Leben und Lernen

Daimler, Deutsche Post, BMW

Schleichwerbung im Klassenzimmer

Sie nutzen die Finanznot der Schulen, um Einfluss auf Schüler zu bekommen: 20 von 30 Dax-Konzernen bieten Lehrern gratis Unterrichtsmaterial an. Eine Studie zeigt nun, wie einseitig oder unvollständig das häufig ist.

Clemens Mayer/ BMW

Grundschüler zu Besuch bei BMW: Mit "Tech4Kids" begleitet der Konzern Schulklassen während des gesamten Schuljahres

Von
Freitag, 11.10.2019   15:21 Uhr

Wie groß ist der Kofferraum eines Smarts im Vergleich zu dem eines Kombis, und wie viele Sitzplätze gibt es? Wie wird in anderen Ländern gewaschen, und was macht ein gutes Waschmittel aus? Diese Fragen sollen Schüler im Unterricht beantworten. So zumindest erhoffen es sich Daimler und Henkel. Die beiden Konzerne bieten Lehrern umfangreiches Unterrichtsmaterial an, platzieren gleichzeitig Werbung - und liegen damit im Trend.

20 der 30 Dax-Unternehmen versorgen mittlerweile Schulen mit kostenlosem Lehrmaterial, das inhaltlich und thematisch zur eigenen Firma passt. Zu diesem Ergebnis kommt Tim Engartner, Professor für die Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er hat für die Otto-Brenner-Stiftung untersucht, wie Dax-Konzerne versuchen, den Unterricht mitzugestalten.

Kinder sind für Unternehmen eine beliebte Zielgruppe. Chips- und Schokocreme-Hersteller sponsern Sporttage, Versicherungen und Banken veranstalten Börsenspiele, Pharmakonzerne verteilen Unterrichtsblätter zur Gentechnik. Spezialisierte Agenturen bieten Firmen an, "markenaffine Schulhefte" zu erstellen und verweisen dabei ganz offen auf die Verführbarkeit von Kindern.

"Weichen für den späteren Berufswunsch legen"

Die Firmen verfolgten bei ihrem Engagement vor allem vier Ziele, so Engartner. "In erster Linie wollen sie das Weltbild der Kinder beeinflussen und sie für die Themen begeistern, die für sie selbst wichtig sind. Aber es geht ihnen auch darum, Personal zu rekrutieren, ihr Image aufzubessern und neue Kunden zu gewinnen."

Im Pressematerial der BMW Group zu ihrem "Tech4Kids"-Programm für Grundschüler wird ein Werkleiter zitiert mit den Worten: "Es ist wichtig, Kindern schon früh ein Gefühl für Technik zu vermitteln. Bereits im Grundschulalter werden die ersten Weichen für den späteren Berufswunsch gelegt."

Rund zwei Drittel der von den Dax-Konzernen bereitgestellten Unterrichtsmaterialien zielten auf einen direkten Werbeeffekt und seien pädagogisch sehr bedenklich, sagt Engartner.

Eine Kontrollinstanz gibt es nicht. Anders als bei Schulbüchern, die streng geprüft werden, kann jedes Unternehmen seine eigenen Lehrmaterialien anbieten. Ob und wie sie verwendet werden, entscheiden allein die Lehrer. Doch einige von denen haben selbst zu kämpfen - mit maroder Ausstattung im Klassenzimmer, fehlenden Etats für Bücher und Kopien und fachfremdem Unterricht.

"Vor allem Fächer wie Politik und Wirtschaft werden häufig von Lehrern anderer Fachrichtungen unterrichtet. Da ist die Gefahr, dass die von den Firmen bereitgestellten Unterlagen in den Unterricht gelangen, aufgrund der fehlenden Sachkenntnis besonders hoch", sagt Engartner.

Wohnungsnot oder soziale Ungleichheit werden als Themen ausgespart

In einigen Fällen sei auch nur schwer erkennbar, wer überhaupt hinter dem Lehrmaterial stecke. "Manche Firmen sind vorsichtiger geworden bei der Lobbyarbeit. Es gibt deshalb einen neuen Trend zu branchenweiten Zusammenschlüssen von Firmen. Die gründen dann zum Beispiel gemeinsam eine 'Wissensfabrik' und tauchen als Einzelunternehmen im Impressum gar nicht mehr explizit auf."

Und selbst wenn in den Lehrmaterialien keine direkte Werbebotschaft zu erkennen sei, nehme die Firma allein mit der Themenauswahl Einfluss auf die Schüler, sagt Engartner. "Materialien zur sozialen Ungleichheit oder zur Wohnraumproblematik stellt kein Konzern zur Verfügung." Völlig überrepräsentiert sei stattdessen zum Beispiel das Thema Energie.

