Leben und Lernen

Studie

Was Kindern hierzulande fehlt - und was nicht

Wie geht es Kindern in Deutschland? Was sind ihre Nöte? Was stört sie an Erwachsenen? Forscherinnen haben rund 3500 Schülerinnen und Schüler dazu befragt. Die Antworten seien teils "erschreckend".

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Wie geht es Kindern in Deutschland? Das zeigt eine großangelegte Studie

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Mittwoch, 03.07.2019   06:50 Uhr

"Bei mir ist es so, die ganze Welt darf irgendwie über mich bestimmen." Ein Zehnjähriger hat das im Rahmen einer großangelegten Befragung von Kindern im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung gesagt und damit - leicht überspitzt - ein Lebensgefühl vieler Schülerinnen und Schüler in Deutschland beschrieben.

"Ein großer Teil der jungen Menschen fühlt sich nicht ernst genommen und nur unzureichend beteiligt", zu diesem Ergebnis kommen die Forscherinnen Sabine Andresen und Renate Möller. Rund 3500 Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 14 Jahren wurden für ihre Studie im Schuljahr 2017/18 zu verschiedenen Themen befragt:

Fazit: "Kinder und Jugendliche sehen zu wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten für sich", heißt es in einer Mitteilung zu der fast 200 Seiten starken Studie. Politik sollte sich das Wissen der jungen Menschen stärker zunutze machen, um etwa Kinderarmut effizient zu bekämpfen - zumal Geldsorgen oft mit anderen Nöten einhergingen. Erschreckend seien die Erkenntnisse rund um das Thema Sicherheit. Je nach Schultyp erlebten mehr oder weniger Kinder Ausgrenzung, Hänselei und körperliche Gewalt.

Besonderheit: Eine ausgewählte Gruppe von Jugendlichen wurde gebeten, das Setting der Studie sowie die Ergebnisse zu kommentieren: "Erwachsene begegnen Kindern und Jugendlichen oft abwertend", schreiben sie. "Wir haben viel zu oft gehört: 'Wenn wir jetzt Kinder fragen, was sie zum guten Leben brauchen, dann wollen sie doch alle ein Handy'." Nach Einschätzung der Jugendlichen - JugendExpert*innen-Team genannt - wird dieses Bild durch die Studie klar widerlegt.

Die Ergebnisse im Überblick:

Vertrauen, Zugehörigkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung - das sind der Befragung zufolge die wichtigsten Themen für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Aber gerade da hapert es an manchen Stellen, wie Schülerantworten zeigen.

MITBESTIMMEN: "Die nehmen mich nicht ernst, weil ich in der Pubertät bin"

Nur knapp die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler stimmt der Aussage, sie können in der Schule mitentscheiden, sehr oder voll zu. Bei den 14-Jährigen sind es nur 34 Prozent, bei den Achtjährigen ist es noch jeder zweite. Mit zunehmendem Alter finden Schüler zudem immer weniger, ihre Lehrer würden sie ernst nehmen.

Von ihren Eltern dagegen fühlen sich Kinder und Jugendliche besser gesehen. 60 Prozent sagen, dass sie bei Entscheidungen in der Familie mitbestimmen dürfen - 16 Prozent stimmen dem allerdings gar nicht oder nur ein bisschen zu.

Dass Kinder mit zunehmendem Alter immer weniger das Gefühl haben, in Schule und Familie für voll genommen zu werden, dürfe nicht mit dem Verweis auf "Rebellion in der Pubertät" abgetan werden, schreiben Andresen und Möller. Sie zitieren Aussagen von 14-Jährigen: "Die nehmen mich nicht ernst, weil ich in der Pubertät bin." Auch pubertierende Jugendliche hätten ein Recht, mit ihren Ansichten gehört zu werden.

Das sagen die JugendExpert*innen: "Kinder und Jugendliche werden unserer Erfahrung nach häufig bei banalen Entscheidungen beteiligt und nicht bei weitreichenden. Bestimmen Schüler*innen die Farbe des Oberstufenraums mit oder werden sie gefragt, wenn die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre verkürzt wird?" Die Jugendlichen fordern: Schüler müssten gefragt werden, wo sie sich beteiligen wollen und wie.

