Leben und Lernen

Trotz zentralem Aufgabenpool

Warum Abi-Prüfungen in jedem Bundesland anders sind

Bundesländer sollen Abitur-Aufgaben aus einem zentralen Pool übernehmen, um die Prüfung gerechter zu machen. Doch jedes Land passt die Aufgaben an die eigene Schülerschaft an - und so gibt es doch wieder Unterschiede.

Felix Kästle / picture alliance/dpa

Abiturienten lesen sich vor Beginn der Prüfung die Abituraufgaben durch

Eine Analyse von
Samstag, 08.06.2019   11:27 Uhr

Das Abi-Chaos im Fach Mathematik ist perfekt. Schon gleich nach den Prüfungen hatten zahlreiche Schülerinnen und Schüler im Internet protestiert: zu viele, zu schwere Aufgaben, zu wenig Zeit. Nach Hamburg und dem Saarland passt auch Bremen den Bewertungsmaßstab teilweise an. Bayern räumt zwar ein, dass die Prüfungen etwas schwerer gewesen seien, als in den Jahren zuvor - ändert die Benotung aber nicht.

Abitur in Deutschland ist nicht gleich Abitur - es gibt erhebliche Differenzen: Unterschiedliche Lehrpläne und Bewertungsmaßstäbe führen dazu, dass jedes Bundesland seine eigene Reifeprüfung abnimmt. Im Süden und Osten haben sie's schwer, im Norden müssen Schüler für dieselbe Note weniger leisten - dieses Gerücht hält sich hartnäckig.

Das Abiturzeugnis, die Eintrittskarte in die akademische Welt, entscheidet auch über die berufliche Zukunft. Und je besser die Note, desto größer die Chancen, an einer begehrten Hochschule zu einem beliebten Fach zugelassen zu werden - egal, unter welchen Bedingungen diese Note zustande gekommen ist. Das Abitur ist ein Wettbewerb mit unfairen Mitteln.

Mit dem gemeinsamen Aufgabenpool sollte nun endlich alles fairer, vergleichbarer, besser werden. So zumindest hatten es die Kultusminister bei der Einführung 2016 versprochen. Das Prinzip: Die Länder machen Aufgabenvorschläge und schicken sie an das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), angesiedelt an der Humboldt-Universität Berlin.

Länder dürfen die Pool-Aufgaben abändern

Unter Leitung des Instituts prüfen Fachleute, ob das Niveau der Aufgaben stimmt. Anschließend können die Länder sich aus der Sammlung bedienen und ihre Abiturprüfungen mischen. So sollte theoretisch möglich sein, dass Schüler in Bayern und Bremen, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen dieselben Formeln aufstellen, dieselben Gleichungen lösen müssen. Der Pool sei "ein wichtiger Schritt in Richtung Vergleichbarkeit", lobte die damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Susanne Eisenmann.

Was die Minister so deutlich nicht sagten: Die Länder dürfen die Pool-Aufgaben noch einmal abändern und auf die eigene Schülerschaft anpassen - und die meisten machen von dieser Möglichkeit auch regen Gebrauch. "Den Wortlaut der Aufgaben zu ändern, hat oft nachvollziehbare Gründe; formale, aber auch inhaltliche", sagt der Mathematiker Jens Mandavid, der für den Stark-Verlag Jahr für Jahr Abituraufgaben analysiert. Der Verlag bietet Bücher zur Prüfungsvorbereitung für alle Bundesländer an. "Die Originalfassung ist meistens nicht die am besten formulierte."

In der Praxis geht es allerdings nicht nur um Formulierungen. Mandavid und seine Kollegen haben Abituraufgaben der vergangenen Jahre verglichen und festgestellt, dass häufig ganze Aufgabenteile ergänzt oder weggelassen wurden. Außerdem änderten manche Länder sogenannte Operatoren ("Bestimmen" statt "Berechnen") oder verteilten die Leistungspunkte anders, als im Erwartungshorizont des IQB vorgesehen ist.

Eine Aufgabe, diverse Länder-Varianten

Im vergangenen Jahr zum Beispiel sollten Abiturienten in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg ein Gebäude berechnen, das mithilfe zweier Pyramiden konstruiert war. Während Schüler in Baden-Württemberg nur drei Teilaufgaben lösen mussten, umfasste die Klausur in Berlin und Brandenburg sechs. Die Berliner und Brandenburger Version enthielt dafür Zwischenergebnisse, damit die Prüflinge nicht mit falschen Zahlen weiterrechneten. Außerdem war eine Gleichung angegeben, die Schüler im Südwesten nicht als Hilfestellung bekamen.