Im unmittelbaren Umkreis ihrer Firmensitze bemühten sich die Dax-Konzerne auch um einen direkten Zugang zu den Klassenzimmern, hat Engartner beobachtet. Einige entsendeten Mitarbeiter als Experten zu passenden Themen in den Unterricht, stellten teure Experimentierkästen oder komplette Chemielabore zur Verfügung.

"Viele meinen es tatsächlich gut", ist Engartner überzeugt. Das Ergebnis sei trotzdem zweifelhaft. "Allein durch Präsenz im Klassenraum gewinnen Firmen an Anerkennung. Und wenn Unternehmen A sich dort präsentieren darf, müsste man dies auch Unternehmen B zugestehen. Aber dann wird Unterricht zu einer reinen Werbeveranstaltung."

Engartners Fazit: Kultus- und Bildungsministerien müssten länderübergreifend eine Kontrollstelle für das Firmen-Lehrmaterial schaffen und es derselben strengen Prüfung unterziehen wie Schulbücher. "Und Unternehmenslogos gehören gar nicht in Klassenräume."

insgesamt 28 Beiträge
max-mustermann 11.10.2019
1.
Nicht wirklich überraschend schließlich muss mann die Kinder frühzeitig auf ihr Leben als zuküngtige Arbeitsdrohnen und Konsumzombies konditionieren.
Nicht wirklich überraschend schließlich muss mann die Kinder frühzeitig auf ihr Leben als zuküngtige Arbeitsdrohnen und Konsumzombies konditionieren.
hman2 11.10.2019
2. Nicht neu
In meinem Leistungskurs Chemie Ende der Achtzigerjahre waren ausnahmslos alle Overhead-Folien unseres Lehrers rechts oben mit KWU markiert, Kraftwerkunion, eine damalige Siemens-Tochterfirma, die Kernkraftwerke baute (heute Teil [...]
In meinem Leistungskurs Chemie Ende der Achtzigerjahre waren ausnahmslos alle Overhead-Folien unseres Lehrers rechts oben mit KWU markiert, Kraftwerkunion, eine damalige Siemens-Tochterfirma, die Kernkraftwerke baute (heute Teil von Areva). Für Heiterkeit sorgte eine Folie, die die Größenverhältnisse eines atomaren Endlagers darstellen sollte, inklusive langem Aufzugsschacht. Der endete direkt unterhalb eines Dorf-Friedhofs eines zum Größenvergleich eingezeichneten kleinen Dorfs mit kleiner Kirche, wie man an den kleinen Kreuzen gut sehen konnte.
jowi.krause 11.10.2019
3. Nix Neues
Als Anfang der 80er meine Kinder in USA in die Grundschule kamen, wurden dort sämtliche Materialien zum Fach Ernährung gesponsert- von McDonald's! Die Krönung der Unterrichtseinheit war dann ein kostenlose Klassenbesuch bei [...]
Als Anfang der 80er meine Kinder in USA in die Grundschule kamen, wurden dort sämtliche Materialien zum Fach Ernährung gesponsert- von McDonald's! Die Krönung der Unterrichtseinheit war dann ein kostenlose Klassenbesuch bei McDonald's, mit Rundgang durch die Küche. Meine Kinder wollten nie mehr zu McDonald's danach...
m_c 11.10.2019
4. Schon recht bald....
..wird es so sein, dass der Lehrer am Beginn der Stunde sagt: "Diese Stunde halte ich mit freundlicher Unterstützung von Coca-Cola, Apple, Daimler und Siemens."
..wird es so sein, dass der Lehrer am Beginn der Stunde sagt: "Diese Stunde halte ich mit freundlicher Unterstützung von Coca-Cola, Apple, Daimler und Siemens."
j.ogniewski 11.10.2019
5. Naja
Ebenso aber der Spiegel. Aus dem Inhaltsverzeichnis der Studie: BMW bietet "nur" gerinfügig an, Unternehmen die mehr anbieten und vom Spiegel nicht erwähnt werden: Eon, Henkel, Siemens, Allianz, BASF, Bayer, [...]
Ebenso aber der Spiegel. Aus dem Inhaltsverzeichnis der Studie: BMW bietet "nur" gerinfügig an, Unternehmen die mehr anbieten und vom Spiegel nicht erwähnt werden: Eon, Henkel, Siemens, Allianz, BASF, Bayer, Beiersdorf, HeidelbergCement, RWE. Mal wieder noch einen Auto-Hersteller herausgesucht um wieder Stimmung machen zu können?

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP