Leben und Lernen

Angst vor dem eigenen Gesicht

Jetzt bloß nicht rot werden

Schule war für Daniel der absolute Horror. Denn der heute 22-Jährige leidet unter Errötungsangst - einer psychischen Erkrankung, die sich bei vielen in der Pubertät bemerkbar macht. Daniel hatte Panik, dass die anderen etwas merken. Daher schwänzte er und nahm Drogen.

Von Andrea Peus
Dienstag, 11.03.2008   16:24 Uhr

Daniel List*, 22, ist ein lässiger Typ. Attraktiv, aufgeschlossen, kontaktfreudig. Er könnte mit sich zufrieden sein – würde er nicht ständig rot werden. Das kann peinlich sein. Doch bei Daniel ist es mehr. Bereits die Angst vor dem Erröten ist für ihn "der pure Horror".

Was auch viele seiner Freunde bis heute nicht wissen: Daniel leidet unter der psychischen Erkrankung Erythrophobie (von griechisch erythros = erröten und phobie = krankhafte Furcht).

"Es ging los, als ich 13 Jahre alt war", sagt Daniel. Während eines Familienurlaubs wurde ihm immer wieder heiß. Als eine Freundin ihn darauf ansprach, war er mit der Situation völlig überfordert. Von da an hatte er ständig das Gefühl, beobachtet und bloßgestellt zu werden. Denn wer rot wird, gilt als schüchtern oder verklemmt - und genau das wollte Daniel vermeiden. "Damit konnte ich einfach nicht umgehen", sagt er. Es dauerte nicht lange und die Angst vor möglichen Peinlichkeiten bestimmte seinen kompletten Schulalltag. Daniel zog sich zurück, meldete sich kaum noch, schwänzte Referate.

Er versuchte, die Röte so gut wie möglich zu kaschieren. Im Unterricht bevorzugte er dunkle Ecken, vergrub den heißen Kopf immer wieder im Rucksack. Er tat so, als würde er etwas suchen oder schnäuzte sich ausgiebig die Nase. Bald verließ Daniel nur noch mit Kappe das Haus. "Wenn ich den Schirm tief ins Gesicht zog, fühlte ich mich sicherer", sagt er. Die Kappe ist bis heute Daniels kleinen Markenzeichen.

Adern, die dicht unter der Haut liegen

Der 22-Jährige ist nicht der einzige, der an Erythrophobie leidet. "Die Angst vor dem Erröten gehört zu den sozialen Phobien", sagt Samia Chaker, Leiterin eines Projektes zur Erforschung von Grundlagen und Therapie der Errötungsangst am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden. "Man schätzt, dass etwa drei bis 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von sozialen Phobien betroffen sind", so die Psychologin. Nach Depressionen und Süchten seien soziale Phobien die dritthäufigste psychische Störung.

Zwar weiß man noch nicht, wie viele Menschen von der Erythrophobie betroffen sind - doch es scheinen mehr zu sein als bisher angenommen wurde. Nach Angaben von Carsten Dieme, dem Gründer des Internetforums zur Erythrophobie , tauschen sich täglich allein über 100 Betroffene auf seiner Internetseite aus. Die Störung kann jeder bekommen. Die Ursachen sind jedoch noch nicht genau geklärt. Man vermutet, dass es sich um eine Kombination verschiedener Faktoren handelt, beeinflusst von Genetik, Erziehung und Umwelt.

Dabei ist "das Erröten an sich zunächst nicht dramatisch", sagt Chaker. "Die Adern erweitern sich und lassen mehr Blut durch." Das soll bei Hitze oder Stress für einen Temperaturausgleich sorgen. Chaker: "Im Gesicht sieht man das besonders gut, da die Adern dicht unter der Hautoberfläche liegen." Warum die Menschen aber auch bei Verlegenheit, Freude oder Ärger erröten, ist noch nicht geklärt. Fest steht: Scham, Angst und Panik können die Errötungsfrequenz steigern - und ehe sich die Betroffenen versehen, befinden sie sich in einem Teufelskreis, der sie manchmal zu Verzweiflung und Isolation treibt.

Bei Minusgraden im T-Shirt unterwegs

Auch Daniels Situation spitzte sich schnell zu. Er musste die neunte Klasse wiederholen, wechselte die Schule. Er probierte Drogen. Sein Versteckspiel wurde immer absurder. Selbst bei Minusgraden trug er nur ein T-Shirt. "Ich habe am ganzen Körper gezittert, aber das hat mich abgelenkt." Einmal, im Sommer, legte er sich aus Angst vor einem Referat den ganzen Tag in die Sonne. "Das hat richtig geschmerzt", sagt er. Am nächsten Tag musste er mit Brandblasen zum Arzt, das Referat wurde verschoben.

Irgendwann wurden selbst Busfahren und Einkaufen für Daniel zur Qual. Ständig stellte er sich die Frage: "Wenn ich jetzt rot werde... - was denken die anderen?". Nur zu gut konnte er sich an einen Vorfall im Ferienlager erinnern. Irgendetwas war kaputt gegangen. "Wir saßen zusammen am Tisch, als der Leiter meinte, derjenige, der das getan habe, solle sich doch bitte melden. Ich dachte in dem Moment nur: 'Jetzt bloß nicht rot werden!' Doch genau das passierte. Zum Glück hat's niemand bemerkt."

Dass er wegen seiner roten Birne weder gehänselt noch ausgegrenzt wurde, wundert Daniel noch heute. "Neulich habe ich das einer alten Schulfreundin erzählt. Der ist nie etwas aufgefallen", sagt er ungläubig.

Samia Chaker überrascht das nicht: "Viele haben das Gefühl, einen heißen Kopf zu bekommen, werden aber gar nicht unbedingt jedes Mal sichtbar rot." Hinzu kommt, dass die von Angst und Scham Geplagten sich zu Fehlinterpretationen hinreißen lassen. Sie nehmen sich und ihr Umfeld häufig nur noch verzerrt wahr.

"Plötzlich verstand ich, was mit mir los war"

So ist Daniel davon überzeugt, dass er als Teenager "völlig in sich gekehrt und verschlossen" war. Dabei fühlte er sich nie ausgeschlossen, hatte Freunde und mit 17 auch eine Freundin. Er musste sie nicht einmal ansprechen: "Das hätte ich auch nie geschafft." Sie kam zu ihm. Kurz vor dem Abitur merkte er, dass er Hilfe brauchte. "Bis dahin hatte ich immer gehofft, dass sich das Problem von alleine löst." Er recherchierte im Internet und traf auf Leidensgenossen. "Das war die Wende. Plötzlich verstand ich, was mit mir los war". Daniel machte eine Therapie, nahm Medikamente.

Inzwischen hat er gelernt, mit der Angst vor dem Erröten umzugehen. Rot wird er immer noch - aber nicht mehr so häufig, denn er fürchtet sich nicht mehr davor.

Daniel hatte Glück. Unbehandelt könne die Krankheit mit deutlich dramatischeren Einschränkungen einhergehen, sagt Samia Chaker. Manche Betroffene verpassen Schulabschlüsse und Aufstiegschancen, igeln sich ein - und entwickeln eine Depression oder andere Angststörungen. Chaker empfiehlt deshalb, sich nicht zu verstecken, sondern nach Informationen zu suchen, Vertrauenspersonen einzuweihen und auch über eine Therapie nachzudenken.

Daniel hat das alles hinter sich. Doch wirklich abgeschlossen hat er mit dem Thema noch nicht. Auf den Schrecken folgte die Faszination. Heute studiert der 22-Jährige im zweiten Semester Psychologie - und wird sich irgendwann beruflich mit sozialen Phobien beschäftigen.

* Name wurde von der Redaktion geändert

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