Leben und Lernen

Deutschkurse in der Moschee

Dativ pauken bei Allah

Moscheen in Deutschland haben häufig keinen guten Ruf, dabei sind sie ein wichtiger Ort für Bildung. So lernen Hausfrauen, die seit vielen Jahren hier leben, in den Gotteshäusern endlich Deutsch.

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Sonntag, 25.09.2016   08:42 Uhr

"Was machst du zwischen die Feiertage?" Emine Kilinç aus Izmir schreibt zögernd diesen Satz an die Tafel. Sie steht nicht gern vor der Klasse. Deutsch fällt ihr schwer.

"Du rufst die auf, die es am wenigsten kann", sagte die kleine Frau mit Glitzerfäden im Kopftuch zu ihrem Lehrer, als der sie an die Tafel bat.

Emine Kilinç lebt seit 25 Jahren in Deutschland, und dies ist ihr erster Deutschkurs. Sie hätte die Sprache längst gelernt, wenn mit ihrer Integration alles richtig gelaufen wäre. Doch sie zog drei Kinder groß und geht bis heute morgens und abends putzen. Sie hatte oft keine Kraft und keine Lust, sagt sie.

Kilinç engagiert sich außerdem seit zwei Jahrzehnten ehrenamtlich in der Mescid-i-Aksa-Moschee in Hamburg-Hamm. Sie organisiert jede Woche Frühstücke und Vorträge für Frauen in der türkischen Gemeinde. Sie hat viel Anschluss und viel zu tun - auch ohne Deutsch.

Dass sie sich nach so vielen Jahren doch noch mit dem Dativ und drei verschiedenen Artikeln abmüht, ist einem besonderen Projekt zu verdanken. Es heißt ABCami und bringt den Deutschunterricht dorthin, wo er Menschen wie Emine Kilinç erreicht: in die Moscheen.

Ein Tempo, das niemanden überfordert

30 Moscheen machen bundesweit mit, die meisten sind türkische Moscheen. Dort werden vor allem Hausfrauen unterrichtet, die oft seit Jahren in Deutschland leben und trotzdem kaum Deutsch sprechen. Zehn Kurse richten sich auch an Flüchtlinge. Das Projekt wird vom Bundesbildungsministerium bis 2018 mit 1,8 Millionen Euro gefördert.

"Wir erreichen die, die sonst auf der Strecke bleiben", sagt der Kursleiter und Bildungskoordinator der Hamburger Moschee, Erdogan Arabaci, der montags und donnerstags jeweils zwei Stunden Deutsch unterrichtet.

Die meisten Lehrer des Projekts kommen - wie auch Arabaci - aus der Moscheengemeinde. Sie haben einen pädagogischen oder linguistischen Hochschulabschluss, und sie unterrichten zweisprachig auf Deutsch und auf Türkisch oder Arabisch, um es den Kursbesuchern leichter zu machen.

In Arabacis Kurs sitzt etwa ein Dutzend Frauen zwischen 28 und 60 Jahren. Manche waren als Kinder nur ein paar Jahre in der Schule. Viele kamen in früheren Deutschkursen nicht mit.

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Erdogan Arabaci mit Emine Kilinç

Arabaci lehrt an einem Ort, der den Frauen vertraut ist, in einem Tempo, das sie nicht überfordert. "Wir wollen ihnen hier das Selbstbewusstsein geben, sich in die Gesellschaft hinauszuwagen", sagt der große, ernste Herr. Manchmal gibt er seinen Frauen die Hausaufgabe auf, eine Stunde mit ihren deutschen Nachbarn zu sprechen.

Es ist diese Rolle, die Moscheen überall erfüllen könnten und sollten: Kontakte zu knüpfen, zur Verständigung beizutragen und "bewusste Muslime" zu erziehen, die "keinem Lebewesen auf der Welt schaden" und "die Gesellschaft bereichern", wie Arabaci es ausdrückt.

Nicht alle der geschätzt rund 2500 Moscheen und muslimischen Gebetshäuser in Deutschland haben jedoch ein solches Selbstverständnis.

Der Freiburger Islamforscher Abdel-Hakim Ourghi hat rund 40 Moscheen in Baden-Württemberg besucht und außer einem konservativen, dogmatischen Koranunterricht keine Bildungsangebote vorgefunden. "Ich weiß nicht, ob Moscheen ein guter Rahmen sind, um sich mit weltlichen Themen zu beschäftigen", sagt er.

Alle arbeiten ehrenamtlich

ABCami-Projektleiterin und Islamwissenschaftlerin Britta-Marschke sieht das anders. "Moscheen sind Orte des Lernens", sagt sie. Und: "Religion und weltliche Bildung stehen in keinem Widerspruch."