Im Analysis-Teil, erhöhtes Anforderungsniveau, mussten sich Schüler in Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein mit der Flugbahn einer Kugel beim Kugelstoßen beschäftigen. Zwölf Aufgabenteile, 42 zu erreichende Punkte, so hatte das IQB die Aufgabe ursprünglich konzipiert. Während Hamburg die Aufgabe unverändert übernahm, wurde in den beiden anderen Bundesländern jeweils ein größerer Aufgabenteil entfernt.

Schleswig-Holstein ersetzte zudem eine Teilaufgabe und formulierte weitere um. "Dadurch wurden sie deutlich besser lesbar und verständlicher", sagt Mathematiker Mandavid. Rheinland-Pfalz strich eine Aufgabe ersatzlos und ersetzte mehrere Teilaufgaben, "was sie zum Teil schwieriger werden ließ", urteilt der Experte.

Nach Ansicht des Experten, kann es durchaus sinnvoll sein, wenn Länder in die Gestaltung der Aufgaben eingreifen. Schließlich seien die Lehrpläne nach wie von unterschiedlich. Nur: Von gemeinsamen Aufgaben sollte man dann nicht sprechen.

insgesamt 40 Beiträge
AxelSchudak 08.06.2019
1. Abi ist unfair
Ein Abitur zur Bemessung vergleichbarer Leistung ist immer unfair. Entweder man testet die Schüler ausgehend von dem Niveau, das an ihrer Schule erreichbar war. Dann kann man Wissen, Anwendung und Transferfähigkeiten testen, [...]
Ein Abitur zur Bemessung vergleichbarer Leistung ist immer unfair. Entweder man testet die Schüler ausgehend von dem Niveau, das an ihrer Schule erreichbar war. Dann kann man Wissen, Anwendung und Transferfähigkeiten testen, aber die Klausuren müssten für jede Schule - eigentlich für jede Lerngruppe - angepasst werden und anders aussehen. Dann wird zwar jeder Schüler für sich fair bewertet, aber die Ergebnisse sind hinsichtlich des absoluten Wissens nicht vergleichbar. Will man eine Vergleichbarkeit des Leistungsstandes, und keine Abfrage der individuellen Fähigkeiten des Schülers, dann MUSS man damit leben, dass Schüler unfair behandelt werden. Jede Lerngruppe ist anders und entwickelt sich anders - ein Gymnasium in einer Wohngegend mit Akademikern bietet einfach andere Möglichkeiten als in einem sozial schwächeren Umfeld. Selbst bei völlig identischen Ausgangsvoraussetzungen tauchen schnell Notenunterschiede von bis zu einer Note im Schnitt auf, ohne dass die einzelnen Schüler schlechter oder besser sind - die Lerndynamik in einer Klasse ist einfach anders. Dabei ist "Heterogenität" möglicherweise sozial vorteilhaft, für den Lernerfolg eher nicht. Binnendifferenzierung ist hilfreich, verstärkt das Problem aber auf Dauer nur. Insofern ist ein "gemeinsamer, gleicher" Test gut für die Übersicht, aber unfair. Eine individuelle Prüfung - nach Schüler, Klasse, Schule, Bundesland - ist gerechter in der Beurteilung der einzelnen Schülern, aber halt schlechter vergleichbar. "Generell vergleichbar" und "individuell gerecht" sind nicht zu vereinbaren - mit diesem Bruch muss man einfach leben, und viele Schüler werden dafür immer wieder den Preis zahlen.
volker.simoneit 08.06.2019
2. Die Qualität der Bildungspolitik
ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Als Chancengleichheit müssen die Aufgaben angepasst werden. Wir können davon ausgehen, daß die Schüler durchschnittlich ein gleiches Intelligenzniveau haben.
ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Als Chancengleichheit müssen die Aufgaben angepasst werden. Wir können davon ausgehen, daß die Schüler durchschnittlich ein gleiches Intelligenzniveau haben.
aerograd 08.06.2019
3.
Bildungspolitik und auch Schulen nehmen die Abiprüfungen einfach viel zu wichtig. Anstatt die Lernbedingungen zu verbessern und Kompetenz, Lust und Motivation zum Hauptmerkmal der Bildung zu machen, werden Prüfungen und [...]
