Leben und Lernen

Lehrergeständnis

Wie sich meine Schule gegen den digitalen Wandel sperrt

Ein Grundschullehrer hat in seiner Klasse Tablets und Beamer eingesetzt. Eltern und Schüler waren begeistert. Doch die Schulleitung hat das Engagement untersagt - mit kurioser Begründung.

Getty Images

Schulklasse mit Beamer

Aufgezeichnet von
Freitag, 14.12.2018   12:15 Uhr

Dass Schule die Kinder auf ein Leben in der digitalen Welt vorbereiten muss, darüber sind sich eigentlich alle Experten einig. Doch an vielen Schulen passiert das kaum. Fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt sollen das ändern - noch aber streiten sich Bundesregierung und Länder um Finanzierung und Modalitäten.

Manche Pädagogen wollen nicht warten und entwickeln eigene Projekte für digitalen Unterricht. So wie dieser Lehrer, der die Digitalisierung an seiner Grundschule selbst organisiert hat - und sich bei den Kollegen damit unbeliebt machte. Wie es dazu kam und warum er trotzdem vom Einsatz digitaler Medien überzeugt ist, erzählt er hier:

"Der Erfolg hat mir eigentlich Recht gegeben. Wenn ich früher einen lernschwachen Schüler hatte, blieb mir nur eine Option: Ich konnte die Fehler anstreichen, einen Förderhefter anlegen und hoffen, dass der Schüler die zusätzlichen Aufgaben macht.

Heute kann ich ihm einen digitalen Lernpass geben. Der Schüler macht die Aufgaben auf einem Tablet und sieht sofort, was richtig und was falsch ist. Und ich sehe über die Cloud, ob er die Aufgaben bearbeitet hat. Der Junge hat sich binnen vier Wochen verbessert. Und es hat ihm Spaß gemacht.

Wenn Kinder zu Hause so einen umfangreichen Pass freiwillig behandeln, dann ist das für mich ein Zeichen, dass da etwas extrem gut funktioniert. Die Schule hat das leider nicht so gesehen. Heute nutzen wir die Technik deshalb nur noch privat. Dabei fing alles ganz gut an.

Eltern helfen bei der Finanzierung

Ich bin seit drei Jahren Grundschullehrer auf dem Land und habe in meiner Klasse schon von Anfang an ein paar private Notebooks und einen Beamer benutzt. Das war ein bisschen kompliziert, da die Geräte einen Elektro-TÜV brauchten. Dafür habe ich sie der Schule vermacht.

Ab Klasse zwei kamen iPads dazu. Die Eltern waren am Anfang skeptisch, aber schließlich von meinem didaktischen Konzept überzeugt. Sie haben mich sogar bei der Finanzierung unterstützt. In kurzer Zeit hatte ich 18 gebrauchte Geräte für die Klasse zusammen. Die Schule selbst hat nur fünf gekauft.

Die Schulleitung wollte lieber neue Geräte. Sie hat Android-Tablets geordert, und da kam es zum Streit. Ich wollte eine Schullizenz für die Apple-Geräte. Hier gibt es einfach die besseren Apps. Doch die Schule wollte nicht in zwei Betriebssysteme investieren.

Beamer-Verbot durch die Schulleitung

Laut Schuljustiziar sind private Geräte im Unterricht zudem verboten. Die Nutzung der iPads wurde mir deshalb untersagt. Zuletzt hat mir die Schulleitung auch noch den Beamer-Einsatz verboten - mit der Begründung, das sei zu viel künstliches Licht.

Ich glaube, dass etwas anderes dahintersteckt. Der Schulleitung passt es nicht, wenn einzelne vorpreschen. Und natürlich kommt immer dasselbe Blabla: Wir sind eine Grundschule. Und die Schüler müssen von Hand schreiben lernen. Ich habe mich im Kollegium dadurch unbeliebt gemacht.

Mehr zum Thema

Im Rückblick gesehen hätte ich das Kollegium und die Schulleitung vielleicht wirklich besser einbinden müssen. Doch schon von Anfang an hat sich keiner für meinen Computereinsatz interessiert. Ich habe aufgehört, davon zu erzählen.

Und ich bin der Letzte, der den Schülern die Handschrift versagt. Der iPad-Einsatz war immer nur ein Aspekt. Hier haben die Schüler zum Beispiel erst mit dem 'ABC-Tiger' trainiert. Das ist eine App, die ihnen die richtige Schreibweise spielerisch beibringt. Anschließend haben die Kinder die Wörter in ihr Heft geschrieben.

Treffen mit Gleichgesinnten im Medienprojekt

Die Elternschaft steht immer noch hinter mir. Sie hat sich sogar beim Bildungsministerium beschwert, doch das ist versandet. Jetzt nutzen meine Drittklässler die iPads nur noch zu Hause. Ich habe einen Lernpass für alle konzipiert, und das macht großen Spaß.

Ironischerweise hat mich mein Engagement an der Schule trotzdem weitergebracht. Ich bin jetzt Mitglied eines medienpädagogischen Projekts des Bildungsministeriums in meinem Bundesland. Einmal die Woche treffe ich Menschen, die ähnlich ticken oder schon viel weiter sind. Und da habe ich auch erfahren, dass das Prinzip bring your own device, dass Schüler also ihre eigenen iPads oder Smartphones mitbringen, eigentlich gang und gäbe ist.

An meiner Schule habe ich in meiner neuen Funktion kürzlich eine Fortbildung zum Thema Digitalisierung angeboten. Die Teilnahme war freiwillig, unsere Schulleiterin war leider verhindert. Die Kommunikation unter uns ist aber besser geworden.

Doch was ich weiter erschreckend finde: dass einem das einfach verbaut wird, wenn man etwas Spannendes in Eigeninitiative schafft."

Mehr zum Thema digitale Schule

insgesamt 160 Beiträge
Leser161 14.12.2018
1.
Also früher wurde bei einem lernschwachen Schüler ein Förderhefter angelegt und gehofft das die Aufgaben gemacht werden. Heute bekommt der lernschwache Schüler einen Lernpass und es kann in der Cloud gesehen werden ob die [...]
Also früher wurde bei einem lernschwachen Schüler ein Förderhefter angelegt und gehofft das die Aufgaben gemacht werden. Heute bekommt der lernschwache Schüler einen Lernpass und es kann in der Cloud gesehen werden ob die Aufgaben gemacht wurden? Wo genau ist da jetzt der Unterschied ausser das die Wörter anders sind? Ich hoffe, wenn so jemand an der Schule meiner Tochter auftaucht, dass er auch von der Schulleitung gestoppt bevor er anfängt, Geld von mir für das zu verlangen was er ganz privat für das Wohl meines Wohl meines Kindes hält. Es gibt genau deshalb Vorschriften damit Kinder gleichmässig ausgebildet werden und nicht jeder seine ganz persönliche Meinung von Pädagogik versuchen kann (diese ganz persönliche Meinung kann nämlich auch falsch sein) Lehrer sollen lehren und nicht mein Geld für tolle neue Worte ausgeben.
MannAusmNorden 14.12.2018
2. Laaaaangsame Mühlen
gaaaanz langsam! Das merkt man bei unserer Bildungspolitik leider viel zu stark. Da wird an Konzepten festgehalten, und wenn Schüler da nicht so gut rein passen (meine Große ist Hochbegabt, ich weiß wovon ich rede) dann hat man [...]
gaaaanz langsam! Das merkt man bei unserer Bildungspolitik leider viel zu stark. Da wird an Konzepten festgehalten, und wenn Schüler da nicht so gut rein passen (meine Große ist Hochbegabt, ich weiß wovon ich rede) dann hat man ein Problem. Wenn da dann jemand mit einer durchaus guten Idee kommt, dann wird das erstmal tot diskutiert. An meiner Grundschule ist es zum Glück so, dass Medien auch angeboten werden. Ab der 3. Klasse regelmäßig Computerstunden, und für gute Schüler auch schon davor. Aber: Handschrift und Kopfrechnen wird genau so gelehrt und gefordert. Ich finde aber gerade den Ansatz aus dem Artikel gut: Schüler, die Schwierigkeiten haben, bekommen die Aufgaben anders vorgesetzt. So ein Tablet hat nunmal ein unglaublich schnelles Feedback. Dadurch lernen Schüler besser, weil Kinder schneller Feedback brauchen. Das sehe ich bei meinen Kids auch. Das Problem wird aber immer sein: es müssen bei unserem Pädagogenbürokratiewahnsinn immer unglaubliche Hürden genommen werden, damit Tablets und Computer sinnvoll eingesetzt werden können. Bis dahin sind die Teile dann aber 3 bis 8 Jahre zu alt. Hab ich in den 90ern an meiner Schule gesehen, wo wir als 13 Jährige Schüler der Informatik-Lehrerin erklärt haben wie ein Computer funktioniert...
neurobi 14.12.2018
3. Geräte eines Herstellers
Geräte eines Herstellers? Geht garnicht. Da wäre ich als Elternteil strikt dagegen. Privat gibt es in meinem Haushalt kein Apple-Gerät und es kann nicht sein, dass die Schule sich dann darauf konzentriert. Es gibt in [...]
Geräte eines Herstellers? Geht garnicht. Da wäre ich als Elternteil strikt dagegen. Privat gibt es in meinem Haushalt kein Apple-Gerät und es kann nicht sein, dass die Schule sich dann darauf konzentriert. Es gibt in der Regel die gleiche App auch für Android und die sind heute nicht mehr schlechter als die bei Apple. Das kann natürlich auch umgekehrt sein, daher sollte die Schule beides ermöglichen, den Einsatz von Android und Apple-Geräten. Von daher nur Apps, die auf beiden OS laufen.
saanka 14.12.2018
4.
Genau diese Erfahrungen habe ich bei der Einführung digitaler Medien als Waldorflehrer gemacht. Mit dem Erfolg am Ende aus der Gemeinschaft gemobbt zu worden zu sein.
Genau diese Erfahrungen habe ich bei der Einführung digitaler Medien als Waldorflehrer gemacht. Mit dem Erfolg am Ende aus der Gemeinschaft gemobbt zu worden zu sein.
jla.owl 14.12.2018
5. klingt erstmal gut...
...ist es in der Form wohl auch... liegt irgendwo in der Mitte aller Forderungen... auf der einen Seite die völlige Ablehnung, auf der anderen Seite die Forderung, Kinder sollten schon in der Grundschule Programmieren lernen (das [...]
...ist es in der Form wohl auch... liegt irgendwo in der Mitte aller Forderungen... auf der einen Seite die völlige Ablehnung, auf der anderen Seite die Forderung, Kinder sollten schon in der Grundschule Programmieren lernen (das aber wohl von Leuten, die selbst von Prograieren keine Ahnung haben und ein einfaches Parametrieren eines Fernsehers als Programmieren bezeichnen). Es geht nicht um Autokorrektur, es geht um Rechtschreibprüfung, es geht um Rechnergestütztes Lernen. Damit kann wesentlich besser auf individuelle Fähigkeiten eingegangen werden.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP