Leben und Lernen

Digitalpakt

Lehrer fühlen sich mit digitalen Medien im Stich gelassen

Bremsen die Lehrer den digitalen Wandel im Klassenzimmer aus? Nein, sagen viele: Wir würden ja gern anders unterrichten - wenn wir nur könnten.

DPA

Digital gestützter Biologieunterricht in Lingen (Niedersachsen)

Von
Freitag, 01.03.2019   06:42 Uhr

Lehrer, die sich ans analoge Schulbuch klammern und damit die Digitalisierung des Unterrichts blockieren? Die gibt es zuhauf, jedenfalls aus Sicht der Schulbuchverlage. Die hatten auf Europas größer Bildungsmesse Didacta zwar jede Menge digitaler Unterrichtsmaterialien im Gepäck, verkaufen aber vor allem eins: gedruckte Bücher.

Bei höchstens fünf Prozent liegt der Anteil der Schulbücher, die als digitale Werke in den Klassenzimmern landen. Weil sie von den Schulen nicht bestellt werden, sagen die Verlagsvertreter.

Doch viele Lehrkräfte fühlen sich dadurch zu Unrecht als Modernisierungsverweigerer gebrandmarkt. Das zeigen zahlreiche Zuschriften, die den SPIEGEL in den vergangenen Tagen erreichten.

So nennt Lehrerin Ines Leitz fehlende Geräte und fehlenden technischen Support als Hauptgründe dafür, dass digitale Schulbücher kaum im Unterrichtsalltag eingesetzt werden: "Schulen haben niemanden, der sich um ihre digitalen Medien kümmert, sie repariert und wartet. Das machen alles ein paar Lehrer in ihrer Freizeit." Wären Tablets flächendeckend im Einsatz, sei das nicht mehr zu leisten. Die 33-Jährige hat Zweifel, dass der Digitalpakt daran etwas ändert, "denn das wurde ja extra von den Ländern so verhandelt, dass das Bundesgeld nicht für zusätzliches Personal eingesetzt werden darf".

Außerdem, sagt Ines Leitz, seien viele Angebote der Schulbuchverlage mangelhaft: Bei manchen Angeboten gebe es "nur eine große Projektion der Schulbuchseite mit Buttons, um Hörtexte oder Videos abzuspielen." Interaktive Übungen? Eine Funktion, mit der auf Knopfdruck die richtigen Lösungen zum Vergleichen angezeigt werden? Fehlanzeige. "Die Verlage müssen da schon noch was Besseres anbieten, um mich zu überzeugen."

Schon das Hochfahren dauert ewig

Auch ein Lehrer aus Wengen im Oberallgäu berichtet von frustrierenden Alltagserfahrungen. "Ich habe mich heute in einem Klassenzimmer am Schulrechner angemeldet und nach circa sieben Minuten war der PC fertig, sodass ich zumindest mal auf dem Desktop war", schreibt er. Die Rettung während der Wartezeit? Ein gedrucktes Schulbuch, "es überbrückt eine solche Lücke perfekt".

Natürlich wünsche er sich Smartboards und ein digitales Klassenzimmer - dafür brauche aber jede Schule auch eine IT-Abteilung. Sollte an seiner Schule mit 100 Kollegen und rund 1000 Schülern flächendeckender digitaler Unterricht stattfinden, brauche es auch die entsprechende personelle Ausstattung, um die Technik zu warten und am Laufen zu halten.

Justine Trautmann ist Lehrerin an einer Realschule in Stuttgart, unterrichtet Deutsch, Musik und Kunst. An ihrer Schule seien gerade für viele Tausend Euro neue Schulbücher gekauft worden, weil ein neuer Bildungsplan in Kraft getreten ist. Dabei wollten die Pädagogen aber etwas anderes, sagt die Lehrerin im Gespräch mit dem SPIEGEL: "In fast jeder Gesamtlehrerkonferenz werden Tablets, Whiteboards oder wenigstens eine zeitgemäße Ausstattung des völlig überalterten Computerraums gefordert."

An der Lebensrealität vorbei

Eine Lehrerkonferenz sei aber kein Wunschkonzert. Und weil die Netzanbindung der Schule ebenso wie die Ausstattung mit Endgeräten nur langsam vorankomme, bliebe es eben vorerst vor allem bei analogen Schulbüchern. Die allerdings, sagt Justine Trautmann, seien in mancher Hinsicht reformbedürftig: "Viele Bücher gehen an der Lebensrealität in den Klassen und am Alltag der Schüler vorbei." Da werde beispielsweise das Schreiben eines Unfallberichts geübt - eine Textform, die so gut wie nie erforderlich sei. "Und wann werden 'Simone und Thomas' mal von 'Serkan und Sara' als Schulbuchfiguren abgelöst, weil das viel mehr der Lebenswelt entspräche?", fragt die Realschullehrerin.

Letztlich aber, betont Trautmann, sei digitales Lehrmaterial ohnehin keine Garantie für besseren Unterricht: "Der Inhalt muss zum Kind, darum geht es." Und wenn sie Studien lese, nach denen Schüler pro Tag bis zu acht Stunden elektronische Medien nutzen, frage sie sich, ob es da nicht besser sei, wenigstens in der Schule ein richtiges Buch anzuschaffen und zu lesen - "das dann zu Hause vielleicht das erste Buch überhaupt ist, das im Regal steht".

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Robert Plötz, Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik in München, würde die fünfeinhalb Milliarden Euro aus dem Digitalpakt gern in Inhalte stecken. "Künstliche Intelligenz in der Lernsoftware, das wäre toll", sagt er: "Ein gut gemachter Vokabeltrainer, der nicht von Google, Apple oder Klett kommt, sondern vom Staat finanziert wird - warum nicht?"

Die Kosten für die Entwicklung guter Lernsoftware seien für die Verlage aber vielleicht so hoch. Das könnte eine Aufgabe für die öffentliche Hand sein, und das sogar europaweit, sagt Plötz: "Die Grundstrukturen könnte man von Portugal bis Finnland einsetzen, die Inhalte könnten dann in den Ländern variieren." Und wenn das Ganze dann auch noch allen Schülerinnen und Schülern frei zur Verfügung stünde, sei auch digitaler Unterricht als Normalfall möglich.

Eine Vision ist das, das weiß natürlich auch Robert Plötz. Aber eine, über die es sich nachzudenken lohnt.

insgesamt 86 Beiträge
grotefend 01.03.2019
1. So ist es!
Ein großes Problem wird sehr treffend beschrieben. Viele Verlage bieten eben nur ein diditalidiertes Schulbuch an mit den Hörtexten zum Anklicken. Das bekomme ich aber auch analog hin und muss mir nicht extra die [...]
Ein großes Problem wird sehr treffend beschrieben. Viele Verlage bieten eben nur ein diditalidiertes Schulbuch an mit den Hörtexten zum Anklicken. Das bekomme ich aber auch analog hin und muss mir nicht extra die Unterrichtsassistenten der Verlage kaufen. Diw Verlage haben hier erheblichen Nachholbedarf und ihre Kritik an den Lehrern ist einfach nur lächerlich!
engelsgaard 01.03.2019
2. Schade, dass nicht verglichen wurde
Ich unterrichte in der Schweiz, z.T. in Ipad-Klassen, ich kenne Lehrer aus Luxemburg die ebenfalls Laptopklassen haben. SPON sollte doch dorthin gehen und erklären weshalb digital besser sein sollte. So wie ich es verstehe, ist [...]
Ich unterrichte in der Schweiz, z.T. in Ipad-Klassen, ich kenne Lehrer aus Luxemburg die ebenfalls Laptopklassen haben. SPON sollte doch dorthin gehen und erklären weshalb digital besser sein sollte. So wie ich es verstehe, ist es vor allem der Staat, der es hier in diesem Ausmass möchte. In Luxemburg schneider Laptopklassen (nach Hörensagen von Lehrern) schulich schlechter ab als parallel geführte Klassen ohne Laptop. Bei mir lenkt jemand der in der ersten Reihe spielt die gesamt Klasse ab (zumindest diejenigen die nicht spielen). Meinen Schülern rate ich ebenfalls zur gedruckten Version des Buches, die AGB zu digitalen Büchern sind eine Frechheit, die Formate sind nicht Epub oder PDF sondern Apps oder im Browser zu öffnen, eine ältere Version war noch als CD zu haben, spielte aber nur beim PC zu Hause die Daten ab und wurde vom Schul-PC gar nicht erst erkannt. Wie ich es sehe, ist das Problem der Ablenkung momentan nicht in den Griff zu bekommen und die Unterlagen müssten von den Lehrern unter der creative-commons Lizenz veröffentlicht werden, nur versucht jeder sein eigenen Süppchen zu kochen (etwas das leider typisch ist für Lehrer hier). Nichtsdestotrotz, wenn eine Schule oder ein Land den Lehrern nicht mal eine Mail-Adresse bietet oder Absenzen noch in ein Buch eingetragen werden, ist das lächerlich veraltert. Ein ordentlicher Informatikunterricht ist heutzutage ein Muss. Nur digitalisiert für Schüler ist nicht automatisch gut und wünschenswert, nur weil es neu und teuer ist.
papaeidea 01.03.2019
3. Schönes Dementi
... eines zunächst sehr einseitigen Artikels. Gut, dass Sie das machen! Das nächste Mal wäre es aber schön, wenn dem mal nicht ein unreflektiertes Lehrer-Bashing vorausgehen würde. Lehrer sind keine Dienstleister, die auf [...]
... eines zunächst sehr einseitigen Artikels. Gut, dass Sie das machen! Das nächste Mal wäre es aber schön, wenn dem mal nicht ein unreflektiertes Lehrer-Bashing vorausgehen würde. Lehrer sind keine Dienstleister, die auf jeden Wunsch ihrer Klientel eingehen müssen, so nachvollziehbar die Wünsche teilweise sein mögen. Sie stehen jeden einzelnen Tag in einer Realität, die sich die meisten ihrer Kritiker nicht aussetzen mögen und die meisten von ihnen versuchen jeden Tag mit großem Einsatz und zum Großteil unter Bedingungen, die in der Industrie kein Betriebsrat und kein Arbeitsschutzgesetz akzeptieren würden, das Beste für die ihnen anvertrauten Kinder zu leisten. Und sie haben dem Staat und der Gesellschaft durch die Verweigerung der einen oder anderen attraktiv erscheinenden, aber langfristig sinnlosen 'Neuerung' schon verdammt viel Geld gespart.
fuchsi 01.03.2019
4. Schüler helfen Lehrern
Das Warten auf eine eigene IT Abteilung an jeder Schule kann noch lange dauern. Wie wäre es, cleveren Schülerinnen und Schülern in der Zwischenzeit diese Aufgabe anzuvertrauen, sozusagen in Selbstverwaltung? Es gibt doch auch [...]
Das Warten auf eine eigene IT Abteilung an jeder Schule kann noch lange dauern. Wie wäre es, cleveren Schülerinnen und Schülern in der Zwischenzeit diese Aufgabe anzuvertrauen, sozusagen in Selbstverwaltung? Es gibt doch auch so schon viele Projektkurse, und das wäre mal ein nützliches.
AxelSchudak 01.03.2019
5. Individualisierung des Lernens...
Eine der ganz grossen Vorteile, die "Digitalisierung" von Lernvorgängen ermöglichen würde, wäre eine Individualisierung des Lerntempos und später des Lernstoffs (jenseits eines Mindestkanons). Aber dafür existieren [...]
Eine der ganz grossen Vorteile, die "Digitalisierung" von Lernvorgängen ermöglichen würde, wäre eine Individualisierung des Lerntempos und später des Lernstoffs (jenseits eines Mindestkanons). Aber dafür existieren weder die Lernpläne noch die wissenschaftlichen Grundlagen, gewschweige denn die Software zur Vermittlung. Der einizige Bereich der zumindest letzteres hat sind einige Mathematikbereiche, die sich auch als Pionierfelder hierfür anbieten würden. Derzeit ist aber keine Bewegung in dieser Richtung in Sicht. Man bräuchte zudem in Schulen neben der Infrastruktur eine Aufteilung in pädagogische Betreuung vor Ort und fachliche Betreuung übers Netz, und auf Informatikseite einen Systementwurf, der Protokolle für die Darstellung und Verknüpfung von Inhalten und deren Übung und Leistungskontrolle bietet. Stattdessen konzentriert man sich, Hardware ohne die notwendige Supportleistung in die Schulen zu bringen. Und in Niedersachsen werden Stellen "geschaffen", in dem man den Berufsschulen den (teils bereits verplanten) Etat aus Landesmitteln einfach kurzfristig streicht, so dass viele BBS kein Geld mehr für Fortbildungen haben.

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