Leben und Lernen

Petition gegen "Grundschulabitur"

"Mein Sohn hatte oft Bauchschmerzen und Kopfweh"

Anfang Mai entscheidet sich für Viertklässler in Bayern, ob sie aufs Gymnasium dürfen. Das hängt vom Notenschnitt ab. Seit Jahren kritisieren Eltern den damit verbundenen Leistungsdruck - einer Mutter reicht es nun.

Getty Images

Traurige Grundschülerin (Symbolbild).

Von
Freitag, 03.05.2019   20:46 Uhr

Natalie Tews hat in diesem Schuljahr häufiger geweint. Wie ihr ging es auch anderen Müttern an der Schule ihres Sohnes. "Es lief einfach nicht optimal", sagt die 40-Jährige aus dem bayerischen Krumbach über den anstehenden Schulwechsel ihres Ältesten. Damit meint sie allerdings nicht die Leistung des Zehnjährigen, sondern die vielen Tests für den Viertklässler.

In Bayern bekommen die Grundschüler Anfang Mai eine Empfehlung für ihre weitere Schullaufbahn. Grundlage ist der Notendurchschnitt in den Hauptfächern. Die Kinder stünden deshalb das ganze Jahr unter Druck, sagt Tews, die Elternsprecherin ist.

Kaum bekämen die Kinder zu Beginn des Schuljahrs den ersten Stoff vermittelt, gehe es los mit den sogenannten Proben. Rund 20 solcher Tests schreiben die Viertklässler zwischen Oktober und April in Mathe, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht, wie ein Sprecher des Kultusministeriums bestätigt. Wer einen Notenschnitt bis einschließlich 2,33 schafft, darf demnach aufs Gymnasium, die Realschullaufbahn wird von der Schulbehörde bis 2,66 empfohlen.

Kinder klagen über Schmerzen und Schlafstörungen

"Mein Sohn hatte oft Bauchschmerzen und Kopfweh", sagt Tews. "Ich habe zu ihm gesagt: Wenn dir das zu viel wird, hörst du auf zu lernen. Aber er wollte unbedingt die Empfehlung fürs Gymnasium schaffen. Er hat ja auch seinen Ehrgeiz." Andere Eltern hätten ihr von Schlafstörungen ihrer Kinder berichtet. Manch ein Viertklässler habe angefangen, an sich selbst zu zweifeln.

"Grundschulabitur" nennen Kritiker die Tests, die für die weitere Schullaufbahn so wichtig sind. Doch Tews findet das noch beschönigend. Beim Abitur seien die Aufgaben wenigstens für alle gleich. Die Proben hingegen fielen ganz verschieden aus. Mal seien die Fragen uneindeutig, mal die Bewertungen nicht schlüssig, so empfindet es die Mutter. Darüber hat sie sich beschwert. Bis hoch zum Schulamt ging das. Hätte sie sich nicht eingemischt, hätte ihr Kind eine schlechtere Note gehabt, sagt sie.

Auch Michael Zehtleitner, selbst Vater von bayerischen Schulkindern, zweifelt an der Vergleichbarkeit der Eignungsprüfung. Dem Psychologieprofessor war aufgefallen, dass sich der Notendurchschnitt von Region zu Region stark unterscheide. Während in Starnberg in den vergangenen Jahren meist über 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen hätten, seien es in Schweinfurt unter 40 Prozent gewesen.

Kritik an sozialer Ungerechtigkeit

Zehetleitner hat die Grünen zu einer Anfrage im Bayerischen Landtag angeregt und dann die Daten aus der Antwort ausgewertet. Er habe dafür seine Statistikkompetenzen als Psychologieprofessor genutzt, sagt Zehetleitner, der hier als Vater, nicht als Wissenschaftler spricht. Seine Frau engagiert sich in einer Bürgerinitiative für die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung in Bayern. "Es ist eindeutig, dass die Unterschiede nicht zufällig, sondern systematisch sind", sagt Zehetleitner.

Der Dozent verglich die Übertrittsempfehlung mit Statistiken zum sozioökomischen Hintergrund. Auch hier sei der Zusammenhang eindeutig: In Regionen mit vielen Akademikern sei auch der Anteil der Gymnasialempfehlungen hoch. Gebe es viele Familien mit Migrationshintergrund, sei der Anteil niedriger. Zehetleitner findet das ungerecht.

Immer wieder belegen Studien, dass der Schulerfolg in Deutschland tatsächlich stark vom sozialen Hintergrund abhängt. Das ist spätestens seit dem Pisaschock von 2001 klar und wird nur langsam besser, wie zuletzt die Bildungsstudie der OECD gezeigt hat.