Bildungspolitik und auch Schulen nehmen die Abiprüfungen einfach viel zu wichtig. Anstatt die Lernbedingungen zu verbessern und Kompetenz, Lust und Motivation zum Hauptmerkmal der Bildung zu machen, werden Prüfungen und Notenvergabe in solchen Debatten fetisichisiert. Was die Schüler zum Abi nicht können, werden sie hinterher eh nicht mehr lernen. Warum daher die Abiprüfungen beim lebenslangen Lernen dann so hoch hängen? Vielmehr käme es doch drauf an, den Schülern individuell den Sinn von Problemlösungen zu vermitteln. Das würde allerdings in der ersten Klasse anfangen. Vielmehr sollte das gesamte Notensystem auf den Prüfstand. Und es hat natürlich viel mit Investitionen in Bildung und Ausbildung zu tun.
static_noise 08.06.2019
4.
Auch auf die Gefahr wie ein Besserwisser zu klingen: Die Abinote ist längst kein "Schlüssel zum Erfolg" mehr. Das war Mal so, in einer Zeit strenger Ausbildungspläne und allgemein gültiger Festlegung von [...]
Auch auf die Gefahr wie ein Besserwisser zu klingen: Die Abinote ist längst kein "Schlüssel zum Erfolg" mehr. Das war Mal so, in einer Zeit strenger Ausbildungspläne und allgemein gültiger Festlegung von "Berufen". In der modernen Dienstleistungsgesellschaft, durch Bologna ausgehöhlter universitärer Bildung, Deregulierung von Wirtschaft und modernen Themenfeldern und Technologien von deren "Berufen" und Möglichkeiten die verknöcherten Bildungsstrukturen noch nicht Mal was gehört haben ist die Note meist fast gleichgültig. Ich hab mein Abi nur mit Ach und Krach geschafft, bin über 50 und habe mich in in den 2000ern entschieden auf IT umzusatteln. Heute bin ich einer dieser "bösen Berater" in der IT großer Firmen und landläufig vermutlich 'erfolgreich'. Mein Abi spielte das letzte Mal eine Rolle als ich ein Formular beim Amt ausfüllen müsste (höchster Schulabschluss). Wie so vieles in unserem Land, statt sinnvoll zu modernisieren verwaltet man "Altbestand"(war immer schon so) zu Tode und versucht es mit Drehen an Stellschräubchen zu retten. Oder überlässt es "der Wirtschaft" und wundert sich, dass das Ergebnis nicht nach Qualität sondern nach Gewinn designed ist. Politik ist visionsloser Verwalter der Altmasse, das geriatrische Klammern am "Früheren" in einer Zeit wo gesellschaftlicher und technischer Generationenwechsel in 5-10Jahresrythmen passiert. Liefert Visionen oder "strebt".
Schartin Mulz 08.06.2019
5. Die Vorstellung,
man könne absolut vergleichbare Abitur.Ergebnisse erzeugen, ist naiv. Man ist als Schüler von sovielen Faktoren abhängig. Von der Klassensituation, von den Lehrern. Um Noten wirklich bis auf die Nachkommastellen vergleichen zu [...]
man könne absolut vergleichbare Abitur.Ergebnisse erzeugen, ist naiv. Man ist als Schüler von sovielen Faktoren abhängig. Von der Klassensituation, von den Lehrern. Um Noten wirklich bis auf die Nachkommastellen vergleichen zu können, müssten alle die absolut gleichen Voraussetzungen haben. Gleiche Klassenzusammensetzung, gleich gute Lehrer. Exakt dieselbe Vorbereitung. Wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass Vergleichbarkeit der Noten das oberste Ziel wäre. Und von dem Gedanken, dass ALLE Schüler exakt dasselbe lernen müssen. Dieselbe Literatur im Deutschuntericht z.B. Was heißt, das alle Absolventen bestimmte Werke kennen, andere aber nicht. Es ist nicht schwer zuerkennen, dass die Gesellschaft von unterschiedlichen Kompetenzen viel mehr hätte. Aber auf dem Gebiet ist "Gleichmacherei" immer noch in.

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