Leben und Lernen

"German Dream" an Schulen

"Düzen, du hast Deutschland in die Familie gebracht"

Katja Riemann, Cem Özdemir, Dorothee Bär: Diese Promis und viele weitere Menschen sollen Schülern in dem Projekt "German Dream" von ihrem Leben erzählen. Die Idee stammt von einer Frau mit einer besonderen Geschichte.

Markus Tedeskino

Düzen Tekkal

Ein Interview von
Mittwoch, 05.06.2019   22:30 Uhr

Was macht mich aus? Eine Frage, an die sich gleich so viele anschließen: Welche Sehnsüchte habe ich, welche Forderungen? Wie kann ich mich einbringen, die Gesellschaft mitgestalten?

Die Initiative "German Dream" soll Schüler in Deutschland künftig dabei unterstützen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Das ist die Idee der Aktivistin und Autorin Düzen Tekkal: Sie gründete "German Dream" und arbeitet dafür mit 150 Politikern, Prominenten und weniger bekannten Menschen zusammen. Sie alle sollen, sagt Tekkal, als Vorbilder und Ideengeber in Klassen von ihrem Lebenslauf erzählen und Jugendliche so inspirieren.

Zur Person

Unter dem Hashtag "German Dream" erzählten im vergangenen Sommer viele Nicht-Deutsche auf Twitter von ihrer Migrationsgeschichte. #GermanDream verbreitete sich etwa zeitgleich mit #MeTwo - ein weiterer Hashtag, unter dem Tausende vor allem Nicht-Deutsche von ihren Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung berichteten.

Unter #GermanDream finden sich jedoch vor allem positive Geschichten: Es geht darum, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland Träume verwirklicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Frau Tekkal, haben Sie einen German Dream?

Düzen Tekkal: Ja. Ich bin Tochter kurdisch-jesidischer Flüchtlinge, die vor über 50 Jahren nach Hannover kamen. Ich kam in Deutschland zur Welt, habe elf Geschwister. Meine Mutter kann nicht lesen und schreiben, mein Vater ging nach der vierten Klasse nicht mehr zur Schule. Trotzdem war mein Weg erfolgreich: Ich habe Politik und Germanistik studiert, war jahrelang Redakteurin bei RTL, drehte anschließend Dokumentarfilme für ARD und ZDF und schrieb ein Buch. Ich war Kriegsberichterstatterin im Irak. Meine Eltern sagen immer: "Düzen, du hast Deutschland in die Familie gebracht." Jetzt will ich anderen davon erzählen, wie ich das angestellt habe.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie vor?

Tekkal: Mein Team und ich haben für die Initiative "German Dream" in den vergangenen Monaten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zusammengetrommelt. Sie alle sollen Schulklassen als Werte-Botschafter berichten, wie sie wurden, was sie heute sind. Etwa die Hälfte der Leute ist unter 30.

SPIEGEL ONLINE: Mit dabei sind zum Beispiel Cem Özdemir von den Grünen und Sara Nuru, die mal "Germany's Next Topmodel" gewann. Was sollen die denn so erzählen?

Tekkal: Cem Özdemir wird davon berichten, wie häufig er in seiner Kindheit zu spüren bekam, anders zu sein. Zum Beispiel, als es für all seine Mitschüler auf Klassenfahrt nach Frankreich ging. Cem Özdemir musste aus dem Zug steigen, weil er keinen deutschen Pass hatte. Heute ist er Politiker. Sara Nuru ist Tochter äthiopischer Einwanderer. Sie wurde im bayerischen Erding geboren. Den Schülern erzählt sie, wie es sich anfühlt, lange nicht zu wissen, in welcher Welt man zu Hause ist. Heute engagiert sie sich für nachhaltige Mode und unterstützt Start-ups in Äthiopien.

SPIEGEL ONLINE: Der CDU-Politiker Norbert Lammert und die CSU-Digitalministerin Dorothee Bär machen auch bei Ihnen mit. Die können wohl kaum von einer bewegenden Migrationsgeschichte berichten.

Tekkal: Haben nur Leute mit Migrationshintergrund inspirierende Lebenswege? Auch, deswegen sind sie dabei. Aber eben nicht nur. Genauso wie wir nicht nur Migranten dabei haben, gehen wir auch nicht nur an Brennpunktschulen. Wir wollen überall und allen zeigen: Deine Vorbilder können, aber müssen nicht dieselben Wurzeln haben wie du. Und: Es kann ein Promi sein - oder die Tanzpädagogin aus Neukölln, die noch nicht so viele kennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichten könnten so positiv klingen, dass sie auch einschüchtern könnten.

Tekkal: Die Schüler sollen lernen, wie sich ein glückliches Leben aufbauen lässt. Sie sollen aber auch lernen, was schieflaufen kann - und wie man das wieder gerade biegt. Wie man mit dem Gefühl umgeht, nicht gleich behandelt zu werden. Wie man selbstbewusst wird. Das gilt es, zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie, dass Ihre Botschafter das rüberbringen können?

Tekkal: Wir haben Vorstellungsgespräche geführt, es wird auch noch Schulungen geben. Bei der Auswahl der Botschafter haben wir sehr genau hingeschaut. Voraussetzung war immer, dass die Person sich für unsere Gesellschaft engagiert, quasi Zeitzeuge unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist - und sich einen persönlichen Traum verwirklicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Website der Initiative sieht noch ziemlich leer aus. Sie besteht hauptsächlich aus ein paar Zitaten Ihrer Promis. Von den unbekannten Menschen unter Ihren Botschaftern ist kaum was zu lesen.

Tekkal: Erstens: Natürlich nutzen wir die Bekanntheit der Personen auch, um selbst bekannter zu werden. Zweitens: Die Website ist noch im Aufbau. Wir fangen gerade erst an.

SPIEGEL ONLINE: Wer finanziert die Initiative?

Tekkal: Private Spender. Der Unternehmer Ralph Dommermuth hat maßgeblich zur Startfinanzierung beigetragen. Aber wie jede andere gemeinnützige Initiative sind wir auf weitere Spendengelder und öffentliche Mittel angewiesen. Erste Gespräche mit Ministerien auf Landes- und Bundesebene führen wir schon.

SPIEGEL ONLINE: Bezahlen Sie die Botschafter für ihre Auftritte?

Tekkal: Wer in der Öffentlichkeit steht, bekommt nichts. Nicht-Promis bekommen die Fahrtkosten erstattet und eine Aufwandsentschädigung.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Mitglied einer Partei?

Tekkal: Ich bin kein Mitglied, aber ich bin CDU-nah. Davon spüren die Schüler aber nichts. Wir wollen bei unseren Veranstaltungen keine Werbung für Parteien machen und wir sprechen auch keine Wahlempfehlungen aus. Es geht um die Macht der Begegnung, darum, ins Gespräch zu kommen. Bei allem, was in diesem Land nicht funktioniert: miteinander reden geht noch.

SPIEGEL ONLINE: Studien belegen immer wieder, dass die politische Bildung auf vielen Stundenplänen in deutschen Schulen zu kurz kommt. Wer sich überlegt, womit sich junge Menschen gerade auseinandersetzen sollten, könnte auch meinen: Es wäre vielleicht wichtiger, etwas über demokratische Grundwerte zu lernen.

Tekkal: Aber um genau diese Themen geht es uns doch. Weniger theoretisch: Wir machen keinen Politikunterricht. Wir machen es etwas emotionaler, anhand von Menschen, Geschichten. Unsere Frage ist eher: Wie kann eine kleine Düzen es schaffen, morgen stolz auf sich zu sein? Um sich selbst und die Welt zu verstehen braucht es Vorbilder, die spannend vortragen können, wie sie sich inmitten all der großen Fragen zurechtgefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Tekkal: Durch die Arbeit in meinem anderen Verein, der Jesiden im Irak hilft, arbeite ich häufiger mit jungen Menschen zusammen. Besonders eindrücklich fand ich einen Besuch im Erfurter Landtag mit 300 Schülern. Die haben echt krasse Dinge gesagt: "Mit mir redet keiner, ich weiß nicht, wer ich bin." Oder: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn mein Sitznachbar meine kurze Hose kritisiert." Das sind die Themen, an denen sich unsere Gespräche aufhängen. Und dann passiert es von ganz allein, dass es irgendwann auch um Diskriminierung, Rassismus, Demokratie geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Promis, die bei Ihnen mitmachen, nicht nebenbei noch Werbung machen für ihr neues Produkt oder ihren neuen Film?

Tekkal: Bei jeder Veranstaltung im Klassenraum ist jemand aus dem Team der Initiative dabei und begleitet die Botschafter.

SPIEGEL ONLINE: Und es reicht, wenn ein solcher Botschafter mal vorbeikommt, ein wenig erzählt - und dann wieder weg ist?

Tekkal: So ist es ja nicht. Es gibt Vorbesprechungen mit Schülern und Lehrern und Nachbereitungen der Termine mit unserer Initiative. Unsere Leute sind für mehrere Stunden in einer Klasse, nehmen sich Zeit für Fragen. Sie sind keine Eintagsfliegen.

insgesamt 5 Beiträge
traumglauben 06.06.2019
1.
Eine sehr gute Idee. Ich wünsche viel Erfolg mit diesem Verein.
Eine sehr gute Idee. Ich wünsche viel Erfolg mit diesem Verein.
matthias.epe 06.06.2019
2. German Dream
In einer Welt von so vielen negativen Nachrichten ist die Idee von "German Dream" ein tolles Signal an die junge Generation was man in Deutschland erreichen kann. Durch unserer belastete Geschichte und der darauf folgenden [...]
In einer Welt von so vielen negativen Nachrichten ist die Idee von "German Dream" ein tolles Signal an die junge Generation was man in Deutschland erreichen kann. Durch unserer belastete Geschichte und der darauf folgenden positiven Deutschen Nachkriegsgeschichte in Politik, Wirtschaft, Demokratie und dem Aufbau unserer heutigen multikulturellen Gesellschaft, sind die Erlebnisse und Erfolge von Menschen verschiedener Klassen eine Aufmunterung und Motivation für die junge Generation auch in unserer heutigen komplexen Welt an sich und die Menschheit zu glauben und zu erkennen das es sich lohnt für eine bessere Welt und für Demokratie und Menschlichkeit einzusetzen. Tolle Idee !!!! Ich wünsche großen Erfolg.
Smutije 06.06.2019
3. Es geht auch anders, Gott sei Dank!
Nur wer den anderen kennt muss keine Angst mehr vor ihm/ihr haben! Tolles Projekt, würde ich auch jederzeit mitmachen!
Nur wer den anderen kennt muss keine Angst mehr vor ihm/ihr haben! Tolles Projekt, würde ich auch jederzeit mitmachen!
mafreschi 06.06.2019
4. Keine Eintagsfliege!
Befragt man Studierende, warum sie ein bestimmtes Fach studieren, so kann man bei etwa 2/3 aller Befragten feststellen, dass den Ausschlag ein einziges Erlebnis gegeben hatte. Ein Besuch in einem Museum, ein Erlebnis bei einer [...]
Befragt man Studierende, warum sie ein bestimmtes Fach studieren, so kann man bei etwa 2/3 aller Befragten feststellen, dass den Ausschlag ein einziges Erlebnis gegeben hatte. Ein Besuch in einem Museum, ein Erlebnis bei einer Reise, eine Begegnung mit einem eindrucksvollem Menschen. Das prägt und lenkt den Blick auf Neues, ggf. eben sogar für eine lange Zeit. Also: weitermachen!
wolfabc 06.06.2019
5.
German Dream. Es ist typisch für uns geworden, solchen und anderen Initiativen einen englischen Namen zu geben, obwohl diejenigen, die man ansprechen und erreichen will, Deutsche oder in Deutschland Lebende sind. In dem hier [...]
German Dream. Es ist typisch für uns geworden, solchen und anderen Initiativen einen englischen Namen zu geben, obwohl diejenigen, die man ansprechen und erreichen will, Deutsche oder in Deutschland Lebende sind. In dem hier vorliegenden Falle will die Initiatorin Migranten ansprechen und ermutigen, sich in die Gesellschaft einzubringen und zu integrieren. Dieser an sich lobenswerte Gedanke wird jedoch mit dem Namen "German Dream" konterkariert, scheint er doch dafür zu stehen, man müsse als Migrant nicht Deutsch, sondern Englisch lernen, um sich einzubringen und zu integrieren. Auf der anderen Seite wird allerorten verkündet, der Schlüssel zur Integration sei unbedingt der Erwerb der Verkehrssprache Deutsch. Das alles ist verrückt und widersprüchlich in sich. Mal abgesehen davon, dass die Länder, nämlich USA und Großbritannien, aus deren Sprache und Kultur wir uns so gern bedienen, längst keine Vorbilder mehr sind, ist es mehr als nur ungeschickt, derartige Signale an unsere Neubürger zu senden. Wenn wir anscheinend selbst nicht mehr an uns, also an unsere Sprache und Kultur glauben, warum sollten es denn ausgerechnet die Neuangekommen tun?

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