Familienleben überschattet

Natalie Tews will das nicht länger hinnehmen. Kurz vor der Schulempfehlung für ihren Großen hat sie deshalb eine Petition an den Bayerischen Kultusminister gestartet. Mit 37 Ausrufezeichen unterstreicht sie ihr Anliegen. Drei davon vergibt sie gleich zu Beginn ihrer Petition, weil der Übertritt in Bayern zurzeit "nicht gerecht und chancengleich ist!!!"

Seit Mitte April hat sie erst gut tausend Unterschriften eingesammelt. Doch seit Anfang Mai die Zeugnisse mit der Übertrittsempfehlung an die Viertklässler verteilt worden sind, werden es mehr.

Der Bayerische Elternverband kritisiert den Druck, "der das gesamte Familienleben überschatten kann", und fordert, "wenigstens versuchsweise die eingefahrenen Selektionsschienen" zu verlassen. Es sei nicht zufriedenstellend, dass allein Noten so weitreichende Folgen hätten, sagt der Landesvorsitzende Martin Löwe. Sie würden nur einen geringen Teil der Stärken des Kindes abbilden.

Lehrer halten Druck kaum stand

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) fordert das Kultusministerium auf, das gängige Verfahren kritisch zu hinterfragen. "Dieser Marathon überfordert viele Kinder", sagt Simone Fleischmann. Auch für die Lehrer sei die vierte Klasse eine extreme Herausforderung. "Viele halten dem Druck, der in dieser Zeit auch von vielen Eltern ausgeübt wird, kaum noch stand", so Fleischmann. Viele Lehrer lehnten deshalb die Leitung dritter und vierter Klassen ab.

Doch Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verteidigt das System. In den vergangenen zehn Jahren sei bereits nachgebessert worden, teilt er dem SPIEGEL mit. Eltern hätten inzwischen ein Mitspracherecht: Sie könnten ihre Kinder zum Beispiel zum Probeunterricht aufs Gymnasium oder die Realschule schicken, wenn der Notendurchschnitt nicht reicht. Und sogar darauf bestehen, dass die Kinder dort aufgenommen werden, selbst wenn sie an den drei Probetagen nur Vieren bekämen.

Elternwille statt Noten gefordert

Aber die Kritik am "Grundschulabitur" ebbt trotzdem nicht ab. Selbst die Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern, die Eltern vertritt, deren Kinder den Sprung aufs Gymnasium bereits geschafft haben, spricht sich gegen die bestehenden Regeln aus. Susanne Arndt sagt, sie halte es persönlich für besser, auf die Einschätzung der Lehrkräfte statt auf Noten zu setzen.

Zehetleitner und Tews sehen das ähnlich. Sie fordern, dass künftig Eltern über die Schulwahl entscheiden dürfen - allerdings auf Grundlage einer Empfehlung der Lehrkräfte, so wie es in den meisten Bundesländern bereits üblich ist.

Kultusminister Piazolo kontert, gerade das verstärke die Ungerechtigkeit, da Akademiker ihre Kinder eher aufs Gymnasium schickten. Forscher aus Berlin haben dafür in einer Studie von 2015 allerdings keine Belege gefunden. Demnach wechselten nicht mehr Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern auf das Gymnasium, wenn die Eltern darüber entschieden. Allerdings lasse sich aus den Ergebnissen auch nicht ableiten, dass es mit dem Elternwillen gerechter zugehe, stellten die Forscher fest.

Stress wächst bei verbindlicher Empfehlung

Wissenschaftler der Universität Würzburg sehen das Problem ohnehin in einem anderen Punkt: Sie verglichen die Belastung der Kinder in Bayern und Hessen: Fast die Hälfte der Kinder aus Bayern litt demnach den Eltern zufolge unter Stress. In Hessen dagegen, wo die Empfehlung der Schule nicht verbindlich ist, habe lediglich ein Viertel der Eltern angegeben, dass der Übergang ihr Kind sehr belaste.

Piazolo aber stellt in Frage, wer hier Druck macht: Geht er von den Kindern aus oder kommt er von außen, etwa weil die Eltern das Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen wollen? Selbst wenn der Erwartungsdruck von Eltern komme, sei die Stressbelastung in Bayern höher, sagen die Forscher. Allerdings sehen auch die Verbände die Eltern in der Verantwortung, die Kinder mit ihren Erwartungen nicht zu überfordern.