MATERIELLES: "Man muss halt offen darlegen, dass man nicht genug Geld hat"

Materiell sind die allermeisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland nach eigener Einschätzung gut versorgt. Sie können auch unterscheiden zwischen Grundbedürfnissen und Luxusgütern: Der Besitz eines Handys sei heute für ältere Kinder selbstverständlich, heißt es in der Studie. Bei den Achtjährigen besitzen demnach knapp 60 Prozent kein Handy. Aber: Die Hälfte davon gibt auch an, kein Handy zu wollen oder zu brauchen.

"Die Ergebnisse widerlegen häufig geäußerte Bedenken, dass junge Menschen übertriebene Forderungen im Sinne eines 'Wunschkonzertes' formulieren", schreiben die Forscherinnen. Ungefähr jeder zehnte Schüler macht allerdings keinen Urlaub mit der Familie, 16 Prozent haben kein eigenes Zimmer. Dabei beschreibt ein Achtjähriger, wie wichtig er so einen Rückzugsort findet:

"Wenn man kein eigenes Zimmer hat und dann hat man nicht so viel Zeit für sich alleine. Weil dann sind entweder die Schwester oder der Bruder da drin und dann kann man sich nicht konzentrieren bei den Hausaufgaben."

Aus Sicht von Andresen und Möller markieren gerade diese beiden Güter - Urlaub außerhalb der Wohnung und ein eigenes Zimmer - die Tragweite von Mangelerfahrungen. Diese seien für Bildungsmöglichkeiten bedeutungsvoll. Hier zeige sich die "seit Langem dokumentierte Chancenungleichheit deutlich".

Dazu kommt: Obwohl Schülerinnen und Schüler in der Mehrheit gut abgesichert sind, macht sich rund die Hälfte Sorgen um die finanzielle Situation ihrer Familie - und einigen ist die Geldnot unangenehm. "Man muss halt offen darlegen, dass man nicht genug Geld hat, was vielleicht peinlich ist", meint ein 14-Jähriger.

Das sagen die JugendExpert*innen: Kinder und Jugendliche seien nicht einfach ein Prozentteil eines Erwachsenen. "Statt Hartz IV brauchen wir eine eigene Grundsicherung oder ein Teilhabe-Geld für Kinder und Jugendliche und Transparenz darüber, was Kindern zusteht."

Das gilt aus Sicht der Jugendlichen auch, weil die Studie zeigt: Wer zu Hause unter Geldsorgen leidet, hat oft noch andere Probleme. Diese Kinder würden häufiger gehänselt, ausgegrenzt und absichtlich gehauen. Sie hätten weniger Möglichkeiten, Sachen mit Freunden zu unternehmen, die Geld kosten. Zudem fühlten sie sich weniger sicher aufgehoben als Gleichaltrige.

GEÄRGERT UND AUSGEGRENZT: "Mir hat keiner geholfen"

Sicherheit und Vertrauen sind entscheidende Themen für Kinder und Jugendliche, stellen die Forscherinnen fest. Die meisten Befragten fühlen sich zwar zu Hause sicher - knapp neun Prozent der Kinder und Jugendlichen jedoch nicht. In der Schule gilt dies sogar für ein Viertel der Befragten.

Viele Kinder beklagen, dort im vergangenen Monat gehänselt, absichtlich gehauen oder ausgegrenzt worden zu sein. Auffällig ist den Forschern zufolge, dass der Anteil von Grundschulkindern mit diesen Erfahrungen bei knapp 30 Prozent liegt - höher als in anderen Schulformen.

In der Studie wird zitiert, wie ein Zehnjähriger solche Übergriffe erlebt hat. Er beschreibt, dass er "seit der zweiten Klasse gemobbt wurde, ausgelacht wurde, beleidigt wurde. Mir hat auch keiner geholfen. Die Lehrerin hat mich sogar auch immer angebrüllt, weil ich ausgerastet bin. Habe ich Ärger bekommen."