Sie können sich offenbar sogar gegenseitig bereichern: "Je vielfältiger das religiöse Angebot ist, desto vielfältiger ist auch das nicht-religiöse Angebot", heißt es in einer Studie von 2012 über Moscheen in Deutschland.

Marschkes Team hat sich genau angeschaut, mit welchen Moscheen es zusammenarbeiten will. Im ABCami-Team sind viele Frauen, darunter auch eine syrische Christin. Sie fuhren bundesweit zu mehr als 80 Moscheen und sprachen mit den Vorständen.

"Wir haben gesagt, dass wir die Materialien stellen und uns den Unterricht anschauen werden", erzählt Marschke. "Wenn in dem Gespräch Zweifel aufkamen oder wir uns nicht gut aufgenommen gefühlt haben, haben wir die Zusammenarbeit beendet."

Etwa jede dritte Moschee, die Marschkes Team besuchte, gab an, auch andere weltliche Bildungsangebote zu machen - zum Beispiel Nachhilfe, Erste-Hilfe-Kurse oder Computerkurse.

Oft mangelt es jedoch an Geld. In der Regel bekommt höchstens der Imam ein Gehalt. Der Vorstand und alle Helferinnen und Helfer engagieren sich ehrenamtlich. Die Moscheen sind angewiesen auf Spenden und Fundraising, manche vermieten Räume, etwa an Ladenbesitzer. Vom Moscheenverband Ditib ist bekannt, dass er dem türkischen Staat untersteht, welcher die Imame an deutschen Ditib-Moscheen bezahlt.

"Sie sind selbstbewusster geworden"

Die Angst vor ausländischer Einflussnahme und Berichte über Hassprediger und radikale Islamisten schüren das Misstrauen - auf beiden Seiten. "Die Moscheengemeinden fühlen sich oft ausgegrenzt", sagt Marschke. "Wir sollten akzeptieren, dass Moscheen für viele Muslime wichtige Orte sind, die unsere Bildungslandschaft bereichern können."

An der Eyüp-Sultan-Moschee in Hannover geben ein Gymnasiallehrer und vier Studenten zweimal die Woche rund 40 Schülern Nachhilfestunden. Der Unterricht ist kostenlos und offen für alle, es kommen auch Kinder ohne Migrationshintergrund. "Wir machen alle Fächer, auch Latein und Französisch", sagt Lehramtsstudentin Cagla Yilanli, 25, die die Nachhilfe organisiert. "Das hat inhaltlich null mit Religion zu tun."

Die Hamburger Mescid-i-Aksa-Moschee macht ein ähnliches Angebot, das ebenfalls offen für alle Kinder ist. Eine Nachhilfestunde kostet 16 Euro. "Wir decken damit nur die Kosten, wir machen keinen Gewinn", sagt Arabaci.

Die ABCami-Deutschstunden sind überall gratis - und ohne Anwesenheitspflicht. Trotzdem kommen Arabacis Frauen immer wieder. "Sie sind sehr fleißig", sagt er. "Und sie sind selbstbewusster geworden." Manche wurden zu Hause von ihren Kindern gelobt. Die sind oft die ersten, denen auffällt, wenn die Frauen weniger Fehler machen.

insgesamt 67 Beiträge
clockwork-orange 25.09.2016
1. Das Bundesbildungsministerium...
...macht also 1,8 Mio Euro locker für rund 360 Schülerinnen in Moscheen, während es in unseren Schulen durch die Decke regnet. Ich lerne gerade Türkisch mit babbel für 45 Euro pro Jahr!
...macht also 1,8 Mio Euro locker für rund 360 Schülerinnen in Moscheen, während es in unseren Schulen durch die Decke regnet. Ich lerne gerade Türkisch mit babbel für 45 Euro pro Jahr!
brooklyner 25.09.2016
2.
Das ist zu begrüßen, dass sich da endlich etwas tut. Leider müssen dafür wieder Eherenamtliche die Initiative ergreifen. Was ich trotzdem nicht verstehe, ist warum es für Vietnamesen keinerlei Problem darstellt, die deutsche [...]
Das ist zu begrüßen, dass sich da endlich etwas tut. Leider müssen dafür wieder Eherenamtliche die Initiative ergreifen. Was ich trotzdem nicht verstehe, ist warum es für Vietnamesen keinerlei Problem darstellt, die deutsche Sprache zu lernen, oder man es schafft als emigrierter Reisbauer ohne nennenswerte Schulbildung trotzdem alle Kinder so zu erziehen, dass sie Abitur haben. Vor einigen Monaten gab es in der FAZ ein Interview mit einer ehemaligen Femen Aktivistin, die muslimisch auf dem Balkan aufgezogen wurde. Sie gab die Hauptschuld an der Integrationsunfähigkeit den muslimischen Müttern, die bei der Erziehung ein archaisches Weltbild an ihre Kinder weitergeben. Das ist sicher ein bisher viel zu wenig betrachtetes Problem.
cato. 25.09.2016
3.
Wenn es was bringt sind die 60.000 Euro pro Moschee (über einen Zeitraum von 3 oder 4 Jahren?) wohl nicht verkehrt angelegt, wobei natürlich das eigentliche Verhältnis eine Bringschuld sein sollte, die Zuwanderer von sich aus [...]
Wenn es was bringt sind die 60.000 Euro pro Moschee (über einen Zeitraum von 3 oder 4 Jahren?) wohl nicht verkehrt angelegt, wobei natürlich das eigentliche Verhältnis eine Bringschuld sein sollte, die Zuwanderer von sich aus zu erfüllen haben. Aber von diesen Selbstverständlichkeiten, die in echten Einwanderungsländern gelten, sind wir wohl noch weit entfernt und solange dies der Fall ist, sollte uns alles recht sein, was der Entstehung und Vierfestigung von Parallelgesellschaften entgegenwirkt.
Pinin 25.09.2016
4. Na und?
Ganz böse: dann gibt es eben eine Parallelgesellschaft in der Deutsch gesprochen wird. **** Und zum Thema Integration: Wie einmal richtig festgestellt wurde gibt es nicht "die Deutschen", sondern diese Deutschen sind [...]
Ganz böse: dann gibt es eben eine Parallelgesellschaft in der Deutsch gesprochen wird. **** Und zum Thema Integration: Wie einmal richtig festgestellt wurde gibt es nicht "die Deutschen", sondern diese Deutschen sind ein Gemisch verschiedenster Ethnien die durch Heirat und Kinderkriegen vermischt, eben integriert wurden. Eben diese Vermischung und Integration ist aber mit islamischen Zuwanderern nicht möglich, da der Islam die Heirat mit Nicht-Moslems strengstens verbietet. Ebenso ist eine Abkehr vom Islam nicht zugelassen, häufig wird hierfür die Todesstrafe befürworte
MatthiasPetersbach 25.09.2016
5.
"Ich weiß nicht, ob Moscheen ein guter Rahmen sind, um sich mit weltlichen Themen zu beschäftigen" doch, genau DAS ist es. In der Zeit, in der Deutsch gelehrt wird, wird schon kein überreligiöser Quark an die [...]
"Ich weiß nicht, ob Moscheen ein guter Rahmen sind, um sich mit weltlichen Themen zu beschäftigen" doch, genau DAS ist es. In der Zeit, in der Deutsch gelehrt wird, wird schon kein überreligiöser Quark an die Leute herangetragen.
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Er ist am bekanntesten. Das liegt am Vorsitzenden Aiman Mazyek, öffentliches Gesicht der Muslime in Deutschland. Er nimmt häufig Stellung zu aktuellen Fragen und ist gut vernetzt. Mazyek setzt sich gegen Islamophobie und für einen christlich-islamischen Dialog ein. Der ZMD in Köln hat 24 muslimische Organisationen als Mitglieder. Unter den Dachverbänden gehört er aber zu den Kleinen - mit 300 Moscheegemeinden und 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. Der Verband vertritt Muslime aus vielen Ländern. Islamexpertin Lale Akgün sagt: "Herr Mazyek ist medial sehr präsent, kann aber nur für eine kleine Minderheit der Muslime sprechen."
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Die Türkisch Islamische Union ist mit Abstand die größte muslimische Organisation, wächst weiter und vertritt rund 900 Gemeinden. Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Ihre Ortsvereine machen vielerorts in Deutschland durch Moscheebauten auf sich aufmerksam. In Köln baut sie den bundesweit größten Moscheekomplex. Die Ditib gilt als konservativ. Sie richtet sich strikt an den Vorgaben aus Ankara aus. Der Vorstandsvorsitzende wechselt häufig. Bekanntestes Gesicht ist der langjährige Dialogbeauftragte und Geschäftsführer Bekir Alboga.
Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)
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Koordinationsrat der Muslime (KRM)
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Islamrat
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Liberal-Islamische Bund (LIB)
Der LIB ist ein neuer, kleiner Verband. Die Vorsitzende Lamya Kaddor ist derzeit gefragte Interview-Partnerin. In Abgrenzung zu den anderen Verbänden legt der LIB den Islam bewusst sehr zeitgemäß aus. Kaddor sagt: "Wir Muslime müssen Extremismus in unseren Reihen bekämpfen. Da müssen wir viel entschlossener ran."
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In Ländern wie Niedersachsen, Hamburg oder Bremen haben sich religiöse Dachverbände (Schura) gebildet, um der Politik als Ansprechpartner etwa für Religionsunterricht zu dienen. Der Islam-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietmar Molthagen, sagt: "Sie schaffen es, den Vertretungsanspruch einzulösen." In Berlin wird derzeit die Gründung einer Schura erwogen.
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