammenstehen, marschierten damals Tausende, um für politische Öffnung zu demonstrieren.

Mahlmann und Wichmann marschierten mit und konnten - heute undenkbar - völlig ungeschützt mit den Demonstranten sprechen: "Wir glauben nicht, dass wir etwas Illegales machen. Wir glauben, dass das Gesetz illegal ist", sagt ein Student. "Wir vertreten die Interessen des Volkes", sagt eine Studentin. "Wenn die internationale Presse über diese Bewegung die Wahrheit berichtet, dann wird uns die Weltöffentlichkeit unterstützen. Darüber freuen wir uns."

Es sind Szenen, wie sie sich in den folgenden Monaten von Leipzig bis Bukarest wiederholen sollten - und Jahre später auch in Kairo, Kiew und Hongkong.

"Wir brauchen auch einen wie Gorbatschow"

Für Chinas Führung, damals vom greisen Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping dominiert, wurden diese Bilder von Tag zu Tag beunruhigender. Im Mai war der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow zum Staatsbesuch angekündigt. Die Demonstranten, manche von ihnen inzwischen in einen Hungerstreik getreten, hofften, dass die Ideen von Glasnost und Perestroika auf China übergreifen. "Wir brauchen auch einen wie Gorbatschow", sagt ein Demonstrant zu Mahlmann.

Nach dem Gorbatschow-Besuch verhärtet sich die Haltung der Partei. Hu Yaobangs Nachfolger, der ebenfalls zum Dialog bereite Zhao Ziyang, wird kaltgestellt, kommt noch einmal auf den Platz und beschwört die Studenten, sich zurückzuziehen. Auch sein Rivale, Ministerpräsident Li Peng, schüttelt noch einmal die Hände der Demonstranten. Doch er weiß bereits, was folgen wird: die Verhängung des Kriegsrechts und die gewaltsame Räumung des Platzes. In der Nacht zum 4. Juni rücken die Panzer vor, es fällt der erste Schuss, und in den folgenden Stunden kommen Hunderte, vielleicht Tausende ums Leben. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt.

Einer der Aktivisten, den das ZDF in seinem kalifornischen Exil interviewt hat, wird in jener Nacht von einem Panzer überrollt und verliert beide Beine. Eine Bürgerin, die heute noch in China lebt, verliert ihren Mann. Ein ehemaliger Soldat, damals erst 16 Jahre alt, berichtet davon, wie überfordert auch die Truppe war. In der Zeitung sei tagelang zu lesen gewesen, auf dem Tiananmen versammelten sich "Bösewichter und Unruhestifter". Nun, da er selbst mit seiner Einheit auf dem Platz angekommen war, habe er sich gefragt: "Wer sind denn nun diese bösen Elemente?"

Die Zensur hat die Erinnerung an Tiananmen praktisch ausgelöscht

Niemand wird in den chinesischen Medien zum 30. Jahrestag solche Meinungen hören, von solchen Schicksalen erfahren. Die Zensur hat die Erinnerung an Tiananmen praktisch ausgelöscht, viele junge Chinesen wissen heute buchstäblich nicht, was damals passierte. Auf einer chinesischen Website, die der dort vor ein paar Wochen gesperrten Wikipedia entspricht, stand über die Jahreszahl "1989" zu lesen: "1989 ist die Zahl zwischen 1988 und 1990."

Doch was den Tiananmen-Aufstand vollends vergessen macht, ist der wirtschaftliche Aufschwung, den das Land seither genommen hat. Die Bilder von Schöneborns Dokumentation machen das deutlich: Vielfach stehen noch Bürger im Drillich oder im Mao-Anzug am Rande der Ereignisse, auf den Straßen sind erst ein paar neue VWs unter den vielen alten Lastern zu sehen. Heute muss man lange suchen, bis man in Peking jemanden mit einem Mao-Anzug findet, und am Tiananmen stehen Porsches und Teslas im Stau. Manche ihrer Besitzer mögen selbst im Juni 1989 dabei gewesen sein. Heute zögern sie, ihren Wohlstand aufs Spiel zu setzen und auch nur über 1989 zu sprechen.

Teile des Materials, aus dem die Dokumentation erstellt ist, stehen seit April als fortlaufendes Videotagebuch in der ZDF-Mediathek. In der Dokumentation selbst sind die Bilder verdichtet und werden in ihren historischen Zusammenhang gestellt. Zum Teil sind sie mit Musik untermalt - die sie in Wahrheit gar nicht nötig haben. Sie sprechen für sich selbst. Sie leuchten.


ZDF History: Pekinger Frühling '89 - Chinas Kampf um die Freiheit. Nacht zum Montag, 03.06.2019, 00:05 - 00:50 Uhr, ZDF

insgesamt 32 Beiträge
J.Meinert 02.06.2019
1. Leider....
senden die ÖR solche interessante Beiträge immer so so unchristlichen Zeiten. Wer soll das bitte schauen zu diese Uhrzeit? Um ihrem Bildungs- und Informationsauftrag nachzukommen, sollten eher Tatort und Co auf diese Zeiten [...]
senden die ÖR solche interessante Beiträge immer so so unchristlichen Zeiten. Wer soll das bitte schauen zu diese Uhrzeit? Um ihrem Bildungs- und Informationsauftrag nachzukommen, sollten eher Tatort und Co auf diese Zeiten geschoben werden. Wenn man ernsthaft Normalbürger und auch Teenager erreichen will, sind solche Sendezeiten völlig deplatziert.
Schartin Mulz 02.06.2019
2. Es gibt
im ÖR Sender, die den ganzen Tag lang nur Dokus etc senden. Wer möchte, kann die sich ansehen. Es wird niemand gezwungen, immer ARD anzuschalten und Tatort zu schauen. Würde die ARD solche Dokus sonntags um 20.15 Uhr bringen, [...]
im ÖR Sender, die den ganzen Tag lang nur Dokus etc senden. Wer möchte, kann die sich ansehen. Es wird niemand gezwungen, immer ARD anzuschalten und Tatort zu schauen. Würde die ARD solche Dokus sonntags um 20.15 Uhr bringen, würden alle auf Traumschiff umzappen.
Crom 02.06.2019
3.
Wer orientiert sich denn heute noch an Sendezeiten? Entweder Mediathek oder aufnehmen, falls einen was interessiert.
Zitat von J.Meinertsenden die ÖR solche interessante Beiträge immer so so unchristlichen Zeiten. Wer soll das bitte schauen zu diese Uhrzeit? Um ihrem Bildungs- und Informationsauftrag nachzukommen, sollten eher Tatort und Co auf diese Zeiten geschoben werden. Wenn man ernsthaft Normalbürger und auch Teenager erreichen will, sind solche Sendezeiten völlig deplatziert.
Wer orientiert sich denn heute noch an Sendezeiten? Entweder Mediathek oder aufnehmen, falls einen was interessiert.
kamber 02.06.2019
4. China zwischen zwei Gezeitenstürmen, zwischen Mao Zedong und Xi Jinpin
Eine eben erst zu Ende gegangene Ausstellung erzählt von der Kunst den rasanten Wandel Chinas in Bilder zu fassen: https://weinberg.gallery/index.php/exhibition/
Eine eben erst zu Ende gegangene Ausstellung erzählt von der Kunst den rasanten Wandel Chinas in Bilder zu fassen: https://weinberg.gallery/index.php/exhibition/
lfcoolj 02.06.2019
5. schon sehr interessant
dass spon heute innerhalb einer std 3 artikel darueber bringt. aber niemand befasst sich mit dem szenario, was passiert wenn die proteste erfolgreich gewesen waeren. folgendes waere passiert: china waere in einem [...]
dass spon heute innerhalb einer std 3 artikel darueber bringt. aber niemand befasst sich mit dem szenario, was passiert wenn die proteste erfolgreich gewesen waeren. folgendes waere passiert: china waere in einem buergerkrieg-aehnlichem zustand fuer ein paar jahren gewesen. usa und europa haetten die pro-demokratische kraefte mit geld und waffen unterstuetzt, bis diese an die macht kommt. dann waere die neue demokratische regierung die marionette der westlichen maechte und china bleibt brav die billige werkbank fuer die industrielaender und gleichzeitig auch ein grosser absatzmarkt fuer die unternehmen aus usa und europa. china waere in seiner entwicklung stagniert und haette keinelei ambitionen. somit kann china die usa auch niemals die vormachtstellung streitig machen.

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