Um sich gegen Übergriffe wehren zu können, finden Kinder und Jugendliche es wichtig, Menschen zu haben, denen sie vertrauen können. Gerade Jugendliche vermissen der Studie zufolge jedoch ausreichend Vertrauenspersonen an weiterführenden Schulen.

Das sagen die JugendExpert*innen: Der Begriff "hänseln" sei falsch gewählt, zu harmlos. Um Mobbing künftig einzudämmen, fordern sie: "Das soziale Leben und Lernen an Schulen muss genauso wichtig sein wie der Unterricht, und es müssen ausgebildete Menschen da sein, die bei Konflikten ansprechbar sind."

ZEIT UND ZUWENDUNG: "Wenn sich niemand um einen kümmert, dann ist es ja voll doof"

Kinder und Jugendliche möchten Zeit für sich haben - aber auch ausreichend Zeit mit ihren Eltern verbringen. "Dass man sich auch mal von den Eltern ausruhen kann", findet ein Achtjähriger wichtig. Gleichzeitig formulieren Kinder, dass sie nicht gern unfreiwillig allein zu Hause sind.

Ein Kind sagt: "Wenn sich niemand um einen kümmert, dann ist es ja voll doof." Ein anderes findet wichtig, "dass man mit seiner Familie Zeit hat und dass die Familie nicht immer arbeiten muss. Oder dass man halt immer zu Hause bleiben muss, alleine."

Die meisten Eltern kommen diesen kindlichen Bedürfnissen offenbar gut nach. Mehr als die Hälfte der Schüler stimmt der Aussage, "Meine Eltern verbringen genug Zeit mit mir" voll zu. Gleichzeitig kann jedoch ein Teil der Kinder diesen Satz gar nicht oder nur ein bisschen unterschreiben.

Bei den Achtjährigen sagen 7, 2 Prozent, dass es in der Familie niemanden gebe, der ihnen bei Problemen helfe, bei den 14-Jährigen sind es 21, 1 Prozent. "Die Daten bestätigten, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter vermehrt vermissen, dass sich in der Familie jemand um sie kümmert", schreiben Andresen und Petersen. Das müsse ernst genommen werden.

Das sagen die JugendExpert*innen: "Einerseits ist es erfreulich, dass viele Kinder und Jugendliche antworten, dass sich jemand um sie 'kümmert'. Andererseits sind zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen, die finden, dass es nicht so ist, viel zu viel."

Erschreckt habe sie zudem der Unterschied der Antworten von Kindern mit zwei Bezugspersonen im Vergleich zu Kindern mit einer Bezugsperson. "Für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf", zitieren die Jugendlichen ein afrikanisches Sprichwort. Damit Kinder und Jugendliche genug Zeit, Zuwendung und Fürsorge erhielten, müsse es dringend mehr Unterstützung für Alleinerziehende geben.

Kinder.Macht.

"Fridays for Future" - unter diesem Motto gehen Zehntausende Schülerinnen und Schüler in Deutschland seit Monaten auf die Straße, um sich für mehr Klimaschutz stark zu machen. Sie fordern politische Mitbestimmung, haben aber kein Wahlrecht. Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche noch, wenn sie mitreden, mitentscheiden wollen? Was wollen sie anders machen als Erwachsene? Und auf welche Widerstände stoßen sie? Diesen Fragen geht der SPIEGEL in einer Themenwoche mit Reportagen, Berichten und Interviews nach. Hier geht's zu weiteren Artikeln.

Das Wichtigste, was sich aus Sicht der JugendExpert*innen jedoch insgesamt ändern muss, damit Kinder in Deutschland besser aufwachsen und mehr mitbestimmen können, ist die Haltung der Erwachsenen.

