Kultur

Amazon-Serie "Too Old to Die Young"

Die letzte ihrer Art

Der für seine brutalen Neon-Thriller bekannte Regisseur Nicolas Winding Refn hat für Amazon das Rächer-Epos "Too Old to Die Young" gedreht. Interessant an der Serie ist vor allem das, was mit ihr zu Ende geht.

Amazon
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Freitag, 14.06.2019   21:41 Uhr

Was an einer Serie interessant ist, hat manchmal gar nicht so viel mit der Serie selbst zu tun. Im Fall von "Too Old to Die Young" sogar kaum etwas. Das muss erst einmal keine schlechte Sache sein und ist vom Serienerfinder, Co-Autor und alleinigem Regisseur Nicolas Winding Refn ("Drive", "Only God Forgives") sehr wahrscheinlich genauso kalkuliert worden.

Damit wir es schnell aus dem Weg haben: In "Too Old to Die Young" spielt Miles Teller einen jungen Polizisten des LAPD, der beginnt, sich in Selbstjustiz zu üben und die brutalsten Verbrecher, die Pädophilen und Vergewaltiger der Region umbringt. Interessant ist das aber, wie gesagt, kaum, denn Refn ordnet vor allem Versatzstücke aus seinem eigenen Oeuvre - die kontrastreiche Neon-Ästhetik, die postapokalyptische Stadtkulisse, der brutale Racheengel - an und dünnt sie über zehn Folgen aus.

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"Too Old Die Young": Racheengel in Serie

Die Ausformulierung der eigenen, sattsam bekannten Obsessionen hatte Refn schon mit seinem letzten Film "The Neon Demon" zu voller Redundanz gebracht. Genau deshalb erscheint es aber auch so schlüssig, warum er sich bei "Too Old to Die Young" so stark auf das Drumherum konzentriert hat. Seit Bekanntgabe des Projekts im Februar 2017 hat er nämlich den Entstehungsprozess der Serie ähnlich aufwendig wie die Serie selbst inszeniert. So fütterte er über fast zwei Jahre diverse Social-Media-Kanäle mit Updates an und streamte per Facebook Live sogar Teile der Dreharbeiten.

Oder doch ein Film?

Als großer PR-Mann in eigener Sache fing er zudem an, im Vorfeld der Premiere auf Amazon Prime Video Fehlinformationen zu streuen, um die Neugier zusätzlich zu befeuern. So ließ er Komponist Cliff Martinez sagen, jede Folge hätte Spielfilmlänge (Quatsch, von 31 bis 97 Minuten variiert die Laufdauer stark). Er selbst verkündete schließlich, es handele sich nicht um eine Serie, sondern um einen 13-stündigen Film (ebenso Quatsch, Anfang und Ende jeder der zehn Folgen sind klar markiert, außerdem unterscheiden sich die einzelnen Folgen deutlich in Erzähltempo und Plotting).

Dass Refn schon wieder von Film redet, wo er doch gerade sein erstes TV-Projekt vorlegt, ist gleichzeitig sehr klug, denn nach "Too Old to Die Young" wird er mutmaßlich keine Serie mehr drehen können. Die Zeit, in der Shows wie diese entstehen konnten, ist nämlich schon wieder vorbei. Gewissermaßen markiert "Too Old to Die Young" sogar den Abschlusspunkt einer Ära - der Ära des Autoren-TVs.

Begonnen hat diese Ära 1990 mit der ersten Staffel von David Lynchs "Twin Peaks" und geendet hat sie - rein qualitativ - 2017 mit dessen dritter Staffel. Dazwischen formierten sich Konstellationen, in denen erst Showrunner wie David Simon ("The Wire"), David Chase ("Die Sopranos") oder Matthew Weiner ("Mad Men") als Stars hervortraten, dann wurden die großen (Männer-)Namen des Autorenkinos von den Streamingdiensten als Marketing-Faktor entdeckt. David Fincher dreht für Netflix! Woody Allen entwickelt für Amazon!

Stars! Stars! Stars!

In den Ausläufern der zweiten Phase bestellte Amazon noch "Too Old to Die Young", zur Premiere steht die Serie nun wie ein Solitär in der TV-Landschaft. Vom Autoren-TV hat sich die Serienwelt nämlich in der Zwischenzeit zum Star-TV gewandelt. "Julia Roberts in 'Homecoming'!" zieht jetzt, genauso "Renée Zellweger in 'What/If'!" Und vor allem: "Meryl Streep in der zweiten Staffel von 'Big Little Lies'!"

Gerade letztere Serie kennzeichnet den Wandel besonders gut, denn in der zweiten Staffel hat Andrea Arnold die Regie von Jean-Marc Vallée übernommen. Von der einzigartigen Handschrift Arnolds, die mit Filmen wie "Fish Tank" oder "American Honey" für die aufregende Neuerfindung des Sozialdramas gesorgt hat, ist in der Staffel jedoch nichts zu erkennen, die ironisch unterfütterte Hochglanz-Optik der Serie entfaltet sich scheinbar ganz ohne ihr Zutun.

Insofern kann man "Too Old to Die Young" dann doch sehr wertschätzen, denn die Vision eines Filmemachers - so mangelhaft diese auch sein mag - wird sich kaum mehr in dieser Breite und mit diesem Aufwand in einer Serie entfalten dürfen.


"Too Old to Die Young" ist vom 14. Juni an auf Amazon Prime Video verfügbar

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