Leben und Lernen

Baden-Württemberg

Nur 45 Prozent der Lehrer arbeiten in Vollzeit

Der Wunsch vieler Lehrkräfte nach Teilzeitarbeit stellt die Schulen vor organisatorische Probleme. Baden-Württembergs Kultusministerin will nun gegensteuern.

Julian Stratenschulte/ DPA

Von
Freitag, 12.07.2019   19:08 Uhr

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will die hohe Teilzeitquote bei Lehrerinnen und Lehrern eindämmen. "Hält der Trend an, dann brauchen wir immer mehr Lehrkräfte, um überhaupt die Pflichtversorgung zu gewährleisten", warnt Eisenmann. Außerdem werde es für Schulleitungen schwieriger, Unterricht zu planen und zu gestalten.

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 29/2019
Richtig und gut leben
Die Welt retten, ohne sich einzuschränken - geht das?

"Der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit - zum Beispiel, um Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen - steht nicht infrage", so Eisenmann. Jedoch könnten Schulverwaltungen nicht jedem individuellen Wunsch entsprechen, die Arbeitszeit zu reduzieren. "Unterricht lebt davon, dass der Lehrer präsent ist", sagt Eisenmann. Dieser Grundsatz sei Teil der Berufswahl.

Nach neuesten Zahlen des Statistischen Landesamts in Stuttgart arbeitet im laufenden Schuljahr nicht einmal die Hälfte der Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen Baden-Württembergs in Vollzeit. Der Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr um einen Prozentpunkt auf 45 Prozent gesunken.

Besonders hoch ist der Teilzeitanteil an Grund-, Werkreal- und Hauptschulen. An Real- und an Gemeinschaftsschulen überwiegen die Vollzeit-Lehrkräfte hingegen deutlich.

Im Südwesten herrschte zuletzt Lehrermangel, insbesondere an Grundschulen. Die Bedarfsprognosen gingen lange von sinkenden Schülerzahlen aus, doch der Rückgang trat nicht ein. Gleichzeitig gingen viele Lehrkräfte in den Ruhestand.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.

insgesamt 161 Beiträge
michaelXXLF 12.07.2019
1. Aber warum?
Vielleicht sollte man sich auch mal fragen, warum das so ist? An der überschwänglichen Entlohnungen dürfte es vermutlich nicht liegen. Vielleicht liegt es ja daran, daß man den Lehreinnen und Lehrern in den letzten 20 Jahren [...]
Vielleicht sollte man sich auch mal fragen, warum das so ist? An der überschwänglichen Entlohnungen dürfte es vermutlich nicht liegen. Vielleicht liegt es ja daran, daß man den Lehreinnen und Lehrern in den letzten 20 Jahren immer noch mehr aufgebürdet hat, Lernstandserhebung, Vera, Pisa, Integration, Alphabetisierung und die ganz grundlegenden Erziehungsaufgaben, die früher zuhause erledigt wurden. Von unkooperativen Eltern mal ganz zu schweigen. Nach jedem Regierungswechsel ändern sich die Vorgaben - manchmal auch ohne. Erst G8, jetzt dann doch wieder G9, kaum daß sämtliche Kernlehrpläne und schulinternen Curricula geschrieben sind, alles wieder in die Tonne! Das passiert alle übrigens nebenbei, zuhause, zusätzlich zur Arbeitszeit.
asnide 12.07.2019
2.
Die Aussagen von Frau Eisenmann beleuchten nicht die Ursachen der hohen Teilzeitquote. Ich bin zwar nicht in BW tätig, weiß aber, dass die gesundheitliche Belastung des Berufes sehr hoch ist. Es sind über viele Jahre immer mehr [...]
Die Aussagen von Frau Eisenmann beleuchten nicht die Ursachen der hohen Teilzeitquote. Ich bin zwar nicht in BW tätig, weiß aber, dass die gesundheitliche Belastung des Berufes sehr hoch ist. Es sind über viele Jahre immer mehr Aufgaben und Anforderungen (Inklusion, viele Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache, ausufernde Dokumentationen,..., die Liste ließe sich noch sehr weit fortsetzen) an die Lehrer gestellt worden, gleichzeitig wird aber vom Dienstherrn wenig getan, um sich um Arbeitsschutz und Gesunderhaltung seiner Lehrer zu kümmern. Da duckt sich die Schulaufsicht gerne weg. Viele Ärzte raten, die Stressoren zu minimieren, deutlich kürzer zu treten, um gesund zu bleiben. In vielen Firmen wird deutlich mehr für Arbeitsschutz und angemessene Arbeitsumgebung (Lärmschutz, ergonomische Ausstattung usw.) getan. Also, liebe Schulminister, nicht aus den klimatisierten Büros heraus wundern, warum man im fortgeschrittenen Alter nicht in Vollzeit in der Hocke neben Schülern in aufgeheizten, vollen Klassenräumen zubringt, um individualisierten Unterricht zu gestalten. Könnte noch viele Beispiele bringen, wo die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers schlecht ist. Und, nein, ich bin nicht verbeamtet und habe nur eine normale Rente zu erwarten, die ich dann einigermaßen gesund noch einige Jahre erleben möchte.
andreowicz 12.07.2019
3. Hausgemachtes Problem
Für die Sorgen des Kultusministeriums habe ich wenig Verständnis. Durch die ständige Verdichtung der Arbeitsbelastung geht der Lehrerberuf doch fast nur in Teilzeit. Und wer Korrekturfächer hat, der macht die Schulferien [...]
Für die Sorgen des Kultusministeriums habe ich wenig Verständnis. Durch die ständige Verdichtung der Arbeitsbelastung geht der Lehrerberuf doch fast nur in Teilzeit. Und wer Korrekturfächer hat, der macht die Schulferien gleich durch. Das der Lehrerberuf Präsenz fordert ist klar. Man kann aber auch Teilzeit arbeiten und gleichzeitig präsent sein. Wir müssen endlich von der "Denke" runter, dass eine lange Präsenz am Arbeitsplatz gleichbedeutend mit guter Qualität ist. Ich empfehle dringend über Arbeitszeitmodelle in diesem Beruf nachzudenken. Da trauten sich die Ministerien bisher aber nicht ran, da das teuer wird.
Motorpsycho 12.07.2019
4.
Seit Jahren hat man die Arbeitsbelastung von Lehrern immer weiter hochgeschraubt. Pflichtstunden erhöht, Formal- und Papierkram immer weiter ausufern lassen. Gutachten hier, Pisa dort. Inklusion, Integration, alles einfach immer [...]
Seit Jahren hat man die Arbeitsbelastung von Lehrern immer weiter hochgeschraubt. Pflichtstunden erhöht, Formal- und Papierkram immer weiter ausufern lassen. Gutachten hier, Pisa dort. Inklusion, Integration, alles einfach immer oben drauf. Fakt ist, Lehrer die Teilzeit arbeiten, arbeiten Vollzeit. Da muss ich mir nur meine Frau (Grundschullehrerin) angucken. Da muss man sich nicht wundern, wenn Lehrer, die keine 60h Woche wollen auf Teilzeit gehen. Das ist das einzige Ventil, dass sie haben, um irgendwie eine Work-Life-Balance hinzubekommen. Wird Zeit, dass auch für Lehrer die von der EU für AN zwingend vorgeschriebene Arbeitszeiterfassung auch bei Lehrern Einzug hält. Die Kultusminister werden sich wundern.
phthalo 12.07.2019
5. @michaelXXLF: Kann ich zustimmen
Nur den letzte Satz: "Das passiert alle übrigens nebenbei, zuhause, zusätzlich zur Arbeitszeit." möchte ich erläutern: Die Arbeitszeit eines Lehrers ist ja nicht nur der Unterricht. Das sind bei einer vollen Stelle [...]
Nur den letzte Satz: "Das passiert alle übrigens nebenbei, zuhause, zusätzlich zur Arbeitszeit." möchte ich erläutern: Die Arbeitszeit eines Lehrers ist ja nicht nur der Unterricht. Das sind bei einer vollen Stelle ca: 26 Stunden / Woche. Eine Volle Stelle sind aber je nach Bundesland 35 bis 40 h/Woche. Also "nebenbei" stimmt dann nicht so ganz, da man ja noch Stunden übrig sind. Ich bin übrigens Lehrer und habe meinen Stoff mittlerweile ganz gut zusammen, so dass sich die "Heimarbeit" schon sehr reduziert hat, im Vergleich zu früher und ich ohne zusätzliche Aufgaben sicher weniger als die 37,5h/Woche arbeiten würde.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP