Leben und Lernen

Anonymes Lehrergeständnis

Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems?

Stell dir vor, es wird Französisch angeboten, aber keiner geht hin. So erlebt es dieser Lehrer aus Hamburg in der Oberstufe. Nur wenige Mädchen haben sich für seinen Kurs angemeldet. Woran liegt das?

DPA

Französisch-Lehrbuch: Lehrer fürchtet um aussterbende Gattung

Samstag, 21.09.2019   10:22 Uhr

Un, deux, trois, quatre, cinq.

Ich schaue noch mal in meine Schülerliste, ob vielleicht jemand am ersten Schultag krank ist, aber auch da stehen nicht mehr Namen. Ganze fünf Mädchen haben sich dafür entschieden, Französisch in der Oberstufe weiterzumachen.

Das ist einerseits schön: Jede kommt zu Wort, und nach den zwei Jahren werden sie alle fließend Französisch parlieren. Teures Geld zahlen Firmen, um ihre Leute in solchen Kleingruppen fit für den Einsatz im Ausland zu machen. Außerdem gibt es in so einem Kurs kaum Korrekturen oder Schüler, die sich langweilen, wenn sie früher fertig sind. Ich danke innerlich der Schulleitung, dass sie den Kurs zustandekommen lässt.

Andererseits ist diese magere Auslese auch ein wenig deprimierend. Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems, eine kuriose, übriggebliebene, höchstens noch folkloristische Berufsart: der Französischlehrer?

Und wer sagt überhaupt, dass nur Mädchen Französisch lernen sollen? Es mag erstaunen, aber ich habe in Frankreich sehr viele Jungen getroffen, die Französisch sprechen. Ich habe dieser Sprache und diesem Land meine Jugend gewidmet, dort habe ich studiert, gelebt, dort habe ich Freunde, und jedes Wort ist meist mit irgendeiner Erinnerung verknüpft.

"Ich dachte, wir werden eine Art deutsch-französische Schweiz"

"Tu es très pédagogique" (Du bist sehr pädagogisch), an diesen Satz meiner damaligen Freundin musste ich immer wieder denken, wenn es im Lehramtsstudium mal schwierig wurde. Inmitten der Europa-Euphorie der Neunziger Jahre habe ich mich für Französisch entschieden. Das war schon damals exotisch und naiv, aber ich dachte, wir werden irgendwann mal zweisprachig, so eine Art deutsch-französische Schweiz.

Tatsächlich hat Französisch hierzulande aber immer mehr an Bedeutung verloren, ist mein Eindruck. Alle Welt spricht sowieso Englisch, und mit den Billigfliegern hat sich Spanisch als zweite Fremdsprache in den Schulen ausgebreitet.

Der deutsch-französische Motor Europas? Keine große Hilfe, wenn es darum geht, Kinder für Französisch zu begeistern, sondern ins Stottern geraten. Seitens der Politik vermisse ich in der Merkel-Ära ein besonderes Interesse für Frankreich. Emmanuel Macron versucht es zwar immer wieder mit Initiativen, aber von deutscher Seite bleiben die Reaktionen verhalten. Vielleicht gibt es diese spezielle deutsch-französische Freundschaft, wie im Élysée-Vertrag von 1963 beschlossen, nur noch auf dem Papier?

Bitte nicht nur Waren austauschen - auch Menschen

Für mich ist Europa mehr als das Verwalten von Zahlen, Schulden, Eurobonds und das Verteilen von Flüchtlingen. Es ist das ernsthafte Interesse aneinander, der Wunsch, den anderen besser kennenzulernen, nicht nur der Austausch von Waren, sondern auch von Menschen.

"Les voyages forment la jeunesse", heißt es auf Französisch, "Reisen formen die Jugend". Als Lehrer versuche ich das durch zahlreiche Schüleraustausche zu vermitteln.

Aber Deutsch als Fremdsprache ist auch in Frankreich immer mehr zurückgegangen. Eine Kollegin, die sich selbst als "dinosaure" bezeichnet, muss mittlerweile zwischen drei Schulen pendeln, zumal Lehrer in Frankreich nur ein Fach unterrichten. Förderprogramme wie die "classes bilingues" wurden eingestampft und es wird immer schwerer, Schulen für einen Schüleraustausch zu finden.

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Dabei halte ich es nach wie vor für eine schöne Idee, sich zweisprachig und nicht nur auf Englisch links und rechts des Rheins zu bewegen. Statt sich nur von Flensburg bis nach Konstanz heimisch zu fühlen, den Radius bis nach Toulouse auszuweiten, sich dort zu bewerben, zu arbeiten, zu leben und zu lieben. Und das alles gleich nebenan und nicht in New York, Dubai oder Peking.

Warum wollen also immer weniger Schüler Französisch lernen?

Ist die Sprache den Kindern nicht wichtig genug für den späteren Beruf? Von brotlosen Fächern wie Kunst, Politik oder Sport wimmelt es geradezu in der Oberstufe, daran kann es nicht liegen. Aber vielleicht haben Kinder heute zwischen Digitalisierung, YouTube und Google Übersetzer einfach keinen Platz mehr für eine weitere echte, von Menschen gesprochene Sprache?

Dazu kommt, dass Franzosen in amerikanischen Filmen und Serien, die Kinder ständig konsumieren, nicht gut wegkommen. Jedes Mal, wenn ich so einen näselnden, dümmlich adlig-arroganten Franzosen in den US-Filmen sehe, blutet mir das Herz. So einen habe ich nämlich bisher noch nicht getroffen. Die guten Komödien aus Frankreich alle paar Jahre sind da nur Schlaglichter.

Durch das Internet und Billigflüge ist die Welt viel näher zusammengerückt. New York erscheint gleich um die Ecke - von unserem direkten Nachbarn haben wir uns gleichwohl nach meinem Eindruck entfernt.

Aber wer weiß? Der Brexit, das Ende der transatlantischen Freundschaft, sinkende Mobilität durch Klimaerwärmung - all das könnte Französisch und dem ehemaligen Motor Europas wieder Aufwind bringen. Nur: Wie könnte ich mir das wünschen? Denn was bedeutet schon mein kleines Fach, wenn die Welt im Chaos versinkt?

Solange bringe ich den fünf Schülerinnen die Sprache bei, die ich so liebe, und hoffe, zumindest ihnen damit eine kleine Tür zu unserem Nachbarn zu öffnen.

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insgesamt 47 Beiträge
aggro_aggro 21.09.2019
1. Fremdsprachen sind anstrengend
Englisch ist etwas auszunehmen von der Bezeichnung als Fremdsprache, Englisch ist Weltsprache, Allgemeinsprache und wird (zumindest auf niedrigem Niveau) heute vorausgesetzt in der westlichen Welt, und zunehmend weltweit. [...]
Englisch ist etwas auszunehmen von der Bezeichnung als Fremdsprache, Englisch ist Weltsprache, Allgemeinsprache und wird (zumindest auf niedrigem Niveau) heute vorausgesetzt in der westlichen Welt, und zunehmend weltweit. Wirkliche Fremdsprachen kann man umgehen indem man englisch mit den Menschen spricht oder google translate benutzt. Das Lernen von Fremdsprachen ist tatsächlich an deutschen Schulen mittlerweile exotisch, nicht nur Schüler, auch "Bildungswissenschaftler" und das gesamte System hasst (!) Auswendiglernen. Das kleine Einmaleins und ein Gedicht im Jahr sind okay, alles was darüber hinausgeht ist Qual, Sinnlos, Falsch, veraltet und autoritär. Sagt man. Tausende Vokabeln auswendig zu lernen ist da nur noch wenigen Schülern die Anstrengung wert. Ich habe Spanisch-Wahlkurse gesehen, in denen die Schüler freiwillig (!) sind und die mit 6 auf dem Zeugnis enden, weil zehn oder zwanzig Vokabeln in der Woche nicht gelernt werden. Das Problem strahlt mittlerweile auch auf die Naturwissenschaften aus, Physik und Chemie setzen auch voraus, dass man "Vokabeln" kennt, um überhaupt einfachste Texte und Anweisungen verstehen zu können ("Stoff", "Leiter" und "Gefäß" bedeuten in Chemie, Physik und Biologie etwas anderes als im Haushalt). Ich gebe zu, dass viel Wissen (inklusive Vokabeln) mittlerweile per Handy in der Hosentasche steckt. Aber das Verteufeln von Auswendiglernen führt zum Absinken des Bildungsniveaus.
freierwille77 21.09.2019
2. Eine gewagte These
Vielleicht steht der Übeltäter ja neben Ihnen ;-) Meiner Tochter (Gymnasium Bayern) wurde in der 5. Klasse die Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache durch die überzogenen Anforderungen Ihres Lehrers im [...]
Vielleicht steht der Übeltäter ja neben Ihnen ;-) Meiner Tochter (Gymnasium Bayern) wurde in der 5. Klasse die Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache durch die überzogenen Anforderungen Ihres Lehrers im Englischunterricht erheblich verdorben. Man hatte das Gefühl, hier sollte bewusst ausgesiebt werden. Das Leistungsbild unterschied sich erheblich von dem in allen anderen Fächern. Dies betraf fast alle Kinder ihrer Jahrgangsstufe. Der Tip eines erfahreneren Elternteils war, dass wir uns in den Ferien vor dem Übertritt möglichst intensiv vorbereiten sollen. So erfolgreich geschehen bei der zweiten Tochter. Die logische Konsequenz war jedoch ein ausgeprägter Fluchtinstinkt bei meiner Großen als die Wahl der zweiten Fremdsprache anstand. Trotz massiver Werbeversuche des Französischlehrers wurde es nun das vermeintlich leichtere Latein und später die naturwissenschaftliche Ausrichtung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt im Lande der Autobauer ;-)
eMaX 21.09.2019
3. Lernt mehr Fremdsprachen!
Es sind nicht nur die Sprachen, sondern der Austausch mit der jeweiligen Kultur, der damit verbunden ist. Nur wenn man die Sprache lernt, lernt man wirklich etwas über das Denken. Ich sehe die Verantwortung bei den Eltern - wenn [...]
Es sind nicht nur die Sprachen, sondern der Austausch mit der jeweiligen Kultur, der damit verbunden ist. Nur wenn man die Sprache lernt, lernt man wirklich etwas über das Denken. Ich sehe die Verantwortung bei den Eltern - wenn es selbstverständlich ist, in der Familie mehrsprachig zu sein, dann lernen auch die Kinder. Unsere Tochter spricht vier Sprachen fliessend - Deutsch, Französisch, Polnisch, Englisch - seit Geburt an hat sich bewährt, eine Person und ein Kontext pro Sprache. Die Mutter ist Polin, daher das Polnische als Muttersprache. Ich bin Deutscher, aber habe mit der Tochter nur Englisch geredet. Meine Frau und ich reden Deutsch miteinander. Und wir leben in einem französissprachigen Umfeld, d.h., die Tochter ging auf einen Kindergarten, und später auf die Schule, wo man Französisch sprach. Da sie nur einen Gesprächspartner hatte (mich), der Englisch redete, sind wir jetzt, wo sie sieben Jahre alt ist, in England, wo sie auf einem Englischen Mädcheninternat als "Day Girl" ist und gezwungen ist, Englisch zu reden. Und das läuft auch bereits prima. Natürlich spreche ich auch fliessend Polnisch - nicht ganz so gut wie meine Tochter - und meine Frau und ich sprechen fliessend Französisch - d.h., wir zeigen dem Kind auch durch eigene Anstrengung, wie wichtig uns die anderen Sprachen sind. Leute, tut etwas mit Eurem Hirn! Es ist an uns "Grossen", den "Kleinen" gute Beispiele zu sein.
ryo_de_paris 21.09.2019
4. Très dommage!
Das Frau Merkel während ihrer gesamten Kanzlerschaft die Europäische Idee so sträflich vernachlässigt hat ist ihr größter Fehler und rächt sich seit Jahren bitter. Anhand ihrer Herkunft hat sie leider die Bedeutung von [...]
Das Frau Merkel während ihrer gesamten Kanzlerschaft die Europäische Idee so sträflich vernachlässigt hat ist ihr größter Fehler und rächt sich seit Jahren bitter. Anhand ihrer Herkunft hat sie leider die Bedeutung von Europa nicht verstanden. Leider hat sich in Deutschland eine seltsame unterwürfigkeit der englischen Sprache gegenüber breitgemacht. Ich bemerke es oft in Gesprächen, sobald etwas vermeintlich in einer Fremdsprache ist, wird krampfhaft versucht es auf englisch auszusprechen. Dies geschieht mit einfachen Fremdwörtern die seit jeher in der deutschen Sprache verwendet werden (Detail, Typ, etc), als auch mit, für die Sprecher, Wörtern unbekannter Herkunft. Besonders peinlich ist es wenn Journalisten ihren eigenen Beruf mit Dschungel "J" aussprechen, ohne zu verstehen woher das Wort Journal überhaupt herkommt. Ich saß mal in Frankreich im Zug, neben mir ein deutsches Paar, als sie ein Schild mit der Aufschrift "Danger" bemerkten, sagte die Frau zu ihrem Mann: "Sieh nur, die sagen hier auch "Danger" (englisch)". Da Englisch sowieso zu mindestens 50 Prozent aus französisch besteht, kann man wohl sagen das die meisten wohl wenigstens ein wenig französisch lernen, auch wenn sie das nicht realisieren.
Sleeper_in_Metropolis 21.09.2019
5.
Naja, nachdem von den jüngeren Menschen in Europa ja der Großteil mindestens ausreichend englisch sprechen und dadurch kommunizieren kann, hat sich die Notwendigkeit des Beherrschens einer weiteren Fremdsprache als reines [...]
Naja, nachdem von den jüngeren Menschen in Europa ja der Großteil mindestens ausreichend englisch sprechen und dadurch kommunizieren kann, hat sich die Notwendigkeit des Beherrschens einer weiteren Fremdsprache als reines Werkzeug eben erledigt. Und sich nur aus Spaß an der Freude mit dem erlernen einer weiteren Fremdsprache rum zuplagen, dafür können sich verständlicher Weise eben nicht allzu viele Leute erwärmen. Ist ja auf der französischen Seite in Bezug auf die deutsche Sprache auch nicht anders. Sind halt nicht alle Menschen solche Frankreichbegeisterten wie der Lehrer aus dem Artikel.

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