Leben und Lernen

Zwei Schulleiter streiten

Sollen Schüler während des Unterrichts demonstrieren?

Rektor Klaus Zielonka gibt Schülern eine Sechs, wenn sie Prüfungen verpassen. Sigrid Heiming unterstützt es, wenn Jugendliche zu Klimaschutzdemos gehen - auch in der Schulzeit. Wer hat recht?

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Demonstrierende Schüler in Berlin

Aufgezeichnet von und
Freitag, 05.04.2019   13:31 Uhr

Kanzlerin Angela Merkel ist dafür, FDP-Chef Lindner und Grünen-Politiker Kretschmann sind dagegen. Der Streit um die Schüler, die am Freitag lieber demonstrieren statt zur Schule gehen, hat längst die höchste politische Ebene erreicht. Es sei richtig, "dass ihr uns Dampf macht", sagte die Bundeskanzlerin neulich bei einer Veranstaltung zu Schülern.

Auch am heutigen Freitag sind wieder Demonstrationen in ganz Deutschland angekündigt. Und das ist nicht alles: Am Montag wollen die Organisatoren von "Fridays for Future" erstmals ein Grundsatzpapier vorstellen, in dem sie konkrete Forderungen an die Politik benennen.

Ob Schüler wegen des Klimas dem Unterricht fernbleiben dürfen, müssen die Schulleiter entscheiden - und auch da gehen die Meinungen auseinander. Klaus Zielonka, Schulleiter der Geschwister-Scholl-Schule in Dortmund, findet: Unterrichtsausfall für eine Demonstration ist nicht vertretbar. Sigrid Heiming von der Windrather Talschule im nordrhein-westfälischen Velbert hält dagegen. Schüler sollten unbedingt demonstrieren gehen - mit Schwänzen habe das nichts zu tun.

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Pro

Sigrid Heiming: "Die Schüler liegen nicht faul herum"

Es ist uns, der Schulgemeinschaft der Windrather Talschule, ein Bedürfnis, unsere Haltung zu den Schülerprotesten deutlich zu machen. Denn wir haben den Eindruck, dass es in den vergangenen Wochen nur noch darum ging, dass das Demonstrieren während der Unterrichtszeit nicht in Ordnung ist - weil in Deutschland Schulpflicht besteht. Es ging nur noch darum, dass Schüler "schwänzen" - dabei liegen sie nicht faul herum, wie der Begriff suggeriert. Sie setzen sich fürs Klima ein.

In einem Brief an alle Schulleiter des Landes Nordrhein-Westfalen forderte das Schulministerium uns kürzlich dazu auf, im Zusammenhang mit den "Fridays For Future"-Demos die "Schulpflicht durchzusetzen", die Proteste wurden als "grundsätzlich unzulässig" bezeichnet.

Für uns ist klar: Wir möchten unsere Schüler nicht bestrafen, wenn sie sich für eine andere Klimapolitik einsetzen. Und wir möchten ihnen auch keine Strafe androhen.

Natürlich sind wir uns der Schulpflicht bewusst. Doch wir vermissen eine rechtlich belastbare Abwägung dieser Verpflichtung mit den Zukunftsinteressen der nachwachsenden Generation. Solange es keine rechtliche Begründung dafür gibt, werden wir nicht gegen politisch aktive Schüler vorgehen.

Die UN-Kinderrechtskonvention hält dazu an, bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, im Konflikt unterschiedlicher Interessen das Wohl des Kindes vorrangig zu betrachten. Der Präsident der Kultusministerkonferenz hat in zwei von ihm erstellten Gutachten festgestellt, dass behördliche Maßnahmen ohne diese explizite, gerichtsfest begründete Abwägung rechtswidrig sind. Zur Abwägung stehen die Schulpflicht und die durch die Klimaerwärmung infrage gestellte Zukunft der Schüler. Sie haben das Recht, für einen Politikwechsel zu demonstrieren.

Auch der Staat hat eine Verpflichtung: Er muss in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen schützen. Angesichts der auch von der Wissenschaft als extrem dramatisch eingeschätzten Situation begründen die Jugendlichen das Protestieren während der Unterrichtszeit damit, dass auch sonst bei Streiks möglichst effektive Formen gewählt werden. Das sehen wir genauso.

Stimmenfang #92 Von Klimaschutz bis Uploadfilter - Ignoriert die Politik die Wut der Jugend?

Wir sind für einen verständnisvoll-kooperativen Umgang mit den Demonstranten, nicht für einen restriktiven. Wir haben großes Vertrauen in unsere Schüler, mit dem politischen Grundrecht der Demonstrationsfreiheit verantwortungsvoll umzugehen.

Von den insgesamt 310 Schülern, die bei uns lernen, sind in den vergangenen Freitagen immer zwischen 100 und 150 Schüler auf die Straße gegangen. Die Schüler sprechen sich jedes Mal mit den Lehrern ab, wenn sie dem Unterricht fernbleiben - und wir sorgen dafür, dass jene, die fehlen, den Stoff nachholen. Für diejenigen, die freitags in der Schule bleiben, findet regulärer Unterricht statt. Die Eltern wissen darüber Bescheid, sie unterstützen unser Vorgehen.

Schüler, Eltern, Lehrer: Wir sind und bleiben im Austausch über das Demonstrieren. Bei uns fehlt niemand, ohne sich abzumelden.

Uns leiten - wie hoffentlich alle Schulen des Landes - Erziehungsziele: Unsere Schüler sollen Zivilcourage zeigen lernen, Verantwortungsgefühl für ihre Umwelt und für ihre Mitmenschen entwickeln. Das Bildungsministerium, das uns den Brief zugestellt hat, möchten wir fragen: Sollen wir wirklich gegen junge Menschen vorgehen, in deren Verhalten sich genau diese Erziehungsziele wiederfinden?

Contra

Klaus Zielonka: "Ich habe über Bußgelder nachgedacht"

Als ich das erste Mal von "Fridays for Future" hörte, dachte ich: Toll, dass sich meine Schüler engagieren. Das muss man unterstützen. Ich finde es gut, wenn Schüler politisch aktiv sind. Dann aber teilten sie mir den Termin für die Demo mit: ein Freitag, an dem Klausuren in Jahrgang elf und zwölf geschrieben werden sollten. Die Schüler baten darum, die Prüfungen zu verschieben.

Schon verwaltungstechnisch war das jedoch nicht möglich. Wir sind eine große Schule, 1400 Schüler, 125 Lehrer, da kann man nicht mal eben Klausuren auf ein anderes Datum legen. Ich verbot den Schülern also, zur Demo zu gehen.

Hätten sie die Klausur verpasst, hätten sie dafür eine Sechs kassiert. Auch über Bußgelder habe ich nachgedacht, es haben sich aber auch so alle an meine Anweisung gehalten.

Zur Person

Ich kann als Schulleiter nicht erlauben, dass Zwölftklässler bei wichtigen Klausuren fehlen und am Ende Schwierigkeiten im Abitur bekommen. Wenn ich eine Greta hier an der Schule hätte, die jeden Freitag fehlt, dann würde ich da dringenden Gesprächsbedarf sehen. Genau wie meinen Schülern würde ich ihr sagen, dass es Probleme mit ihrem Schulabschluss geben kann, wenn sie dem Unterricht fernbleibt. Unentschuldigtes Fehlen - das stünde natürlich am Ende auch im Zeugnis.

Auch ohne Klausur finde ich es nicht richtig, den Schülern zu erlauben, an einer Demo teilzunehmen. Denn da spielt noch ein weiterer wichtiger Punkt hinein: Ich finde, wir Lehrer dürfen es den Schülern nicht zu einfach machen, sie sollen sich schon gegen uns durchsetzen. Würde ich sagen: "Klar könnt ihr zur Demo, gar keine Frage", dann würden natürlich alle hingehen.

Das hätte aber nichts mit Überzeugung zu tun. Kostenlos sollten sie dieses Recht nicht kriegen.

Als Mensch bin ich ganz bei meinen Schülern und auch bei ihrer Idee, die Umwelt zu schützen. Ich bin sogar stolz auf sie. Aber ich bin auch Sportlehrer und in dieser Funktion beobachte ich seit Langem, dass es die Schüler zu leicht haben. Im Sport-Abi etwa müssen sie sich lange nicht mehr so anstrengen wie vor 25 oder 30 Jahren. Nur wer sich anstrengt sieht aber auch den Wert der Sache, die er sich erkämpft, das gilt fürs Abi genauso wie für die Demo.

Außerdem: Journalisten würden kaum darüber berichten, was die Schüler da machen, wenn das alles so einfach wäre. Deshalb halte ich auch nichts davon, ausschließlich in der Freizeit zu demonstrieren, wie es einige inzwischen fordern. Der Konflikt um "Fridays for Future" ist ja nur entstanden, weil eben Schulleiter ihren Schülern verboten haben, an der Demonstration teilzunehmen. Nur so wird das Thema für die Medien interessant und das eigentliche Problem bekommt Aufmerksamkeit. Auch wenn es zum Konflikt mit meinen Schülern führt: Ich glaube, dass meine Position deshalb für die Sache sogar gut ist.

insgesamt 115 Beiträge
lazyfox 05.04.2019
1. Logisch, weil
Logisch, weil sie damit zeigen, dass sie begriffen haben, dass ein Abitur bei defekter Umwelt wenig bringt. Anders als die Politiker haben die Schüler offensichtlich begriffen, was Wissenschaftler seit mehr als 30 Jahren [...]
Logisch, weil sie damit zeigen, dass sie begriffen haben, dass ein Abitur bei defekter Umwelt wenig bringt. Anders als die Politiker haben die Schüler offensichtlich begriffen, was Wissenschaftler seit mehr als 30 Jahren anmahnen. Also machen die Schüler alles richtig. Die Politiker und Umweltignoranten sollten wohl eher die Schulbank drücken.
kayakclc 05.04.2019
2. Demonstrationsrecht
Das Demonstrationsrecht ist ein Grundrecht, muss aber in der Freizeit ausgeübt werden. Da der Klimawandel ein Tatsache ist, und sich über viele Jahre hinzieht, finde er eben nicht nur in der Schulzeit statt. Am Wochenende, oder [...]
Das Demonstrationsrecht ist ein Grundrecht, muss aber in der Freizeit ausgeübt werden. Da der Klimawandel ein Tatsache ist, und sich über viele Jahre hinzieht, finde er eben nicht nur in der Schulzeit statt. Am Wochenende, oder wie früher bei den Montagsdemos könnte man sich jeden Freitag um 18Uhr zur Demo versammeln. Kein Problem. Es gibt keine Sachlichen Argumente warum es Freitagsvormittags sein muss. Gerade weil Arbeitnehmer nicht teilnehmen können, würde viele für mehr Impakt für Freitag abend sprechen!
banjo1071 05.04.2019
3. Der Typ
...ist genau der Typ Lehrer, den man als Schüler hasst und als Ex-Schüler bewundert, weill man dort im Endeffekt am meisten gelernt hat. Und wie wichtig es den Schülern mit den Demos steht, hat man gesehen, als dann [...]
...ist genau der Typ Lehrer, den man als Schüler hasst und als Ex-Schüler bewundert, weill man dort im Endeffekt am meisten gelernt hat. Und wie wichtig es den Schülern mit den Demos steht, hat man gesehen, als dann tatsächlich persönliche Nachteile im Raum standen. Wenn es den Schülern WIRKLICH wichtig gewesen wäre, dann hätte sie die 6 nicht gestört..
rmknust 05.04.2019
4. Wo ist das Problem?
Warum kann man nicht nach Schulschluß demonstrieren oder am Wochenende? Was spricht dagegen? Bis dato noch nichts nachvollziehbares dazu vernommen... Im Übrigen: ausgezeichnet, daß sich die Schüler engagieren!
Warum kann man nicht nach Schulschluß demonstrieren oder am Wochenende? Was spricht dagegen? Bis dato noch nichts nachvollziehbares dazu vernommen... Im Übrigen: ausgezeichnet, daß sich die Schüler engagieren!
Bin_der_Neue 05.04.2019
5.
Wenn das Ganze einen Sinn hat, und sei es nur, Aufmerksamkeit zu diesem Thema zu erzeugen, dann geht es voll und ganz in Ordnung! Die Zukunft des Weltklimas ist nun mal wichtiger als ein paar Unterrichtsstunden. Die Gegner reiten [...]
Wenn das Ganze einen Sinn hat, und sei es nur, Aufmerksamkeit zu diesem Thema zu erzeugen, dann geht es voll und ganz in Ordnung! Die Zukunft des Weltklimas ist nun mal wichtiger als ein paar Unterrichtsstunden. Die Gegner reiten doch nur auf ihrer "Schulpflicht" herum. Weil das doch nicht geht, war schon immer so und wo kommen wir denn da hin - ohne jegliche Substanz. Die künftigen Drohnen des Systems weichen vom Pfad ab und hinterfragen eigenständig. Gut so!
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