Natalie Tews weist so ein Verhalten weit von sich. Von ihr und ihrem Mann käme der Druck nicht. So oder so - ihr Sohn hat es geschafft. Er darf aufs Gymnasium. Seine Mutter will trotzdem für neue Regeln kämpfen - um ihren Töchtern den Stress in zwei Jahren zu ersparen.

insgesamt 55 Beiträge
hinz.und.kunz 06.05.2019
1.
Besser 20 Arbeiten als nur eine, z.B. in Form einer Aufnahmeprüfung.
Besser 20 Arbeiten als nur eine, z.B. in Form einer Aufnahmeprüfung.
MioMioMimi 06.05.2019
2.
Das gab es bei uns vor fast 20 Jahren auch schon. Hat damals komischerweise keinem geschadet. Der Druck kommt nicht von den Prüfungen selbst, sonden von den Erwartungen der Eltern an ihre Kinder. Das eigene Kind muss immer das [...]
Das gab es bei uns vor fast 20 Jahren auch schon. Hat damals komischerweise keinem geschadet. Der Druck kommt nicht von den Prüfungen selbst, sonden von den Erwartungen der Eltern an ihre Kinder. Das eigene Kind muss immer das beste sein und wenn es nicht aufs Gynmasium geht, ist doch gleich ein Versager. Die Kinder spüren das.
holger.lehmann 06.05.2019
3. Grundschul Abi erst in der 6ten
Diverse Pädagogen empfehlen generell den Übergang in die höheren Schulzweige erst mit dem Übergang von der 6en in die 7te. Ändert per se nicht an dem Grundschul Abi ist aber für die Kinder vernünftiger. Hier wäre auch für [...]
Diverse Pädagogen empfehlen generell den Übergang in die höheren Schulzweige erst mit dem Übergang von der 6en in die 7te. Ändert per se nicht an dem Grundschul Abi ist aber für die Kinder vernünftiger. Hier wäre auch für Bayern eine Emfpfehlung von der Schule sinnvoller anstelle der harten Grenze nur auf Noten basierend. Wir haben uns hier übrigens ausgeklingt Privatschule - kostet uns zwar jeden Monat etwas mehr als der Kindergarten aber dafür kein Buliemie lernen.
baghira1 06.05.2019
4. warum überhaupt so früh separieren?
Warum wird nicht am Ende des für die leistungsschwächeren Schüler letzten Jahr die Verteilung vollziehen? Wie in den USA und vielen anderen Ländern.Das frühe Trennen ist für die Spätstarter schlecht,da späteres Aufwachen [...]
Warum wird nicht am Ende des für die leistungsschwächeren Schüler letzten Jahr die Verteilung vollziehen? Wie in den USA und vielen anderen Ländern.Das frühe Trennen ist für die Spätstarter schlecht,da späteres Aufwachen und Verbessern mit einer Ehrenrunde bestraft wird.
flohego 06.05.2019
5. Das Leben ist kein Ponyhof...
Der Wunsch der besorgten Eltern, dass ihre Kinder möglichst sorgenfrei aufwachsen dürfen ist verständlich, aber geht bezogen auf Schule und Berufsausbildung an der späteren Realität vorbei. Die Schule ist kein Selbstzweck, [...]
Der Wunsch der besorgten Eltern, dass ihre Kinder möglichst sorgenfrei aufwachsen dürfen ist verständlich, aber geht bezogen auf Schule und Berufsausbildung an der späteren Realität vorbei. Die Schule ist kein Selbstzweck, sondern soll auf das Leben vorbereiten. Dazu gehört es auch , dass man lernt mit Drucksituationen umzugehen, sich selbst realistisch einzuschätzen oder auch mit eigenen Fehlleistungen umzugehen und daraus zu lernen; je früher umso besser. Denn im Studium oder in der Ausbildung ist es zu spät dafür. Im Beruf erst recht. Es ist auch sinnvoll, frühzeitig Schwächen bei der Belastbarkeit offenzulegen, um dies frühstmöglich bei der weiteren schulischen und beruflichen Ausbildung berücksichtigen zu können, wenn sich die jeweilige Schwäche nicht beheben lässt. Wer zwar toll lernen kann, aber unter Druck sein Wissen nicht richtig anwenden kann, ist vielleicht gut beraten, sich gar nicht erst zu wünschen, Pilot, Chirurg oder Soldat zu werden. Man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man sich später jeden Tag mit Versagensängsten zur Arbeit quält, nur weil man früher nie erfahren hat, dass man Drucksituationen schlecht standhält.

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