"Von dieser Haltung hängt alles ab", schreiben die Jugendlichen. "Wiederholte Ohnmachtserfahrungen, nicht gefragt und übergangen zu werden, hindern Kinder und Jugendliche daran, sich zu engagieren. Dabei ist Beteiligung nicht nur ein Recht von Kindern und Jugendlichen, sondern auch gut für die gesamte Gesellschaft."

insgesamt 111 Beiträge
eunegin 03.07.2019
1. Macht nachdenklich - und es geht so weiter
Ja, das macht nachdenklich. Auch gegenüber den eigenen Kindern; da kann man selbst etwas feilen. Ebenso ist Vertrauen, Zugehörigkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung später wichtig. Viele Erwachsene erfahren das auch nie. Als [...]
Ja, das macht nachdenklich. Auch gegenüber den eigenen Kindern; da kann man selbst etwas feilen. Ebenso ist Vertrauen, Zugehörigkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung später wichtig. Viele Erwachsene erfahren das auch nie. Als Personaler traue ich mir sagen, dass das leider an vielen Arbeitsplätzen notleidend ist. Fazit: es geht leider für viele so weiter wie es in der Kindheit angefangen hat. Auch daran müssten wir arbeiten.
dasfred 03.07.2019
2. Kinder brauchen nicht nur gleichaltrige
Früher war es normal, dass Kinder sich gegenseitig erzogen haben. Ältere bekamen die Verantwortung für die jüngeren, diese konnten dann ausprobieren, wie weit sie gehen können, ohne dass das gleich in Diskussionen endet. Bei [...]
Früher war es normal, dass Kinder sich gegenseitig erzogen haben. Ältere bekamen die Verantwortung für die jüngeren, diese konnten dann ausprobieren, wie weit sie gehen können, ohne dass das gleich in Diskussionen endet. Bei Ansätzen von Mobbing gab's den berühmten großen Bruder oder stärkeren Freund. So konnten die Kinder auch lernen, sich selbst zu behaupten. Schulen und Vereine sollten mehr Möglichkeiten suchen, damit Kinder und Jugendliche jahrgangsübergreifend miteinander agieren lernen. Das ist eine interaktive Erziehung, die Eltern und Lehrer so nicht leisten können.
angemeldetumzureden 03.07.2019
3. Differenzierung nach Schultypen
Der Hinweis auf die unterschiedliche Ausprägung von Mobbing nach Schultypen hätte mich interessiert, fehlt aber leider, schade. Die Schreibweise "JugendExpert*innen" kann ich übrigens nicht ernst nehmen, unsäglich.
Der Hinweis auf die unterschiedliche Ausprägung von Mobbing nach Schultypen hätte mich interessiert, fehlt aber leider, schade. Die Schreibweise "JugendExpert*innen" kann ich übrigens nicht ernst nehmen, unsäglich.
Kranach 03.07.2019
4. Was für Ergebnisse
Heute haben Kinder durchschnittlich viel mehr Platz als früher. Als der Mann noch "Herr im Haus" war, wurden Kinder auch nicht gefragt, sondern man machte mit. Nach den Hausaufgaben ging man nach draußen und war unter [...]
Heute haben Kinder durchschnittlich viel mehr Platz als früher. Als der Mann noch "Herr im Haus" war, wurden Kinder auch nicht gefragt, sondern man machte mit. Nach den Hausaufgaben ging man nach draußen und war unter sich. Und der Klapps auf den Po war auch normal. Im Fall der Kinderversorgung hat sich vieles zum positiven verändert. Die Studie wäre hilfreich, wenn sie einen Vergleich zu früheren Jahren ziehen könnte. So bildet sie nur subjektive Gefühle ab. Wie stark diese den Alltag belasten kann dadurch nicht eingeschätzt werden. Zumal die Fragestellung schon Probleme vordefiniert. Mehrwert geht anders
fireworker 03.07.2019
5. Interessant und wichtig
Interessanter Beitrag, ordentlich aufbereitet. Wir Erwachsene, Eltern, Grosseltern, Berufstätige oder Rentner sollten diesen Beitrag ernst nehmen und in unseren Handlungen berücksichtigen.
Interessanter Beitrag, ordentlich aufbereitet. Wir Erwachsene, Eltern, Grosseltern, Berufstätige oder Rentner sollten diesen Beitrag ernst nehmen und in unseren Handlungen berücksichtigen.

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